Uwe Theel
26.05.2010 | 19:00 125

Was ist eigentlich "links"? - Individuum – Freiheit – Gesellschaft

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Uwe Theel

Was ist „links“?

Eine große Frage. Immer wenn ich sie höre, fallen mir Ernst Blochs erste drei Sätze in seiner „Tübinger Einleitung in die Philosophie“, "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." ein und daß ich weiß, daß dieser Weg ein Weg in die Freiheit sein muß. Bloch vergißt in den drei o. zitierten Sätzen zudem nicht, wenn es auch scheinbar nur wie beiläufig erscheint, daß darin auch der Schritt vom „Ich“ zum „Wir“ begründet liegt, d.h. der gewaltige Schritt der Vergesellschaftung des Menschen, daß er nicht mehr alleine sei, sondern in Freiheit füreinander da. Nur in dieser Dialektik kann Freiheit als verwirklichte Emanzipation voneinander und doch in Gemeinsamkeit für den Menschen als im linken Sinne verwirklicht erscheinen.

Wie kann man dies verfehlen und sich trotzdem für links halten?

Es gibt einen Text, in dem jemand behauptet, zu wissen, was links sei, der sich die Frage scheinbar nicht mehr stellt. Ich spreche von Franz Müntefering und "Was links ist"; der ganze Text ist nachlesbar unter

www.fr-online.de/top_news/1670994_Was-links-ist.html

Müntefering steigt mit einem guten Satz, der allerdings nicht von ihm ist, in seinen Text ein

Links ist Freiheit! Willy Brandts Wort bleibt: “Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit. Die Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen. Freiheit des Gewissens und der Meinung. Auch Freiheit von Not und von Furcht.” Ein anspruchsvolles linkes Vermächtnis.

Dann läßt er den Satz zerbröseln, indem er unstreitbare Werte der bürgerlichen Revolution aufmarschieren läßt und uns weis zu machen sucht, die Linke würde diese als zu selbstverständlich nehmen. Das belegt oder erklärt Müntefering aber nicht weiter, sondern läßt es als Vorwurf gegen die links der SPD stehenden Linken stehen, den er dann völlig diffus wieder abschwächt, ohne ihn aber zurückzunehmen:

Natürlich: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Diese Grundwerte sind linker Konsens. Aber gerade weil sie so selbstverständlich sind, haken Linke diese Wahrheiten zu schnell zustimmend ab und wenden sich der Gesellschaft zu. Denn - richtig - Politik fängt bei der Gesellschaft an.

Ja und dann kommt sein „Trotzdem“, was in diesem Zusammenhang nur heißen kann: So, wie die linke Linke sich das vorstellt geht`s nicht, ein richtiges Individuum kennen die nicht, dann wird auch keine Freiheit verwirklicht werden:

Trotzdem: Vor der Gesellschaft kommt das Individuum. Das Individuum steht im Zentrum der linken Idee. Freiheit ist der unbedingte Respekt vor dem Individuum, vor jedem einzelnen Menschen gleicher Weise.

Alles, was dann im Text noch kommt über Solidarität der Werktätigen, deren Voraussetzung und Möglichkeiten, könnte nun gemessen werden an der „fortschrittlichen“ SPD-Politik seit sagen wir mal nur Schröder, aber ich will Münteferings scheinheiliges und höchst ideologisches Argument widerlegen (einen etwaigen Unterschied zum bürgerlichen Begriff des Individuums und seiner Freiheit deutet Müntefering nicht einmal an):

Der Linken zu unterstellen, sie habe keinen Begriff vom Individuum, seiner Freiheit oder vernachlässige diese mindestens sträflich, ist schlicht unverschämt.

Ich bin sicher, Müntefering ist eben nicht in der Lage, einen Text wie den Folgenden angemessen zu verstehen:

Die Individuen sind immer und unter allen Umständen von sich ausgegangen, aber da sie nicht einzig in dem Sinne waren, daß sie keine Beziehung zueinander nötig gehabt hätten, da ihre Bedürfnisse, also ihre Natur, und die Weise, sie zu befriedigen, sie aufeinander bezog (Geschlechtsverhältnis, Austausch, Teilung der Arbeit), so mussten sie in Verhältnisse treten.

Da sie ferner nicht als reine Ichs, sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Produktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr, der seinerseits wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmte, so war es eben das persönliche, individuelle Verhalten der Individuen, ihr Verhalten als Individuen zueinander, das die bestehenden Verhältnisse schuf und täglich neu schafft. …

Es stellt sich hierbei allerdings heraus, daß die Entwicklung eines Individuums durch die Entwicklung aller anderen, mit denen es in direktem oder indirektem Verkehr steht, bedingt ist, und daß die verschiedenen Generationen von Individuen, die miteinander in Verhältnisse treten, einen Zusammenhang unter sich haben, daß die Späteren in ihrer physischen Existenz durch ihre Vorgänger bedingt sind, die von ihnen akkumulierten Produktivkräfte und Verkehrsformen übernehmen und dadurch in ihren eigenen gegenseitigen Verhältnissen bestimmt werden.

Kurz, es zeigt sich, daß eine Entwicklung stattfindet und die Geschichte eines einzelnen Individuums keineswegs von der Geschichte der vorhergegangenen und gleichzeitigen Individuen loszureißen ist, sondern von ihr bestimmt wird. (aus:. K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 423.)

Brandt hat noch gewußt, was er meinte, wenn er „Freiheit von Not und von Furcht“ forderte, um frei zu sein. Es ist der alte marx´sche Anspruch, daß, der Mensch durch sein gesellschaftlich bedingtes, materielles Verhältnis zur Arbeit als Klassenwesen und als Individuum gleichermaßen nicht mehr geknechtet sei. Individualität ist eben keine individuelle, sondern eine gesellschaftlich-historische. Deshalb setzt linke Politik tatsächlich an der Gesellschaft an und kommt beim einzelnen Menschen an.

Wie sie da ankommt, davon haben Müntefering, die aktuelle deutsche Sozialdemokratie keine Ahnung, denken sich dies höchstens im Sinne der bürgerlich vertraglichen Überwindung eines Naturzustandes, wie es die alten Theoretiker von Hobbes bis Rousseau sich noch dachten. Der Mensch wird, es sei noch einmal betont, von Marx und Engels als immer schon vergesellschaftet und individuell existierend in einem erkannt, er muß sich nicht erst aus einem Naturzustand lösen, wenn er sich in der Reproduktion, je historisch gebunden, Verkehrsformen und „Überbau“ (Rechtsformen, politische Institutionen, etc.) schafft, d.h. lebt.

Freilich, das Wissen um den Weg für die Überwindung der Klassenherrschaft unter der diese Vergesellschaftung schon immer auch erfolgt, ist aus dem eben mit Marx entwickelten linken Gesellschafts- und Individuumsbegriff noch nicht direkt ableitbar.

Dafür müßte hier ein eigenes Kapitel folgen, das aber von mir hier nicht zu leisten ist.

Worauf es mir ankam, war der Aspekt eines linken Menschenbildes als vergesellschaftetes Wesen, dessen wie immer auch geartete „Natur“ nicht zur Disposition steht. Die Linke will nicht den Menschen in seiner „Natur“ ändern, sondern die äußeren gesellschaftlichen Verhältnisse unter denen er individuell geknechtet ist. Da der Mensch unveräußerlich frei geboren ist, wäre es widersinnig und empirisch im übrigen bis jetzt auch nicht im materiellen Sinne belegt, ihm eine unveränderbare Natur anzudichten, die ihn zwänge, andere zu knechten. Knechtschaft ist eine Resultante von praktizierten Verkehrsformen unter bestimmten Bedingungen des Wirtschaftens. Hier die "natürliche Agressivität" als Beweisgrund dagegen anzuführen, hieße, dieser einen zielgerichteten Inhalt zu geben, den sie evolutionstheoretisch nie haben könnte. Tatsächlich ist der Mensch frei, sowohl das eine (d.h. zu knechten), wie das andere (d.h. als Assoziation freier Individuen zu leben) zu tun. Da er aber wissen kann (qua Rationalität), was Freiheit für alle ist und was nicht, ist immer überprüf- und feststellbar, ob sich die Gesellschaft für oder gegen sie entschieden hat, d.h. der linke Anspruch ist positiv einklagbar, das reaktionäre Gegenteil ebenso von links her anklagbar. Das Umgekehrte gilt nicht, wäre auch schon gar nicht links.

Linkssein heißt, praktizierte Verkehrsformen unter bestimmten Bedingungen des Wirtschaftens im Namen von Freiheit radikal in Frage zu stellen und nach Alternativen zu suchen und zu verwirklichen, nicht nur nach Mitteln der Einhegung der „schlimmsten Auswüchse“ der „(be)herrschenden“ Zustände zu suchen. Es ist der Anspruch und die Praxis auf das Vermächtnis der Aufklärung, das da heißt Emanzipation des Menschengeschlechts.

Der Weg ist das Ziel. Dort werden wir, die Menschen, sein. – So ähnlich hat das Martin Luther King in Mason Temple in Memphis, TN am 3 April, 1968 glaube ich auch gesehen.

__________________________

Links:

1) Hier der Link zur Auschreibungsseite von S.Heinel:

www.freitag.de/community/blogs/s-heinel/wettstreit-was-ist-eigentlich-links

Dort wird Herr Heinel ab 26.5.2010 in einem Register auf alle einlaufenden Beiträge verlinken, sodass außer über die Suche auch von dort aus die Einzelbeiträge angesteuert werden können.

2) Die Links zu zwei interessanten Blogs zum Thema, mit denen Angelia schon, wie sie selbst sagte, "vorgeprescht" war

www.freitag.de/community/blogs/angelia/einladung-zum-brainstorming-was-ist-das-wesen-einer-linken-bewegung

www.freitag.de/community/blogs/angelia/liebe-brainstormer:

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (125)

Zachor! 26.05.2010 | 21:17

Link sein ... "Es ist der Anspruch und die Praxis auf das Vermächtnis der Aufklärung, das da heißt Emanzipation des Menschengeschlechts."

Ist dieses Vermächtnis nicht etwas komplizierter, als dass es hier so einfach propagieren ließe? Sprachen nicht schon einmal wer von der ganzen "Dialektik der Aufklärung" und ihren verheerenden Folgen? Wären diese Folgen dann auch "links"? "Emanzipation des Menschengeschlechts" - schön und gut. Aber wovon? Oder: wogegen? Und: wofür?

Fazit: als Anfang und Ansatz gefällt mir der Text. Doch hat er den Ausdruck "Links sein" für meine Begriffe noch nicht (genug) mit Inhalt gefüllt. Sorry.

Uwe Theel 27.05.2010 | 00:14

@ Damian Bold am 26.05.2010 um 19:09
@ Damian Bold am 26.05.2010 um 19:29

Werter Herr Bold,

nachdem Sie sich jetzt mit ihren beiden schmalen Zwei- bis Vierzeilern das Fleißkärtchen bei Ihrem CDU-Ortsverein haben abstempeln lassen (hohl macht`s möglich), brauche ich von Ihnen wohl keine substantiellen Äußerungen zum Thema mehr erwarten. Irgendwie hatten Sie sich doch schon endgültig verabschiedet, oder?

Auch gut.
ut

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Ehemaliger Nutzer 27.05.2010 | 00:31

Lieber Uwe

Dein Beitrag zeigt, wie das Verständnis von Freiheit und Individualität im politischen Alltag nicht nur abhanden sondern auch zur inhaltslosen Farce verkommen kann. Gern greift der ein oder andere Weltenlenker große Begriffe, wie Freiheit auf und instrumentalisiert sie zu politischen Macht- oder Selbstzweckzwecken. Dass sie dabei die Deutungshoheit der Begriffe übernehmen und somit der gesamten abendländischen Philosophie, zum Teil dem Christentum, unserer Kultur und all den großen Dichtern und Denkern ins Gesicht schlagen, stört sie offensichtlich nicht.

Heutzutage meint man mit Freiheit das Recht des Stärkeren, die des Cowboys aus der Zigarettenwerbung, aber aus dem Verhältnis und der Beziehungen der Individuen zueinander herausgelöst und obendrein aus einem verdrehten Verständnis der Darwin´schen Evolutionsbiologie.

Was lehrt uns die Erfahrung? Die Deutungshoheit über Begriffe wie Freiheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit sollte man weder Politikern noch den Mainstream-Medien überlassen.

Dabei ist Freiheit m.E. nur im Verhältnis zu den anderen Individuen zu deuten und zu leben;- und vor allem ist Freiheit m.E. nicht mehr, als eine Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten zu haben.

Toller erster Einstieg.

Ich hoffe die Redaktion spendet euch eine Rubrik: Gemeinschaftsarbeiten der “der Freitag Community.”

Uwe Theel 27.05.2010 | 00:32

@ Zachor! am 26.05.2010 um 19:17

Lieber herr Zachor,

wer würde Ihnen ernsthaft widersprechen wollen, dass das Vermächtnis der Aufklärung kompliziert sei, mehr umfasste, als mein Blogbeitrag ansprach. Ich erhob auch nicht den Anspruch "alles" was links sei abzuhandeln konzentriertete mich erkennbar auf einen Aspekt. Der von herrn Heinel angeregte "Wettsreit" sollte jeden, der mag einladen, seinen Teil zu einem wie immer dann gearteten Ganzen dazuzutragen.

Aber erzählen Sie, was sie unter den "verheerenden Folgen" der "Dialektik der Aufklärung" konkret verstehen, was es im Zusammenhang mit der Linken bedeutete. Dann können wir vielleicht weiter ins Gespräch kommen.

Ich nehme an, Sie sprechen die Schrift "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer an, die eine Kritik an einer Art der Rezeption des Vernunftbegriffs, nämlich dem, der "instrumentellen Vernunft" übten. Ob damit das Vermächtbnis der Aufklärung im Sinne der Emanzipation des Menschen von der Herrschaft des Menschen über den Menschen in Unwissenheit a priorie widerlegt sei, müßte wohl erst noch belegt werden.

LG
ut

P.S.: Ich schriebe gerne mehr und lebte ich davon, hätte ich auch die Zeit dafür.

Uwe Theel 27.05.2010 | 00:43

@ Floppius am 26.05.2010 um 21:19
@ Achtermann am 26.05.2010 um 21:26

Sie sind herzlich eingeladen, meine Kritik am zerbrochenen Linksbegriff der aktuellen Sozialdemokratie, mit der ich am genannten Aspekt versuchte herauszuarbeiten, wie er als wirklich links gedacht daherkommen müsste, auszuweiten und fortzusetzen. Der von mir verlinkte Müntefering-Text bietet da auf ganzer Linie noch einiges an Futter.

luggi 27.05.2010 | 00:50

Also, wenn der Inhalt dieses Blogeintrags links als Position deuten soll, dann mag ich dieses linke, diffuse, "esoterische", wabernde, nicht deutbare Geschreibsel nicht. Sry, aber ich mag diese um sich selbst drehenden Diskurse nicht. Kriterium ist die Haltung zum gesellschaftlichen Fortschritt; und da kann ich fortschrittlich, reformistisch, konservativ, rückschrittlich oder reaktionär sein.
Musste mal geschrieben werden.

merdeister 27.05.2010 | 00:52

Der Schlüsselsatz in meinen Augen lautet:

"Die Linke will nicht den Menschen in seiner „Natur“ ändern, sondern die äußeren gesellschaftlichen Verhältnisse unter denen er individuell geknechtet ist."

Wenn ich allerdings das Wort "Freiheit" in einem Text häufiger als einmal lese, werde ich misstrauisch. "Freiheit" assoziiere ich mit "allein". Da kann auch dieser Text nichts dran ändern. Frei sein ist toll, die Freiheit ist für mich als Ziel gestorben, denn andere haben sich die Deutungshoheit über diesen Begriff geraubt und halten die Freiheit als Geisel.

Ich bin übrigens begeistert von der Kürze des Textes lieber Uwe, Du hast ja schon längere Kommentare abgeliefert.

misterl 27.05.2010 | 01:14

Lieber Uwe Thiel

Eine ganze Menge an Floskeln bei Müntefering. Obwohl ein paar Fehlen in diesem Beitrag rund um linke Floskeln. Wie zum Beispiel diese:

"Unter dem Strich aber gilt: Links ist als Wort eine Formel, die die Zuversicht in die Gestaltbarkeit der Dinge zum Inhalt hat und den konsequenten Willen zum Fortschritt auch. Fortschritt ist möglich."

Frage: was ist Fortschritt? Also Synonym für "was ist links?".

"Gerechtigkeit ist Grundlage der Freiheit. Alle Menschen haben Anspruch auf gleiche Rechte und gleiche Freiheit. Dies gewährleisten zu helfen, ist Aufgabe linker Politik"

Schön. Also morgen gilt die gelebte Verfassung. Das wäre in der Tat ein links politisches Ereignis und auch keine neue Erkenntnis. Gilt dann Hartz IV als verfassungsfeindlich?

Jaja, lieber Uwe Thiel

"Alternativen zu suchen und zu verwirklichen, nicht nur nach Mitteln der Einhegung der „schlimmsten Auswüchse“ der „(be)herrschenden“ Zustände zu suchen"

einverstanden. Allerdings aus der Ist-Zeit auf die ehemals bessere eingehegte Zeit aus sozialpolitischer Sicht der sozialliberalen Koalition zu blicken wäre für viele von heute ein Segen - also praktische Verbesserung auf dem Weg zum Ziel. Das Erreichbare im Auge zu haben auf dem Weg zur Vision ist eben auch ein Etappenziel. Das zu suchen würde Zuspruch ernten, weil es möglich erscheint, dass es (er-)lebbar sein könnte. Immerhin war es das mal aus der Erinnerung, wo alles besser war (oder schien).

Sicher waren die Voraussetzungen andere, aber dann muss es darum gehen, den Weg aus den aktuellen Voraussetzungen zu finden.

Ausmisten im Floskelfundus gehört ebenso zu den Aufgaben wie neue Wege suchen bzw. genauer neue Verteilungsoptionen zu entwickeln bzw. neue Anreize zu schaffen persönliche wie gesellschaftliche Entwicklung zu ethablieren über die klassischen Definitonen Geld, Ruhm und Macht hinaus.
Das sind eben die anderen Grundlagen für fehlende Vorausetzungen. Ehemals alles zerstört hier und Geldfluss in unsere (westeuropäischen) Märkte ohne Ende und heute eher satte Märkte und Finanzmittelentzug aus unseren Märkte ohne Ende in andere Märkte. Schlechte Karten für neue Wege, weil man Sattheit gewohnt ist und dort wo man hierzulande noch nicht satt geworden ist oder werden konnte/durfte an sich genau satt werden möchte wie der Nachbar.

Das Menschenbild. Das Menschenbild wird geschaffen, verändert durch den positiv wie negativ besetzten Zeitgeist. Selbst wenn dieser Zeitgeist an sich negativer Kultur ist wie "Geiz ist geil", so prägt er dennoch das Zielbewußtsein vom "ich" im "wir". "Meine Ellenbogen gehören mir und sie dienen meinem Vorteil" kombiniert mit "Geiz ist geil" ist (vielleicht) auslaufender Zeitgeist, weil mehr und mehr negativ besetzt und das wäre ein Lichtblick. Dennoch ist ein prägendes Menschenbild. Es hat eine Generation geprägt. Es wird zwei brauchen, um es verschwinden zu lassen. Es verschwinden lassen zu wollen muss im Interesse auch ein linker Bewegung sein, denn ansonsten wird es unmöglich sein neue Verteilungsoptionen und neue Anreizmodelle zu ethablieren. Das ist aber (amS) die Basis für neue "Fahrzeuge". Zu behaupten, es wäre könne nicht das Interesse linker Bewegung sein Menschenbilder zu beeinflussen ist (amS) grober Unfug. Wir müssen das wollen, damit das "ihr" wie auch das "ich" im "wir" neue Optionen erhalten. Damit müssen wir unser eigenes Menschenbild überprüfen und ggf. anpassen. Damit müssen wir Floskeln ggf. der Geschichte überlassen und bei Bedarf im Musum besuchen.

Entscheidend ist dabei (Menschenbilder - den Zeitgeist - beeinflussen) nicht das ob, sondern das wie. Hier muss sich ggf. ein Teil der linken Bewegung von repressiven Optionen lösen, so sie sie in den Köpfen hat.

Das ist allerdings keine ganz andere - wohl aber für ein paar Linke vielleicht - separate Baustelle.

Soviel für heute...

LG
misterL

Uwe Theel 27.05.2010 | 01:24

@ merdeister am 26.05.2010 um 22:52

... danke merdeister, wo Du mich verstehst, da verstehst Du mich.

Dann hätte ich aber in aller Kürze doch ein zweii Rückfragen:

1) Wenn "andere" Dir Deine(n) Liebste(n) geraubt haben, dann würdest Du sie/ihn nicht befreien wollen?

2) Ich dachte ich hätte in meinem Text klar gemacht, dass die Freiheit des Einzelnen sich gegen die Freiheit zu vergehen (das ist die Freiheit, die einer "alleine" hat) es nicht unmöglich machen sollte, Verhältnisse zu schaffen, die dies nicht zur konstituiven Regel der Knechtschaft werden lassen?

Lg
ut

P.S.: Das häufige Auftauchen des Wortes "Freiheit", war mehr syntaktischen Gründen geschuldet, als dass ich damit die Begrifflichkeit verwischt hätte, wie ich glaube. Ich glaube natürlich auch nicht, dass mein kurzer Text das Rätsel zu Ihrer Verwirklichung gelöst hätte :-)

misterl 27.05.2010 | 01:31

Lieber Uwe Thiel.

Ist der "ich"-Eindruck von "Knechtschaft" nicht immer auch ein individuell relativer Moment seine eigene "ich"-Bezogenheit zu gunsten einer "wir"-Verantwortung? Kann es objektive Verhältnisse geben, wo diese Relativität von sich aus auflösen? Ich denke nicht. So wird es immer auch den relativen "ich"-Wert an "Knechtschaft" geben, den der Nachbar so gar nicht empfindet.

Was ich ausdrücken will, weniger Absolutheit am "ich" wäre mehr Freiheit im "wir". Das gilt (amS) für jede Gesellschaft und muss auch so sein.

misterl 27.05.2010 | 01:34

Selbstedit

Ist der "ich"-Eindruck von "Knechtschaft" nicht immer auch ein individuell relativer Moment seine eigene "ich"-Bezogenheit zu gunsten einer "wir"-Verantwortung höher zu werten? Ich denke ja. Kann es objektive Verhältnisse geben, wo diese Relativitäten von sich aus auflösen? Ich denke nicht. So wird es immer auch den relativen "ich"-Wert an "Knechtschaft" geben, den der Nachbar so gar nicht empfindet.

Die Redaktion/Moderation kann es gerne ersetzen und ein echtes Edit anbieten...

Uwe Theel 27.05.2010 | 01:50

@ misterL am 26.05.2010 um 23:14

Vielen Dank misterL für diesen Text, der, wie Angelias diesen Blog fortschreibt, so wie ich es mir erhofft habe.

Besonders berührt mich daran der Ausdruck einer Mischung aus gebliebenen und vergangenen Hoffnungen, von denen er mir zu erzählen scheint.

Als Willi Brandt sagte "Mehr Demokratie wagen!" nachdem ich ihn mitgewählt hatte, konnte ich mir auch noch nicht die praktisch vollkommene Enttäuschung vorstellen, die ich heute über die Sozialdemokratie habe, oder hätte geglaubt, dass solch ein floskelhafter Text wie der von Müntefering, Glaubensbekenntnis für CDU/CSU über FDP bis Grüne letzlich genauso sein könnte.

Schließlich: Sie haben recht, dass sich das Menschenbild über die Zeiten verändert, aber mächtig wird daran geabeitet, dass die realen Verhältnisse ihm dann auch entsprächen, was langfristige Wirkungen hat und genauso die Verhältnisse nur langfristig wieder geändert werden können. Links sein aber heißt ja auch, sich nicht vom falschen Menschenbild im Dienste der falschen Verhältnisse blenden zu lassen vom Blick auf das Eigentliche der herrschenden Verhältnisse, wie für den Ausblick auf die Alternativen.

LG

Uwe Theel 27.05.2010 | 02:13

@ misterL schrieb 26.05.2010 um 23:34
(@ misterL am 26.05.2010 um 23:31)

Lieber misterL,

ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, was sie sagen wollten.

Falls sie meinen, dass es (ebenso) ein Problem gibt, dass ein zuviel an "Wir"-Erfahrung die "Ich"-Erfahrung, damit z.B. auch das unabdingbare "Selbst"-Bewußtsein beim Einzelnen gefährden, gar auslöschen könnte, dann stimme ich Ihnen zu.

Warum die darauf beharren, dass dem begegnet werden könne/müsse (?) mit traditionellen (?) Sinne "Selbst"-Verknechtung des Ichs , gleichsam als Ersatz äußerer Knechtschaft vermag ich nicht nachzuvollziehen. Den Menschen so auf sich selbst zurückzuwerfen, würde ihm und allen m.E. auch nicht entscheidend helfen.- Aber, wie gesagt, ich bin mir nicht sicher, dass ich verstanden habe was Sie ausdrücken wollten.

Wie immer das durch den Einzelnen erfahrene Verhältnis von Ich- und Wirerfahrung auch sei, dabei wird immer eine Dialektik sein, die eben im Einzelnen als dessen Wahlfreiheit seiend, die erstrebten freien Verhältbisse aller immer gefährden wird.

LG
ut

misterl 27.05.2010 | 02:25

Lieber Uwe Thiel.

"Knechtschaft ist eine Resultante von praktizierten Verkehrsformen unter bestimmten Bedingungen des Wirtschaftens."

"Knechtschaft" ist individuell eben mehr als nur das. Eben auch, ich zitiere mich da mal eben selber,

"Ist der "ich"-Eindruck von "Knechtschaft" nicht immer auch ein individuell relativer Moment seine eigene "ich"-Bezogenheit zu gunsten einer "wir"-Verantwortung höher zu werten?"

Also die Differenz von ungewollt gefühlter Eingrenzung durch die "wir"-Freiheit zur "ich"-Freiheit. Das kann "bestimmten Bedingungen des Wirtschaftens" meinen - muss aber nicht.

Ich sehe mich "links" nicht nur als Wirtschaftssubjekt.

Uwe Theel 27.05.2010 | 02:56

@ misterL schrieb am 27.05.2010 um 00:25

Ich habe immer noch Schwierigkeiten mit diesem, Ihrem Satz:

"Ist der "ich"-Eindruck von "Knechtschaft" nicht immer auch ein individuell relativer Moment seine eigene "ich"-Bezogenheit zu gunsten einer "wir"-Verantwortung höher zu werten?"

Hier scheint mir die Ansicht durch, dass der Mensch sich "natürlicherweise" immer selbst wichtiger nimmt als das Wir, weil er jede "wir"-Erfahrung/Verantwortung tedenziell als Knechtschaft erführe. - Diese Ansicht teilte ich nicht.

Das Linkssein sich nicht nur über die Erfahrung als Wirtschaftssubjekt sich herstellt ist natürlich richtig. Wenn ich von Wirtschaften sprach, so war dies ein verkürzter Ausdruck von "praktisch in realen Verhältnissen umfassend leben, sich erfahren"

So, für heute nacht ist jetzt erstmal "Arbeitsende"

LG
ut

Uwe Theel 27.05.2010 | 03:29

@ luggi am 26.05.2010 um 22:50

... aber bitte luggi, nimm gleichzeitig fortschrittlich, reformistisch, konservativ, rückschrittlich oder reaktionär Haltung an gegenüber dem gesellschaftlichen Fortschritt und erkläre nicht diffus, nicht "esoterisch", oder wabernd, was "eine linke Position" sei.

P.S.: Ich habe übrigens nur an einem Aspekt oder meinetwegen Teil linker Begrifflichkeit die Differenz zwischen linker und nicht linker Erklärung darzulegen versucht. Welche der dabei von mir verwendeten, im wesentlichen marx`schen Begriffe dabei nur mir und einem von Dir nicht näher benannten Kreis derer, die das verborgenne innere Wissen hätten - damit wäre es esoteisch -, blieb mir allerdings von Dir verborgen.

Uwe Theel 27.05.2010 | 04:01

@ Damian Bold am 26.05.2010 um 23:33

abgesehen davon, dass ich doch höflich bitten möchte, wenn Sie mir schon den nicht kleinen Vorwurf machen, ich würde die Freiheit des Menschen mißbrauchen, dies auch anständigerweise zu belegen, muß ich ihnen sagen, dass die von Ihnen vorgegebenen Theorien, die behaupteten "eine humane Welt wäre erst frei, wenn sie den Begriff (der Freiheit; ut) nicht mehr kennen würde" mir auch völlig unbekannt sind. Wenn es sie geben sollte so würden sie irren:

Ein wild lebendesTier, dass gefangen in einem Käfig sitzt, "weiß" nicht, dass es gefangen ist, wird aber in aller Regel den Käfig verlassen, sobald dessen Tür offen steht, ohne dann zu wissen, dass es nun in "Freiheit" ist.

Der Mensch wird in der selben Situation dies alles jeweils wissen und, darüber nachdenkend sich entscheiden, was er tut; er könnte sogar die Gefangenschaft wählen bei offener Tür.

Das ist der Unterscheid zwischen der "humanen" und der animalischen Welt und es gibt noch einen:

Das menschliche Vermögen zu sprechen, der menschliche Geist garantiert, dass à la longue wieder ein Wort für "Freiheit" gebildet, gesprochen und verstanden werden würde, selbst wenn dessen Vorgänger "vergessen" worden sein sollte, dies sogar in Abwesenheit jeder Freiheit in der äußeren Welt des "Erfinders".

Herr Bold: Auch Sechszeiler bringen es bei Ihnen jedenfalls nicht.

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Ehemaliger Nutzer 27.05.2010 | 09:52

vielleicht trifft es das Wort "Knechtschaft" auch nicht im Verhältnis des "Ichs" zum Gegenüber bzw. im Verhältnis zum Wir. Knechtschaft impliziert Unterdrückung, Gewalt und den Mangel an Wahlmöglichkeit. Wahrscheinlich wäre es günstiger von der Fähigkeit zur Selbstbeschränkung, -einschränkung zu sprechen. Letztendlich gibt das "Ich" ja seine Bedürfnisse nicht auf, sondern stellt sie zu Gunsten des/der anderen lediglich -freiwillig- zurück.

merdeister 27.05.2010 | 10:08

@ut
"1) Wenn "andere" Dir Deine(n) Liebste(n) geraubt haben, dann würdest Du sie/ihn nicht befreien wollen?"

Aber auf der Stelle, außer bei denen gefällt es Ihr besser :-p

"2) Ich dachte ich hätte in meinem Text klar gemacht, dass die Freiheit des Einzelnen sich gegen die Freiheit zu vergehen (das ist die Freiheit, die einer "alleine" hat) es nicht unmöglich machen sollte, Verhältnisse zu schaffen, die dies nicht zur konstituiven Regel der Knechtschaft werden lassen?"

Das hast Du, es ging auch nicht um die in Deinem Text beschriebene Freiheit, sondern um den Begriff.

@MisterL
"gilt jenes nicht für die gesamte Palette von "Begriffen" die "Werte" enthalten/vermitteln wollen?"

Ja.

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damian-bold 27.05.2010 | 10:25

Uwe Theel schrieb am 27.05.2010 um 02:01
"@ Damian Bold am 26.05.2010 um 23:33
abgesehen davon, dass ich doch höflich bitten möchte, wenn Sie mir schon den nicht kleinen Vorwurf machen, ich würde die Freiheit des Menschen mißbrauchen ,,,"

Das ist eine Fehllektüre. Ich vereindeutige durch eine Kursive: "Freiheit, je nun, Freiheit, muss auch verteidigt werden, wenn, wie Theel oben sagt, ein Einzelner z.B. sie mißbraucht."

misterl 27.05.2010 | 11:17

@Damian Bold

Etwas ausgeschlafen geantwortet. Eine solche Theorie würde ich so für falsch halten. Aber das mag an Zeit.-/Erfahrungshorizont liegen. So lange lebt man nicht um ein Parr Begriff/Wert als Gesellschaft zu vergessen. Ich vermute Begriffe die für Werte stehen vergißt man nicht, wenn diese Werte nicht automatisch von Beginn der Zeit zur freien Verfügung standen. Ich würde wenn überhaupt eher die Umkehrung wählen. Werte, die stets so zur Verfügung standen haben vielleicht keine eigene wertende Begrifflichkeit gefunden, weil man es keine Bedarf dafür gab und gibt.

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fidelche 27.05.2010 | 13:05

Also Uwe, das Thema, "was ist links" muss man völlig anders anpacken. Mit Franz Müntefering das Thema zu beginnen kann nicht funktionieren. Du hättest mit der Französischen Revolution, meinetwegen Münzer und dann Marx beginnen müssen. Es ist keine Dialektik in Deinem Text erkennbar. These, Antithese, Synthese, das müsstest Du doch mal in der Schule gelernt haben. Den Freiheitsbegriff, der nur ein Teilaspekt ist, packst Du völlig falsch an. Solidarität, Frieden, Widerstand, Ungerechtigkeit, Revolution, Diskurs und viele andere notwendige Begrifflichkeiten kommen kaum oder nicht vor. Das ist schade, aber immerhin hast Du es versucht.
Ich werde Dir in meinem nächsten Blog zeigen wie das funktioniert. Dabei werde ich das Thema „Was ist links“ etwas spezifizieren. Bin ab Freitag für eine Woche in Italien. Bei einem Glas Wein werde ich an Dich denken. Nach meiner Erholung werde ich dann mein 8. Blog, Dir und der FC präsentieren. Freu Dich drauf.

Gruß fidelche

Uwe Theel 27.05.2010 | 13:52

@ Angelia am 27.05.2010 um 07:52
@ Angelia am 27.05.2010 um 07:56

Liebe Angelia

vielen Dank für Dein Stichwort zu "Knechtschaft".

Wenn ich von "Knechtschaft" und ihrer Befreiung davon sprach, dann im Sinne und anknüpfend aus Marxens Bestimmung der enfremdeten Arbeit, wie er sie schon in den Ökonomisch-philosophische Manuskripte entwickelte:

"Betrachten wir nun näher die Vergegenständlichung, die Produktion des Arbeiters und in ihr die Entfremdung, den Verlust des Gegenstandes, seines Produkts.

Der Arbeiter kann nichts schaffen ohne die Natur, ohne die sinnliche Außenwelt. Sie ist der Stoff, an welchem sich seine Arbeit verwirklicht, in welchem sie tätig ist, aus welchem und mittelst welchem sie produziert.

Wie aber die Natur [die] Lebensmittel der Arbeit darbietet, in dem Sinn, daß die Arbeit nicht leben kann ohne Gegenstände, an denen sie ausgeübt 513>wird, so bietet sie andrerseits auch d[ie] Lebensmittel in dem engern Sinn dar, nämlich die Mittel der physischen Subsistenz des Arbeiters selbst.

Je mehr also der Arbeiter die Außenwelt, die sinnliche Natur, durch seine Arbeit sich aneignet, um so mehr entzieht er sich Lebensmittel nach der doppelten Seite bin, erstens, daß immer mehr die sinnliche Außenwelt aufhört, ein seiner Arbeit angehöriger Gegenstand, ein Lebensmittel seiner Arbeit zu sein; zweitens, daß sie immer mehr aufhört, Lebensmittel im unmittelbaren Sinn, Mittel für die physische Subsistenz des Arbeiters zu sein.

Nach dieser doppelten Seite bin wird der Arbeiter also ein Knecht seines Gegenstandes (Hervorhebung: ut), erstens, daß er einen Gegenstand der Arbeit, d.h., daß er Arbeit erhält, und zweitens, daß er Subsistenzmittel erhält. Erstens also, daß er als Arbeiter, und zweitens, daß er als physisches Subjekt existieren kann. Die Spitze dieser Knechtschaft ist, daß er nur mehr als Arbeiter sich als physisches Subjekt erhalten [kann] und nur mehr als physisches Subjekt Arbeiter ist." (aus: Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte; [Die entfremdete Arbeit]; MEW, Ergänzungsband, 1. Teil, S.512)

Für Marx ist Knechtschaft (des Menschen) das Produkt einer bestimmten historischen Organisation von Gesellschaft und Arbeit, nicht naturgegeben, da der Mensch selbst eins mit der Natur ist in der er sich reproduziert, diese aber Knechtschaft nicht als "natürliche" Gesellschaftsform vorgibt. Es ging mir hier also nicht um temporäre Belastung in konkreten Situationen, durch punktuelle Überforderung (Bsp.: durch ihre Kinder überlastete Eltern), sondern das
Gesellschaftsverhältnis als solches, wie es allen grundsätzlich gleich gegenübertritt, die in entfremdeten Verhältnissen leben und arbeiten müssen.

Die Leidensfähifkeit des Menschen ist damit weder bestritten, noch kann sie als legitimation für eine Sinnhaftigkeit oder gar Notwendigkeit solcher Verhältnisse angesehen werden.

LG
ut

Uwe Theel 27.05.2010 | 14:03

@ misterL schrieb am 27.05.2010 um 01:01

Bingo.

Lieber misterL,

ich bitte freundlichst um Lektüre meiner Antwort an Angelia zum selben Stichwort (Knechtschaft):

www.freitag.de/community/blogs/uwe-theel/was-ist-eigentlich-links---individuum--freiheit--gesellschaft#comment-124163

Das wird wahrscheinlich unsere Differenz in der Ansicht nicht ausräumen, aber hoffentlich klar machen, dass ich Die von Ihnen ins Feld geführten, für mich mehr indivisdualpsychologischen Beweggründe menschlichen Handelns nicht leugne, wohl aber auf gesellschaftlicher Ebene für grundsätzlich handhabbar halte - in "neuen Fahrzeugen" eben ;-).

LG
ut

misterl 27.05.2010 | 16:24

Lieber Uwe Theel.

Die Natur des Menschen, das Menschenbild und die Entfremdung durch Arbeit.- und (ergänzend) Lebenswelt besonders in der virtuellen Welt von TV und Computer sind ein weites Feld für Irrtümer, Überschneidungen und von der Real-Zeit abhängige Betrachtungen, die zB den klassichen Arbeiter so heute eher selten so begreifen lassen wie vielleicht vor 125 Jahren.

Was meinen Sie? Würde Marx heute durch eine bundesdeutsche Verwaltungsmetropole schreiten, würde er das selbe schreiben und wie die Begriffe prägen wollen?

Uwe Theel 27.05.2010 | 18:12

@ misterL schrieb am 27.05.2010 um 14:24

Lieber misterL,

ich schrieb o. nicht ohne Betonung folgendes:

"Für Marx ist Knechtschaft (des Menschen) das Produkt einer bestimmten historischen Organisation von Gesellschaft und Arbeit, nicht naturgegeben, da der Mensch selbst eins mit der Natur ist in der er sich reproduziert, diese aber Knechtschaft nicht als "natürliche" Gesellschaftsform vorgibt."

Daraus folgt, dass ich natürlich nicht glaube, dass Marx heute einfach wortwörtlich so schreiben würde, wie damals. Allerdings solange die Geschichte immer noch eine Geschichte der Klassenkämpfe, inzwischen eben tatsächlich in "globalem" Maße ist, hat sich die Logik des System m.E. nicht geändert. Die zeitgenössische Neuschrift der "Kritik der politischen Ökonomie - DAS KAPITAL" gibt es nicht als Monographie, aber viele, wenn auch zu wenige und zu wenig propagierte Ansätze dazu, nebenan z.B. bei Michael Jäger

Die Andere Gesellschaft. Gliederung in Kapitel und Tagebuch

unter

www.freitag.de/community/blogs/michael-jaeger/0-die-andere-gesellschaft-gliederung-in-kapitel-und-tagebuch

oder

den Professor Butterwegge in Köln ...

LG
ut

misterl 27.05.2010 | 18:37

Lieber Uwe Theel.

Im globalen Masse macht ein Begriff wie "Klassenkampf" durchaus Sinn, bezogen auf Europa - erst recht Westeuropa - habe ich da bereits meine Schwierigkeiten, ob dass noch so zu begreifen ist.

Streit der Interessen trifft es aus meiner Sicht eher. Klassenkampf erscheint mir zu, wie schreib ichs, hölzern? Klingt nach Grabenkämpfen. Wie soll da ein Konstruktionsplan für ein neues Fahrzeug entstehen? Da bin ich schon fast mitten in meinem Theorieproblem.

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Ehemaliger Nutzer 27.05.2010 | 21:40

Lieber Uwe

Gern bin ich Stichwortgeberin und habe einen ähnlichen Aspekt zur Knechtschaft gefunden.
Kennst du das Buch: “Die Antiquiertheit des Menschen 2” von Günther Anders? (Ein tolles Buch dass sich zu lesen und im Detail zu besprechen lohnt, Günther Anders darf man durchaus auch als Linken Philosophen betrachten) Im Kapitel: “Die Antiquiertheit der Arbeit” (S.91ff) stellt er die Frage, ob der heutige Arbeitnehmer noch Proletarier sei. Anders beantwortet die Frage eindeutig mit ja, denn man könne das Proletariat nicht am Lebensstandard messen, sondern durch die Feststellung seines Freiheitsstandards. Er sei unfrei, weil er vom Eigentum “seiner” Produktionsmittel oder des Produktes ausgeschlossen sei, da er das Ganze des Produktionszusammenhanges nicht mehr nicht nur nicht überblickt, sondern obendrein noch in die Produktionszusammenhänge integriert sei.
Das Arbeiten finde quasi hinter seinem eigenen Rücken statt, sei ziel- und sinnfrei.
Anders verweist in diesem Zusammenhang auf Chaplins moderne Zeiten. Ist es nicht erstaunlich, wie modern “modere Zeiten” heute gerade wieder ist. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf Caspar Schmidts Beitrag

Uwe Theel 27.05.2010 | 21:43

@ misterL am 27.05.2010 um 16:37

Lieber misterL,

um zur Abwechslung mal ein wenig zu "hegeln":

Wo siehst Du und wieso den "qualitativen Sprung" der die "globale Welt" - hier wird es schon am sprachlichen Ausdruck deutlich, das etwas nicht stimmt - von, wie Du sagst "Westeuropa" einem genuinen Teil dier "globalen Welt, trennt, dass du die "Frontlinie des Klassengegensatzes" plötzlich nicht mehr überall zu erkennen glaubst.

Der einzige Grund, den Du angibst, ist einer des Stils: "Klassenkampf" klänge so hölzern.

Ich glaube nicht dass hier ein Theorieproblem vorliegt, sondern eher eins der empirisch gestützten Erkenntnis und der praktischen Möglichkeiten die Antagonisten dingfest zu machen, jedenfalls soweit Leute wie wir das versuchen.

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Ehemaliger Nutzer 27.05.2010 | 21:50

"Es ist keine Dialektik in Deinem Text erkennbar. These, Antithese, Synthese, das müsstest Du doch mal in der Schule gelernt haben"
Fidelche du weißt schon, dass Dialektik διαλεκτική (τέχνη), dialektiké (téchne) = Kunst der Unterredung oder (ars) dialectica = (Kunst) der Gesprächsführung bedeutet, Dialektik sich historisch entwickelte und nicht ausschließlich auf die Hegel´sche Dialektik zu reduzieren ist? Was man selbst nicht beherrscht, kann man bei anderen auch nicht erkennen.
Dumm gelaufen.

Uwe Theel 27.05.2010 | 21:50

@ Angelia am 27.05.2010 um 19:40

Ich danke für die wunderbare Parallelstelle bei Anders und habe da kein Wort dazuzusetzen, zu Chaplins Kunst sowieso garnichts.

Ich kann höchstens noch verweisen auf meine Antwort an misterl vm 27.05.2010 um 19:43, die Sich mit Deiner Antwort an mich überschnitt, wo, sowohl bei misterL, als in meiner Antwort die Schwierigkeit der Erkennbarkeit, des doch Gewussten thematisiert wurde.

LG
ut

misterl 27.05.2010 | 22:58

Ihr lieben beiden. :-)

An sich sagte ich, ich gehe klippern... Wie üblich lese ich vorher und so kann ich nicht anders.

"denn man könne das Proletariat nicht am Lebensstandard messen, sondern durch die Feststellung seines Freiheitsstandards."

Ich sehe hier schon ein Kernkonflikt. Der Freiheitsstandard ist amS ein (wesentlicher) Bestandteil des Lebensstandards und umgekehrt. Von daher leitet sich für mich eben genau die Notwenidkeit ab zu trennen zwischen dem Freiheitsstandard einer Wanderarbeiterin (ich mache es machmal gerne konkreter an Reizbegriffen fest) in der VR China oder einen Tagelöhner in Indien und einem Büromenschen in einem Verwaltungsturm in Frankfurt, London, Köln oder Paris. Aus diesem Grund denke ich schon trennen zu müssen und zu wollen zwischen dem zugegeben dusseligen Begriff der globalen Welt und dem dagegen immer noch in der Mehrzahl heimligen Kurort Westeuropa. Von daher ist für mich Klassenkampf hier bei uns derzeit sich selbst überlebte Ansage.

Beide Welten mit einer Theorie erreichen zu wollen und zu glauben mit dieser können man die alten Fahrzeuge in der globalen Welt durchaus korrekterweise fahren lassen aber für uns hier brauchen wir neue Fahrzeuge und diese dann mit der selben Theorie konstruieren wollen wird nicht funktionieren. Weder sachlich logisch noch gelebt konkret. Selbst dann nicht wenn die Vorstandschefs jene Unternehmen leiten, die in beiden Welten am Ende doch (vielleicht noch!) unterschiedlich agieren (vieleicht müssen!).

Nun gehts an die Saiten...
misterL

Uwe Theel 28.05.2010 | 00:44

@ misterL am 27.05.2010 um 20:58

lieber misterL,

... weiter alles gute Anknüpfungspunkte zur Diskussion, aber ab jetzt muß/müsste ich erstmal eine Phase einlegen, gründlich neu nachzudenken, sonst, so fürchte ich, würde ich anfangen mich wiederholend im Kreise zu argumentieren.

So wie Sie Ihr Saiteninstrument haben, rufen mich aber auch immer noch andere Dinge - ich blogge eh fast zu viel.

Wir werden uns sicher noch hier begegenen und ich werde antworten, wann immer mir etwas einfällt, das mir einfach ;-) und interessant erscheint.

Danke.

See you,

ut

Titta 28.05.2010 | 02:40

Ach fidelchen, du trägst ja heute sehr zu meiner Erheiterung bei, was ja nicht zu verachten ist in diesen Zeiten.

Wenn er doch weiß, wie das geht mit These, Antithese, Synthese, wieso wendet er sein Wissen zumindest in den eigenen Beiträgen dann nicht an, fragt sich doch die FC nach diesem Kommentar.

Und wieso schreibt er nicht sofort den ultimativen Artikel zum Thema "Was ist links?", statt uns noch so lange auf die gewünschte Erleuchtung warten zu lassen, ist dann gleich die nächste Frage.
Naja, vielleicht hat das ja mit Strategie zu tun. Das Volk, was huldigen soll, braucht dazu nun mal Palmwedel, und die wollen in diesen Breitengraden erst mal organisiert sein. Oder werden die aus Italien mitgebracht?
Oder wurde vielleicht schon hier am Wein genippt? Aber um die Uhrzeit? Fragen über Fragen.
Damit der 8. Blog wirklich rund wird, wäre allerdings mindestens bei Spartacus anzufangen, im Grunde jedoch schon bei der Umstellung von Nomadentum auf Seßhaftigkeit, denn mit dem Landbesitz fingen schließlich die Eigentumskonflikte im eigentlichen Sinne an.

Uwe Theel 28.05.2010 | 14:02

@ misterL schrieb am 28.05.2010 um 08:31

"Ich will Dir ja helfen die Ausfahrt zu finden... ;-)"

Teamarbeit ist immer gut. - Ohne alle Schärfe formuliert, möchte ich aber noch dazu setzen, dass, als ich Deinen Argumenten in meinem - zugegeben alten - Marx-Car so nachfuhr, dass Du vor mir auch schon auf eine Circellinie eingebogen warst, hast aber höflich auch den Blinker gesetzt, so dass nix passiert ist.

Jetzt gilt: Nachdenken hilft (meistens) :-)

LG
ut

misterl 28.05.2010 | 14:45

Dann noch einen Nachtgedanken hinterher getragen - auch für Angelia.

Wenn es um die Verteilung von Produktionsmitteln geht und das mir als abhängig Beschäftigter das ja als gar nicht gehört und ich nur meine Arbeit (möglichst teuer) verkaufen kann. Das aus meiner heutigen Sicht wesentliche ist nicht die "Arbeit" die ich verkaufe, sondern meinen unwiederbringlichen Anteil Lebenszeit...

Daraus erbibt sich eine andere Betrachtung. Nicht das was ich mache ergibt den Preis, sondern den Anteil Lebenszeit die ich dafür verkaufe.

Special @Uwe In der Regel bin aus Kreisverkehren schneller als auf der Geraden. Da lonht blinken nicht wirklich. ;-)

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Ehemaliger Nutzer 28.05.2010 | 18:53

also MisterL. der Preis meiner Arbeit setzt(e) sich (ursprünglich) mal aus dem Wert meines Könnens zusammen. Damals, als es noch nicht um Lohndumping, die höchsten Unternehmensgewinne bei gleichzeitiger Reduktion der Prokuktionskosten ging. Heute wollen die meisten Arbeitgeber die bestmöglichste Leistung zum niedrigsten Preis.
Auch hatten viele Arbeitnehmer mal sowas wie relative Freude an der Arbeit. Ja, manche sahen sogar einen Sinn in ihrer Tätigkeit, konnten ihre Kreativität ausleben ode rsich einfach nur wichtig fühlen, mit dem dämlichen Handy am Ohr und dem schlechtsitzenden Anzug am Leib. An dieser Stelle wird es mit der verkauften Lebenszeit ein bisschen eng. Denn ich lebe ja auch, während ich arbeite, eigentlich lebe ich jede Sekunde. Die Frage ist nur wie?

Lebenszeit ist nicht käuflich, aber sehr wohl verschwendbar. Das hat mit Arbeit nix zu tun.

Gehe jetzt das Leben genießen ;-))

Tania 28.05.2010 | 21:47

Lieber Uwe,
du hast da einen wirklich tollen Artikel geschrieben!
Eigentlich stimme ich mit dir überein.
Aber da immernoch das Sein das Bewußtsein bestimmt (was dir entgegenkommt) ist doch zu berücksichtigen,das Lenin darüber hinausdachte.
Zur Veränderung dieser Gesellschaftsform bedarf es nicht nur Rufer in der Wüste.
Es muss der Spagat geschafft werden,das Aufklärung betrieben wird,und andererseits eine komm. gefestigte Partei bereit steht,um in der Umbruchzeit Zielvorgaben zu geben um den Übergang zu bewerkstelligen (Diktatur des Proletariats...).Desweiteren hängt die weitere Entwicklung von den Gegebenheiten der weiteren Entwicklung der Geschehnisse ab!
Um bei Marx zu bleiben:
Eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse kann erst Bestand haben,wenn der Kern der "Neuen Gesellschaft" im Alten bereits vorhanden ist.

Uwe Theel 28.05.2010 | 22:11

@ Tania am 28.05.2010 um 19:47

Lieber Tania,

Danke für den Zuspruch.

Klar: Das Sein bestimmt das Bewußtsein :-)

Als Rufer in der Wüste begreife ich mich nicht, mag sein dass ich es objektiv bin.

Was die gesellschaftliche Formation, die statt des einsamen Rufers gefordert sei, so sehe ich defacto z.Zt. nur kleine Teile der Gewerkschaft und die Linkspartei. Man wird sehen!

Was die "Diktatur des Proletariats" , da wären wir dann bei der Leerstelle, die ich in meinem Text ließ, weil ich da das Wenigste vom Alten im schon Neuen wiederzufinden vermag und also schwer nur darüber reden könnte, obwohl ich den Kern der "Neuen Gesellschaft" im Alten als schon vorhanden betrachte. Der alte Hegelianer in mir ist nicht tot zu kriegen.

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Ehemaliger Nutzer 29.05.2010 | 00:53

Ich noch mal

lieber Uwe über die " Schwierigkeit der Erkennbarkeit, des doch Gewussten" musste ich erst mal nachdenken.

Zwei meiner Lieblingsphilosophen brachten dieses Problem m.E. auf den Punkt, zitiere Popper: " Wir Wissen nicht,wir raten nur. Alles Wissen ist vorläufig"

Und Maturana meinte, dass wir in einem Flugzeug, nur mithilfe unserer Instrumente (Hirn) blind duch den Nebel fliegen.

Ich finde diese beiden theoretischen Thesen kommen der praktischen Realität sehr nah.

Gute Nacht

misterl 29.05.2010 | 01:53

Doch und eben liebe Angelia.

"Lebenszeit ist nicht käuflich, aber sehr wohl verschwendbar. Das hat mit Arbeit nix zu tun."

Ob ich morgen jenes erledige, übermorgen etwas anderes und am folgenden Tag wieder etwas anderes ist völlig unerheblich aus der Sicht der bezahlten Zeit meines Arbeitgebers, die er ohnehin zahlt. Wichtig für diesen ist, das jemand die anfallenden Arbeiten erledigt und dafür zur Verfügung steht.

Es geht um Verfügbarkeit von "Können". Dies ist gekoppelt mit mit Anwesenheit und dieses Kosten mich Zeit und meinem Arbeitgeber Geld. Diese Zeit könnte ich anderes nutzen, besser nutzen oder einfach nur verschwenden. Am Ende des Gedankens habe ich aber im Prinzip nur das eine: Zeit. Lebenszeit.

Mal etwas selbstehrlicher. Meine Arbeitsleistung real wird pro Tag mal 4 Stunden benötigt - mal müssten es 15 Stunden sein und gemacht werden vielleicht 10. Bezahlt werden stets 8 Stunden. Und noch einmal. In dieser Zeit spielt der konkrete Inhalt der Arbeit (oder das "Können") eine untergeordnete Rolle aus einer zugeben begrenzten Palette von Tätigkeiten.

Mein Können ist Austauschbar, wie ich somit selber austauschbar bin, sofern meine innerbetriebliche Erfahrung kein wesentlicher Anteil geworden ist, an meinem Dasein im Betrieb. Auch deshalb ist diese klassiche Sicht sehr relativ geworden. An sich wäre von mir aus zuzugeben, dass jüngere heute besser ausgebildet mein Ur-Können locker ersetzen könnten - wahrscheinlich auch günstiger für meinen AG. Was sie nicht so schnell können, ist auf grund meiner Unternehmenskenntnisse quasi im Vorfeld von Ereignissen Dinge zu erledigen, von denen ich weiß, dass sie passieren werden. So kann ich mich halten, wo ich bin. Anderswo neu wäre schlechter.

Investment in die eigenen Leute wird negiert durchaus mit der klaren Ansage, das man bei Bedarf sich neues KnowHow mit neuen Leuten einkauft.

So reduziert sich der objektive Faktor "Können" von ganz alleine und übrig bleibt ein letzter Aspekt in menem Fundus, den ich an sich zu veräußern hätte für einen Arbeitgeber XYZ.

Und das ist Zeit in der ich "Können", welches ich mit vielen Teilen, anbieten kann.

Vom Grundsatz her hat das fast etwas mit Tagelöhner in Festanstellung zu tun.

Gute Nacht
misterL

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Ehemaliger Nutzer 29.05.2010 | 11:29

Lieber MisterL.

Ich glaube ich verstehe was du (ode soll ioch Sie schreiben) meinst.
Ich versuche jetzt eine Synthese zwischen unseren beiden Thesen:

„Am Ende des Gedankens habe ich aber im Prinzip nur das eine: Zeit. Lebenszeit.“

Eben, Lebenszeit ist, das können wir drehen und wenden wie wir wollen, auf jeden Fall erst mal da, Zeit haben wir auf jeden Fall. Lebenszeit meint die Zeit zwischen der Geburt und dem Tod, stellt einen Wert an sich dar, gliedert sich auf in Zeit und Leben, was m.E. bedeutet, Zeit mit Leben zu füllen. Vielleicht können wir eine Synthese zwischen unseren Thesen herstellen, wenn wir sagen: „Arbeitgeber bezahlen die Zeit, die wir, in ihrem Sinne produktiv, mit Leben füllen.“ Für sie ist das Produkt und die Anzahl der Produkte ausschlaggebend, die wir in der Zeit herstellen. Dafür bezahlt er uns. Je produktiver wir in der Zeit sind, um so besser für ihn, denn er bezahlt uns ja nicht pro Produkt, sondern pro Stunde; aber um so schlechter für uns. Denn:

Beim Produzieren geht uns Arbeitnehmern wesentlich auch ein nicht unerhebliches Maß an Energie verloren, die uns körperlich und geistig nur begrenzt zu Verfügung steht und benötigt wird, um die nichtbezahlte Zeit unseres Lebens nach unseren Vorstellungen mit Leben zu füllen und dem Leben somit Inhalt und Sinn zu geben. Wir stellen neben unserer Lebenszeit also auch noch unsere Energie zur Verfügung.

Was immer wir tun, um allein notwendige unsere Bedürfnisse zu decken, wenden dafür Zeit und Energie auf.

Es geht m.E. darum, eine Balance zu finden. Und hier schlage ich den Bogen mit Nietzsche, etwas ungelenk vielleicht, zwischen bezahlter Zeit, Frei- Zeit:

„[...] denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.“

Frans 29.05.2010 | 15:26

Da die Frage "Was ist Links" auch die Frage "Was ist Freiheit" aufgeworfen hat, empfiehlt es sich - um nicht vom Glanz der Freiheit geblendet zu sein - den Blick auf ihre gesellschaftliche Grundlage zu richten, denn die Sphäre des Marktes, der kapitalistischen Zirkulation, des Warentauschs, des universellen Kaufens und Verkaufens konstituiert doch unseren Freiheitsbegriff.

Formell betrachtet sind die Menschen in der Produktion gerade deswegen unfrei, weil sie vorher auf dem Markt ihre Freiheit als Warenbesitzer wahrgenommen haben, nämlich ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Diese Freiheit, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, führt aber zu einer Unfreiheit, denn es wurden historisch Verhältnisse geschaffen, in denen es keine andere Möglichkeit mehr gibt, sich am Leben zu erhalten. Noch dazu eine "Freiheit", die in der Warenproduktion so gering ist, dass noch nicht einmal über Inhalt, Sinn und Zweck dessen bestimmt werden kann, was da produziert wird.

Die moderne bürgerliche Freiheit hat also einen merkwürdigen Charakter; sie ist identisch mit einer höheren, abstrakten und anonymen Form der Knechtschaft. Soziale Emanzipation wäre also die Befreiung von dieser Art Freiheit, statt sie zu "verwirklichen". Und damit wären wir endgültig bei einem "Links"-Begriff angekommen, der zwangsläufig seine illusorisch bürgerliche Hülle abgestreift hat.

misterl 29.05.2010 | 15:44

Angelia,

"Du" ist für mich völlig in Ordnung.

"„[...] denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter.“"

Nunja, das dokumentiert dann allerdings so ausgeschnitten, dass "Klassenkampf" nicht das Mittel der Wahl ist.

Der Kaufmann ist heute der Manager oder Selbständige Vorstandsvorsitzende (immer m/w). Zudem - wem seine Arbeit tatsächlich Spass macht und deshalb die Arbeitszeit als seinen 2/3 Tag empfindet, ist dennoch kein Sklave nach dieser Definition. Sondern freier Mensch, der wahrscheinlich leidet, dass die restlichen 1/3 anders verplempert werden müssen.

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Ehemaliger Nutzer 30.05.2010 | 12:56

guten Morgen MisterL.

Ja nu, ob „der Kaufmann, der heute Manager, Selbständiger, Vorstandsvorsitzender ist, tatsächlich noch Spass an Arbeit hat, deshalb die Arbeitszeit als seinen 2/3 Tag empfindet, wirklich ein freier Mensch, ist“, oder einfach nur Sklave seines Willens und/oder seiner Angst (sich mit sich selbst und seinem Leben auseinandersetzen zu müssen) müsste man mal untersuchen.
Schopenhauer schrieb bereits: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

Wie auch immer, es steht ihnen, den Kaufleuten, Managern usw. frei, ihr Glück, Zufriedenheit und den Sinn ihres Lebens in der Arbeit zu suchen. Es steht ihnen aber nicht frei, mir z.B ihre Lebensphilosophie und ihren Lebensstil aufzuzwingen. Oder was noch schlimmer wäre, mir ihre Unlust, sich mit dem Fassettenreichtum des Lebens zu befassen, aufzunötigen.

Folge dessen haben wir es hier eher mit einem Positionskampf um individuelle Interessen, mit Interessenausgleich, zu tun. Weniger mit einem Klassenkampf. Zumal, dass können wir als ideologiefreie Rationalisten ruhig sagen, es in all den Kriegen und Kämpfen nur um knallharte Interessen ging. M.E. sind Begriffe wie Klasse(nkampf) oder Religion(skrieg) ohne hin nur ein ideologischer Überbau, um knallharten Interessen die Kälte und Schärfe des Ratioanlen zu nehmen. Was eignet sich da besser, als einen Schleier aus Idealismus, ein Touch Transzendenz und das Streben nach etwas scheinbar Höherem?
Einen schönen Sonntag wünscht
Angelia

Uwe Theel 30.05.2010 | 15:48

Lieber Frans,

ich danke für den Beitrag, der meine Ausführungen im letzten Absatz des Blogtextes gut zu ergänzen scheint, keinen Gegensatz zum von mir intendierten Freiheitsbegriff zu haben scheint. Die "Aufhebung" hat im dialektischen Prozss immer der Dreifaltigkeit, des Bewahrens, des Zerstörens und des auf eine Ebene neuer Qualität Auf-(=Hoch)hebens. Ich möchte den Gedanken von Ihnen und mir hier noch mit der folgenden Passage von Friedrich Engels unterstützen :

Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.

Diese weltbefreiende Tat durchzuführen, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen und damit ihre Natur selbst zu ergründen, und so der zur Aktion berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.

(aus: Friedrich Engels - Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft, MEW Bd. 20, Berlin/DDR. 1962, S. 264/265)

Uwe Theel 30.05.2010 | 17:51

@ Damian Bold schrieb am 30.05.2010 um 13:55

Die "Kritiker" ahnen es an ihren eigenen Zweifeln. Es darf nichts von dem sein, was ein bisschen sein könnte.

Vielleicht sollten Sie wenigstens mal ahnen, was sie da für einen Widersinn schreiben:

Die, die Sie die "Kritiker" nennen, zweifeln gemeinhin an der Legitimation, der Richtigkeit "herrschender", also real existierender Wirklichkeit - vulgo : dem Kapitalismus - . Diese(r) "ist" auch nicht nur "ein bißchen", oder "könnte nur sein".

Dass die "Kritiker" etwas nicht wahr haben wollten, das an die Stelle des Kapitalsimus treten könnte, dieses "Etwas" müssten sie erst einmal benennen Herr Dold, bevor sie linke Kritiker zu kritisieren versuchten. Der wirklich durchschaubare Trick, den Sie hier gerade versuchten, war, der linken Kritik anzulasten, dass kapitalitische "Alternativen" einhegender Marktwirtschaft nicht geduldet würden. Da da nichts linkes dran ist, sollte das nicht verwundern.

Aber vielleicht beschreiben sie ja zur Abwechslung statt des Kloppens hohler Sprüche einmal, was das sei, das linke Krtik "ahnt" aber nicht dulden will, weil sie Zweifel am Kapitalismus haben?

j-ap 30.05.2010 | 19:28

Sehr geehrter Herr Theel,

daß Ihnen zu Beginn Ihres (allerdings sehr gelungenen) Traktats ausgerechnet Ernst Bloch zu Bewußtsein kommt ist insofern bezeichnend, als damit zugleich absehbar wird, warum Sie so recht bei der Explikation der »Freiheit« (die sowohl als ein emanzipativer Weg als auch als dessen mögliches [utopisches?] Ende gedacht werden muß) nicht reüssieren: Weil Sie von vornherein auf einem teleologischen Gleis abfahren, von dem Sie nicht mehr herunterkommen.

Das hat damit zu tun, daß der Marxismus im Grunde keine Theorie des Gesellschaft oder auch nur der prozeduralen Ver-Gesellschaftung ist, sondern eine mystische Erlösungsreligion.

Unerhört, sagen Sie?

Dann lesen Sie bitte an der Quelle, beim eigentlich Chef vons Janze nach: Joachim von Fiore. Und bewahren Sie sich in Lächeln für den Fall, daß Sie das nächste Mal einen Katholen sich mit einem Marxisten unterhalten hören.

misterl 30.05.2010 | 21:00

Liebe Angelia.

Ich hätte es kaum anders formulieren können.

"M.E. sind Begriffe wie Klasse(nkampf) oder Religion(skrieg) ohne hin nur ein ideologischer Überbau, um knallharten Interessen die Kälte und Schärfe des Ratioanlen zu nehmen. Was eignet sich da besser, als einen Schleier aus Idealismus, ein Touch Transzendenz und das Streben nach etwas scheinbar Höherem? "

Wie nennen mir diese Theorie nun?

eine schöne Woche wünscht
misterL

Uwe Theel 30.05.2010 | 22:12

@ j-ap am 30.05.2010 um 17:28

Sehr geehhrte(r) Frau/ Herr j-ap,

Ich unterhalte mich gerne mit (nicht völlig abgedrehten) Katholiken. Das ist immer sehr spannend, unterhaltend und interessant, gerade weil die Katholiken von ihrem Sendungsbewußsein nicht herunterkommen, während ich das Ziel der Geschichte nicht dadurch erreicht sehe, dass ich mit Marx-und-Engelszungen nur verkünde, dass wir alle ins Reich der Freiheit gelangen werden, wenn wir an die Zwei glauben und nicht von der "Linie" abfallen..

Für mich ist Merxismus zuallererst eine Art und Kunst zu Denken (Dialektik) und Marx hat ganz schön empirisch das offiziell so undurchschaubare Wirken des Kapitalgesetzes erklärt.

Der "Rest", der aus dieser Einsicht folgt, bleibt eine - vielleicht ewige - Aufgabe der Menscheit, jedenfalls deren linken Teils. Niemend glaubt heute wohl ernsthaft, dass das alles so wörtlich nach dem Worte M.´s geht - wer glaubt auch im wort-wörtlichen Sinne an die Botschaft der Bibel?

Ok, es mag Leute geben, die sehen kein Ziel, keinen Sinn in der Geschichte der Menschheit. Wenn wir aber alle zusammen überleben möchten, weil es keiner für sich alleine wirklich schaffen wird, dann glaube ich schon an eine Geschichte, die auf das Ende der Herrschaft des Menschen über den Menschen hinauslaufen sollte. Das Leben mit diversen Schwierigkeiten geht ja aber doch weiter.

Bloch hat einmal erklärt, ob nach dem Tode noch etwas käme, das würde er schon erwarten können, wenn ....

Bis dahin hat er uns aber erneut begründbare Hoffnung auf etwas anderes als Unfreiheit gegeben.

ut

P.S.: Danke für das Lob.

misterl 30.05.2010 | 22:28

Naja Uwe.

Vielleicht hat ja Darwin doch an der einen oder anderen Stelle recht und wir haben in uns ein Gen, eine biologische Taktung, die uns zwingt (oder besser wenige von uns zwingt) nach der Alphaposition zu trachten und viele viele andere schalten, ihr Gen ab, wenn sie bemerken eine andere hat das Gen eingeschaltet. Wenige andere ziehen in Kriege, um selber den Platz des Alphawesens einzunehmen und finden ihrererseits hinreichend abgeschaltete Alphagen-Wesen, die sich in diesen Krieg eines anderen hingebungsvoll aufgeben. Da ist zwar kein erstrebenswertes Ziel aber es sichert womöglich das Überleben der Fitten und deren Gefolge.

Wer kann sicher ausschliessen, dass am Ende ein gewisses Maß Unfreiheit das Überleben sichert?

j-ap 30.05.2010 | 23:33

Na, lieber Herr Theel, Ehre wem Ehre gebührt — das gilt sowohl für Sie als auch für Marx, obwohl (oder gerade weil?) ich kein Marxist bin.

Aber Sie haben die entscheidende Frage, obwohl etwas geziert, über die Hintertreppe schon in die Manege gelassen: »Niemend glaubt heute wohl ernsthaft, dass das alles so wörtlich nach dem Worte M.´s geht - wer glaubt auch im wort-wörtlichen Sinne an die Botschaft der Bibel?«

Mich würde in diesem Zusammenhang interessieren, weshalb Sie nicht an die wortwörtliche Verheißung hier wie dort glauben. Liegt das daran, daß (1) die Prognosen lediglich noch nicht eingetroffen sind oder (2) daß solche Prognosen prima facie nicht gemacht werden können?

Was denken Sie?

Fragt
Josef Allensteyn-Puch / j-ap

Uwe Theel 31.05.2010 | 02:07

Lieber Herr Allensteyn-Puch,

Chapeau, das bringt Schwung in die Diskussion.

ad 1) Wenn Prognosen noch nicht eingetroffen sind, dann am allerletzten deswegen, weil sie, wie auch immer, irgendwann einmal gemacht wurden. Das wäre ahistorisch und undialektisch.

ad 2) Es ist das menschliche Privileg prima facei, das heißt auf den ersten Blick bis auf Widerruf Annahmen zu machen dafür zu leben. Das "bis auf Widerruf" ist dabei entscheidend, was heißt, nicht nur auf den eigenen Widerruf, sondern auch auf den (Wider)Ruf des Anderen, des Gesprächspartners zu achten.

Aber der entscheidenende Punkt, den Sie eigentlich ansprechen, ist der Stellenwert, den die "Schrift" als "Vorschrift" für das Handeln des Einzelnen, die legitimation desselben darstellt.

Für mich als evangelischen Christen ist das Wort der Bibel per Glaubensbekenntnis solch eine Vorschrift. Verkennt Kirche oder der einzelnen Gläubige diesen Satz kommen wir zu Bevormundung und Dogma. Luther hat dem einzelnen Christen die Freiheit, d.h. seinen Unmittelbarkeit zu Gott zurückgegeben, den der, Luther, durch das katholische Chistentum ihm, dem Gläubigen, genommen sah. In dieser Freiheit bin ich in der Lage selbst das Wort der Bibel zu verstehen, was nicht heißt, dass ich die kollektiv tradierte Erkenntnis der Kirche, ihrer Pastoren nicht ernstnehmen sollte, solange sie vor Gott ernsthaft erscheinen.

Nun ist mir Gott, nicht die Kirche Trost in den letzten Fragen, die niemand, nicht einmal ich selbst mir wirklich beantworten kann, aber so daher ein Trost und Sicherheit.

Dieselbe Haltung, aber für ein anderes Reich, nämlich das Reich der Freiheit im Diesseitigen scheint/ist mir gegeben im Vermächtnis dessen wonach dieser Blog fragte, des Linken in Politik und Philosophie. Da gibt mir die marx´sche Methode zur Theorie und Praxis von Gesellschaft die Schrift, aber nicht die letzte Gewißheit. Aber nur was ich im Sinne des linken Projektes tue, eröffnet mir überhaupt die Möglichkeit im diesseits die Folgen des eigenen Handelns positiv zu erleben, mindestens zu erahnen.

Das denke ich

antwortet
Uwe Theel

rotstift 31.05.2010 | 02:22

Na ja, lieber misterL, das Problem ist aber doch, dass durch die ziemlich rabiate Senkung des durschnittlichen Reallohns chinesische zustände bald wieder einzuiehen können (ich glaube dass ist langfristig auch gewollt von manchen), dass heißt Klassenkampf ist trotzdem da, und wenn es der Kampf darum ist, dass alles wieder so sein soll wie im goldenen Zeitalter von 1840 als weder diese dummen gewerkschaften noch irgendwqelche linek Parteien das Bild störten. Sie wollen wieder dahin zurück, und den Anfang haben sie mit Hartz IV gemacht - du sagst Klassenkampf in Westeuropa nicht mehr? Ich sage: noch nicht. Seine Abwesenheit ist relativ, seine Anwesenheit absolut. Kapitalismus eben.

Uwe Theel 31.05.2010 | 02:24

@ misterL am 30.05.2010 um 20:28

tja misterL,

ich weis nicht genau, inwieweit die "Position des Alphatiers" mehr empirisch gestütze Beschreibung von bestehenden Verhältnissen, im Extrem nur "Vernatürlichung" gesellschaftlich und historischer Verhältnisse darstellt.

Wenn die Evolution Anpassung im Sinne des Weiterlebens erfolgreicher Merkmale ist, dann geht das sicher nicht durch das bewußte (?) An- oder Abschalten von Genen? - Oder wie hast Du das gemeint.

Dass Menschen, Menschen Grenzen setzen, d.h. Regeln aufstellen und befolgen, heißt nicht notwendig sich in Unfreiheit zu verfassen.

Da müsstest Du schon konkreter, am historischen Beispiel argumentieren.

Einen schönen Wochenanfang wüncht
Uwe Theel

Uwe Theel 31.05.2010 | 20:31

@ misterL am 31.05.2010 um 16:08

Lieber misterL, im gegensatz zu Deinem ersten gesprächsngebot komme ich mit dem hier überhaupt nicht zurande.

Wenn ich Dich recht verstehe, willst Du ein Argument bilden, dass Herrschaftsverhalten, das andere durchaus also auch als Unfreiheit erfahren dürfen, Alphatiere seien offenbar ebenso natürlich und unvermeidlich erklären, als es egnetisch genetisch bedingt sei. Das ganze stelle ein evolutionsbiologisch positives Merkmal dar.

Dann bringst Du mir jetzt das Beispiel des Altruismus, der "Staatenbildung" der Blattschneiderameise, die ja auch ohne Bewußsein und Moralempfinden sich im Zuge der Arterhaltung durchsetzten. - Sorry aber ich sehe diese Verameisung menschlicher Vergesellschaftung nicht, die Lösung des intelligenten Superorganismus sogar eher als mir unheimlich. Besonders, wenn Du mir dann als Beleg den speziellen Befund der Triggerung von Drogen-Suchtverhalten (!!!!) wie Alkoholismus, Nikotinsucht durch sozialen Druck, als allgemeinen Mechanismus der sozialen Verhaltensauslösung anzudienen scheinst.

Bis heute hat mich Darwin eigentlich nicht erschreckt. Soll er wirklich so mechanistisch gesehen weren müssen?

Einziger Trost aus Deinen Hinweisen für mich: Wenn Die Natur schon dimmt und nicht nur ein und ausschaltet, dann ist mir das ein erneuter Beweis dafür, dass der menschliche Geist sich nie wird in einer Turingmaschine ab- oder gar nachbilden lassen.

misterl 31.05.2010 | 23:43

Uwe.

verzeih, aber Du wertest aus meiner Sicht viel zu schnell.

Es geht zunächst einmal doch nur darum festzustellen, das Genetik immer vorhanden ist und sich per sozialer Umgebung steuern läßt. Die Richtung sei hier erstmal genauso egal wie die Stärke mit der dies prinzipiell geht. Es gilt zunächst einmal nur ein sehr wahrscheinliches Faktum festzuhalten.

Gene sind vorhanden. Wenn es Verhaltensgene gibt, so sind auch diese zunächst einmal als Option dar. Sie lassen sich nicht wegradieren, selbst dann nicht wenn sie abgeschaltet sind.

Wenn wir diese sehr wahrscheinlichen Fakten als Basis nehmen, dann ist jedes philsophisch fixierte Menschenbild faktisch zunächst einmal bestenfalls eine Option und keineswegs a priori in der Welt. Damit wird aber jeder Theorie basierend auf festen Menschenbildern ein recht relative Angelegenheit.

Man kann an der Stelle dann den Faden aufnehmen und sich zB Fragen welche kulturellen Prägungen sorgen für das ab.-, einabschalten von sozial genetischen Optionen oder dem Dimmen derselben an oder in bestimmte/n Orten oder Lebenslagen?

Uwe Theel 01.06.2010 | 00:13

@ misterL am 31.05.2010 um 21:43

misterL

verzeihe mir, wenn ich zu geschwind daher komme, es war nicht die Absicht, das Blog ist ein zu begrenztrer Raum.

Zur Sache:

Auf der abstrakten Ebene wie Du im Augenblick (am 31.05.2010 um 21:43) argumentierst, brauche/kann ich Dir nicht einmal etwas entgegenhalten. Du scheinst grundsätzlich die Offenheit "des Systems" zu formulieren, die auch ich annehme.

Dann aber scheint mir Dein Modell eine irgendwie hinterrücks wieder einsetzende determinierende Tendenz zu haben, dass von der Offenheit (Freiheit), für mich zuviel, wieder zurückzunehmen scheint.

In meinem Denken spielt die Figur des Anwendens von sets of rules, - in ihrer Zahl endlich abzählbar -, eine entscheidende Rolle. Diese "Regelsätze", die durchaus als genetisch verankert angenommen werden, können, erlauben es aber, eine unendliche Anzahl von Handlungsakten, des Sprechens, Denkens und Handelns darüber und über der Wirklichkeit zu ermöglichen.

Am Beispiel der Sprache: Mit einer endlichen Menge phonologischer, syntaktischer und semantischer regeln kann ich einen unendliche Anzahl von (natürlich sprachlichen) Sätzen im realen Kommunikations- und Handlungsraum bilden.

Die Determiniertheit, Rigidität der genetischen Vorgabe, wird dadurch "aufgelöst" in einen freien Umgang damit. - Die Stimulierung durch Umwelt tritt dann dazu und bedingt den Prozess, das Ergebnis mit.

Ich gebe zu, das ist einen sehr abstrakte materielle Definition von Freiheit, aber nur von daher kann ich Praxis denken und realisieren.

Jetzt mach ich mal einen Absatz.

LG
ut

j-ap 01.06.2010 | 01:02

(Ihr Kommentar v. 31.05.2010 um 00:07)

Lieber Herr Theel,

vielen Dank für Ihre Antwort. Ganz grundsätzlich stimme ich Ihrem zwar nicht ausdrücklich vorgestellten, aber wohl mit-gemeinten Begriff zu, wonach Wissen Einsicht in die Möglichkeiten sei. Ich tue mich ja selbst schwer, mich in der Nähe irgendeiner etablierten "Schule" zu verorten, aber am ehesten und weitesten trifft das noch für den Kritischen Rationalismus zu.

Und als solcher, als ein kritischer Mensch, habe ich durchaus meine liebe Not damit, wenn ich bei Marx lese:

»Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflosung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.« [MEW I.2, hier in aktueller Transkription]

Was meint Marx mit »vollendetem Naturalismus«? Er behauptet eine naturgemäße Vollendung eines historischen Prozesses im Sinne einer teleologischen Geschichtsauffassung. Marx selbst ist dabei noch nicht einmal sonderlich konsistent, wenn er zwar einerseits von einer 'naturgesetzlichen' Entwicklung der Geschichte in einer Reihe von Klassenkämpfen spricht, dann aber anschließend dieser — vermeintlich evidenten — Wahrheit selbst nicht so recht vertraut.

Die vielen Widersprüche in dem inhomogenen Marxschen »System« aus Materialismus, Hegelscher Dialektik, ökonomischer Theorie und teleologischer Geschichtstheorie sind zT Folge seines Eklektizismus: Er nahm Ideen von Vico (Feuerbach-Thesen!), Hegel (Dialektik), Smith/Ricardo (Arbeitswertlehre) und Owen auf. Und die frühen Sozialisten bedienten sich ihrerseits wiederum bei Babeuf, bei Dézamy, bei Buonarroti et al., in ihren christlichen Wurzeln eben auch bei Fiore (wo kam denn der "Weltgeist" her? Doch wohl nur bei von Fiore prognostizierten Zeitalter des Hl. Geistes!), Weitling mag dafür Zeuge sein.

Wenn »vollendeter Naturalismus« im Marxschen Sinn naturgesetzlichen Status hat, dann behauptet er mehr, als Naturgesetze leisten können. Wesentlich behutsamer als Marx können wir das Phänomen der »Klassenkämpfe« als bedingtes Phänomen der Geschichte, als vermutete Regelmäßigkeit oder anthropologische Konstante in geschichtlichen Prozessen begreifen. Auch das geht schon viel zu weit, vom Begrifflichen einmal abgesehen, denn Klassenkämpfe im Marxschen Sinn sind erstens selten, stehen zweitens nur in losem Zusammenhang mit Revolutionen und sind drittens in keinerlei Sinn des Wortes »notwendig«, »objektiv« oder auch nur annähernd gut prognostizierbar.

Die Verdienste Marxens sind unbestritten. ZB. hat er die Abhängigkeit der Wissenschaft von ökonomischen Interessen klar erkannt und hat überhaupt sehr entscheidend dazu beigetragen, daß das Nachdenken, und zwar das gemeinsame Nachdenken über die Gesellschaft und die Bedingungen, in der und unter denen wir leben, als eine Kategorie des Diskurses möglich ist. Falsch ist der Schluß, daß »bourgeoise« Wissenschaftler eben wegen ihres falschen Bewußtseins die Entwicklung der Geschichte notwendigerweise 'falsch' (was heißt das?) interpretieren müssen.

Die Marxsche Dialektik liefert Metaphern. Sie ist aber in keiner Weise eine »Lösung des Räthsel[s] der Geschichte«, da verrät schon der Begriff »Lösung« die reine Absurdität.

Auf einer rein persönlichen Ebene habe ich es übrigens immer als einen besonders eklatanten Mangel empfunden, daß die meisten Marxisten — übrigens genau wie der Großteil der Christen, wenn es um 'ihre' Wahrheiten geht — so völlig humorlos sind. Die sind meistens viel zu sehr mit ihren ganz großen Rädern beschäftigt, als daß ihnen auffallen könnte, daß der Humor gerade wegen seiner Fähigkeit zur Zuspitzung und zum Einspruch oft die schärfste Form der immer notwendigen Kritik ist.

Es grüßt Sie
Ihr
J. A.-P.
Uwe Theel 01.06.2010 | 14:33

j-ap schrieb am 31.05.2010 um 23:02

„Was meint Marx mit »vollendetem Naturalismus«? Er behauptet eine naturgemäße Vollendung eines historischen Prozesses im Sinne einer teleologischen Geschichtsauffassung. Marx selbst ist dabei noch nicht einmal sonderlich konsistent, wenn er zwar einerseits von einer 'naturgesetzlichen' Entwicklung der Geschichte in einer Reihe von Klassenkämpfen spricht, dann aber anschließend dieser — vermeintlich evidenten — Wahrheit selbst nicht so recht vertraut.“

Lieber Herr Allensteyn-Puch,

in ihrem, dem o.a. Absatz lässt sich wohl ihre Fragestellung an mich zusammenfassen. Ich versuche zu antworten:

Den von Ihnen zitierten Marx und auch den aus meiner Einleitung im Hinterkopf, lässt sich m.E. dazu, in gewisser Kürze, zweierlei sagen:

1) Da Marx und Engels davon ausgehen, dass der Mensch immer schon der (ersten) Natur zugehört, diese nicht erst als „Lebensraum“ herstellen muß, sondern Vergesellschaftung ein Prozeß des Erhaltes dieser Einheit sein muß, kann er feststellen, das historisch hier eine Entfremdung des Menschen von dieser Natur, damit auch von sich selbst ist, deren Ursache er am Verdinglichungsprozess der kapitalistischen Produktionsweise nachzuweisen suchte (das steht dann sozusagen alles in den Philosophisch Ökonomischen Manuskripten, der Kritik der Politischen Ökonomie, im „Kapital“, „drei Bände, kürzer geht`s nicht“ ;-)). Vollendeter Naturalismus, heißt als die „Wiederherstellung der Einheit des Menschen mit der/seiner Natur.

2) Marxens Ziel, das er zum Ziel nicht „der“ Geschichte, sondern zum nächsten in der Entwicklung der Menschheit erklärt (Keine teleologische Endzielbestimmung also, solche wäre auch im Sinne des dialektischen Materialismus nur sehr schwer vorstellbar), ist die Aufhebung des Widerspruchs, der diese Entfremdung bedingt. Den Prozess, den er dafür verantwortlich macht, ist eben der, des der dem Menschen (=der Natur) entfremdeten Arbeit unter dem Kapitalgesetz. Der dabei zugrundeliegende, wirkende Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, kann nach Marx nur in revolutionärer Weise überwunden werden, dieser Weg ist für ihn der eines Kampfes, des Klassenkampfes. Wie immer man diesen Kampf als historisch ausgeformt und getragen betrachtet, als logische Figur der historischen Analyse ist er bis jetzt uneingeholt, was nicht heißt, dass er historisch aktuell nicht je wieder konkret fortgeschrieben werden muß, soweit „die Klassenkämpfe von oben“ dies zulassen.

"Rätselhaft" scheint das alles nur zu werden im Nebel ideologischer Verzerrung

Vertrauen tat Marx, tat Bloch, tut jeder wirkliche Linke auf die Möglichkeit der Verwirklichung dieses Ziels, sonst wäre an „links“ nichts links.

mfg
ut

P.S.: Nichts gegen Humor!

Uwe Theel 03.06.2010 | 01:52

@ all

Kein Schlußwort

Jetzt sind sieben Tage Blog herum, die "Normallaufzeit" eines Blogs hier im Freitag.

Ich möchte mich bei allen, die ernsthaft und mit positivem Engagement mitgemacht haben herzlich bedanken und hoffe es hat allen solchen Spaß gemacht wie mir.

Es tut mir leid, daß S.Heinel nicht mitgemacht hat, habe aber auch keine Erklärung, warum er das tat, nachdem er den "Wettbewerb" doch aus der Taufe gehoben hatte.

Es kann weiter geblogt werden

Uwe Theel