Was ist eigentlich "links"? - Individuum – Freiheit – Gesellschaft

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Was ist „links“?

Eine große Frage. Immer wenn ich sie höre, fallen mir Ernst Blochs erste drei Sätze in seiner „Tübinger Einleitung in die Philosophie“, "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst." ein und daß ich weiß, daß dieser Weg ein Weg in die Freiheit sein muß. Bloch vergißt in den drei o. zitierten Sätzen zudem nicht, wenn es auch scheinbar nur wie beiläufig erscheint, daß darin auch der Schritt vom „Ich“ zum „Wir“ begründet liegt, d.h. der gewaltige Schritt der Vergesellschaftung des Menschen, daß er nicht mehr alleine sei, sondern in Freiheit füreinander da. Nur in dieser Dialektik kann Freiheit als verwirklichte Emanzipation voneinander und doch in Gemeinsamkeit für den Menschen als im linken Sinne verwirklicht erscheinen.

Wie kann man dies verfehlen und sich trotzdem für links halten?

Es gibt einen Text, in dem jemand behauptet, zu wissen, was links sei, der sich die Frage scheinbar nicht mehr stellt. Ich spreche von Franz Müntefering und "Was links ist"; der ganze Text ist nachlesbar unter

www.fr-online.de/top_news/1670994_Was-links-ist.html

Müntefering steigt mit einem guten Satz, der allerdings nicht von ihm ist, in seinen Text ein

Links ist Freiheit! Willy Brandts Wort bleibt: “Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit. Die Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen. Freiheit des Gewissens und der Meinung. Auch Freiheit von Not und von Furcht.” Ein anspruchsvolles linkes Vermächtnis.

Dann läßt er den Satz zerbröseln, indem er unstreitbare Werte der bürgerlichen Revolution aufmarschieren läßt und uns weis zu machen sucht, die Linke würde diese als zu selbstverständlich nehmen. Das belegt oder erklärt Müntefering aber nicht weiter, sondern läßt es als Vorwurf gegen die links der SPD stehenden Linken stehen, den er dann völlig diffus wieder abschwächt, ohne ihn aber zurückzunehmen:

Natürlich: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Diese Grundwerte sind linker Konsens. Aber gerade weil sie so selbstverständlich sind, haken Linke diese Wahrheiten zu schnell zustimmend ab und wenden sich der Gesellschaft zu. Denn - richtig - Politik fängt bei der Gesellschaft an.

Ja und dann kommt sein „Trotzdem“, was in diesem Zusammenhang nur heißen kann: So, wie die linke Linke sich das vorstellt geht`s nicht, ein richtiges Individuum kennen die nicht, dann wird auch keine Freiheit verwirklicht werden:

Trotzdem: Vor der Gesellschaft kommt das Individuum. Das Individuum steht im Zentrum der linken Idee. Freiheit ist der unbedingte Respekt vor dem Individuum, vor jedem einzelnen Menschen gleicher Weise.

Alles, was dann im Text noch kommt über Solidarität der Werktätigen, deren Voraussetzung und Möglichkeiten, könnte nun gemessen werden an der „fortschrittlichen“ SPD-Politik seit sagen wir mal nur Schröder, aber ich will Münteferings scheinheiliges und höchst ideologisches Argument widerlegen (einen etwaigen Unterschied zum bürgerlichen Begriff des Individuums und seiner Freiheit deutet Müntefering nicht einmal an):

Der Linken zu unterstellen, sie habe keinen Begriff vom Individuum, seiner Freiheit oder vernachlässige diese mindestens sträflich, ist schlicht unverschämt.

Ich bin sicher, Müntefering ist eben nicht in der Lage, einen Text wie den Folgenden angemessen zu verstehen:

Die Individuen sind immer und unter allen Umständen von sich ausgegangen, aber da sie nicht einzig in dem Sinne waren, daß sie keine Beziehung zueinander nötig gehabt hätten, da ihre Bedürfnisse, also ihre Natur, und die Weise, sie zu befriedigen, sie aufeinander bezog (Geschlechtsverhältnis, Austausch, Teilung der Arbeit), so mussten sie in Verhältnisse treten.

Da sie ferner nicht als reine Ichs, sondern als Individuen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Produktivkräfte und Bedürfnisse in Verkehr traten, in einen Verkehr, der seinerseits wieder die Produktion und die Bedürfnisse bestimmte, so war es eben das persönliche, individuelle Verhalten der Individuen, ihr Verhalten als Individuen zueinander, das die bestehenden Verhältnisse schuf und täglich neu schafft. …

Es stellt sich hierbei allerdings heraus, daß die Entwicklung eines Individuums durch die Entwicklung aller anderen, mit denen es in direktem oder indirektem Verkehr steht, bedingt ist, und daß die verschiedenen Generationen von Individuen, die miteinander in Verhältnisse treten, einen Zusammenhang unter sich haben, daß die Späteren in ihrer physischen Existenz durch ihre Vorgänger bedingt sind, die von ihnen akkumulierten Produktivkräfte und Verkehrsformen übernehmen und dadurch in ihren eigenen gegenseitigen Verhältnissen bestimmt werden.

Kurz, es zeigt sich, daß eine Entwicklung stattfindet und die Geschichte eines einzelnen Individuums keineswegs von der Geschichte der vorhergegangenen und gleichzeitigen Individuen loszureißen ist, sondern von ihr bestimmt wird. (aus:. K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 423.)

Brandt hat noch gewußt, was er meinte, wenn er „Freiheit von Not und von Furcht“ forderte, um frei zu sein. Es ist der alte marx´sche Anspruch, daß, der Mensch durch sein gesellschaftlich bedingtes, materielles Verhältnis zur Arbeit als Klassenwesen und als Individuum gleichermaßen nicht mehr geknechtet sei. Individualität ist eben keine individuelle, sondern eine gesellschaftlich-historische. Deshalb setzt linke Politik tatsächlich an der Gesellschaft an und kommt beim einzelnen Menschen an.

Wie sie da ankommt, davon haben Müntefering, die aktuelle deutsche Sozialdemokratie keine Ahnung, denken sich dies höchstens im Sinne der bürgerlich vertraglichen Überwindung eines Naturzustandes, wie es die alten Theoretiker von Hobbes bis Rousseau sich noch dachten. Der Mensch wird, es sei noch einmal betont, von Marx und Engels als immer schon vergesellschaftet und individuell existierend in einem erkannt, er muß sich nicht erst aus einem Naturzustand lösen, wenn er sich in der Reproduktion, je historisch gebunden, Verkehrsformen und „Überbau“ (Rechtsformen, politische Institutionen, etc.) schafft, d.h. lebt.

Freilich, das Wissen um den Weg für die Überwindung der Klassenherrschaft unter der diese Vergesellschaftung schon immer auch erfolgt, ist aus dem eben mit Marx entwickelten linken Gesellschafts- und Individuumsbegriff noch nicht direkt ableitbar.

Dafür müßte hier ein eigenes Kapitel folgen, das aber von mir hier nicht zu leisten ist.

Worauf es mir ankam, war der Aspekt eines linken Menschenbildes als vergesellschaftetes Wesen, dessen wie immer auch geartete „Natur“ nicht zur Disposition steht. Die Linke will nicht den Menschen in seiner „Natur“ ändern, sondern die äußeren gesellschaftlichen Verhältnisse unter denen er individuell geknechtet ist. Da der Mensch unveräußerlich frei geboren ist, wäre es widersinnig und empirisch im übrigen bis jetzt auch nicht im materiellen Sinne belegt, ihm eine unveränderbare Natur anzudichten, die ihn zwänge, andere zu knechten. Knechtschaft ist eine Resultante von praktizierten Verkehrsformen unter bestimmten Bedingungen des Wirtschaftens. Hier die "natürliche Agressivität" als Beweisgrund dagegen anzuführen, hieße, dieser einen zielgerichteten Inhalt zu geben, den sie evolutionstheoretisch nie haben könnte. Tatsächlich ist der Mensch frei, sowohl das eine (d.h. zu knechten), wie das andere (d.h. als Assoziation freier Individuen zu leben) zu tun. Da er aber wissen kann (qua Rationalität), was Freiheit für alle ist und was nicht, ist immer überprüf- und feststellbar, ob sich die Gesellschaft für oder gegen sie entschieden hat, d.h. der linke Anspruch ist positiv einklagbar, das reaktionäre Gegenteil ebenso von links her anklagbar. Das Umgekehrte gilt nicht, wäre auch schon gar nicht links.

Linkssein heißt, praktizierte Verkehrsformen unter bestimmten Bedingungen des Wirtschaftens im Namen von Freiheit radikal in Frage zu stellen und nach Alternativen zu suchen und zu verwirklichen, nicht nur nach Mitteln der Einhegung der „schlimmsten Auswüchse“ der „(be)herrschenden“ Zustände zu suchen. Es ist der Anspruch und die Praxis auf das Vermächtnis der Aufklärung, das da heißt Emanzipation des Menschengeschlechts.

Der Weg ist das Ziel. Dort werden wir, die Menschen, sein. – So ähnlich hat das Martin Luther King in Mason Temple in Memphis, TN am 3 April, 1968 glaube ich auch gesehen.

__________________________

Links:

1) Hier der Link zur Auschreibungsseite von S.Heinel:

www.freitag.de/community/blogs/s-heinel/wettstreit-was-ist-eigentlich-links

Dort wird Herr Heinel ab 26.5.2010 in einem Register auf alle einlaufenden Beiträge verlinken, sodass außer über die Suche auch von dort aus die Einzelbeiträge angesteuert werden können.

2) Die Links zu zwei interessanten Blogs zum Thema, mit denen Angelia schon, wie sie selbst sagte, "vorgeprescht" war

www.freitag.de/community/blogs/angelia/einladung-zum-brainstorming-was-ist-das-wesen-einer-linken-bewegung

www.freitag.de/community/blogs/angelia/liebe-brainstormer:

19:00 26.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Uwe Theel

Profilscheinwerfer stellen durch Einsatz eines Doppellinsensystemes den Projektionsbereich scharf. Die Abgrenzung zu den Dunkelbereichen ist präzise.
Uwe Theel

Kommentare 125

Avatar
damian-bold | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
fidelche | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar