Die Rumänische Revolution begann in Temeswar

1989 Die Rolle der westrumänischen Stadt beim Sturz der Ceaușescu-Diktatur vor 25 Jahren
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»In Temeswar, der europäischsten Stadt Rumäniens, entzündete sich der Volksaufstand, der mit der Herrschaft Nicolae Ceaușescus ein kommunistisches Terrorregime hinwegfegte, das in seiner Rückständigkeit und Realitätsferne in der europäischen Nachkriegsgeschichte einzig ist. Mit ihrem Willen zur Befreiung haben die Bürger von Temeswar über Militär und Securitate gesiegt, und mit ihrem Blut haben sie dafür bezahlt, dass der Name der Stadt heute in aller Welt als Symbol der Freiheit gilt.«[1] Im Dezember 2014 vollendeten sich 25 Jahre seit Temeswar zur ersten freien Stadt Rumäniens wurde.

Ausgelöst durch die Nachricht von der bevorstehenden Verhaftung des regimekritischen Pfarrers László Tökés kam es am 16. Dezember 1989 in Temeswar zu einer Protestdemonstration mehrerer hundert Menschen. Sie forderten zuerst »Brot und Milch«, dann aber verwandelte sich die Demonstration in einen sozialen Protest gegen das Regime. Vor dem Sitz der Kommunistischen Partei wurde zum ersten Mal »Freiheit« gefordert und »Nieder mit Ceauşescu« gerufen. Als einen der wichtigsten »Aufwiegler« identifizierte der Geheimdienst Securitate den Studenten Josef Straub, der in hohem Maß bei der Mobilisierung der Demonstranten beteiligt gewesen sei. Am 17. Dezember waren bereits Zehntausende auf den Straßen. Es gelang der Menge das Parteigebäude zu besetzen, Fenster wurden eingeschlagen, Ceauşescu-Porträts zerstört. Die Funktionäre ergriffen die Flucht. Eine Studentin mit schulterlangem Haar stieg auf ein Fensterbrett und schwang die rumänische Fahne. Die Demonstranten erkannten die Symbolik und feierten sie unter »Freiheit«-Rufen als eine rumänische Jeanne d’Arc. Nach einem Gegenangriff wurde das Gebäude durch die Repressionsorgane zurückerobert. Überall in der Stadt fanden Kämpfe statt, Barrikaden wurden errichtet. Um 19 Uhr eröffneten Einheiten der Securitate und des Militärs das Feuer und richteten ein Massaker unter den Demonstranten an. Bilanz dieses Blutsonntags: 63 Tote und 326 Verletzte; über 800 Menschen wurden verhaftet und ins berüchtigte Gefängnis in der Popa-Șapcă-Straße gebracht, wo sie verhört und geschlagen wurden.

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Panzer auf dem Opernplatz in Temeswar. Foto: Balázs Pataki

Losungen skandierend zog gegen 20 Uhr ein Demonstrationszug von der Reformierten Kirche Richtung Kathedrale. Als die Revolutionäre die Mihai-Viteazul-Brücke überquerten, wurden sie ins Kreuzfeuer genommen. Die Schüsse kamen aus dem Park der Kathedrale und von einem Panzer, der aus entgegengesetzter Richtung auf die Gruppe zukam. Unter den Augen von Mihaela Caceu wurden ihre Schwestern Margareta und Mariana durch Kopfschüsse niedergestreckt. Auch die 25-jährige Angela Elena Sava wurde getroffen. Ein Jugendlicher, obwohl selbst verletzt, versuchte Angela zu helfen. Als er sie bewegte, sah er die Blutlache, erkannte ihren kritischen Zustand und brachte sie mit einem Taxi sofort ins Krankenhaus. Angela war am Kopf verletzt, sie blutete stark, lebte aber noch. Am 18. Dezember informierte jemand von »Kandia«, Angelas Arbeitsstätte, – er war bei der Demonstration am Vorabend dabei – Angelas Schwester über die Vorkommnisse. Obwohl dieser der Zugang zum Krankenhaus durch die Securitate verwehrt wurde, gelang es ihr, Gewissheit zu bekommen: Angela war tatsächlich dort, jedoch ... tot. Sie war den Folgen der Schussverletzung am Kopf erlegen. Im Bestreben, die Folgen des militärischen Eingreifens zu vertuschen, organisierte die Miliz in der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember den Abtransport der Leichen von 43 getöteten Demonstranten – darunter Angela Elena Sava und Margareta Caceu – aus dem Kreiskrankenhaus nach Bukarest, wo sie in einem Krematorium verbrannt wurden.

Am 19. Dezember traten die Arbeiter der ELBA-Fabrik in den Streik, tags darauf begann der Generalstreik in der ganzen Stadt. Ioan Marcu gelang es, die Belegschaft der Maschinenfabrik U.M.T. zu mobilisieren. Unter seiner Führung zog eine mehr als 4000 Arbeiter zählende Kolonne ins Stadtzentrum. Zehntausende aus allen Industriebetrieben der Stadt schlossen sich ihnen an. Mehr als 100 000 Menschen versammelten sich zwischen Kathedrale und Opernplatz. Praktisch war ganz Temeswar an der Revolution beteiligt. Eine Schlüsselszene ereignete sich an der Oper, als Claudiu Iordache sich vor die Soldaten stellte und sie ultimativ aufforderte, zu schießen oder sich zurückzuziehen. Daraufhin zog sich die Armee tatsächlich zurück und die Menge skandierte »Die Armee ist mit uns« und »Wir sind das Volk«. Mehrere Demonstranten drangen in die Oper ein. Gegen 14 Uhr gab Lorin Fortuna vom Balkon der Oper die Gründung der Rumänischen Demokratischen Front (Frontul Democratic Român) als revolutionäre politische Organisation bekannt. Sie erklärte Temeswar zur ersten freien Stadt Rumäniens. Claudiu Iordache, Ioan Chiș, Nicolae Bădilescu und Maria Trăistaru waren neben Fortuna Mitglieder des Exekutivbüros des Gründungskomitees der Demokratischen Front. Es wurde eine Proklamation verfasst, in der der Regierung ein Dialog über die Demokratisierung des Landes angeboten wurde. Die wesentlichen Forderungen: freie Wahlen, Einhaltung der Menschenrechte, Presse- und Demonstrationsfreiheit, Freilassung der politischen Häftlinge. Als Bedingung für die Aufnahme von Verhandlungen wurde der Rücktritt Ceauşescus verlangt. Die Proklamation wurde am nächsten Tag ab 9 Uhr stündlich unter dem enthusiastischen Beifall von über 150 000 Temeswarern vom Opernbalkon verlesen. Erst am 22. Dezember konnte das Dokument als Manifest in gedruckter Form erscheinen.

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Am 20. Dezember 1989 rief Lorin Fortuna vom Balkon der Oper Temeswar zur ersten freien Stadt Rumäniens aus. Foto: claudiuiordache.wordpress.com

Währenddessen belagerten 10 000 Demonstranten das Gebäude des Kreisparteikomitees. Dort hatten sich hohe Funktionäre von Partei und Regierung neben führenden Securisten und Generälen der Armee eingefunden: Constantin Dăscălescu, Emil Bobu, Ion Coman, Cornel Pacoste, Radu Bălan, die Generäle Emil Macri, Constantin Nuţă und Mihai Chiţac. Nach einem längeren Tauziehen akzeptierte die Staatsmacht schließlich die Aufnahme von Verhandlungen. Die Demonstranten bestimmten 13 Delegierte, um die Forderungen der Demonstranten vorzutragen, darunter Ioan Savu, Ioan Marcu, Petre Petrişor, Sorin Oprea und Petre Boroşoiu. Während des gesamten Nachmittags gaben diese den Kontakt zu den Leuten draußen, die ihr einziger Schutz waren, nie auf. Ioan Savu berichtete: »So nahm ich mir mein Notizbuch und schrieb die Forderungen auf, die in den Losungen der Demonstranten formuliert waren. Dann ergriff ich das Wort: ›Wer gab den Schießbefehl? ›Ich weiß es nicht‹, antwortete Dăscălescu, ›ich bin erst seit kurzem hier in Temeswar.‹ ›Herr Premierminister, in Abwesenheit des Staatspräsidenten haben laut Verfassung Sie die ganze Macht‹, sagte ich. ›Wenn Sie diese Dinge nicht wissen, steht Ihnen Ihr Amt nicht zu.‹ Daraufhin drohten mir die anwesenden Generäle der Armee und der Securitate mit Erschießung. Doch ich wusste mich zu wehren. Ich ging hinaus auf den Balkon, nahm das Mikrofon, stellte mich vor, erzählte, wo ich arbeite, wo ich wohne, ›damit ihr wisst, wen ihr suchen müsst, wenn wir nicht mehr herauskommen oder später verschwinden.‹ Dann rief ich der Menge zu: ›Die Demonstration wird siegen!‹« Während vor dem Gebäude die Schreie »Wo sind unsere Toten?« immer lauter wurden, entstand nach und nach ein Forderungskatalog, der in ständiger Rücksprache mit der demonstrierenden Menge ergänzt und erweitert wurde. Er begann damit, dass die Toten und Verletzten zurückgefordert wurden; die für den Schießbefehl Verantwortlichen sollten bestraft, die Verhafteten freigelassen werden. Dann kristallisierte sich allmählich ein Kern von politischen Forderungen heraus: Rücktritt Ceauşescus und der Regierung, freie Wahlen, Demokratie, Pressefreiheit, Öffnung der Grenzen, Auflösung der Securitate.

Zur gleichen Zeit begab sich Ceauşescu, Normalität vortäuschend, auf einen Staatsbesuch in den Iran (18.-20. Dezember). Zuvor ordnete er an, alle, die gegen das Regime aufbegehren, zu liquidieren. Am Nachmittag und Abend des 20. Dezember griff die Revolution auf andere Orte des Kreises Temesch über: Lugosch, Lovrin[2], Hatzfeld, Großsanktnikolaus, Detta. Aus dem Iran zurückgekehrt, hielt Ceauşescu um 19 Uhr eine Fernsehansprache, in der er die Temeswarer »Huligans« beschuldigte, »in enger Zusammenarbeit mit reaktionären, imperialistischen Kreisen und ausländischen Spionagediensten« die Unabhängigkeit Rumäniens zerstören zu wollen. Die Verhandlungen im Parteigebäude zwischen dem ad hoc gegründeten Bürgerkomitee und dem Premierminister Dăscălescu wurden daraufhin abgebrochen. Einziges, aber wichtiges Ergebnis: die Freilassung der Verhafteten. Am Abend schlossen sich die Mitglieder des Bürgerkomitees den Revolutionären in der Oper an. Um 23 Uhr verhängte Ceauşescu den Ausnahmezustand über den Kreis Temesch.

Am 21. Dezember begannen auch in Arad, Hermannstadt, Târgu-Mureş/Neumarkt, Cugir, Kronstadt, Klausenburg und Reschitza Protestaktionen. Auch dort wurde scharf geschossen und es kam zu Opfern unter der Bevölkerung. In Bukarest wurde indessen eine offizielle Jubelkundgebung organisiert, auf der Ceauşescu das Volk zur »Verteidigung des Sozialismus und der rumänischen Unabhängigkeit« auffordern wollte. Mariana Stoica verfolgte das Geschehen zusammen mit ihren Arbeitskollegen von der Verpackungsfabrik Bukarest am Radio. Bereits kurz nach Beginn wurde die Rede Ceauşescus gestört. »Als wir die Buhrufe hörten und die Sendung unterbrochen wurde, haben wir alle geschrien und uns umarmt.« Für Mariana Stoica war klar: »Jetzt müssen wir kämpfen oder sterben.« Fassungslos starrte der Führer auf seine Untertanen, sein Gesicht erstarrte, minutenlang konnte er sich kein Gehör verschaffen. Auch die Fernsehdirektübertragung wurde unterbrochen. Danach verkündete Ceauşescu – bereits aus der Defensive heraus – die Anhebung der Mindestlöhne um zehn Prozent. Es war der letzte Auftritt des »Titanen unserer Zeit, des Künders der Goldenen Epoche, des Helden, des meistgeliebten Sohnes des Volkes« (KP-Organ Scânteia). Am Abend eröffneten die Repressionsorgane das Feuer aus automatischen Gewehren, Panzer rollten. Die Kämpfe dauerten die ganze Nacht an, Soldaten verbrüderten sich mit der aufständischen Bevölkerung. Am Morgen des 22. Dezember verhängte Ceauşescu das Kriegsrecht über das ganze Land. Nachdem im Fernsehen bekannt gegeben wurde, dass sich der Verteidigungsminister, »der Verräter Milea«, umgebracht habe, strömten Hunderttausende in die Bukarester Innenstadt, »wie die Wellen eines Flusses, der über die Ufer tritt«. »Es war erhebend«, blickt Mariana Stoica voller Stolz zurück.

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Praktisch war ganz Temeswar an der Revolution beteiligt. Foto: claudiuiordache.wordpress.com

Am Vormittag des 22. Dezember veröffentlichte die Führung der Demokratischen Front die »Finale Resolution der Temeswarer Volksversammlung bezüglich der Errichtung der wahren Demokratie und Freiheit in Rumänien«. Als Ziele wurden u. a. formuliert: Errichtung eines demokratischen Regimes, das die bürgerlichen Rechte und Freiheiten garantiert, freie Wahl des politischen und wirtschaftlichen Systems.

In Bukarest legte derweil Ceauşescu sein Schicksal in die Hände des Generals Victor Stănculescu, den er nach Mileas Tod zum neuen Verteidigungsminister ernannte. Dieser unterstellte jedoch mit seinem ersten Befehl die Armee dem Verteidigungsministerium, womit er Ceauşescu den Oberbefehl über die Streitkräfte entzog. Um 10:07 Uhr gab Stănculescu – entgegen den Weisungen Ceauşescus – der Armee den Befehl, das Schießen einzustellen. Gegen 11 Uhr ließ er die Panzer und die mehr als 1000 Soldaten vor dem Sitz des Zentralkomitees der Partei abziehen. Damit stellte sich die Armee endgültig auf die Seite der Revolution. Gegen 11:30 Uhr betrat Ceauşescu noch einmal den Balkon des Palastes und versuchte, zu den Demonstranten zu sprechen. Er wurde gnadenlos ausgebuht. Daraufhin entschlossen sich die Ceauşescus zur Flucht. Der um 12:06 vom Dach des Palastes abhebende Hubschrauber wurde zum Symbol des Sieges über die Diktatur. Die Menge jubelte euphorisch »Ceauşescu ist nicht mehr« und skandierte: »Wir sind frei!« Vom Balkon des Zentralkomitees verkündete Petre Roman, der spätere Premierminister, das Ende der »Goldenen Epoche«: »Jetzt und hier dekretieren wir den Tod der Ceauşescu-Diktatur.« Wenig später gelang den Revolutionären auch die Besetzung des Rundfunk- und Fernsehgebäudes. Der bekannte Filmregisseur Sergiu Nicolaescu rief die Bevölkerung auf, die Rathäuser und Parteizentralen zu besetzen, um das Regime komplett lahmzulegen. Der Politologe Silviu Brucan formulierte den »Übergang von der Diktatur zur Demokratie« als Ziel, auf das sich Rumänien jetzt zubewegen müsse. Mariana Stoica: »Wenn ich an jenen 22. Dezember zurückdenke, fängt mein Herz wieder Feuer, und was ich an diesem Ruhmestag erlebt habe, ist wieder Flamme himmelhoch.«

Noch am selben Abend begann in Temeswar und Bukarest die Konterrevolution. So genannte »Terroristen« provozierten Straßenkämpfe, die weitere Tote und Verletzte forderten. Gemäß den Rechercheergebnissen des Investigativjournalisten Răzvan Belciuganu waren diese Elemente Teil eines geheimen Widerstandsnetzes, das etwa 50 000 Elitekämpfer umfasste und vom militärischen Geheimdienst DIA (Direcția de Informare a Armatei) koordiniert wurde. Seit den rumänisch-sowjetischen Spannungen 1968 sah Ceauşescu die Sowjetunion als Hauptbedrohung an. Folglich wurde eine Struktur geschaffen, die im Falle einer Besetzung des Landes aktiv werden sollte. Überzeugt von einer ausländischen Beteiligung an den Ereignissen, aktivierte Ceaușescu am Abend des 21. Dezember über eine Telekonferenz die bewaffneten »Kampf- und Verteidigungsgruppen«. Als am 22. Dezember General Militaru, der als Mann Moskaus galt, zum neuen Verteidigungsminister designiert wurde, verstärkten diese ihre Aktivitäten. Die Spezialeinheiten griffen auch den Rundfunksender an, wo sich die Front zur Nationalen Rettung konstituiert hatte. Eine lebende Menschenmauer schützte das Gebäude vor den Ceauşescu-treuen Kämpfern. Die Zeitung Scânteia poporului rief am 24. Dezember zum bewaffneten Widerstand gegen die Konterrevolution auf: »Alle, die mit einer Waffe umgehen können, zu den Waffen!« Ein Revolutionsgericht verurteilte Nicolae Ceauşescu und seine Ehefrau Elena zum Tod durch Erschießen. Erst nachdem das Urteil am 25. Dezember vollstreckt wurde, stellten die »Kampfgruppen« der Partei den Kampf ein und verschwanden von der Bildfläche. Während der Westen, vor allem die USA – die gerade Panama überfallen hatten –, die schnelle Aburteilung des Diktators kritisierte, forderte das Volk Beweise für den Tod der beiden. Denn erst mit ihrer physischen Vernichtung war die Gewähr gegeben, dass die Diktatur wirklich zu Ende war.

Am 22. Dezember 1989 gab sich die revolutionäre Bewegung unter dem Namen Front zur Nationalen Rettung (Frontul Salvării Naţionale – FSN) eine politische und organisatorische Struktur. Die FSN übernahm die politische Führung der Volksrevolution und sicherte zusammen mit der Armee den Sieg. Basierend auf seiner revolutionären Legitimität übernahm der Rat der FSN die gesamte Staatsmacht, die alten Machtstrukturen wurden aufgelöst. Mit dem »Kommuniqué des Rates der Front zur Nationalen Rettung an das Land« als Basisdokument der Revolution wurde eine neue Seite in der Geschichte des Landes aufgeschlagen. Im Bewusstsein, dass nur durch eine zentrale Führung aller aufständischen Kräfte der endgültige Sieg der Revolution erreicht werden könne, beschloss die Demokratische Front aus Temeswar am 23. Dezember ihre temporäre Integration in die FSN. Nach Verhandlungen mit der Führung der Temeswarer Militärgarnison und der ehemaligen kommunistischen Kreisverwaltung wurde am 26. Dezember der Temescher Kreisrat der FSN mit Lorin Fortuna an der Spitze gebildet. 27 der 51 Mitglieder gehörten der Demokratischen Front an. Einen Tag später konstituierte sich der Temeswarer Stadtrat, in dem die deutsche Minderheit durch Karl Singer vertreten war.

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Temeswar, Heldenfriedhof: Die Märtyrer der Revolution bleiben unvergessen. Foto: mitropolia-banatului.ro

Am 12. Januar 1990, an dem landesweit der Toten der Revolution gedacht wurde, versammelte sich in Temeswar eine große Menschenmenge vor dem Kreisrat der FSN, aus deren Mitte der Rücktritt der politischen Führung des Kreises verlangt wurde. Nachdem ein Dialog mit den Protestierenden scheiterte, gab Lorin Fortuna den Forderungen der Demonstranten nach. Später benannte er ehemalige kommunistische Funktionäre, die Führung der Temeswarer Militärgarnison sowie ehemalige Mitarbeiter der Securitate und der Miliz als Drahtzieher. Der Kommandant der Militärgarnison, Generalmajor Gheorghe Popescu versuchte, die Führung des Kreisrates an sich zu reißen, was durch den entschiedenen Widerstand der Ratsmitglieder vereitelt wurde. Es folgte eine Art Zusammenarbeit zwischen Armeeführung und FSN mit dem Ziel, »Wahlen der Komitees und Räte der Front zur Nationalen Rettung in den Betrieben, Institutionen und Ortschaften« vorzubereiten. Am 27. Januar wählten 858 Delegierte als Repräsentanten von 171 700 Arbeitern und Angestellten in der Temeswarer Olympiahalle 27 Mitglieder des Stadtrates und am 29. Januar 51 Mitglieder des Kreisrates der FSN. Die Wahlen vom Januar 1990 in Temeswar werden von Experten als wahrhaftig frei eingeschätzt, da die politische Komponente fehlte: Es war eine reine Personenwahl. Wenige Tage später, Anfang Februar, löste sich die Rumänische Demokratische Front auf, da sie ihre Hauptaufgabe als erfüllt ansah und »um Symbol der Revolution von Temeswar bleiben zu können«.

Im Gründungsdokument des neuen Rumänien, dem »Kommuniqué des Rates der Front zur Nationalen Rettung an das Land« vom 22. Dezember 1989, wurden die Grundlinien der revolutionären Veränderungen gezeichnet, die tatsächlich umgesetzt wurden: in politischer Hinsicht der Übergang von einem totalitären System zu einem demokratischen Rechtsstaat, wirtschaftlich die Aufgabe der Planwirtschaft zugunsten marktwirtschaftlicher Strukturen und in den internationalen Beziehungen die Öffnung des Landes, die sich später in der Mitgliedschaft in NATO und Europäischer Union konkretisierte.

Am Anfang dieses Prozesses aber standen die Temeswarer mit ihrem Mut, ihrer Opferbereitschaft und ihrem verzweifelten Willen zur Veränderung. »Es ist wahrhaft ein heldenhaftes Stück Geschichte eines Landes und eines jahrzehntelang geknechteten Volkes, das an jenen denkwürdigen Dezembertagen 1989 erstmals in Temeswar mit Leid und Trauer geschrieben wurde. [...] Gedenken wir der Helden, die ihr Leben auf den Barrikaden ließen, all jener, die sich in großartiger Einheit – Rumänen, Deutsche, Ungarn und Serben – als lebende Kette der Freiheit die Hände reichten und die Diktatur zerschmetterten. ... Sie sind der Stolz eines heldenmütigen Volkes.«[3]

Anmerkungen:
[1] Klappentext des Buches Temeswar, Symbol der Freiheit, 1992
[2] Die Chronik der Rumänischen Revolution verzeichnet unter dem 20. Dezember 1989 Lugosch als zweite freie Stadt Rumäniens und Lovrin als erste freie Gemeinde des Landes.
[3] Neue Banater Zeitung, 22. Dezember 1990

Literatur:
BELCIUGANU, Răzvan: Manualul teroriștilor din decembrie ’89 [Das Handbuch der Terroristen vom Dezember ’89]. In: Jurnalul național, Ausg. 2010-12-22, Bukarest.
DERS.: Teroriștii din decembrie ’89: luptătorii din »Rezistență« [Die Terroristen vom Dezember ’89: Kämpfer des »Widerstand«]. In: Jurnalul național, Ausg. 2010-12-21, Bukarest.
BURAKOWSKI, Adam; Gubrynowicz, Aleksander & Ukielski, Paweł: 1989 – Toamna națiunilor [1989 – Herbst der Völker]. Bukarest 2013.
FORTUNA, Lorin Ioan et al.: Rolul Frontului Democratic Român în cadrul Revoluției Române din decembrie 1989 [Die Rolle der Rumänischen Demokratischen Front im Rahmen der Rumänischen Revolution vom Dezember 1989]. Timișoara 2006.
HABEN wir gesiegt? In: Neue Banater Zeitung, Ausg. 1990-12-22, Timișoara (ohne Autor).
ILIESCU, Ion: După 20 de ani. 1989 – an de cotitură în istoria națională și în viața internațională [Nach 20 Jahren. 1989 – Jahr des Umbruchs in der nationalen Geschichte und im internationalen Geschehen]. Bukarest 2010.
OCȘA, Alexandru et al.: Revoluția Română în Banat [Die Rumänische Revolution im Banat]. Craiova 2009.
RAU, Milo: Die letzten Tage der Ceausescus. Materialien, Dokumente, Theorie. Berlin 2010.
SIANI-DAVIES, Peter: The Romanian Revolution of December 1989. Ithaca 2005.
STOENESCU, Alex Mihai: Istoria loviturilor de stat în România, vol. 4 (I & II). »Revoluţia din decembrie 1989« – o tragedie românească [Geschichte der Staatsstreiche in Rumänien, Bd. 4 (I & II). »Die Revolution vom Dezember 1989« – eine rumänische Tragödie]. Bukarest 2004/2005.
STOICA, Mariana: Brief an Uwe Detemple. 1990-10-17, Bukarest [Dokument im Besitz des Autors].
VASTAG, Hans; Mandics, György & Engelmann, Manfred: Temeswar, Symbol der Freiheit. Wien 1992.

17:02 07.12.2014
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Geschrieben von

Uwe Detemple

Uwe Detemple ist Publizist, Blogger und Übersetzer. Veröffentlichung von Betrachtungen, Reportagen und Berichten; Buchautor.
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