„A Hund is er scho“

Plagiatsaffäre Viel hinter den Ohren und auf dem Gewissen: Karl-Theodor zu Guttenberg versteht es, sich jetzt als echter Bayer und CSU-Politiker zu präsentieren

Blödsinn, er sagte tatsächlich „Blödsinn“. Es sei Blödsinn in seiner Doktorarbeit, erklärte Karl-Theodor zu Guttenberg am Montagabend auf einer CDU-Veranstaltung in der hessischen Provinz, wohin ihm zwar nicht die lästigen Hauptstadt-Journalisten, sehr wohl aber ein Haufen Kameras gefolgt waren. Guttenberg entschuldigte sich außerdem „von Herzen“ bei denen, die er verletzt habe, was wiederum so sensibel klang, als meine er damit weniger die Leute, von denen er abgeschrieben hat, als vielmehr seine Familie, die traurig darüber sein dürfte, wie das Plagiat des Barons nun den Ruf des Adelsgeschlechts beeinträchtigt.

Wohlwollendes Lächeln breitete sich bei Guttenbergs Auftritt auf den Gesichtern der überwiegend älteren Parteianhänger aus - treuherzig gucken kann er, der junge Mann! - , am Ende wurde er bejubelt. Das gemeinsame Scherzen war dem Gelächter nicht ganz unähnlich, das Philipp zu Guttenberg in der Aachener Karnevalsgesellschaft erzeugen konnte, als er am Sonntag namens und in Vertretung seines Bruders den Orden wider den tierischen Ernst entgegennahm.

Die nach wie vor ungezählten Fans des Ministers haben den dringenden Wunsch, die Plagiatsaffäre nicht so ernst zu nehmen, und dazu machen sie Stimmung. Sie lassen die Kritiker des Ministers bierernst, so preußisch, verbissen, ja so lebensfeindlich dastehen. Diesen Mechanismus kennt man in der Heimat Guttenbergs, in Bayern ganz besonders gut: „A Hund is er scho“ ist dort der politische Adelstitel, der den ordentlichen CSU-Politiker erst wirklich auszeichnet. Hat so viel hinter den Ohren und auf dem Gewissen, und es doch noch stets durchgestanden, mit Kraft, mit Macht, auch Intrige, sowie einem Poltercharme (Franz Josef Strauß) oder einem gerissenen Charme (Horst Seehofer).

Linken wird dieser Titel nie zuteil. Denn die Zuschreibung funktioniert nur unter Konservativen, die sich ja ihrer von vornherein höherwertigen Moral ganz gewiss sind: Wer rechts ist, darf auch lügen.

Guttenberg muss sich diesen neuen Titel – „a Hund“ – natürlich erst einmal erarbeiten, das dürfte neu für ihn sein. Doch bildete der gestrige Auftritt in Kelkheim dafür schon einen ganz guten Start. Er wird dafür den ganzen Traditionsballast an seinen Füßen abschütteln müssen. Mit Ehre, Würde, Stolz qua Geburt hat diese Art Politikeridentität nur noch wenig zu tun, mehr mit Straßenköterqualitäten.

Doch die Legende, die ein Guttenberg darum stricken dürfte, wird sich eng an dem Kundus-Muster orientieren: habe Blödsinn geredet, Fehler gemacht, dazu gestanden, hat mich härter gemacht, Politik ist nichts für Weicheier, ich bin stolz darauf, war jetzt auch in Afghanistan an der Front, der Ministerberuf hält Feuertaufen bereit, ich stelle mich ihnen gern.

Es ist alles wirklich unappetitlich.

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12:15 22.02.2011
Geschrieben von

Ulrike Winkelmann

Ressortleiterin Politik
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Ausgabe 39/2020

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