Angreifen. Nicht kichern.

Rhetorik Plötzlich, ein ­großer Moment im Bundestag: Ursula von der Leyen führt vor, wie weibliche Machtdarstellung funktionieren kann

Sie pumpt. Der Atem ist beschleunigt, die Sehnen am Hals sind deutlich zu sehen. Das ganze Gesicht ein Schauspiel blanker Angriffslust. Kurz fährt die Zunge in die Wange. „Wo ist er überhaupt, Herr Gabriel, wo sind Sie? Wo ist Herr Gabriel? Wo ist er?“ Ursula von der Leyen öffnet die Arme in klassisch herausfordernder Pose: Komm her, du... du...

… Ob sie wohl „Elefantchen“ gedacht hat? Selten hat man ein so lebendiges Rededuell im Bundestag erlebt wie Anfang Dezember anlässlich der Hartz-IV-Reform. Die Arbeitsministerin von der CDU ließ sich – in ihrer Zweit-Funktion als Abgeordnete – das Wort zuteilen, nachdem der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel – in seiner Zweit-Funktion als einfacher Abgeordneter – ihren Vorschlag als „Bildungspäckchen“ bezeichnet hatte. Daraufhin verschwand er kurz zwischen den Stuhlreihen, weshalb von der Leyen ihn nun in ihr Sichtfeld zitierte.

Die Szene handelte erstens davon, was die Bundesregierung für Kinder aus Hartz-IV-Familien zu unternehmen gedachte und inwiefern die SPD das zu kritisieren hatte. Zweitens aber handelte sie davon, dass zwei herausragende Talente ihrer Parteien aufeinander losgingen wie zwei Kampfsportler – sehr unterschiedlicher Gewichtsklassen. Sigmar Gabriels Silhouette muss vielleicht nicht näher beschrieben werden, obwohl er jüngst offenbar abgenommen hat. Von Ursula von der Leyen ist bekannt, dass sie sich von Obstschnitzchen ernährt und entschlossen ist, mit der Regel zu brechen, wonach Berufspolitik jeden Körper schwammig werden lässt.

Im Falle von der Leyens gilt: Sie setzt von ihren höchstens 45 Kilogramm Kampfgewicht jedes einzelne effektiv ein. Sie beherrscht die Sprache der Machtpolitik körperlich, mimisch und rhetorisch, und sie versieht sie mit ihrem eigenen Akzent.

Ganze Kompendien sind schon darüber verfasst worden, welches die Mischung aus Zufall, Glück und Verstand war, die Angela Merkel zur ersten Kanzlerin hat werden lassen. Merkels Biographen sind bis heute erstaunt, dass eine Person mit so wenig sprachlicher Verve und Überzeugungskraft sich hat durchsetzen können.

An Ursula von der Leyen ist abzulesen, was Frauen in der Politik wahrscheinlich können müssen, wenn nicht gerade ein Helmut Kohl stürzt und sie trotzdem mit den Männern um die allerersten Plätze der Macht konkurrieren wollen: offen angreifen – und dabei nicht vom Blatt ablesen. Nicht kichern. Keine Scheu vor blöden Gesten: Natürlich darf die geballte Faust jede zweite Silbe, das Versmaß des Satzes niederfahrend begleiten. Keine Scheu vor Grimassen: Selbstverständlich verstärken aufgerissene Augen und zerfurchte Stirnen die Wirkung. Falsche Syntax olé: Was bedeutet überhaupt noch der vollendete Satz? Es zählt die assoziative Kette von Nebensätzen – Hauptsache, die Botschaft kommt rüber.

Von der Leyen gegen Gabriel: Selten wurde deutlicher, wie weibliche Machtdarstellung funktionieren kann – nicht als bloßes Imitat der männlichen Codes, sondern als deren Vervollkommnung. Man kennt sie besonders gut von SPD-Männern, diese Signale: das Röhren – man denke an Frank-Walter Steinmeier (nur auf Parteitagen) oder Klaus Wowereit –, das Betonen je-der-ein-zel-nen-Sil-be begleitet vom Oberkörperwippen (Oskar Lafontaine), das Raubtierlächeln eines Gerhard Schröder. Weil diese Vorgaben bei Männern so vertraut sind, werden sie den Staatsschauspielern abgenommen. Das ist das Geheimnis männlicher Machtrepräsentation: Sie wirkt, weil sie als Modell erprobt ist.

Frauen kommen dagegen jede als ein Unikat. Jede funktioniert nur als Einzelfall – wenn sie denn funktioniert. Es gibt in Deutschland nur so wenige Politikerinnen, die als Machtpolitikerinnen gelten und nicht bloß als respektable fleißige Lieseln, Quotenfrauen (bekennend: Familienministerin Kristina Schröder) oder Intrigantinnen mit reinem Hinterzimmer-Einfluss. Doch, natürlich, Angela Merkel: Die Kanzlerin kombiniert sture Repräsentation des Prinzips „Aussitzen“ mit beachtlichem Weitblick und angeblich mädchenhaftem Charme. Ulla Schmidt, die stärkste Frau der SPD der vergangenen zehn Jahre, lächelte ihre Gegner eisern nieder. Renate Künast spielt ihre Rolle in beinahe clownesker Dauermaskerade aus Schnoddrigkeit.

Von der Leyen macht etwas anderes. Eigentlich ist es nichts wirklich Einzigartiges. Ihre Gesten, ihre Mimik, ihr Sprechen, alles erinnert an das Repertoire der Machtmänner. Man merkt es nur erst nicht, weil es von einer sehr kleinen, sehr dünnen Frau kommt, die überdies den sonst üblichen Silbenausstoß pro Sekunde verdoppelt hat.

Man muss die Frau nicht mögen, man mag ihre Politik verabscheuen. Doch das Duell gegen Gabriel hat sie klar gewonnen.

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10:00 27.12.2010
Geschrieben von

Ulrike Winkelmann

Ressortleiterin Politik
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Ausgabe 42/2021

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