"Das ist der feministische Grundirrtum"

Familienpolitik Elterngeld und Kitaplätze sollen nur die Eltern dem Marktdiktat unterwerfen, sagt Kostas Petropulos vom Heidelberger Familienbüro. Er fordert ein Erziehungsgehalt

Der Freitag: Herr Petropulos, seit der Einführung des Elterngeldes zum Jahr 2007 ist die Geburtenrate in Deutschland kurz angestiegen und dann wieder auf das alte Niveau gesunken. Nun meldete das Familienministerium kurz vor Weihnachten, dass im ablaufenden Jahr 2010 doch wieder mehr Kinder geboren worden seien als zunächst gedacht.... Wirkt das Elterngeld vielleicht doch?

Kostas Petropulos: Erstens sind die gestiegenen Geburtenzahlen noch keine Aussage über die Geburtenrate, denn die Rate misst die Kinder pro Frau und hängt daher auch an der Jahrgangsstärke der potenziellen Mütter. Das haben leider auch die Familienpolitikerinnen wie Ministerin Kristina Schröder nicht begriffen, die angesichts der jüngsten Zahlen gleich hurra riefen. Sollten sich die Zahlen aber erhärten lassen, dürfte es zweitens zuletzt das Elterngeld gewesen sein, das den möglichen Anstieg Trendumkehr bewirkt hat, sondern vor allem die günstige Konjunktur und die verhältnismäßig gute Lage am Arbeitsmarkt.

Endlich: Mehr Kinder dank Exportindustrie!?

Nach allen Erkenntnissen ist der wichtigste Faktor, ob Menschen sich für ein Kind entscheiden, ihr je persönlicher wirtschaftlicher Ausblick.

Das muss doch eine familienpolitische Institution wie Sie verzweifeln lassen, dass nicht bekannt ist, ob es überhaupt wirksame familienpolitische Instrumente gibt.

Das lässt mich nicht verzweifeln, das bestärkt mich in meiner Annahme, dass Familienpolitik sich nicht auf Elterngeld und Krippenplätze beschränken lassen darf, sondern mindestens so komplex gedacht werden muss wie etwa Konjunkturpolitik. Unsere Familienpolitik in Deutschland aber ist ein ausgesprochen mageres Modell, die reine Fortsetzung der Arbeitsmarktpolitik mit anderen Mitteln: Davon ausgehend, dass nicht mehr ein einzelnes Einkommen reicht, um eine Familie zu ernähren sondern zwei Einkommen nötig sind, wird alles darauf ausgerichtet, die Mütter im Arbeitsmarkt zu halten, und zwar am liebsten Vollzeit.

Ganz recht. So fordern es die Feministinnen seit hundert Jahren. Denn nur der freie und gleiche Zugang zum Arbeitsmarkt garantiert Frauen Gleichberechtigung.

Ich nenne das den feministischen Grundirrtum. Die Frauen suchen die Gleichwertigkeit allein in der Arbeitswelt, wo doch aber alle Regeln von Männern gemacht wurden und weiterhin gemacht werden. Um Gerechtigkeit zu schaffen, müsste die Gleichwertigkeit aber auf dem Feld der Familienarbeit gesucht werden, und zwar mit dem zentralen Mittel, das die Gesellschaft kennt, um Anerkennung auszudrücken: Geld. Wir brauchen ein Erziehungsgehalt...

… mit dem die Frauen dann allesamt wieder nach Haus an den Herd geschickt werden. Dann bekommen sie eben 600 oder 700 Euro dafür, dem Mann die Bude sauber zu halten und ihm zum Abendessen die gewaschenen Kinder vorzuzeigen.

Ich glaube, dass wir inzwischen so weit sind, dass auch Väter mehr von ihrer Familie sehen und erfahren wollen. Die Frauen beweisen im Bildungsbereich, was sie können, sind zum Teil sogar besser als die Männer. Frauen wie Männer brauchen aber eine Aufwertung der Zuwendungsarbeit, die ja mit Pflege älterer Angehöriger mehr umfassen kann als Kindererziehung. Unsere Gesellschaft jedoch wertet systematisch alles ab, was nicht unmittelbar marktnützlich ist. Die Eltern sollen maximale Produktivität im Beruf entfalten und Kinder bekommen, die sie ganztägig in Krippen betreuen lassen sollen. Der enorme Stress, der dadurch verursacht wird, ist mittlerweile in vielen Studien erfasst. Stattdessen könnte man den Eltern die 600 bis 1.000 Euro, die ein Krippenplatz kostet, auszahlen: Damit können sie auf Teilzeit gehen – oder eben einen Krippenplatz kaufen.

Diese Väter, an denen Sie mehr Familienwillen erkennen, stellen sich dank Elterngeld ja immerhin nun auch ein paar Wochen an den Wickeltisch – jedenfalls jeder fünfte von ihnen. Elterngeld-Fans, denen nicht bloß die Kinderquote der Akademikerinnen am Herzen liegt, werten dies als ersten Schritt zur Aufweichung der Arbeitszeiten...

Das halt ich für eine schöne Illusion. Es ist, mit Verlaub, ein Kinderglaube. Über 80 Prozent der Väter, die überhaupt Elternzeit nehmen, machen dies für bloß acht Wochen. Im Betrieb fällt das unter „geduldeter Väterurlaub“, und beim besten Willen nicht unter „Revolution der Arbeitswelt“.

In Schweden scheint das Krippen-Betreuungsmodell samt am Arbeitsmarkt – auch in Führungsetagen – integrierter Frauen plus Elterngeld zu funktionieren.

In Schweden gehen selbst Ministeriums- und Führungskräfte um 17 Uhr nach Hause. Die Vergleiche mit anderen Ländern sind schwierig. Auch in Frankreich wird – noch – großenteils protektionistisch gewirtschaftet, zu ganz anderen Arbeitszeiten, als wir es kennen. Der deutsche Arbeitsmarkt ist eisenhart globalisiert...

…Genau deshalb wird er aber seine hochproduktiven Arbeitskräfte nicht aus den Klauen lassen und es zuallerletzt dulden, dass die Leute sich mit einem Erziehungsgehalt in Teilzeitjobs verdrücken und ihrem Nachwuchs den halben Tag lang Pixibücher vorlesen.

Exakt darum muss es aber gehen! Eltern sind doch nicht nur reine Werkzeuge zur Steigerung des Bruttosozialprodukts. Sie brauchen genauso den Raum und die Zeit, um ihre Kinder im Alltag begleiten. Zusammenleben mit Kindern nicht als Dauerhetze, sondern als Bereicherung des eigenen Daseins – das wäre auch eine Ermutigung für junge Paare, die mit Nachwuchs zögern. Entlohnte Familienarbeit ist deshalb die Chance für ein freies Familienleben und damit zugleich eine völlig neue Zukunftsperspektive für unsere Gesellschaft. Klar, dass diese Aussicht den Betrieben in Zeiten schwindender Fachkräfte nicht gefällt. Aber die Demografie kann die Verhandlungsmacht der jungen Leute, auch der Eltern stärken. Und die Politik sollte ihnen beistehen, wenn wir nicht als hochproduktives Altersheim enden wollen.

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Ihre Freitag-Redaktion

09:30 01.01.2011
Geschrieben von

Ulrike Winkelmann

Ressortleiterin Politik
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Ausgabe 42/2021

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