Durchlauferhitzt in den Arbeitsmarkt

Universitäten Ministerin Schavan verspricht, dass auch Bachelor-Absolventen schöne Jobs finden. Die Union will sie aus den Master-Studiengängen heraushalten

Kleiner Trost für die vielen Studienanfänger, die sich gerade an den Universitäten und Fachhochschulen drängen: Der Bachelor ist auch etwas wert. Nicht ganz zufällig platzierte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) ihre Pressekonferenz auf den gestrigen Dienstag, um eine Studie mit entsprechend aufbauendem Ergebnis vorzustellen: Auch Bachelor-Absolventen finden Jobs, die ihnen gefallen. Schließlich tummeln sich an den Hochschulen in diesen Wochen derzeit mehr Studienanfänger denn je, denn aus unzähligen Schulen strömen doppelte Abiturienten-Jahrgänge: diejenigen, die noch 9 Jahre zum Gymnasium gegangen sind (G9) und diejenigen, die schon die verkürzten „G8“-Durchläufe hinter sich haben. Hinzu kommt ab sofort die Abschaffung von Wehrpflicht und Zivildienst – mehr Jugend war seit Jahrzehnten nicht an den akademischen Bildungsstätten als in diesem Jahr.

Außerdem aber wollte Schavan medial auf die zweite „Bologna-Konferenz“ am Freitag hinführen, wo der „Bologna-Prozess“ ausgewertet werden soll, der in Deutschland zur Umstellung der Studienabschlüsse von Diplom und Magister auf Bachelor und Master führte. Dass diese 1999 begonnene Reform nicht nur die Studienpläne gestrafft, teils verstopft hat, sondern auch zu ganz neuen Verunsicherungen über die Job-Perspektiven führen würde, haben die Studierenden selbst als Letzte begriffen. Seither aber reagieren sie nachvollziehbar: Drei Viertel von ihnen wollen nach dem sechs- oder achtsemestrigen Bachelor auch den Master noch machen. Doch die Wissenschaftsbehörden haben dies nicht für sie geplant und daher die Zugänge zu den Masterstudiengängen beschränkt.

Seid willkommen am Arbeitsmarkt!, ruft Schavan ihnen nun zu und präsentierte am Dienstag die vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft erstellte Umfrage bei Unternehmen und Absolventen, laut der immerhin die Großunternehmen auf Bachelor-Absolventen „eingestellt“ sind. Und die befragten Absolventen gaben nach einem Jahr im Beruf an, sie seien mit Vergütung und Perspektiven im Großen und Ganzen zufrieden.

Kleiner Schönheitsfehler: Die Mehrzahl der Arbeitsplätze wird immer noch von kleinen und mittelständischen Unternehmen gestellt, und naja, die haben noch „Nachholbedarf“, was den Respekt vorm Bachelor angeht. Ihnen ist das Jungvolk, das von den Hochschulen kommt, noch allzu grün hinter den Ohren. Dieser Eindruck dürfte sich künftig noch verstärken, wenn mit verkürzter Schullaufbahn und Wegfall von Bundeswehr- und Zivildienstzeit plötzlich lauter 21- und 22-Jährige auf dem Arbeitsmarkt auftauchen, für die das Studium nicht viel mehr war als eine verlängerte gymnasiale Oberstufe, nur vielleicht mit noch mehr Pauken. Wobei – da durch den aktuellen Andrang an den Unis die NCs in die Höhe geschossen sind und viele Premium-Studiengänge nur noch mit einem Abi-Schnitt von 1,0 zu erhaschen sind, dürfte der Lerndruck auch in der Oberstufe zuletzt rapide angestiegen sein.

Durchlauferhitzt, ehrgeizig, so jung wie möglich – so möchten die Bildungspolitiker die Studierten in den offenbar stündlich wachsenden Fachkräftebedarf der Wirtschaft einspeisen. Welche Haltung man bei der Union gegenüber denjenigen pflegt, die sich vom Bachelor nicht genügend ausgebildet und gebildet fühlen, vielleicht sogar ein tieferes Interesse an ihrem Thema gefasst haben, gab heute der bildungspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Albert Rupprecht kund: „Wer nicht in die Wissenschaft will, sollte sich fragen, ob er auf Kosten des Steuerzahlers eine überflüssige Ausbildungsschleife drehen will“. Entsprechend bewertete er auch die Forderung, mehr junge Leute weiter studieren zu lassen: Wer den Master für alle fordere, „geht unverantwortlich mit der Lebenszeit der jungen Menschen, dem Geld der Steuerzahler und nicht zuletzt auch dem wissenschaftlichen Anspruch dieses Studiums um“, so Rupprecht. Wie wollte man die Verachtung für Bildungshunger diplomatischer ausdrücken?

Man wünscht den Studierenden zumindest noch so viel Freizeit, dass sie darüber nachzudenken imstande sind, wann sie das nächste Streiksemester einlegen.

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Ihre Freitag-Redaktion

17:40 04.05.2011
Geschrieben von

Ulrike Winkelmann

Ressortleiterin Politik
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Ausgabe 41/2021

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