Manege frei im Zirkus Sarrazin

Integration Bei seiner Buchvorstellung führt der Bundesbanker und Provokateur vor, wie schwierig es ist, ihn zu provozieren

Wie Thilo Sarrazins Kommunikation funktioniert, war vielleicht am besten an einer der Antworten zu erkennen, die er am Montagvormittag auf seiner „Buchvorstellung“ genannten Pressekonferenz gab. Der Korrespondent einer niederländischen Tageszeitung fragte den Bundesbank-Vorstand und Buchautor in Anspielung auf den Gründer der anti-muslimischen und relativ erfolgreichen „Partij voor de Vrijheid“: „Ist Sarrazin der neue Geert Wilders?“

Sarrazin erklärte hierzu zunächst, dass die „in Deutschland übliche Reaktion“, wenn große Probleme von den bestehenden Parteien nicht angesprochen würden, die Wahlenthaltung sei. Die Volksparteien seien aber in der Pflicht, dies zu verhindern. Während zeitgleich über die Nachrichtenagenturen tickerte, dass die SPD ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn anstrengen wolle, erklärte der ehemalige Berliner Finanzsenator: „Ich werde in der Volkspartei bleiben, weil diese Fragen in die Volkspartei gehören.“ Zu Geert Wilders wolle er sagen: „Ich bewundere...“ – ganz kurze Pause, der Saal hielt den Atem an – „... seine blonden Haare.“ Aber ansonsten finde er die Tendenz in Belgien, den Niederlanden und Frankreich zu rechtsradikaler Parteienbildung „äußerst gefährlich“.

Sarrazin hat einen leichten Sprachfehler – ein von Logopäden sicherlich benennbarer Mix aus Lispeln und Vernuscheln der Zischlaute –, was erst einmal nett klingt. Er kombiniert seinen Schnauzbart mit dem Blick des unschuldigen Wahrheitssuchers durch eine runde Brille, er verzieht weiterhin keine Miene. Doch es ist diese winzige Kunstpause, mit der Sarrazin seinem Publikum vorführen will, wie berechenbar seine Erregungskurve ist, eine Kunstpause, um die herum er geschickt die Elemente seiner Selbstinszenierung drapiert: 'Während ihr alle gleich Nazi! schreit, weise ich darauf hin, dass ich hier der einzige bin, der seiner demokratischen Pflicht nachkommt und den Untergang Deutschlands sachlich diskutieren will.'

Unterstützung von Necla Kelek

Zuvor hat die türkischstämmige Frauenrechtlerin Necla Kelek, selbst durch kritische Thesen über den Islam in Deutschland bekannt geworden, im knackevollen Saal der Bundespressekonferenz ihre Sicht auf Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ dargestellt. Kelek übernimmt den Part, die großenteils heftige öffentliche Ablehnung, die Sarrazin dank der Vorveröffentlichung zentraler Absätze im Spiegel vom 23. August bereits entgegen geschlagen ist, ihren Urhebern zurück ins Gesicht zu werfen: „Ein schriller Chor“ wolle Sarrazin „niederbrüllen“. Doch „den Vorwurf des Rassismus halte ich für Unkenntnis“, sagt sie.

Die Statistik sei „eindeutig“, die muslimische Community – die Bundesregierung gehe von 4,3, Sarrazin von 5,7 Millionen Muslimen in Deutschland aus – weise in den Bereichen Bildung, Abeitsmarktintegration, Gesetzestreue und so weiter „objektiv Defizite“ auf. Dies sei eine „volkswirtschaftlich miese Bilanz“, und die Väter der Gastarbeiteranwerbung müssten sich fragen lassen, ob das eine gute Idee gewesen sei. Dank der mangelnden Fertilität der „autochtonen“, also deutschstämmigen Bevölkerung, die im Gegensatz stehe zur Gebärfreude der aus genetischen Gründen weniger intelligenten muslimischen Einwanderer, sehe auch sie, Kelek, die Gefahr, „dass Deutschland sich selbst abschaffen könnte.“

Sarrazin hat so die Möglichkeit, sich in aller Gemütsruhe in vollendeter Höflichkeit den Fragen der Journalisten zu widmen. Im wesentlichen hält er sich dabei eng an den Wortlaut auch seiner Interviews, die er in den vergangenen Tagen in einem Dutzend Medien gegeben hatte: Ein durchgearbeitetes Programm von Sätzen, die an ihrer Oberfläche so nüchtern sind und doch das komplette Orchester von Ressentiment, Tabubruch, Deutschlanddämmerung bedienen. Etwa zur Frage des dänischen Korrespondenten, ob in Deutschland nicht noch etwas anders sei als im europäischen Umland: „Die deutsche Vergangenheit mag bewältigt sein, aber sie geht ja nicht vorbei. Man tut der Gesellschaft aber keinen Gefallen, wenn man sich aus diesen Gründen in Fragen, die das aktuelle Handeln erfordern, selber bindet.“ Oder zum „jüdischen Gen“, das er, gestützt auf allerdings sehr ausführliche Studien, die in US-Fachzeitschriften erschienen waren, in einem der Wochenend-Interviews untergebracht hatte: „Ich bin mit dem Begriff jüdischer Gene unbefangen umgegangen, nämlich ganz normal. Das war aber auch mein einziger Fehler.“

Wie schwer es ist, einen solchen Diskutanten auch nur leicht ins Schwitzen zu bringen, müssen dann auch die vielen Journalisten erfahren, die ihre Fragen sicherlich gut vorbereitet haben, aber im Zweifel damit abgespeist werden, sie hätten das so differenzierte 464-Seiten-Werk ja noch gar nicht aufgeschlagen. „Was unterscheidet Sie von einem verfassungsfeindlichen Rassisten und Sozialdarwinisten?!“, ruft die Kollegin von Radio Fritz aus der letzten Reihe. „Sobald Sie mein Buch gelesen haben, werde ich Sie empfangen“, lautet die knappe Antwort.

Mit der jüngeren Intelligenzforschung wird Sarrazin am Montag nicht konfrontiert. Dort wird zunehmend deutlicher herausgearbeitet, dass Intelligenz eben genau nicht zu „fünfzig bis achtzig Prozent vererbt“ wird, wie Sarrazin behauptet, sondern zu einem sehr großen Teil davon abhängt, welche genetischen Anlagen in früher Kindheit aktiviert werden.

Nur hauchzartes Unbehagen ist Sarrazin anzumerken, als sich Vertreter der als erblich dümmer bezeichneten Bevölkerungsteile zu Wort melden. Doch bescheidet er dem Kollegen vom Arabischen Programm der Deutschen Welle, der fragt, was denn die deutschen Politiker schon für die Integration getan hätten, dann deutlich: Da Migranten aus Indien, Osteuropa, Vietnam und China spätestens in der zweiten Generation integriert seien, „kann der Unterschied nur in der Gruppe der muslimischen Migranten selbst liegen.“

Dass möglicherweise dann auch die Anforderungen an das integrierende Land anders sind, als bei Indern, Osteuropäern und so weiter, dass in allen Großstädten sich seit Jahrzehnten unzählige kluge und engagierte Menschen genau an diesem Wechselspiel abarbeiten, lässt Sarrazin wohlfeil unter den Tisch fallen. Etwa der Bürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowsky, selbst oft genug als Rassist geschmäht, äußert sich sehr unglücklich über seinen Parteigenossen Sarrazin. „Die Frage ist doch, ob man mit einem solchen Buch die Diskussion befördert – oder mehr Gräben aufreißt“, erklärte Buschkowsky am Montag unmittelbar nach Sarrazins Auftritt. Seine Sorge sei, dass Sarrazins Rolle „nicht hilfreich“ sei.

Wie hilfreich Sarrazins Rolle für den Ruf der Bundesbank ist, darüber tagte am Montagnachmittag ab 14 Uhr noch deren Vorstand. Vorstandschef Axel Weber hatte für den Lauf des Tages eine Erklärung angekündigt.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:25 30.08.2010
Geschrieben von

Ulrike Winkelmann

Ressortleiterin Politik
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 13