Ulrike Winkelmann
15.05.2011 | 12:00 17

Pünktchen und Armut

Ungleichheit Die Kinderarmut hat sich nicht halbiert, sondern ist gewachsen. Von der Leyen ist gescheitert. Politik nur für Kinder funktioniert nicht

Wer hätte das gedacht – in vier Jahren hat sich die Kinderarmut halbiert. Das Berliner Wirtschaftsforschungsinstitut DIW hat seine Angaben über die Zahl armer Kinder korrigiert: Statt 16 wachsen jetzt nur noch 8 Prozent der Kinder in Deutschland in Armut auf, meldet die OECD, die sich vom DIW mit Zahlen beliefern lässt. Das sind zwar 8 Prozent zu viel. Gewiss aber liegt der Wert nicht mehr weit über dem Schnitt der OECD-Vergleichsstaaten, sondern weit darunter.

Grund für diese schöne Meldung ist freilich keine Verbesserung der Lebensverhältnisse. Die Halbierung ist eine rein mathematische: Das Institut hat seine Datensätze über die deutschen Einkommensverhältnisse überarbeitet. Es hatte bislang nicht ordentlich einberechnet, dass viele Befragte ihre finanzielle Lage falsch oder gar nicht darstellen.

Der Vorgang ist mehr als eine Panne irgendwelcher Datenhuber. Mit der Kinderarmutszahl wird Regierungspolitik gemacht, und das DIW mit seiner gigantischen Datenbank genießt Glaubwürdigkeit im gesamten Meinungsspektrum. Wenn das DIW etwa die Armutsberichterstattung der Bundesregierung von links angreift, ist dies auch für Merkel-treue Journalisten bedeutsam. Muss das DIW zugeben, dass es jahrelang fehlerhaft gerechnet hat, ist das nicht nur für das Haus selbst eine Katastrophe. Die Peinlichkeit weitet sich auf alle aus, die unter Berufung auf DIW-Zahlen mit Schwarz-Rot und mit Schwarz-Gelb ins Gericht gegangen sind.

Mit DIW-Zahlen argumentiert

Auch innnerhalb dieser beider Regierungen taugten die Kinderarmutsziffern noch stets dazu, Unfrieden zu stiften. Es war Ursula von der Leyen, damals noch Familienministerin, die das Tabu brach und regierungsoffiziell erklärte, es gebe Kinderarmut in Deutschland und diese sei beschämend. Das war ein relativer Fortschritt. Denn bis dato hatten sämtliche Kabinette sowohl den Begriff wie auch das Phänomen weiträumig umschifft. Es blieb UNICEF, Caritas und Co. vorbehalten, rituell auf die neue Kinderarmut hinzuweisen – ohne Echo. Von der Leyen aber argumentierte auch mit DIW-Zahlen und machte sich damit in den eigenen CDU-Reihen keine Freunde.

Wer sich nun darin bestätigt fühlt, dass man keiner Statistik zu glauben brauche, die man nicht selbst gefälscht habe, darf dies am Küchentisch gern weiter so erzählen. Er bekundet damit aber bloß sein Desinteresse an Sozial- und Umverteilungspolitik. Diese findet eben unter den Bedingungen guter Zahlen, wahrhaftiger Zahlen, auch: sich verändernder Zahlen statt.

In diesem letzten Punkt aber steckt aktuell das besondere Skandalon. Denn wie groß die Kinderarmut ist, darüber variieren die Angaben schon aus methodischen Gründen stark – je nachdem, ob man als „Armut“ 50 oder 60 Prozent vom mittleren Einkommen bezeichnet, ob man Hartz-IV-Bezug mit „Armut“ gleichsetzt, ob als „Kinder“ alle Unter-15- oder alle Unter-18-Jährigen gelten und so weiter. Alle amtlichen Statistiken aber haben von 2005 bis 2009 einen beträchtlichen Anstieg der Kinderarmut gemessen: um ein Viertel bis ein Drittel. Selbst wer meint, dass Kinderarmut nicht nur am Einkommen der Eltern zu messen ist, muss das erschütternd finden. Denn dieser Anstieg ist der schlagendste Beweis dafür, in welch groteskem Ausmaß die Familien- und Sozialpolitik der vergangenen Jahre gescheitert ist. Ursula von der Leyen hat es geschafft, ihren relativen Erkenntnisfortschritt in einen absoluten Entwicklungsrückschritt zu verwandeln.


Im Ergebnis wurde die dem deutschen Sozialapparat eigene Umwucht noch verstärkt, wonach der Löwenanteil des eingezahlten Geldes stets bei denen landet, die es am wenigsten brauchen. Mit von der Leyens Elterngeld gönnen sich nun die Gutverdiener schöne Reisen in den „Vätermonaten“ – bezahlt von den Eltern am Existenzminimum, denen das frühere Erziehungsgeld gekürzt wurde. Die Erweiterung des Kinderzuschlags für Gerade-noch-nicht-Hartz-IV-Familien ist irgendwo verpufft. Mit der letzten Kindergelderhöhung wurden Milliarden Euro in der Gegend verteilt – nicht aber an Hartz-IV-Eltern, denen das Kindergeld vom Regelsatz abgezogen wird. Der Ausbau der Kinderbetreuung hakt unter anderem an der Finanznot der Kommunen. In jedem Fall kann er gar nicht so schnell weitergehen, wie die Arbeitszeiten der Mütter sich verlängern, wenn sie von ihrem Lohn leben wollen oder müssen. Ob und wie das unter Mühen eingeführte Bildungspaket umgesetzt wird, ist Gegenstand von Spekulation. Doch dürfte die Aussicht auf Blockflötenkurse die soziale Spaltung in den Grundschulen nur wenig mildern (in den Hauptschulen sind die armen Kinder dank des ständischen Schulsystems dann ja wieder unter sich).

Für jede kommende Regierung heißt das: Die familienpolitischen Leistungen müssen gebündelt und strikt von oben nach unten gelenkt werden. Auch ein Kindergrundeinkommen hätte den Schönheitsfehler, dass seine Umverteilungswirkung begrenzt wäre. Vor allem aber funktioniert von der Leyens maßgebliches Prinzip nicht: Die wachsende Ungleichheit in Ordnung zu finden, bei den Kinderchen aber eine Ausnahme zu machen. Es war und ist sozialpolitisch nötig, die materielle Lage der Kinder zu skandalisieren. Doch wird es sozialpolitisch nicht funktionieren, nur ihnen helfen zu wollen.

Kommentare (17)

eulen nach athen 15.05.2011 | 14:57

… die Arbeitszeiten der Mütter sich verlängern, wenn sie von ihrem Lohn leben wollen oder müssen.



und ewig grüßt die rabenmutter, die von ihrem einkommen leben will. wie heldenhaft jedoch die mutter, die arbeiten muss. mein mitleid / bewunderung / verehrung hat sie sicher.

frau winkelmann, halten sie den verweis auf wollen vs. müssen tatsächlich für zeitgemäß?
Ulrike Winkelmann 16.05.2011 | 01:49

@eulen,

Sie können davon ausgehen, dass ich zur betroffenen Gruppe gehöre (die will, aber nicht muss), aber auch in diesem Fall wohl zu unrecht darauf gesetzt habe, dass Ironie erkannt wird.

Also, bevor weitere Missverständnisse aufkommen: Ich finde, Frauen sollten für ihre Arbeit soviel Lohn bekommen, dass sie davon leben können, und wenn sie Kinder haben, sollten die davon auch mit ernährt werden können. Es sollte hierbei keinen Unterschied geben, ob die Frauen alleinstehend resp. -erziehend sind oder nicht. Und ich finde sogar, das ist so selbstverständlich, dass man es nicht mehr in jeden Kommentar hineinschreiben muss.

Besten Gruß,

U.W.

I.D.A. Liszt 16.05.2011 | 03:54

Liebe Ulrike Winkelmann,
Sie legen trefflich den Finger in die Wunde des Sozialstaates, ja sogar des Staates überhaupt, der von seinen ausführenden Organen in eine Lage gebracht wurde, da er seinen Schwächsten nicht mehr beispringen kann.

Gerade darum allerdings sollten Sie sich dem Ostinato verweigern, das vom Heulen der Wölfe, die sich seit langem schon an diesem Staat, an dieser Gesellschaft, bereichern, vorgegeben wird.

Ich kann den Begriff Kinderarmut einfach nicht mehr hören und mag ihn auch nicht mehr lesen. Nicht die Armut der Kinder ist der Skandal, sondern der Umstand, daß in diesem ungeheuer reichen Land überhaupt Armut existiert. Arm sind die Kinder ja nur deshalb, weil ihre Eltern arm sind, daß sie Leistungen nach Hartz IV beziehen, weil die Tante vielleicht zur "Tafel" gehen muß, damit sie sich einigermaßen ernähren kann, weil möglicherweise der Onkel das Medimobil aufsuchen muß, damit er sich wenigstens ein wenig medizinische Versorgung sichern kann, weil ihre Großeltern vielleicht eine so kleine Rente erhalten, daß sie im Winter in klirrender Kälte die Heizung abdrehen müssen und erfrieren ...

Der Begriff Kinderarmut ist eine dieser Nebelkerzen, die geworfen werden, damit wir alle uns über Randprobleme echauffieren, während im Kern bereits weiter an der Existenz der meisten von uns gesägt wird.

Man sollte nicht nur nicht mit den Wölfen heulen, die unsere Gesellschaft von innen heraus auffressen, sondern man sollte ihnen auch keinen Ton für ihr Heulen vorgeben, und auf solche Nebelkerzen-Begriffe verzichten zugunsten der Kernaussage, daß in Deutschland die Armut schon wieder zugenommen hat.

Ansonsten stimme ich Ihrem Artikel aber voll und ganz zu. Vielen Dank!

I.D.A. Liszt

weinsztein 16.05.2011 | 05:45

Liebe Ida,

weiß nicht jede(r), wenn von Kinderarmut gesprochen wird, dass Kinder aus armen Familien gemeint sind und nicht etwa arme Kinder in wohlständigen Familien?

Familienarmut in einem so steinreichen Land wie Deutschland ist ein Skandal. Arme erwachsene Menschen können mit etwas Glück diese oder jene Hilfe finden bei irgendeiner Art Caritas wie Kleiderhilfe. Kinder nicht. Sie ahnen zwar beizeiten, dass sie sich gesellschaftlich ähnlich einrichten müssen wie ihre Eltern, resignieren aber früher als Mutter und Vater.

Kinderarmut im schweinereichen Deutschland.

eulen nach athen 16.05.2011 | 13:40

frau winkelmann, vielen dank für die antwort.
ob und zu welcher gruppe sie gehören tut erst einmal gar nichts zur sache. abgesehen davon – an welcher stelle in ihrem satz:

… die Arbeitszeiten der Mütter sich verlängern, wenn sie von ihrem Lohn leben wollen oder müssen.



hätte die ironie ihrer ansicht nach erkannt werden müssen? welchem wort oder welcher wortgruppe hatten sie die ironische bedeutung hier zugedacht? und wie würde die aussage ohne ironie lauten?

es geht mir explizit nicht um die höhe des lohnes. da bin ich ganz ihrer meinung. aber es war nicht der impetus meiner frage, sondern genau das, was ich schon formulierte aber nicht beantwortet bekam:

warum hielten sie es für nötig, einen wertunterschied in der motivation für berufstätigkeit aufzumachen und damit überkommene vorstellungen der "bedauernswerten" mutter, die arbeiten MUSS und der rabenmutter, die arbeiten WILL, zu perpetuieren? offenbar ist ihnen zwar das thema lohnhöhe so selbstverständlich, dass sie darüber nicht in jedem kommentar reden wollen, aber den unterschied zwischen wollen und müssen erwähnen und konstatieren sie mithin. warum?
Ulrike Winkelmann 17.05.2011 | 10:29

Wir kommen hier an die Grenze des Problems, das sich immer stellt, wenn man den eigenen Witz erklären soll. Es geht ja darum, mit solch einem Text immer auch solche Leser einzufangen, die zum Beispiel Armut für nicht-existent halten oder noch dem 80er-Jahre-Diktum anhängen, dass in Deutschland niemand arm sein braucht (schwarz-gelb old school, quasi). Das "wollen" ist nun als eine Art Stolperstein eingebaut für diejenigen, die das weibliche Verdienen noch unterm Aspekt Wird-die-nicht-vom-Mann-versorgt (schwarz-gelb old school) sehen und sich aber bitte fragen sollen, ob eine Frau nicht auch ausreichend verdienen WOLLEN (was ja miendestens die FDP-geneigten ins Grübeln bringen müsste) darf. Die Ironie steckt darin, dass eher linke Leser dies gar nicht erst in Frage stellen würden, aber den Wink ans eher schwarz-gelbe Publikum verstehen sollen, wenn eben einen Wimpernschlag später das harsche "müssen" kommt. Aber wie gesagt, manchmal gelingen Anspielungen, manchmal nicht. Gruß U.W.

eulen nach athen 17.05.2011 | 10:39

frau winkelmann, da ich grund zur annahme habe, dass sie in schriftlicher kommunikation und vermittlung von ironie nicht ganz unbewandert sind, muss ich ihnen leider attestieren, dass obiger versuch, ironie zu vermitteln, gescheitert ist und ich ihnen die behauptung, es wäre ironie gewesen, auch nicht abkaufe. für mein dafürhalten haben sie unbedacht die übliche floskel zu berufstätigen frauen wiederholt und versuchen nun mit mäßigem, sich herauszuwinden. schönen tag noch.

tlacuache 17.05.2011 | 11:29

I.D.A. Liszt weinsztein und auch Ulrike Winkelmann

Sie haben's mir vorweggenommen, Danke.

Was so ein bisschen untergeht:
(schwarz-gelb old school) ...
Die reden immer so viel ueber "Eigeninitiative".
Ja, bei "Eigeninitiative", dass ist so eine Sache, wenn ich mir staendig internationalen Schuelerausstausch erlauben kann, der 30 zigjaehrige Sohn/Tochter sowieso im Hotel Mama wohnen kann, die 600 € fuer den Auslandsaufenthalt irgendwie auftreiben kann...

Ja, da hat so'n "Randgebietkind" dass sich auf den Staat verlassen muss ("Müsste"), verschissen, da kannst du als "Eigeninitiative" zum Sozialamt rennen oder dich der Rockergruppe anschliessen, wenn du ganz intelligent bist, wirst du der beste Dealer im Stadtviertel und laesst dich noch nicht einmal erwischen, so etwas sind dann eben verlorene Ressourcen der Gesellschaft, der haette auch Arzt werden koennen, wenn man ihn mal gelassen haette.
Die Quittung bekommen wir dann noch gesellschaftlich.+
LG

alf harzer 17.05.2011 | 12:46

es ist in der Tat einerlei, ob das "ehrwürdige" DIW mit falschen Zahlen hantiert. Das ist lediglich ein Hinweis darauf, dass die Ergebnisse dieses Instituts in jedem Fall mit Vorsicht zu genießen ist. Interessengeleitet halt, sh. andere Studien wie die zur Atomenergie.
Es ist nun mal eine interessengeleitete Sozialpolitik, die hier greift, nämlich auch zum Wohle bestimmter Bevölkerungskreise eben. Das wird tunlichst vermieden, denn dann könnten ja auch die systematisch klein und arm gehaltenen Menschen "in diesem unserem "blühenden" Land" brdigen es auch durchblicken und vielleicht sogar auf die Straße gehen, wie in anderen Ländern Frankreich, Griechenland. das muss tunlichst verhindert werden.
eins noch vdL wird vielfach unterschätzt, denn in ihrer Kaltschnäuzigkeit, sozialen Kälte ist sie sehr gefährlich. Damit ist sie mit dem ehemaligen Verwalter jüdischer Vermächtnisse und ausländerfeindlichen Parolen allemal auf eine Stufe zu stellen.
Mich schauderts jedes Mal, wenn ich diese Menschen -noch dazu mit eigenen Etikett(schwindel) christlich- über Sozialpolitik und ähnliche drängende Fragen reden höre.

I.D.A. Liszt 17.05.2011 | 18:27

Lieber weinztein,

Es spielt doch nun wirklich keine Rolle, wer in der Familie nun im einzelnen arm ist, oder ob die ganze Familie arm ist. Natürlich geht es nicht um die angenommene Armut der Kinder aus reichen Familien. Doch "Familienarmut" finde ich auch nicht besser.

Armut. Es geht einzig und allein um die Armut in diesem schweinereichen Deutschland - und die wächst von Jahr zu Jahr, während eine kleine Handvoll Unersättlicher ebenso von Jahr zu Jahr ihren perversen Reichtum auf Kosten derer mehrt, die ärmer werden.

I.D.A. Liszt 17.05.2011 | 18:43

@ tlacuache (17.05.2011; 09:29):

Jaaaa, die gute, alte Eigeninitiative!!!

Ich glaube, mit der Aussage: >da kannst du ... dich der Rockergruppe anschliessen, wenn du ganz intelligent bist, wirst du der beste Dealer im Stadtviertel hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen, was die Eigeninitiative angeht.

Nicht umsonst entwickelt sich ja der Kapitalismus immer aufs neue aus mafiotischen Strukturen heraus - zuletzt allerliebst anzuschau'n im postsowjetischen Rußland der sogennaten "Oligarchen" (wir denken dabei z.B. an einen Herrn Chodorkowskij) - in solchen Verhältnissen gibt es Menschen mit viiiiiiel Eigeninitaitive eben!

Henrie Schnee 18.05.2011 | 13:49

Sehr guter Artikel, auch wenn ich der Argumentation nicht ganz folgen kann... aber ich bin auch gerade erst wach geworden, womöglich liegt es daran.
(Oder habe ich es doch richtig verstanden - Sie glauben den DIW-Zahlen, verteidigen sie sogar, und akzeptieren einen Rückgang auf dem Papier von 16 auf 8 Prozent, aber leiten trotzdem ein Scheitern der Familienpolitik daraus ab?)

So oder so, das Kernproblem liegt, wie so oft, in der Statistik. Man fühlt sich an die Euro-Einführung erinnert, die eine ungeahnte Inflation mit sich brachte, bei der sich Preise für Alltagsanschaffungen wie Lebensmittel im Laufe eines Jahres bei gleichbleibenden Löhnen mehr als verdoppelten (etwa von 99 Pfennig auf 99 Cent), während die Tagesthemen einem munter vorkauten, die offizielle Inflation würde irgendwo bei 2,8 Prozent liegen.
Klar...

Fakt ist, selbst wenn kein Unions-, SPD- oder FDP-Politiker es sich selbst eingestehen würde, wachsende Armut ist kurzfristig gesehen gut für Deutschland, denn wer nichts hat, ist auch mit schlecht bezahlter Arbeit unter miesen Bedingungen zufrieden. Man muss kein Marxist sein, um diese traurige Realität einzusehen.

Nur langfristig wird es dieser Gesellschaft das Genick brechen: Denn selbst in mittelständischen Familien wachsen heute Kinder bzw. Jugendliche unter dem konkreten Eindruck auf, dass diese Regierungen nicht Politik für, sondern gegen sie betreibt.
Und dieses dumpfe Gefühl endet nicht auf magische Weise mit dem 18. Geburtstag oder dem Überwinden aller Hürden, denn selbst wenn sie es dennoch zu etwas bringen, etwa den Gymnasial-Abschluss schaffen und eine Universität besuchen, wird dieser Eindruck von Jahr zu Jahr nur noch weiter verstärkt, wenn sie sehen, wie schwer sie es haben im Vergleich zu den Kommilitonen, die von Geld stammen.

In guten alten Zeiten hätte dies linken Parteien Aufwind gegeben, in einem ewigen Kreislauf: Geht es den Menschen schlecht, wird rote Politik gewählt, geht es ihnen gut, geht das Kreuz an die Schwarzen.
Dumm nur, dass an der heutigen Lage beide großen Volksparteien schuld sind: Erst Rot-Grüns Agenda 2010,dann die selbstgerechte große Koalition mit ihrem Fraktionszwang, der den Bundestag obsolet gemacht hat, und nun als Krönung die passiv-aggressive Schwarzgelbe Regierung, die kaum noch einen Hehl daraus macht, für wen sie wirklich arbeitet.

Vielleicht sollten wir also aufhören, diese "armen Leute" mit Mitleid zu überhäufen, oder mit hochtrabenden Statistiken ihre Intelligenz zu beleidigen. Denn in einer Beziehung sind sie allen Intellektuellen, Debattierern und Analysten voraus: Sie haben lange aufgehört, die Propaganda zu schlucken oder den offiziellen Zahlen auch nur die geringste Bedeutung beizumessen.

Giuseppe Navetta 21.05.2011 | 20:04

@Henrie Schnee
"Fakt ist, selbst wenn kein Unions-, SPD- oder FDP-Politiker es sich selbst eingestehen würde, wachsende Armut ist kurzfristig gesehen gut für Deutschland, denn wer nichts hat, ist auch mit schlecht bezahlter Arbeit unter miesen Bedingungen zufrieden. Man muss kein Marxist sein, um diese traurige Realität einzusehen."
"...Ihnen ist doch wohl klar, dass das ökonomisch ein Rohrkrepierer ist und lediglich erpresserisches Mittel ist, um die Reservearmee anzuzapfen, um dann dreist zu behaupten, man hätte Erfolge auf dem Arbeitsmarkt zu verzeichnen. Desweiteren läßt sich anhand des Niedriglohnsektors gut exemplifizieren, auf dem der Einzelne seinen Subsitenzlohn nicht mehr erwirtschaften kann, dass der Arbeistmarkt nicht nach den üblichen Angebots- und Nachfragekriterien funktioniert, weil in der Folge eine oder mehrere weitere Beschäftigungen aufgenommen werden müssen, die den Sektor wiederum erweitern bzw. weitere Ungleichgewichte wie Wettbewerbsverzerrungen schaffen. Damit ist eine solche Entwicklung nicht einmal kurzfristig als "gut" zu bezeichnen, es sei denn, man bezeichnet oben genannte Aktivierung als Erfolg - was ich mir bei dem Tenor in Ihrem Kommentar aber nicht vorstellen kann!