Schäuble muss nicht zurücktreten

Arbeitgeber Dem Finanzminister mag menschlich überfordert gewesen sein, als er seinen Pressesprecher demütigte – mit seiner Fähigkeit, das Amt auszufüllen, hat das aber wenig zu tun

Muss ein Minister zurücktreten, weil er seinen Pressesprecher vor Zeugen abkanzelt? Nein. Wenn dies gälte, so hätte noch nie ein Kabinett länger als bis zur ersten Pressemitteilung aus irgendeinem der beteiligten Häuser überlebt. Das Maß oder Unmaß, in dem Spitzenpolitiker den auf ihnen lastenden Druck an ihre Zuarbeiter weiterzuleiten pflegen, ist legendär. Viele Arbeitgeber halten die öffentliche Demütigung übrigens für eine sinnvolle, weil effektive Taktik, Angestellte auf ihre Pflichten hinzuweisen.

Muss ein Minister zurücktreten, weil er seinen Pressesprecher auf offener Bühne vor laufenden Kameras demütigt, die Demütigung also unter den Bedingungen von Youtube vervielfacht und perpetuiert wird? Hätte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) demnach seinen Pressesprecher Michael Offer schonen müssen, weil er hätte mit bedenken müssen, dass das Internet auch schon kleinere Entgleisungen in jede Richtung eskalieren lässt? Beweist der Umstand, dass er dies nicht getan hat, wie wenig er seinem Amt gewachsen ist?

Wiederum: Nein. Unbestritten ist, dass Schäuble seinen Pressesprecher unglaublich schlecht behandelt hat und Offer jetzt, nachdem er hingeschmissen hat, einen besseren Posten verdient hat, in dem er hoffentlich glücklich wird. Vielleicht hat Offer ja auch wirklich Mist gebaut, seinen Arbeitgeber vorher schon auf ganz andere Weise zur Weißglut gebracht und brauchte deshalb sowieso einen weniger anspruchsvollen Job.

Schäuble jedenfalls ist das Vergnügen darüber, seinen Sprecher den Journalisten als zu gängelnden Volltrottel vorzuführen, anzusehen. So lang und breit hat man ihn selten lächeln sehen. Es ist jedoch abwegig und perfide, dieses Verhalten – wie es vorm Wochenende von der BILD begonnen und dann von vielen anderen Medien übernommen wurde – als Ausdruck seiner Krankheit und damit Überfordertheit zu bewerten. Was übrigens die Frage aufwirft, wer da aus der Journalistenrunde so fröhlich mitlachte, als Schäuble sich über Offer lustig machte.

All die Schäuble-Kenner und -Anhänger, die so überzeugt sind, dass nur rasende Schmerzen den an sich so integren, höflichen, disziplinierten Menschen zu diesem Verhalten treiben konnten, weigern sich vielleicht jetzt bloß, ihren Herrn Schäuble eben auch von dieser Seite kennenzulernen. Es ist durchaus möglich, dass Schäuble durch die vielen Folgeerscheinungen des Attentats vor zwanzig Jahren und seiner Rollstuhlexistenz mittlerweile an die Grenzen seiner körperlichen und damit auch geistigen Kräfte geraten ist. Dass dies ein Rücktrittsgrund sein könnte, hat er selbst offenbar schon so deutlich gesagt, dass es seinen Weg in den Stern fand und daraufhin wochenlang über seinen Rückzug zu Ende Oktober spekuliert wurde. Es bedarf jedoch wirklich einiger Phantasie oder auch Boshaftigkeit, die unschöne Szene bei der Pressekonferenz im Finanzministerium am vergangenen Donnerstag in diesen Zusammenhang zu stellen. Unsachlich ist es allemal. Unterstellt werden darf, dass hier die innerparteilichen oder innerkoalitionären Gegner Schäubles selbst mit am Werk sind.

Darum hat sich Wolfgang Schäuble jetzt zwar in die lange, lange Reihe von herrischen, auch sadistischen Politikerinnen und Politikern gesellt, die als möglicherweise politisch und sachlich fähig, leider aber menschlich unfähig zu gelten haben. Ein Rücktrittsgrund ist das aber nicht.

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Geschrieben von

Ulrike Winkelmann

Ressortleiterin Politik

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