Ulrike Winkelmann
15.06.2010 | 14:20 28

Verlierer des Jahrzehnts: Die Mittelschichten

Soziale Schere Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW belegt: Arme werden nicht nur ärmer, es werden auch mehr. Indes wuchsen die Einkommen der Reichen im Jahr 2009 weiter

Es kann schon sein, dass das Vokabular der wirtschaftlichen Ungleichheit recht beschränkt ist und deshalb abgegriffen und klischiert daherkommt: Die Gesellschaft wird schon seit Jahren „gespalten“, die Armen werden schon länger „immer ärmer“, die Reichen „immer reicher“. Umso begrüßenswerter ist es deshalb, wenn die emsigen Rechner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin neue Zahlen und neue Erkenntnisse in die Diskussion einspeisen und sie dadurch aktuell beleben. Der am Dienstag veröffentlichte DIW-Wochenbericht handelt von der „Polarisierung der Einkommen“ und verkündet im Titel: „Die Mittelschicht verliert“.

Die Daten der DIW-Mitarbeiter Jan Goebel, Martin Gornig und Hartmut Häußermann sind eindeutig: Die Einkommens-Mittelschicht schrumpft zugunsten der unteren wie der oberen Einkommensschichten. Um den „Median“, das ist das mittlere Einkommen, herum wurden drei Klassen gebildet. „Unten“ ist weniger als 70 Prozent des Median, im Jahr 2005 etwa 860 Euro netto im Monat für einen Single. „Mitte“ sind mehr als 70, aber weniger als 150 Prozent des Median, im Jahr 2005 bis zu 1.844 Euro. „Oben“ sind Nettoeinkommen von mehr als 150 Prozent des Median, das waren 2005 also über 1.844 Euro im Monat. (Für entsprechende 2009er Werte müssten jeweils 7 Prozent hinzu gerechnet werden.)

Seit dem Jahr 2000, sagt Goebel, „beobachten wie eine sogenannte absolute Polarisierung: Es wurden in diesen unteren und oberen Bereichen nicht nur mehr Personen, sondern deren Einkommen hat sich auch noch auseinander entwickelt.“ Das heißt - und hier müssen Sprachästheten jetzt tapfer sein - „die Ärmeren wurden ärmer und die Reicheren wurden reicher.“ So stieg der Anteil der „Unten“-Haushalte von 17,8 Prozent im Jahr 2000 auf 21,7 Prozent im Jahr 2009 an. Gleichzeitig sank ihr durchschnittliches Nettoeinkommen inflationsbereinigt von 680 Euro auf 645 Euro in 2008. Die „Mitte“ schrumpfte seit 2000 von 66,5 auf 61,5 Prozent der Haushalte. Der Anteil der „Oben“-Haushalte ging zwar im Krisenjahr 2009 erstmals ganz leicht zurück, aber vergrößerte sich der Einkommensvorsprung dieser Haushalte gegenüber der Mitte „nochmals spürbar“, schreiben die Autoren.

Grundlage der DIW-Berechnungen ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), ein aus Haushaltsbefragungen zusammengetragener Datenberg beim DIW, der in vielen Teilen genauer und wissenschaftlich besser verwertbar ist als etwa das Material des Statistischen Bundesamts. Das Verdienst nun der aktuellen Studie ist, dass sie nicht allein den seit Jahren beobachteten Zuwachs der Armen wie der Armut vermisst, sondern auch zeigt, wie die Abstände zwischen den Einkommensgruppen gewachsen sind. Diese Polarisierung der Einkommen, schreiben die Autoren, erfolgt in Schüben. Ein erster Höhepunkt war Mitte der 1990er Jahr erreicht, dann nahm die Polarisierung sogar leicht ab, um aber 2000 bis 2006 „sprunghaft“ anzusteigen.

Die Autoren erklären, dass der Aufstieg einiger in die oberen Schichten, der Abstieg vieler in die unteren Schichten bei den betroffenen Mittelschichten das auslösen könne, was als Statuspanik bezeichnet werde. Würden andere Bevölkerungsgruppen für den entstandenen oder drohenden Status-Verlust verantwortlich gemacht, trage dies „zur Ausbreitung von diskriminierenden Einstellungen“ bei und gefährde so „die Stabilität demokratischer Entscheidungsprozesse“.

DIW-Forscher Goebel kritisiert, dass das „Sparpaket“ der Bundesregierung nur die unteren Einkommensbereiche betreffe. Er sagt: „Wenn man den Trend sieht, den wir beobachten, dann muss man fragen: Warum sollen eigentlich die Menschen mit den hohen Einkommen keinen Sparbeitrag leisten?“

Dem ist wenig hinzuzufügen. Fürs Erste.

Kommentare (28)

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Ehemaliger Nutzer 15.06.2010 | 17:01

Mittelschicht steht bereits tiefer als sie glaubt

Eine vergangenen Freitag veröffentlichte Studie des Karlsruher Instituts für Wirtschaftsforschung (KIWIFO) zeigt, dass die bislang noch als Mittelschicht angesehene Bevölkerungsschicht längst zu einer "kaufkraftbefreiten Unterschicht" geworden ist. Die Studie über Ludwig Erhards "breitgeschichtete Massenkaufkraft" enthüllt eine dramatische Verfälschung des Begriffs Mittelschicht.

Das DIW hält noch an einem durch das Einkommen definierten Mittelschichtbegriff fest und verfälscht damit unwillkürlich das Ergebnis zum positiven. Der Vergleich der Kaufkraft der vermeintlichen Mittelschicht mit der in Deutschland vorhandenen Kaufkraft (=Geldmenge) zeigt dagegen, dass eine Mittelschicht mit mittlerer Kaufkraft faktisch schon lange nicht mehr existiert.

Mehr unter "Meudalismus".

j-ap 15.06.2010 | 19:57

Der Vergleich der Kaufkraft der vermeintlichen Mittelschicht mit der in Deutschland vorhandenen Kaufkraft (=Geldmenge) (...)

Die Kaufkraft hat mit der absoluten Geldmenge nichts zu tun, obwohl Sie diesen Zusammenhang nahelegen. Kaufkraft bezeichnet eine Relation aus Geldeinheit pro verfügbarer Gütereinheit, sonst nichts.

Deshalb zeigt »der Vergleich der Kaufkraft der vermeintlichen Mittelschicht mit der in Deutschland vorhandenen Kaufkraft«, sondern ist einfach nur redundant. Sie meinen vermutlich verfügbares Einkommen.
Nelly 15.06.2010 | 21:56

Der Begriff "Mittelschicht" wird hier für meine Begriffe sehr restriktiv ausgelegt. Ich möchte bezweifeln, daß ein Single mit 2000 Euro netto im Monat sich als "oben" fühlt.
Ich fände es interessanter, eine Art "Mittelschichts-Lebensstil" zu definieren, dann zu gucken, welche Einkommensspanne dazu notwendig bzw. hinreichend ist und sich dann die Trends anzugucken. Auch da wird wohl rauskommen, daß 2000 netto im Monat noch nicht bedeutet, zur Oberschicht zu gehören !
Diese Kleinrechnung der Mittelschicht verschleiert m.E.die Zunahme wirklich großer Einkommen und Vermögen.

wwalkie 15.06.2010 | 22:18

Es ist - wie so oft - eine terminologische Frage: Wer oder was sind denn "Mittelschichten"? Es wird von den Mitarbeitern des DIW ein stastisticher Begriff gewählt, kein soziologischer (Bourdieu z.B.), geschweige denn ein sozialhistorischer. Und so kann sich ein angelernter Arbeiter als Angehöriger der Mittelschicht sehen - und wenn er seine Arbeit verliert, ist er schnurstracks ein "unterschichtiger Armer". Strengt euch also an, damit ihr nicht in der Unterschicht landet und in die strengen Augen von Sarrazin schauen müsst! Andererseits scheint ein Filialleiter einer Sparkasse Mitglied der "Oberschicht" zu sein - was natürlich angesichts seines devoten Verhaltens und seiner Distanz zum Einkommen echter Banker Blödsinn ist, aber sein Standing gegenüber den "Mittel- und Unterschichtlern" stärkt, denen er keinen Kredit verkaufen will, weil er es nicht darf.

Also darum noch einmal: "Mittelschichten" sind historisch das, was man in Deutschland dummer- und bezeichnenderweise "Mittelstand" nennt, "middle classes" oder "classes moyennes". Sie waren Träger der "bürgerlichen Revolutionen". Man sollte einfach von "Bürgertum" oder der "Bourgeoisie" sprechen. Historisch orientierte Soziologen und soziologisch orientierte Historiker tun dies bis heute. und machen die "Schichtung" nicht nur, aber auch am "Einkommen" der "Unterschichten" fest. Zur Mittelschicht gehören bestimmte Habitus, darum gibt es auch kein "Schichten-Paternoster".

Was allerdings nicht heißt, dass es keine Verarmung gibt - im Gegenteil!
Sondern nur, dass von der der Verarmung der "Mittelschichten" die Mittelschichten profitieren, die ihrerseits nicht als solche bezeichnet werden. Sondern als: "Elite"? "Wirtschaft"? "Investoren"? ...

Die neue Unübersichtlichkeit.

j-ap 16.06.2010 | 01:00

Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu, allerdings helfe Ihre Geh-Hilfen in Richtung Bourgeoisie auch nicht recht viel weiter aus dem Kuddelmuddel als der statistische Medianbegriff. Während dieser nämlich zu kurz greift und zB den kulturellen Aspekt vollkommen außer Acht läßt, wird die »Bourgeoisie« heutzutage eigentlich nur mehr von Marxisten gebraucht.

Das kann man schon machen, allerdings muß man sich dann vergegenwärtigen, daß mit dem Begriff zugleich ein spezifisches Theoriegebäude mitgesetzt ist.

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walter-ter-linde 16.06.2010 | 01:10

Abendliche Gedanken
Die Kosten für Arbeit sind einfach zu hoch, die Kosten drücken die Qualität des Arbeitsprodukts und somit auch den Preis. Letztlich kann man die Kosten der Arbeit dann nur noch für Netto 0,99 € im Ein-Euro-Shop verkaufen, und zwar durch eine Ein-Euro-Kraft. Ziehen wir von dieser die neunundneunzig Cent ab, bleibt die Summe, mit der noch 'Sprengsätze' gebastelt werden können. Das reicht ja nicht mal für die Flasche vom Herrn Motzetoll ...

E H 16.06.2010 | 02:07

Komisch, dass noch niemand auf folgendes aufmerksam gemacht hat, das mir heute morgen als erstes beim Lesen des Wortes "Statuspanik" in den Sinn kam:
Es gibt eine nicht mehr so gebräuchliche soziologische Faschismustheorie, die ein ganz ähnliches Bild im Vorfeld der nationalsozialistischen "Machtergreifung" zeichnet und das Wörtchen "Panik" im Zusammenhang mit den Mittelschichten verwendet. Es handelt sich um die "Mittelstandstheorie", auf die sich prominent Seymour Lipset bezogen hat.
de.wikipedia.org/wiki/Extremismus_der_Mitte

Kurz zusammengefaßt besagt diese, dass es zwischen den "Bürgern" und dem Proletariat einen Mittelstand gab, der angesichts der Wirtschaftskrise "Panik" wg. seines sozialen Status bekommen und als Reaktion darauf den faschistischen Parteien - die Theorie bezieht sich auf Italien und Deutschland - zu ihren Wahlerfolgen verholfen habe. Diese Theorie sieht in faschistischen Parteien auch Mittelstandsparteien und kein bloßes Phänomen des rechten politischen Randes. (Das ist sehr verkürzt, doch wen es interessiert, kann ja woanders weiterlesen.)

claudia 16.06.2010 | 13:38

>>»Bourgeoisie«
Den Begriff "Bourgeoise" braucht man nicht unbedingt.
Es gibt eine besitzende Klasse und eine nichtbesitzende Klasse.
Als "besitzend" kann man alle bezeichnen, die von der Rendite ihres Kapitales leben, als "nichtbesitzend" alle, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben.

In der Mitte zwischen diesen Klassen befinden sich einige "Oberdiener", deren "Lohn" derart hoch ist, dass sie Kapital ansammeln können und so im Verlaufe der Jahre z.B. als Konzernvorstand zur Kapitalistenklasse wechseln und wenn auch nicht als Millardäre, so doch zumindest als Millionäre sterben... Die monströsen "Löhne" der Oberdiener haben den Zweck, ein Klassenbewusstsein zu schaffen, das sie zu zuverlässigen Klassenkämpfern gegen die Nichtbesitzer macht.

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Das Leben vom Verkauf der Arbeitskraft funktioniert immer schlechter.
Wenn wir erkunden wollen. warum Regierungen so hart auf der Verarmung der Arbeitskraftverkäufer bestehen, dann kann eine einfache Rechnung helfen: 0,1 % eines Jahresertages von 100 Mio. für Lobbyzwecke einzusetzen bringt mehr Kohle als Regierungen nicht zu kaufen.

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>>..."Panik" im Zusammenhang mit den Mittelschichten...
Tatsächlich gab es vor 70 Jahren zwischen den Grossbesitzern und den Nichtbesitzern, die vom Verkaufe ihrer Arbeitskraft leben, eine grössere Schicht von "Kleinbesitzern": Zum Beispiel sehr viel mehr Einzelhändler, z.B. die Drogisten und weniger Filialen grosser Handelskonzerne. Auch mehr Handwerker, z. B. Schneider.
Gerhard Hauptmann hat eindrucksvoll beschreiben, wie die Enteignung der Kleinbesitzer („Kleinunternehmer”) als erste die Weber traf. Diese Entwicklung läuft im Kapitalismus kontinuierlich.
Den Begriff "mittelständischer Unternehmer" gibt es immer noch. Und immer noch stehen die Mittelständler sich unter dem Druck grosser Konzerne, die mit Marktmacht die "Kleinen" verdrängen. Man muss sich nur mal anschauen, wie viele in den 80er Jahren gegründete Biolebensmitteleinzelhändler schon von kapitalmächtigen Biodiscountern verdrängt wurden.
Die Angst vor „Statusverlust" spielt dabei eine sehr viel geringere Rolle als die sehr konkrete Angst vor Enteignung durch den Verdrängungswettbewerb des Grosskapitals. Die "kleinen Geschäftsleute" werden kontinuierlich plattgemacht. Die "Rettung durch Faschismus" ist natürlich eine Illusion: Auch Faschisten sind korrupt.

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Facharbeiter und Angestellte auf der unteren Hierarchieebene, die noch mit Tarifgehalt arbeiten dürfen, als „Mittelschicht” zu bezeichen ist ein Versuch, einen Pseudowiderspruch zwischen denen, die ihr Arbeitseinkommen verloren haben und jenen, die es nocht nicht erwischt hat, aufzubauen. Man versucht Zustimmung dafür zu finden, dass die nichtbesitzende Klasse die unvermeidbare Armut unter sich aufteilen müsse. Die noch im Tarif arbeiten Dürfenden müssten für diejenigen, die das Arbeitseinkommen verloren haben, aufkommen. Die Besitzerklasse wohnt ja auf einem anderen Stern und hat mit den verarmten gar nichts tun. Dafür dienen die Hetztiraden gegen die Arbeitslosen, die angeblich eine angeborene soziale Deformation namens „morbus Hartz” hätten.
Deswegen müssten die „Hartz4-Transferleistungen” so weit zusammengestrichen werden, dass Armutsarbeiter keine „Aufstockungsansprüche” mehr haben, mit denen sie den noch verdienenden „auf der Tasche liegen”. In der Proganda gegen die „Faulheit der Erwerbslosen” mit dem nach unten offenen „Lohnabstand” wird das natürlich verschwurbelt gesagt.

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Wenn ich versuche, die Feststellung des DIW mit „Klassenperspektive” zu lesen, dann komme ich zu folgenden Schlüssen:

a)Für die besitzende Klasse ist der Bericht alarmierend, weil diejenigen, deren Zustimmung zur Verarmungspolitik als „neue Mittelschicht" gebraucht wird, immer weniger werden.

b) Für die nichtbesitzende Klasse kann sich die Erkenntnis ergeben, dass die Position im noch-Tarifeinkommen immer unsicherer wird und Wege aus der Gefahr des Absturzes in die Armut gesucht werden müssen.
Dafür ist es wichtig den Scheinantagonismus zwischen armen und noch nicht so armen Nichtbesitzern wieder aufzuheben.

E H 16.06.2010 | 13:52

Ja, die "Rettung durch Faschismus" ist natürlich eine Illusion, wem sagst Du das. Ich glaube auch nicht, dass "der Faschismus" hierzulande praktisch schon vor der Türe steht. Ich verstehe mein Posting als Anregung, weil diese Panik-Parallele bislang offenbar in der Diskussion bislang keine Rolle spielt(e). Allerdings sollte man auch die Entwicklungen in einigen Nachbarländern ernstnehmen ... und auch die Debatten unserer "Eliten" im Auge behalten:
"Ein klein wenig Diktatur": www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57833

claudia 16.06.2010 | 17:16

Nur. E.H., was das DIW als "Mittelschicht" bezeichnet, das hat mit dem "Mittelstand" überhaupt nichts zu tun. Es ist schlicht und ergreifend ein Teil des Proletariates, das noch nicht in die totale Verarmung gezwunden wurde, sondern den Absturz noch vor sich hat. Und um die muss "man" sich irgendwie ein bisschen kümmern, um ihnen die Angst vor dem Existenzabsturz zu nehmen. Ähnliches hat ja auch schon eine Studie der Berstelmannstiftung im Frühjahr festgestellt.
Denn wenn erst mal alle begreifen, dass sie nichts mehr zu verlieren haben, dann ist die gesellschaftliche Situation wirklich revolutionär.

Gegen eine zunehmende Gewalt von Regierungen gegen die Untertanen hat die Besitzerklasse nichts einzuwenden. Eher im Gegenteil. Ob man das nun als Faschismus oder irgendwie euphemisierend verschwurbelt benennt, das ist nur eine Frage der Taktik...

misterl 16.06.2010 | 18:42

Also der Teil, der garnatiert nicht beschreibt, wie gut oder schlecht es der Bevölkerung quer durch die Einkommensschichten wirklich geht, weil es die reale Kaufkraft vom ggf. üppigen Rest komplett ignoriert und ggf. auch nicht berücksichtigt, ob zum Netto der Staat noch Einkommen hinzuschießt.

Das Kinder in einem Singlehaushalt keine Rolle spielen unterstelle ich einmal. Das macht die Brauchtbarkeit einer solchen Statistik allerdings reichlich nutzlos. Die Familie - erst recht der alleine erziehende Haushalt haben vom statistisch vielleicht gleichen Netto erheblich weniger Konsumoptionen, dafür dann zum Ausgleich erhöhte Armutsoptionen.

E H 17.06.2010 | 02:25

Ich glaube, wir sind im Grunde einer Meinung. Mir geht es gar nicht um die Definition von "Mittelschicht" und "Mittelstand", sondern darum, dass Menschen, denen ein Identifikationsangebot gemacht wurde bzw. wird - nämlich irgendwie einer wie auch immer definierten (ökonomisch, sozial usw. definierten) "Mitte" anzugehören - panisch reagieren, wenn der Rauswurf aus diesem Club droht. Und Panik bedeutet eben, dass meist nicht rational, sondern eben hektisch und - nun ja - panisch agiert wird.

claudia 17.06.2010 | 13:49

Dass wir grundsätzlich übereinstimmen, E.H., das sehe ich auch so.

Zum Identifkationsangebot: Ja, wer gewohnt ist, sich auf so was einzulassen, nimmt eventuell in einer Panikreaktion ein anderes Identikationsangebot an und stellt zu spät fest, dass die gleichen Machthaber dahinter stecken, nur in einer anderen Geschmacksrichtung.

Deswegen war mir eine Begriffsbestimmung so wichtig. Für die Identität "besitzlose Verkäuferin von Arbeitskraft" brauche ich keines der Identifikationsmodelle der Obrigkeit, denn sie beruht auf einer sozialen Standortbestimmung, die ich selber vornehmen kann.

Wikinger333 17.06.2010 | 15:29

Ist denn der Versuch, Menschen in Klassen einzuteilen heute wirklich noch zeitgemäß? Wie groß ist denn die von claudia definierte "besitzende Klasse", die sich ausschließlich von den Früchten ihres Kapitals ernährt und ansonsten den Bauch in die Sonne hält? Lebt ein selbstständiger Handwerksmeister "vom Verkauf seiner Arbeitskraft" (= nichtbesitzender) oder gehört er zur "besitzenden Klasse", weil er seine Produktionsmittel selbst besitzt? ideologische Theoriediskussionen scheinen mir für die Problemlösung nicht zielführend.
Nachdem ich mich jetzt also als der Klassenlehre unkundig geoutet habe (was vermutlich daran liegt, dass ich in den letzten 40 Jahren mit dem Aufstieg von der nichtbesitzenden Klasse (Vater Briefträger) zur Kapitalistenklasse (leider noch nicht ganz gelungen) durch praxisrelevante Bildung und Arbeit beschäftigt war), erlauben Sie mir noch zwei Bemerkungen:
Völlig daneben, rein ideologisch und ohne jeden Praxisbezug finde ich heutzutage, den Begriff "Klassenkampf". Die Verflechtungen zwischen den oben genannten Klassen, die Übergänge von der einen zu anderen Klasse in beide Richtungen und die Macht, die auch die "Arbeiterklasse" in Form von Gewerkschaften hat, sind viel zu stark, als das dieser Begriff heute noch zu rechtfertigen wäre.
Anstatt durch Klasseneinteilung zu spalten sollten vielmehr die Übergänge nach oben noch fließender gestaltet werden und das geht in einer Gesellschaft, die Stillstand als Rückschritt definiert nur durch ständige Innovation und damit Bildung von Kindesbeinen an.

claudia 18.06.2010 | 12:00

>>...daß 2000 netto im Monat noch nicht bedeutet, zur Oberschicht zu gehören !
Wenn man eine Skala erstellen würde, die alle Einkommen einbezieht, dann wären auch die "Erträge" aus Milliardenvermögen darin enthalten, die 100 Mio. pro Jahr leicht überschreiten können.
24 000 pro Jahre lägen dann am unteren Rand, man bräuchte schon eine Lupe, um sie von 10- bis 14 000 eines Leiharbeiters unterschieden zu können.
Eine Grobeinteilung in 3 Schichten ergibt dann etwa:
- kleiner als 1 Mio. = Unterschicht
- 1 Mio. bis 50 Mio. = Mittelschicht
- grösser als 50 Mio. = Oberschicht.
Mehr als 90 % des Volkes würden der Unterschicht angehören.

Ein anders Einkommensschichtenmodell ist:
-Unterschicht: Einkommen wird voll für den Lebensunterhalt benötigt
-Mittelschicht: Einkommen erlaubt die Bildung von Rücklagen, die für Sonderausgaben und Alterssicherung benützt werden
-Oberschicht: Einkommen über erlaubt persönlichen Verbrauch und Rückstellungen hinaus politische Einflussnahme

Dieses Modell macht den Begriff "soziale Schichtung" plastisch, weil sichtbar wird, wer als gesellschaftslenkender Faktor agieren kann wer nicht.
Denn wer als lenkender Faktor agiert kann sogar den Begriff "Lebensunterhalt der Unterschicht" immer wieder neu definieren und somit die Arbeitseinkommen permanent weiter absenken.
In diesem Zusammenhang sollte man sich an den Unternehmer Kurt Wokan erinnern, der in in einem Interview in den 70er Jahren erklärte, sein Ziel sei ein Stunden von 2 DM. Das sei völlig hinreichend als Einkommen für Arbeiter. Damals bekam die IG Chemie, Papier, Keramik von einem Gericht recht, als sie in ihrer Zeitung den Wokan als "Ausbeuter" bezeichnete.
Wenn man die 2 DM kaufkraftbereinigt, dann bekäme heute Wokan recht.

Ein "Mittelschichtlebensstilmodell" trüge allerdings das Problem in sich, dass wer seinen tariflichen Arbeitsplatz verliert, von dem Moment an nicht mehr "Mittelschicht" ist und das Recht auf einen Mittelschichtslebensstil verliert.

claudia 19.06.2010 | 10:10

Tja, Wikinger, die Crux an der Propaganda von Regierung und INSM ist eben: Die Umworbenen werden immer weniger.
Stellt nun auch das DIW fest.

>>die Macht, die auch die "Arbeiterklasse" in Form von Gewerkschaften hat,
ich kann mich noch erinnern an die frühen 70er Jahre, als tatsächlich jeder Bürger eine tariflich bezahlte Arbeit annehmen konnte. Mit etwas Willen zur Weiterqualifizierung waren auch Aufstiege aus der Anfängertarifgruppe möglich.
Damals hat der BDI heftig über die "Macht" der Gewerkschaften gejammert. Aber auch wer mit einer unqualifizierten Tätigkeit zufrieden war hat damals mehr verdient als heute ein/e technische/r Angestellter, wenn erst mal der Job weg ist.
Und das Erstaunliche ist doch: Auch die Besitzer von Industrieaktien waren zufrieden, denn trotz des kaufkraftbereinigt sehr viel höheren Lohnniveaus warfen die Aktien schöne Dividenden ab. Was hat die Wirschaft da bloss angestellt, dass das heute nicht mehr funktioniert?

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Heute sind es schrumpfende Restbelegschaften, die noch von Gewerkschaften vertreten werden.
Die wachsende Anzahl von Menschen, die mal ihren tariflichen Arbeitsplatz "verloren" hat, findet auf dem "Arbeitsmarkt" nur noch Leiharbeitsfirmen vor, deren Arbeitsentgelt sehr weit unter den Tarifen der "Kernbelegschaften" liegt. Kaufkraftbereinigt liegen die Leiharbeitslöhne heute bei ca. 60 % der Leiharbeitslöhne von 1995.
Dabei spielt es keine Rolle, wie weit sich jemand zuvor um sein/ihr berufliches Fortkommen bemüht hat.
Wer mal arbeitlos wurde, muss fortan mit sehr viel weniger Geld auskommen. Nur wenige Jüngere finden die Chance, mal in eine Kernbelegeschaft ("Mittelschicht") aufzusteigen.
Wer zum Zeitpunkt einer Kündigung älter als 50 Jahre ist, findet auch kaum eine längerfristige Stelle im Armutslohnbereich, sondern meistens gar keine Arbeit mehr. Damit fällt auch auch die einst durch Beitragszahlung erworbene Rentenzusage stark ab. In besseren Zeiten gebildete Rücklagen müssen verbraucht werden.

Die Propaganda für einen "Konsens zwischen Lohnarbeit und Kapital" spricht diese Menschen ganz bewusst nicht an, sondern stellt sie als "Feind" der noch in der Kernbelegschaft verbliebenen "neuen Mittelschicht" dar. Sie können das abstreiten, aber die Meisten kennen die Hetztiraden von Westerwelle, Sarrazin, Kraft Co.
Ich habe es erlebt, wie Kollegen, die einstmals beflissen gegen die "faulen Arbeitslosen" mitgehetzt hatten, lange Gesichter zogen, als sie plötzlich selber zu den Verhöhnten wurden.

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Nun hat also das DIW festgestellt, was wir ja schon wussten: Die "Mittelschicht", die man auf die Seite der "Guten" stellen möchte schrumpft. Immer mehr davon werden zu "bösen faulen Arbeitslosen".

Viele Noch-Kernbelegschaftler sind mittlerweile zu unbezahlter Mehrarbeit bereit, in der Hoffnung, so dem Absturz in die Armutsschicht entgehen zu können. Gerade dadurch schrumpft aber die Zahl der Tarifarbeitsplätze noch schneller.
Der vom DIW festgestellte Absturz aus der "Mittelschicht" zur Schicht der "faulen Arbeitslosen", die man ohne Anspruch auf angemessenes Arbeitsentgelt in die Armutlohnarbeit zwingen müsse, wird beschleunigt.

Langsam begreifen auch immer mehr in der Noch-"Mittelschicht", dass es genau der Zwang zum Armutslohn ist, der mittels Beitragsschwund ihre Krankenkasse und Rentenversicherung zerstört.

Übrigens sind auch Kleinunternehmer bedroht, wenn in ihrem Umfeld zuviele Arbeitseinkommen wegbrechen: Ohne zahlungsfähige Kundschaft gehen sie auf lange Sicht ebenfalls den Bach runter.

Ganz langsam wächst die Erkenntnis, dass die grosse Mehrheit des Volkes sich keinen Gefallen tut, wenn man dem Prinzip "immer weiter so" und "Armut sichert Wohlstand" huldigt.
Die INSM-Propaganda und die Regierungsbehauptungen werden immer lächerlicher, weil die ganz praktische Lebenserfahrung von immer mehr Menschen das Gegenteil der Behauptungen aufzeigt.