Zwischen Klimaschutz und Energie

Fridays for Future Auch im vom Braunkohletagebau geprägten Cottbus demonstrieren junge Menschen für eine bessere Klimaschutzpolitik. Sie haben klare Ziele – und sind doch eher die Ausnahme
Zwischen Klimaschutz und Energie
Deutschlandweit treibt die Sorge um den Planeten Schüler auf die Straße (Symbolbild)

Foto: imago/ZUMA Press

Im Cottbuser Theatercafé, wo wir uns schon vor der Demo treffen, schüttet Nicklas Zucker in seinen Tee. Mehrere Sekunden lang lässt er die braunen Kristalle in die Tasse rieseln, bis sie zur Hälfte damit aufgefüllt ist. Dann versucht er das Ganze mit einem Löffel und zittrigen Fingern wieder flüssig zu kriegen. Als es gelingt, lächelt er erleichtert: „Ich hatte schon Angst, der Zucker würde sich gar nicht mehr auflösen. Es ist die Aufregung, weißt du, da hab ich wohl etwas zu viel erwischt.“

Die Aufregung, die Nicklas durch den Zuckerrausch zu verdrängen sucht, rührt daher, dass er später bei der Fridays for Future Demo in Cottbus den ersten Redebeitrag halten wird. Vor so vielen Leuten habe er noch nie eine Rede gehalten. „Naja, was heißt viele… Aber mindestens 50 Personen erwarte ich mir schon.“ Eigentlich sei er recht schüchtern, aber wenn ihm etwas am Herzen liege, wenn er sich für etwas begeistere, dann lasse er sich zu solchen Dingen hinreißen, schüttele die Schüchternheit einfach ab. Und der Klimaschutz liegt da an erster Stelle.

Aus den 50 Leuten, die Nicklas zunächst erwartet hat, werden mindestens 200: Schüler, Studenten, Eltern, Polizisten und vor allem Journalisten sammeln sich auf dem Cottbuser Brunnenplatz. Ein Protest für den Klimaschutz ist in der Stadt kein alltägliches Event.

Viele der 100.000 Einwohner sind im Tagebau oder den anliegenden Kohlekraftwerken beschäftigt, da sind Proteste gegen den Klimawandel so, als kämpfe man gegen die Hand, die einen füttert. Das sagt auch Nicklas Vater, der selbst in der nahegelegenen Kohleabbaustelle Jänschwalde als Lokführer tätig ist. Seine Eltern hätten es ihm auch verboten zur Demo zu gehen, aber seine politische Meinung lasse er sich nicht verbieten, fügt Nicklas selbstbewusst hinzu. Trotzdem, ein bisschen Angst erwischt zu werden habe er schon.

Die einfachen Arbeiter dürfen nicht bestraft werden

Den Kohleausstieg, den viele Demonstranten fordern, sieht Nicklas jedoch kritisch. Die Kraftwerke von einem auf den anderen Tag zu schließen sei schwierig. Die Cottbuser Bevölkerung hänge von dieser Einkommensquelle ab und die einfachen Arbeiter, die ja nicht die Schuld an diesem Desaster trügen, dürften nicht bestraft und auf die Straße gesetzt werden. Trotzdem weiß er, dass die Zeit drängt und so schnell wie möglich neue Wege gefunden werden müssen, um Energie zu gewinnen.

Windkraft zum Beispiel: „Wenn alle, die heute in den Kohlekraftwerken arbeiten, sich hinstellen und kräftig pusten würden, wäre nicht nur das Problem der Arbeitsplätze, sondern auch das der windstillen Tage gelöst“, scherzt er. „Oder wir versuchen, den Mond in eine riesige Solarzelle zu verwandeln. Die Oberfläche des Mondes besteht nämlich zu großen Teilen aus Silizium, also dem selben Material wie jenes, das für den Bau von Solarzellen verwendet wird.“ In dieser Hinsicht setzt Nicklas vor allem auf Fortschritte in der Forschung, die noch stärker unterstützt werden müsse.

Neben intensiver Forschung müsse sich aber auch der Alltag der Menschen ändern. Die übermäßige Verschwendung und der unnötige Komfort müssten endlich aufhören. Nur durch einen ideologischen Wandel, sei das Klima noch zu retten. Schuldbewusst fügt Nicklas hinzu, dass der ganze Zucker in seinem Tee ja eigentlich eine Verschwendung sei. Der müsse auch irgendwo angebaut und nach Europa transportiert werden. Aber allem Luxus könne er sich nicht entsagen, dazu sei er nicht erzogen worden.

Trotzdem verzichtet Nicklas aktiv auf viele alltägliche Dinge. Die Heizung in seinem Zimmer zum Beispiel, Autofahrten und auch mit Licht und Wasser gehe er sehr sparsam um. Und wenn sich nicht ganz darauf verzichten lasse, versuche er zumindest den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Letztens beispielsweise, habe er seinen Eltern 400 Euro gegeben, um sie zum Kauf eines sparsameren Autos zu überreden. „Da hab ich direkt meine Sparbüchse geleert“, lacht er, „jetzt fährt meine Mutter eine kleine, sparsame Kapsel!“

„Es geht um meine Abi-Zulassung!“

Pünktlich um 13 Uhr beginnt die Demo. Zuerst zaghaft, dann immer begeisterter werden Transparente in den Himmel gereckt, Parolen werden in die Menge gerufen, Flyer verteilt – eine Einladung zum Waldspaziergang in der Lausitz – und die unschlüssig verstreuten Grüppchen fügen sich zu einer aufgeregten Menge. „Stimmuuung!!“, schreit das Mädchen, das mit Nicklas die Bühne betritt, „wir brauchen mehr Stimmuuung!“.

Mitten im Gedränge wird Nicklas plötzlich zur Seite gezogen. „Gibt es hier einen Arzt?“, brüllt ihm ein Schüler über die inzwischen lärmende Musik zu. „Ich brauche unbedingt einen Doktor, der mir heute noch eine Entschuldigung schreiben kann. Wir schreiben gerade eine Klausur. Es geht um meine Abi-Zulassung!“ Die beiden verschwinden im Gedränge.

Unter den Demonstranten finden sich viele Schüler die wegen der Demo einige Schulstunden oder gar Klausuren haben sausen lassen. In manchen Schulen konnten die Schüler sich für die Demo freischreiben, andere bleiben unentschuldigt. Die 13-jährige Zora ist als einzige der fünften bis zehnten Klasse ihrer Schule zur Demo gekommen, obwohl die Schulleitung eine Freistellung genehmigt hatte. Den anderen sei das Thema leider nicht so wichtig oder die Eltern wären strikt dagegen, dass ihre Kinder streikten. Wäre die Demo an einem Samstag gewesen, wären wahrscheinlich mehr ihrer Freunde mitgekommen, meint Zora. „Nicht unbedingt für den Klimaschutz, aber um mich zu unterstützen.“ Von der Demo ist Zora jedoch beeindruckt. Ergriffen steht sie in der vordersten Reihe, in den Händen hält sie ein weißes Schild: „Papa? Was ist ein Baum?“

Streikende Schüler sind eher die Ausnahme

Doch Zora ist nicht die einzige, die sich alleine auf den Weg machen musste. Viele der Schüler erzählen ähnliche Geschichten. Das Thema sei bei vielen Mitschülerinnen und Mitschülern nie wirklich angekommen und das, obwohl es im Unterricht häufig angesprochen werde. Diejenigen, die sich am Freitagnachmittag in Cottbus am Streik beteiligen, wissen gut über den Klimawandel Bescheid und können klare Ziele formulieren. Doch wie es scheint, stellen sie in Cottbus eher die Ausnahme als die Regel dar. „Am Schulgelände angebrachte Sticker für den Klimaschutz werden einfach durch FC Energie-Sticker überklebt. Da weißt du, dass du in Cottbus bist.“

Auch viele der Lehrer stünden den Protesten sehr kritisch gegenüber. Schüler, die mit dem Auto zur Schule fahren und sich trotzdem an den Streiks beteiligen wollen, sollten erst ihren eigenen Lebensstil überdenken um kohärent handeln zu können.

Die 15-jährige Mathilde sieht das anders. Sie selbst würde zwar immer mit dem Fahrrad zur Schule kommen, doch für viele sei dies nicht möglich. Deshalb plädiert sie dafür, das öffentliche Verkehrsnetz in Cottbus auszubauen. Momentan müsse man sich auf große Verspätungen und lange Wartezeiten einstellen, wolle man von Bus und Straßenbahn Gebrauch machen. Da sei es kein Wunder, dass viele auf das Auto umsteigen würden. „Wir können uns hier so viel abstrampeln, wie wir wollen“, meint sie, aber auch die Politik müsse etwas ändern.

Und das könne sie auch. „Der Mensch ist mächtig“, appelliert Nicklas von der Bühne. „Mächtig genug um das Gleichgewicht auf der Erde zu zerstören. Doch wir können diese Macht auch nutzen, um Bäume zu pflanzen und uns um unsere Zukunft zu kümmern.“ Von seiner früheren Aufregung ist nichts mehr zu sehen.

15:45 16.03.2019

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