„Der Verstand sträubt sich dagegen“

Erster Weltkrieg Georg Halder, mein Urgroßvater, war als Infanterist, Zimmermann und Meldegänger an der Westfront. Einblicke in das Innenleben eines Kriegstagebuchs
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Ich habe keine Erinnerung an meinen Urgroßvater. Wie könnte ich auch, wo er doch bereits fünf Jahre vor meiner Geburt gestorben ist. Ich weiß auch nicht mehr, wann ich das erste Mal mit seinem Kriegstagebuch in Berührung kam. Ich glaube, dass mein Vater es mir irgendwann zeigte, das könnte etwa vor 15 Jahren gewesen sein. Wir setzten uns mit dem schweren Buch an den Esstisch meines Opas und schauten uns ehrfurchtsvoll die Bilder an. Mein Vater, so erinnere ich mich vage, wies insbesondere auf die Zeichnungen hin, die verdeutlichten, dass sich an diesem seltsamen Ort, von dem die Schrift zeugte, ein eigenes Wissen und ein eigenes Können ausgebildet hatte; das Kriegstagebuch erschien selbst als ein Relikt dieses den Erfindergeist fordernden Aus-der-Welt-Seins. Die Schrift blieb unleserlich, bis mein Opa sich dazusetzte und ein paar Zeilen vorlas. Er merkte mein Interesse und bot an, das ganze einmal ins Reine zu schreiben – ein wahnsinniges Unterfangen, bei dem ich sehr gut verstehen kann, dass er die Sache wieder vergaß oder auch aufgab. Er starb einige Jahre später. Seine eigenen Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg waren selbst höchst abenteuerliche, so viel weiß ich noch, aber er hat sie nie aufgeschrieben. So bleibt mir dieses Kriegstagebuch meines Uropas aus dem ersten Weltkrieg – was sind wir Deutschen doch für ein seltsames Volk, die Welt in gleich zwei Generationen hintereinander mit Urkatastrophen zu überziehen, bis diese auf uns selbst zurückfallen?

Das sinnvolle Schreiben im sinnlosen Krieg

Wer diese Zeilen ließt, weiß, dass ich nicht von dem Kriegstagebuch lassen konnte. Die Schrift war für mich lange unleserlich, so dass ich es zwangsläufig abschreiben musste, um es selbst überhaupt lesen zu können. Was dabei herauskam, entpuppte sich über weite Strecken als penibles Ereignisprotokoll. Das „ich“ wird in dieser Darstellung vermieden, das Geschehen erscheint durch die Verwendung der Wörter „wir“, „das Regt.“ oder schlicht „Ablösung“ als übermenschliche, schicksalhafte Fügung. Was indes wirklich interessiert hätte – das kameradschaftliche Zusammenleben, die nicht nur soldatischen, sondern persönlichen Empfindungen und Reflexionen, kurz: etwas Erzählendes, nicht nur Berichtendes – fehlt im Grunde. Dies wahrscheinlich nicht nur, weil hierzu das Talent oder die Lust gefehlt hätten, sondern weil es mit dem Anliegen einer makellosen Heroisierung, dem das Tagebuch explizit folgt, nicht vereinbar gewesen wäre. Was mit dem Werk angestrebt wurde, nämlich die totale Sinnhaftigkeit der Erlebnisse zu unterstreichen, wird gerade verfehlt. Das kann auch nicht funktionieren, weil in diesem Krieg, der ‚Knochenmaschine‘, richtigerweise nur Sinnlosigkeit diagnostiziert werden könnte. Indem gegenüber „heiliger Begeisterung für’s Vaterland“ (Vorwort) die negativen Aspekte – Horror, Verzweiflung, Angst, Wut, Hass, Resignation, Zweifel und schlichte Banalität – größtenteils ausgeblendet werden, entsteht eine eigentümliche Leere, welche eben gerade nicht glorifiziert, sondern die Ignoranz und Verbohrtheit des gewollten Heldentums in besonderer Weise herausstellt.

Tatsächlich zeichnet sich der Kriegsalltag großteils durch Gleichtönigkeit aus, so dass der Artilleriebeschuss durch den Gegner oft die einzige Abwechslung und damit einer Notiz wert zu sein scheint. Minutiös wird für jeden Tag die Intensität desselben beschrieben. Mit „Ein rasendes Artilleriefeuer“ (30.3.1918) gibt der Kriegstagebuchschreiber dann routiniert Kunde über die aktuelle militärische Wetterlage, zugleich dienen diese Angaben dem Leser als grobe Gefahrenanzeige. Wie man von der Wolkenbildung aufs Wetter schließen kann, so wird die Masse der Einschläge feindlicher Geschosse als Indiz für die Gesamtsituation herangezogen. Andere marginale Ereignisse wie Munitionstransporte werden ebenfalls als Omen für die nächsten Tage wahrgenommen. All das wird aber vielleicht auch deshalb beschrieben, weil es sonst wenig zu berichten gibt und weil der Eindruck erweckt werden soll, dass der Autor trotz seiner häufigen Tätigkeiten hinter den Linien voll und ganz am Krieg teilnahm. Denn als Zimmermann und später Meldegänger erlebte er den besonderen Luxus, nicht permanent mit den Kameraden im vordersten Graben stehen zu müssen.

Die Parallelwelt der Verwundeten

Das erste Kriegshalbjahr wurde am intensivsten erlebt und daher besonders ergreifend und detailliert nacherzählt. Die Lust am Erzählen korrespondiert mit dem Kriegsoptimismus jener Zeit. Die Erzählung hätte in dieser Form fröhlich bis zu einem imaginierten Einmarsch in Paris weitergehen sollen, so ahnt man. Indes zeigt die erste Kriegszeit, dass das Militär noch keinen blassen Schimmer hat, wie ein Krieg im 20. Jahrhundert zu führen ist. Zu Beginn rennen die Regimenter noch in Schützenlinien gegeneinander an; ein Sinn für Deckung scheint nicht zu existieren. Am 30.8.1914 ändert sich dieses gewohnte Bild für den Kriegstagebuchschreiber, doch eine Taktik scheint Halder, in diesen ersten Kriegswochen noch mehr Zivilist als Militär, darin nicht zu erkennen: „Keine regelmäßige Schützenlinie ist es, hier eine Gruppe, dort eine Gruppe, andere schleichen sich Hecken entlang“.

Zu Beginn des Tagebuchs fließt noch der Kontakt zu Zivilisten in besetztem Gebiet in den Bericht ein, später nicht mehr. Zeit für Mitleid mit den Zivilisten bleibt dabei, auch wenn man es anders vermuten könnte, durchaus – etwa das Schaudern beim Anblick der ringsum brennenden Dörfer bei Baranzy in Belgien: „Das Dorf nebenan steht lichterloh in Flammen, auch die Dörfer in der Umgebung brennen, ein jammervolles Bild; so viele Heimstätten sind zerstört, die Familien obdachlos“ (25.8.1914).

Als Halder nach langem Marschieren und nur gelegentlichen Schießereien in Vaubecourt, einem Dorf etwa 30 km südwestlich von Verdun, ankommt, wirft die französische Militärführung mit einem Mal jeden verfügbaren Mann den schlecht aufgestellten, ausgezehrten und voneinander abgeschnittenen Deutschen entgegen. Interessant an der Dramatik des Tagebuchs ist, dass der Protagonist Halder an dem Punkt, an dem sich das Blatt für die Deutschen insgesamt wendet, geradezu exemplarisch auch selbst seine größte Krise erlebt. Plötzlich verwundet, rutscht der Erzähler in eine bislang unsichtbare Parallelwelt des Krieges ab, von der aus man die bisherige Welt wie durch einen Einwegspiegel betrachtet, hinter dem man selbst unsichtbar bleibt. Die Perspektive wechselt radikal: Der unvermittelt Bewegungsunfähige fällt aus der Befehlskette heraus und damit auch aus dem taktischen Geschehen. Selbst lädiert, nimmt der Beobachter plötzlich die Verwundeten um sich herum wirklich wahr, er erkennt sie jetzt erst als Personen an, könnte man sagen. Es entsteht eine äußerst vergängliche Schicksalsgemeinschaft des Stöhnens und Kriechens. Sofort beherrschen den Geist drei Gedanken: 1. Hier also, hier und jetzt hat es mich erwischt. 2. Habe ich vielleicht noch eine Chance? Und wenn ja, 3., wie kann ich meine gefährlich Lage verbessern? Doch Halder hat Glück, das durchschossene Knie sollte ihm im späteren Leben keinerlei Probleme machen, und wenige Monate später steht er wieder im Feld.


Der Sinn des Vergeltungsfeuers während des Trommelfeuers

Ob aufgrund seiner Verwundung, der Zimmermannskenntnisse oder aus purem Zufall – Halder wächst mit der Zeit immer mehr in die Aufgabe des Ausbesserers, Barackenbauers und Aufräumers hinein. Das Regiment wird 1916 von den Argonnen nach Flandern verlegt. Dort wird der Autor unmerklich zu dem, was man einen „alten“ Soldaten nennt, einem, der die Lage instinktiv erfasst und sich nicht mehr so leicht schrecken lässt. Frisch im Feld nach ein paar Tagen der Ruhe sieht er über die Linien und stellt fest: „Der Gegner hat vor uns gearbeitet“ (21.4.1916). Nach einem schnellen Blick auf die Art der Aushebungen am feindlichen Graben schließt er auf eine erhöhte Gefahr einer Sprengung in den feindlichen Tunneln unter sich. Seine eigene Pionierarbeit kennt er mittlerweile in- und auswendig, daher erkennt er die Art der Arbeit seiner französischen Kollegen auch über die Front hinweg.

Begeistert berichtet Halder auch von Kämpfen mit Handgranaten, von Fliegerduellen und vernichtenden Artillerieeinsätzen. In diesem Beobachten liegt eine weitere Besonderheit des Tagebuchs, denn der Berichterstatter ist selbst nur ein Zuschauer, allerdings einer, der dem Geschehen so nah ist, dass er um sein Leben fürchten muss. Und doch ist er selten mitten im Geschehen, trifft keine taktischen Entscheidungen, tötet wohl vergleichsweise wenige Feinde. Eine distanzierte Haltung kann er dadurch nicht gewinnen. „Der Engländer“ oder „der Franzose“ zieht in der Darstellung fast immer den kürzeren, wenigstens symbolisch. Wenn sich die Deutschen einmal zurückziehen, dann ist es ein ehrenhafter Abzug, wenn der Engländer seine Artillerie „zur Hilfe holt“ (13.3.1916), ist er feige. Die Deutschen dagegen üben „Vergeltungsfeuer“ (4.2.1916) für jeden als ungemäß erachteten Beschuss. Bei diesen Aktionen handelt es sich bisweilen um effektlose Krachübungen, welche den Kämpfenden aber das Gefühl geben, durch den beim Feind erzeugten Schrecken ein wenig Stolz zurückgewonnen zu haben. Ein eigener Flieger wird abgeschossen, als Reaktion wird der gegnerische Flughafen mit der Artillerie beschossen. Das folgt wohl keiner Logik der effizientesten Strategie mehr, auch geht es nicht um das letztliche Niederringen des Gegners, sondern man will ihn schlicht hier und jetzt niederdrücken. Man lässt sich bestimmte Dinge schlichtweg nicht gefallen. Fast scheint sich ein geheimes Einverständnis der verfeindeten Seiten, eine tatsächliche Harmonie auszudrücken: Denn sofern es im Krieg, im alltäglich gleichen Bombardement noch etwas gibt, was im Speziellen gesühnt werden muss, gibt es im Umkehrschluss offensichtlich ein normales, sozusagen „zivilisiertes“ kriegerisches Handeln – immerhin als Fiktion, auf die sich beide Seiten beziehen.

(Ver)wüstung

Im Sommer 1916 scheint es, als würde die Front an der Somme jeden Augenblick zusammenbrechen. Das Regiment Halders mit der Nummer 127 wird unerwartet von Flandern aus an diesen südlicheren Abschnitt geworfen. Dort angekommen, verdichten sich die Anzeichen für eine baldige Steigerung der Gefahr weiter: „Der Feldgeistliche will uns für schwere Tage und Kämpfe gefasst machen. Ununterbrochen hält stärkstes Trommelfeuer an“ (30.7.1916). Im letzten Moment kommt aus heiterem Himmel der Befehl, Halder solle als Erntehelfer sofort gen Heimat fahren. Was für ein unverschämtes Glück! Kurz darauf schlägt noch eine Granate in die Kompanie ein, und es scheint kaum der Erwähnung wert, dass er auch hiervon unbehelligt bleibt. Als der Autor zur Front zurückkehrt und feststellt, dass der größte Teil seines Regiments inzwischen nicht mehr existiert, schreibt er einige Tage kaum oder nichts mehr ins Kriegstagebuch.

Manche der Landschaftsbeschreibungen, gerade wenn der Autor in eine neue Gegend kommt, haben manchmal etwas von Urlaub, aber der Horror frisst sich dann doch in diese Idylle. Denn das Land verschwindet bei zunehmendem Kampf und wird zur Wüstung, in der alles konstant vernichtet wird und nichts mehr leben darf. Diese Hölle erlebt Halder etwa in den letzten Wochen seines ersten Argonneneinsatzes oder im Winter 1916/17 in der Picardy. Die Umwelt wird dem andauernden schweren Artilleriebeschuss in ein einziges Schlammfeld verwandelt. Der Krieg verschlingt hier nicht nur Leben, nicht nur Material und Kulturzeugnisse – Sinn selbst scheint zu verschwinden, weil im Feld zunehmend überhaupt nichts mehr ist. Alles wird in noch kleinere Stücke zersprengt, am Ende besteht alles aus einem grauen Nichts, aus Schlamm, Knochen und Ratten. Der Mensch verliert in der Etappe jeglichen Halt. Alles wird unsicher, die Unbedeutung des eigenen Lebens sticht von überall her ins Auge: Das Wanken des Erdbodens durch die unterirdischen Sprengungen, das Einrutschen der Gräben, die ständige Verflachung, Zerstörung und Vergrauung aller Materie, der Geruch der Verwesung und das Verschwinden langvertrauter Identitäten der gefallenen Kameraden – dass der ständige Beschuss, wie der Autor schreibt, eine erhebliche nervliche Belastung ist, erscheint dabei noch als geringstes Problem.

Mühsam werden neue Symbole erschaffen: Granaten werden liebevoll „Große“, „Kleine“, „Schwere“ und „Mittlere“ (13.3.1916) genannt, sowieso wird alles mögliche in Gänsefüßchen gefasst, wie um die Wörter darin einzufassen und ihnen Stabilität zu verleihen. Alles örtliche im Feld bekommt spezielle Bedeutungen wie „vordere Linie“, „Bulgarenlager“ oder „Zwartelener Trichter“. Doch die Bedeutung von Gegenständen und Orten scheint genauso brüchig wie ihre materielle Existenz.


Dissens, Fehlanzeige?

Tauchen im Kopf des „einfachen Musketiers“ (Vorwort) Halder Zweifel gegenüber dem Krieg als Ganzen oder in Bezug auf die Obrigkeit auf? Eher nicht – ganz im Gegenteil erscheint das Beobachten von Feldschlachten bisweilen, insbesondere solange eine „großartige Fernsicht“ (2.6.1918) herrscht, als lustvoller Zeitvertrieb. Die lange Gewöhnung an den Krieg lässt diesen offensichtlich seinen Schrecken verlieren, es eröffnet sich sogar ein ästhetischer Horizont: „Stundenlang beobachte ich von hieraus mit dem Fernglas. Es ist ein Bild zum Malen! Von überhöhendem Standort das weite Vesletal mit zahlreichen Granateinschlägen u. platzenden Schrappnells“ (2.6.1918).

Was den Autoren innehalten lässt ist immerhin das Leid der Kameraden und natürlich die Angst vor dem eigenen Tod. Im Frühsommer 1917 etwa, als sich seine Gruppe nach längerer Pause langsam, aber unaufhaltsam wieder auf die Front zubewegt, vergeht kein Tag, an dem nicht die Angst zu spüren wäre – „vor uns“ wie er schreibt, geschieht etwas Gewaltiges, Unabwendbares, das „auch uns zu verschlingen droht“ (2.5.1917). Der furchtsame, aber auch Risiken kalkulierende Blick geht immer in Richtung Front, manchmal auch gen Himmel, wo sich das eigene wie das fremde Kriegsmaterial in einem herrenlosen Orkan zu vereinen scheint.

Im Winter 1917 entwickelt Halder zumindest zwischen den Zeilen eine widerspenstige Einstellung gegenüber einzelnen Anweisungen. Ein Kommandant befiehlt, die Mäntel „zu ‚rollen‘“ (26.1.1917), um die Härte der deutschen Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung eines besetzten Städtchens zu beweisen. In der Folge spielt das Thema Kälte eine immer stärkere Rolle. Detaillierte Beschreibungen über die miserablen Unterkünfte kommen auf, über die offenen Feuer in den Fenster- und türenlosen Häusern (ist dieses Material in den Gräben und Stollen im Einsatz?), oder eine Beschwerde über den „40–50 cm tief“ (2.2.1917) gefrorenen Boden, bei dem die Aufgabe des Aushebens eines Grabens völlig unmöglich ist. Überhaupt kommt die Sinnlosigkeit des ganzen Unterfangens immer deutlicher zum Vorschein: Das ausgegebene Brot lässt sich kaum mehr essen, weil es gefroren ist, Wasser kann nicht mehr verteilt werden. Schließlich, und im Nachhinein schien alles darauf hinauszulaufen, wird zwei Drittel der Kompanie für krank erklärt und soll sich kurieren. Ein „Wirrwarr von Befehlen kreuzt sich u. widerspricht den anderen“ (6.2.1917), als sie sich auf dem Weg ins Krankenlager befinden. Das Vertrauen in die Vorgesetzten ist dahin. Die Männer können unter diesen Umständen auch bei bestem Willen nicht mehr kämpfen, es ist aufgrund materieller, situativer und schließlich körperlicher Gründe einfach unmöglich, die Befehle ordentlich zu befolgen.

Beim Eintrag vom 26.9.1917 bahnt sich schließlich eine gewisse Verbitterung ihren Weg ins Kriegstagebuch. Am Tag zuvor verlieh der Kronprinz noch Orden, und als dann wieder der Marschbefehl gen Front kommt, schreibt Halder: „Unbarmherziger Krieg. Wir sind schon wieder ‚gefechtsreif‘“. Der Krieg also solcher wird für die als ungerecht empfundene Situation verantwortlich gemacht, in der die Gruppe wieder ins Feld muss – mit wenigen Gramm Blech mehr an der Brust als beim letzten Mal. Es klingt in diesen Zeilen auch ein Entsetzen darüber an, wie wenige Männer noch übrig sind und dass man die Gruppe in solch ausgedünntem Zustand überhaupt ins Feld schickt. Gedanken an die Möglichkeit einer eigenen Niederlage kommen hierbei – zumindest in textlicher Form – nicht auf. Dabei lässt den Autoren so manches, was er gegen Ende sieht, beinahe vom Glauben abfallen: „Bis zu 70 Flugzeuge stark überfliegt der Feind die Linien u. wirft Unmengen an Bomben ab (Kettenbomben). Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges tritt die fdl. Fliegertätigkeit so stark in Erscheinung. Es ergibt sich ohne weiteres die Frage: Was soll das bedeuten!“ (22.7.1918). Aus heutiger Sicht ist die Antwort leicht zu geben: Der Krieg ist nicht mehr zu gewinnen, solche Bomberstaffeln hat die Oberste Heeresleitung nicht aufzubieten.

Sind unsere Führer verrückt geworden?“

Die Operation „Michael“, im März 1918 offiziell Ludendorffs Versuch, den Sieg auch im Westen zu erzwingen, musste trotz anfänglicher Erfolge letztlich an der Präsenz von rund einer Million us-amerikaninscher Soldaten scheitern. Im Kriegstagebuch gibt es zum Beginn dieser Offensive eine interessante Episode: Der bevorstehende Angriff wird psychologisch dadurch vorbereitet, dass man die Mannschaften in absolut ausgelassene Stimmung versetzt. Dazu ist zunächst eine grobe Irritation nötig: „7:30 h erhält die Komp. Befehl, vor dem Walde auf freiem Felde ein großes Feuer anzuzünden. Mann, was soll denn das heißen ? – ? Sind unsere Führer verrückt geworden?“ (21.3.1918). Als das Feuer aber brennt und die Soldaten zu allerlei Scherzen ermuntert werden, kippt die Stimmung in die gewünschte Richtung: „Helle Begeisterung flammt in den Kompanien auf“. Diese fast schon zeremonielle Inszenierung stärkt den Kampfgeist spürbar. Wie durch ein Wunder sind gerade keine feindlichen Flugzeuge in der Luft, die ansonsten jede Nacht deutsche Nachschubkonvois aufstöbern und aufs Korn nehmen.

Warum überhaupt immer wieder diese Durchbruchsversuche? Der Wille zur Bewegung ist nur bei den Deutschen dermaßen dominant, und die Pickelhaube erscheint als Symbol dieses Mit-dem-Kopf-durch-dieWand-Wollens. Bei der Entente hingegen scheint es, als hätte sie sich bei deutschen Offensiven ganz bewusst immer wieder zurückgezogen, wissend, dass jeder Geländegewinn den Deutschen mehr logistische Probleme einhandelt als die Geländeverluste der Entente selbst schaden. Was das konkret bedeutet, lässt der großartige Satz erkennen, der am 8.4.1918 fällt: „Der gesunde Menschenverstand sträubt sich dagegen, aber die Masse macht es, wer will dahinter zurücktreten, obwohl es schier ans Unmögliche grenzt“. Und dabei meint der Autor hier nicht das Marschieren oder den Beschuss, sondern schlicht die Kälte und Nässe, die Hilflosigkeit den Naturgewalten gegenüber. Aber die stupide „Masse“ der Armee hält vieles durch, was eigentlich auch strategischer Wahnsinn ist. Einmal mehr wird der Irrsinn des unbedingten Vorstoßes sichtbar, der eigentlich ziel- und oft genug planlos verläuft und letztlich immer wieder am Versorgungsproblem scheitern muss. Dann schreibt Halder am 8.4.1918 noch, wie die Soldaten ihre toten Pferde essen und aus den verlassenen Dörfern alles Ess- und Trinkbare holen, „um es vor der Zerstörung zu retten“. Dass er kurz vorher das Leiden der Soldaten beschreibt, ist also wahrscheinlich kein Zufall, sondern gehört zur Dramaturgie und zu einer durchdachten Rhetorik, welche auch dieses verzweifelte Handeln noch gut aussehen lässt.

Fazit: unverschämter Dusel

Auf das besondere Glück meines Urgroßvaters hinzuweisen, diesen Krieg in seiner gesamten Dauer überlebt zu haben, mag müßig erscheinen. Aber das genaue Timing, das seine Schutzengel hinlegten, ist schon eines gesonderten Hinweises würdig: Als die Westfront endgültig zusammenbricht, ist er gerade in den Heimaturlaub gefahren. Während der letzten schweren Rückzugsgefechte müsste er wieder an die Front; dort wurde aber gerade ein absolutes Ein- und Ausreiseverbot verhängt, warum sich sein Urlaub automatisch verlängert. Und als er schließlich an der Front ankommt, tritt das Waffenstillstandsabkommen in Kraft. In diesem Moment erwischt ihn die Grippe, wahrscheinlich die spanische, und mit letzter Kraft kann er sich bis nach Hause schleppen, um sich dort – in Friedenszeiten – auszukurieren.

Der unverschämte Dusel meines Uropas hat für mich die unmittelbare und doch abstrakte Relevanz, dass ich schlichtweg existiere. Allerdings muss man den immer wieder glücklich entscheidenden Zufall rückblickend wohl von seiner Umkehrung, dem normalen Pech der anderen her begreifen. Immer wieder wird gesiebt, in einer Metapher: Der gedroschene Weizen wird hochgeworfen und der Wind bläst den Spreu davon, nur im Falle der Weltkriegssoldaten ist wohl alles Spreu, einjeder kann hinweggeweht werden. Doch immer bleiben einige wenige zurück, sooft auch gesiebt wird. Für das einzelne Stück Spreu ist das ein unwahrscheinlicher Vorgang, für eine ganze Schaufel gedroschenen Korns nicht.

Halder mimt die Wahrscheinlichkeitsrechnung der Schaufel, wenn er sich im Modus des Generalsblicks verächtlich über das disziplinarische Versagen seiner im Feld stehenden Kameraden gegen Kriegsende äußert (22.10.1918). Dabei ist die Angst vor dem eigenen Tod die realistischerere Perspektive auf das eigene Soldatenhandwerk anstatt blinden Heldenmuts und dem Mitfiebern mit den Gebietsgewinnen. Aber das Militär funktioniert im Ganzen vermutlich nur, weil die letzte Konsequenz der Angehörigkeit zu ihm, das eigene Nicht-Sein, abstrakt bleibt. Solange, bis es zu spät ist.

09:24 28.07.2014
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