Mythos Revolution

Ausland Können Revolutionen das einhalten, was sie verheißen? Ein grundsätzlicher Blick auf den Begriff der Revolution vor den Präsidentschaftswahlen in Ägypten und der Ukraine
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Christina Stürmer besingt in einem Lied gute Stimmung beim Feiern als „Revolution“. Sie scheint darin die Party als Antigesellschaft auszurufen, deren nächtlicher Optimismus der alltäglichen Tristesse trotzt. Mit solchen – nennen wir es einmal relativ freien – Interpretationen hat der Begriff der „Revolution“ seit jeher zu kämpfen. Ralf Dahrendorf beschwerte sich schon 1961 über die „Inflation des Wortes ‚Revolution‘“, und obgleich die internationale Politik seit 2011 in der Tat turbulente Zeiten durchlebt, lässt sich auch anhand aktueller Ereignisse zeigen, dass der Begriff der Revolution stets nur allzu schnell bei der Hand ist.

Libyen zum Beispiel hätte sich ohne die westliche Flugverbotszone – und effektiv die NATO-Luftangriffe auf Gaddafis Truppen – nicht befreien können, daher trifft hier der Begriff der Revolution nicht ganz ins Schwarze, stellt man sie sich doch als Umsturz durch das vielbeschworene „Volk“ selbst vor. Bei der Absetzung Husni Mubaraks durch das Militär hatten bereits manche Beobachter im Westen leise von einem sanften Putsch geraunt, doch erst beim zweiten dieser Sorte gegen Mohammed Mursi gewann dieser Begriff die Deutungshoheit. Auch in Syrien konnte man schon bald kaum mehr von einer Revolution sprechen, vielmehr handelte es sich bald um einen Stellvertreterkrieg zwischen verschiedenen Machtzentren des Nahen Ostens. Die Ukraine muss den durch einen Umsturz herbeigeführten Anschluss an den Westen mit der Abtretung der Krim an Russland bezahlen. Die postrevolutionäre Regierung Libyens ringt noch immer mit den Milizen, die aus dem Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi hervorgegangen sind. Ägypten bewegt sich wieder auf eine latente Militärdiktatur zu und in Syrien scheint es, als würden die Kräfte des alten Regimes unter Baschar al-Assad langsam die Oberhand gewinnen; die Revolte wird niedergeschlagen.

Die Geschichte macht die Revolution

Diesen eher analytischen Betrachtungen fehlen die der Revolution innewohnende Bewertung als historisch unabwendbar und moralisch unanfechtbar. Doch diese Bewertung geschieht stets durch die Sieger. Daher kann es eine Revolution, die nicht erfolgreich war, auch eigentlich nicht geben, denn dann läge die Deutungshoheit ja beim alten Regime, das wahrscheinlich eher Begriffe wie Rebellion oder gar Verrat benutzen würde. Der Erfolg und auch die Tragweite einer angeblichen Revolution sind aber nie gewiss, sie können erst rückblickend festgestellt werden, und so ließen sich Revolutionen im Grunde auch erst hinterher als solche identifizieren.

Doch wer sich der „Revolution“ rhetorisch bedient, der wähnt sich auf der sicheren Seite, auf der Seite der Geschichte. Auch sind die jeweiligen Revolutionäre natürlich bemüht, den totalen politischen Neuanfang zu proklamieren, auch wenn gerade dieser sich erst noch beweisen müsste. Eine Revolution soll schließlich die Grausamkeiten des alten Regimes beenden, doch ist sie erst im Gange, setzt sie an Stelle des bisherigen Unbills oft ein noch schlimmeres ein. Und ist sie beendet, sind zwar die Pfründe neu verteilt, aber die neue Elite wird noch peinlicher auf die Steuerung und Kontrolle der Bevölkerung achten als die alte, womit ein neues Unrechtsregime entsteht. Die Revolution ist hier etwas Rückwärtsgewandtes – nicht nur im Wortsinn („Umwälzen“), sondern auch, weil gerade die anhaltende Revolution stets auf den alten Zustand verweist, indem der revolutionäre Kampf von einst zur Legitimation für alle künftigen Regierungshandlungen herhalten muss. Es heißt nicht umsonst „die Revolution frisst ihre Kinder“ (die letzten Worte des französischen Revolutionärs Pierre Vergniaud kurz vor seiner Hinrichtung auf dem Schafott), da die Revolution als Dauerzustand im Verweis auf ein voriges Schreckensszenario selbst zu einem wird. So erscheinen heute oftmals gerade in den Staaten, die sich als revolutionär verstehen, erneute Revolutionen angemessen.

Revolutionäre oder Märtyrer? Oder doch Terroristen?

Die wirklichen Revolutionäre des Arabischen Frühlings waren tatsächlich die alten Machthaber. Deren ursprüngliche Revolutionen wurden meist als Befreiung von westlichen Einflüssen begriffen. Dies entsprach dem Legitimitätsanspruch des „Revolutionsführers“ Muammar al-Gaddafi. Auch Tunesiens Ex-Machthaber Ben Ali war als Revolutionär an die Macht gekommen und pflegte dieses Erbe alljährlich mit einem staatlichen Feiertag. Aber das verschwommene historische Pathos und die Überhöhung eines revolutionären Heldenmythos dienten nur dazu, die eigene Macht als ultrastabil zu inszenieren. Dies ist für Altrevolutionäre unbedingt notwendig, weil sie Macht als „gemacht“ und damit grundsätzlich als prekär begreifen. Zur Herrschaftssicherung wird die Revolution zur staatlich verordneten Leitkultur, was oft genug mit Verfolgung, Einschüchterung und Enteignung einhergeht. Für klassische Revolutionäre gehört es zum Lebensgefühl, sich im ständigen Kampf zu befinden, und in diesem Kampf gibt es nur die eine moralisch gute Seite, alles andere wird als konterrevolutionär gebranntmarkt (in der Sprache der Zeit handelt es sich bei Staatsfeinden allerdings nicht mehr um Konterrevolutionäre, sondern um Terroristen).

Auf den Straßen des Maghreb und des Nahen Ostens wird der gefallene Freiheitskämpfer von seinen Unterstützern als Märtyrer bezeichnet. Jedoch wirkt der Begriff des Märtyrers mit seiner religiösen Konnotation für westliche Ohren abschreckend und ist damit ungeeignet für eine wohlwollende Berichterstattung. Wenn westliche Medien eine politische Veränderung hingegen als Revolution einordnen, können sie die Parteilichkeit ihrer Berichterstattung subtil und dennoch eindeutig kommunizieren. Eine Revolution, das sind „Breaking News“, weil sie einen Wendepunkt darstellt. Wer berichten kann, warum es zum Bruch kam, der bestimmt auch die Deutung des Nachgeschehens. Und so generiert die Revolution immense Aufmerksamkeit und auch eine große Anzahl plötzlicher Experten, wobei kritische Stimmen gegen die jeweiligen Regime zuvor in sehr viel geringerem Ausmaß zu vernehmen gewesen waren.

Träumen von der Revolution und leben mit der Revolution

Dahrendorf versuchte in seiner knappen Analyse von 1961 die Revolution letztlich „als politische und soziale Wandlungen“ festzuzurren, „die unter Anwendung von Gewalt extrem rasch verlaufen und äußerst tiefgehende Wirkungen zeitigen“. Eine solch weite Definition ist unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten klug, da sie der vielfältigen Verwendung des Begriffs einigermaßen nachkommt. Doch wer von Revolutionen spricht, beschreibt nie einfach nur die Wirklichkeit, er bedient sich auch stets äußerst verschwommener Ideale. Und die Revolution ist gerade darum verlockend: weil sie mythisch überladen ist, mehr hyperrealer Traum als definierte Realität. Im politischen und medialen Betrieb sollte die Zuschreibung „Revolution“ daher unwichtig sein, wenn universelle Werte – von welcher Seite auch immer – mit Füßen getreten werden. Nicht Loyalität zu der Seite mit der richtigen Semantik ist hier gefragt, sondern Solidarität – im Zweifel mit der unterliegenden Seite.

Dahrendorf, Ralf (1961): Über einige Probleme der soziologischen Theorie der Revolution. In: European Journal of Sociology, 2. Jg., H.1. 153-162.

16:48 23.05.2014
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