„Fleisch vom Fleische des Volkes“?

1961 3 Tage Stuttgart - Ein VVN-Bundeskongress im Fahrtwasser des bewegten Jahres 1961. Aufarbeitung, Verschweigen und Vergessen lagen in Nachkriegsdeutschland dicht beisammen
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Der April des Jahres 1961 brachte Stuttgart zum Blühen, nicht zuletzt wegen der Bundesgartenschau, deren Aufbau sich die Landeshauptstadt mehrere Millionen DM hatte kosten lassen. Über einem anderen Wahrzeichen der Stadt hingegen wuchs das Gras. Aufgeschüttet aus rund zwei Millionen Kubikmetern Schutt und Trümmern sollte der Birkenkopf, eine Erhebung vor den Toren Stuttgarts, laut damaligen Beschluss des Gemeinderates als Mahnmal und Gedenkstätte für alle Opfer der Nazizeit dienen.

Gewinner ...

Gras war in der Bundesrepublik allerdings auch über verbrecherische Taten zahlreicher faschistischer Funktionsträger in Verwaltung und Justiz gewachsen. Eine Person wie Hans Globke, Verfasser der Kommentare zu den Nürnberger Rassegesetzen des Jahres 1935, konnte unter Bundeskanzler Adenauer das zentrale Amt des Staatssekretärs bekleiden. Einen Karriereknick mussten nur die Wenigsten hinnehmen. Alleine in Baden-Württemberg waren Anfang der 1960er Jahre noch rund 150 Richter in Amt und Würden, die bereits zur Zeit des „Dritten Reichs“ regulär oder als Sonderrichter dem Regime dienten. So lässt sich auch verstehen, wie Hans Filbinger (CDU) dem Bundesland im Südwesten zwischen 1966 und 1978 als Ministerpräsident vorstehen konnte; der Mann der 1945 als seiner Funktion als Marinerichter Todesurteile gegen Desserteure verhängte und somit noch ein den letzten Tagen des NS-Regimes dessen unmenschliche Rechtsprechung aktiv vertrat.

... und Verlierer

Dem standen Schicksale wie das des ehemaligen Zwangsarbeiters und kommunistischen Widerstandskämpfers Alfred Hausser aus Stuttgart schroff gegenüber. Hausser saß wegen Hochverrats zwischen 1936 und 1945 hauptsächlich im Zuchthaus Ludwigsburg ein, musste Zwangsarbeit für das Unternehmen Bosch leisten und war 1948 Mitbegründer des baden-württembergischen Landesverbands der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), dessen Vorsitzender er im Jahre 1961 wurde.[i] Eine Entschädigung für Zwangsarbeit lehnte der Bundestag 1956 zum Hohn der Betroffenen ab. Dem zum Trotz setzte sich der VVN vehement für eine angemessene materielle und moralische Wiedergutmachung zugunsten der NS-Opfer ein, nahm Einfluss auf die Ausgestaltung und Fortschreibung des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG) von 1953 und vertrat bis 1961 rund 360.000 Ansprüche von Opfern des Nationalsozialismus.[ii]

Drei Tage Stuttgart

Der Bundeskongress der im Jahre 1961 rund 27.000 Mitglieder zählenden VVN fand vom 7. bis 9. April 1961 in Stuttgart-Untertürkheim statt. Alfred Hausser stand die Ehre zu, die 198 Delegierten und 47 Gastdelegierten in einer Region des vielfältigen Widerstandes gegen den Faschismus zu begrüßen. Er erinnerte an das Rundfunkattentat von 1933, als Antifaschisten das Übertragungskabel während einer Rede Hitlers in Stuttgart kappten. Zudem rief Hausser die Namen Lilo Herrmanns, 1938 als eine der ersten von den Nationalsozialisten hingerichteten Widerstandskämpferinnen, sowie der antifaschistischen Familie Schlotterbeck aus Untertürkheim ins Gedächtnis der Teilnehmenden.[iii]

Das Fehlen einer zentralen Gedenkstätte für den regionalen Wiederstand – erst 1970 konnte ein solches am Alten Schloss eingeweiht werden – stellte dabei nur eine Facette des prekären Umgangs mit der braunen Vergangenheit dar. Doch es gährte im beschaulichen „Wirtschaftswunderland“. Der „Ulmer Einsatzgruppenprozess“ im Jahre 1958 brachte eine regelrechte Lawine von Ermittlungs- und Durchleuchtungsarbeit in Gang, die mit der Gründung der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg unweit von Stuttgart ein ausbaufähiges Fundament erhielt.

Widerständig - und wertgeschätzt?

In seinem Hauptreferat stellte Josef Rossaint, damaliger Vize-Präsident der VVN, unmittelbare Verbindungen her zwischen dem wiedererstarkenden Neonazismus in der BRD, der restaurativen Politik der Bundesregierung und der gezielten Diffamierung von ehemaligen Widerstandskämpfern. Besonders drohend war das Damoklesschwert des Organisationsverbots: „In dem Verbotsantrag sehen wir nicht nur den Versuch, uns mundtot machen zu wollen, sondern vor allem einen Angriff auf die im Grundgesetz verankerten Rechte und Freiheiten“, so Rossaint über die immer wieder erneuerten Versuche, dem VVN aufgrund seiner offen gezeigten Sympathie zur DDR Verfassungsfeindlichkeit zu unterstellen und dessen Verbot herbeizuführen.[iv] Der Diffamierung des Widerstandes verstärkt entgegenzutreten lautete folglich ein Beschluss des Stuttgarter Bundeskongresses.[v]

Die Causa Körner: ein Geheimnisverrat, ein Verhör und 150 ehemalige Nazi-Richter

Um die VVN erwuchsen in dieser einige handfeste Debatten und kleinere Skandale, wie der Fall Willy Körner beweist. Am 22. November 1960 wurde ein Strafverfahren wegen vermeintlichen Geheimnisverrats gegen den Direktor des Landtags Baden-Württemberg, Willy Körner eröffnet. Dieser hatte einen stenografischen Bericht über die Sitzungen des Ständigen Ausschusses an den VVN-Zeithistoriker Karl Sauer weitergegeben. Die darin genannten Namen von mehr als einhundert Staatsdienern mit NS-Hintergrund waren allerdings für Sauer kein Geheimnis, hatte er die Namensliste doch selber an den Ausschuss übermittelt.

Geheim hätte allerdings die Diskussionsmitschrift über eine mögliche Spionagetätigkeit der VVN zugunsten der DDR bleiben sollen. Der VVN fühlte sich in seiner Annahme bestätigt, systematisch verfolgt zu werden. Ein weiterer interner Skandal war die Verhaftung eines VVN-Mitarbeiters und ehemaligen KZ-Insassen, gefolgt von einem Verhör durch den Stuttgarter Amtsgerichtsrat Paul Mitraga, seit 1938 SS-Mitglied und seit 1944 SS-Untersturmführer und Richter beim SS- und Polizeigericht VIII in Prag. Körner wurde schließlich wegen Geheimnisverrat zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt und seines Amtes enthoben.[vi]

VVN: Ostspitzel, Widerstandskämpfer, Demokratiebewegte?

In der Hochphase des Kalten Krieges setzte sich eine gewisse gesellschaftliche Isolation der VVN ein. Setzte sich die Vereinigung bei ihrer Gründung im Jahre 1947 noch aus einer relativ breiten Mischung verschiedener Widerstandsströmungen zusammen, schrumpfte die Mitgliedschaft nicht zuletzt wegen massiven gesellschaftlichem Druck auf einen mehr oder minder kommunistisch beziehungsweise linkssozialistischen Kern zusammen.

Nicht zuletzt aus diesem Grund versuchte sich der VVN einer erwachenden kritischen Öffentlichkeit zu öffnen. Stolz sei man, „Fleisch vom Fleische unseres Volkes zu sein und gemeinsam mit allen Demokraten den Kampf um eine Änderung des politischen Kurses, um Abrüstung, Freiheit und Verständigung zu führen“, merkte Max Oppenheimer, Geschäftsführer des Präsidiums der VVN, in seinem Tätigkeitsbericht an.[vii] Besonders die Anti-Atomtod-Bewegung sowie der nach Alternativen und Aufklärung rufende Teil der Nachkriegsjugend wurden zu möglichen Bündnispartnern erklärt. Die 68er-Generation dämmerte und mit ihr ein neuer Umgang mit der jüngsten deutschen Geschichte.

Zwei Tage nach Beendigung des VVN-Bundeskongresses lief am 11. April 1961 der Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann an, einem bürokratischem Protagonisten des millionenfachen Mordes in faschistischen Vernichtungslagern. Josef Rossaint erklärte den Eichmann-Prozess zum Auftakt, nicht zum Ende der Entlarvung und Bestrafung ehemaliger nationalsozialistischer Funktionäre in der BRD: „Er und seine Umstände bieten erneut eine Möglichkeit, mit der Vergangenheit fertig zu werden, die „Eichmänner“ aus der Gestaltung unseres Lebens auszuschalten und positive Einflüsse zu stärken.“[viii]


[i] Zu Alfred Hausser vgl. u.a. VVN-BdA (Hg.): Nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Alfred Hausser zum 90. Geburtstag, Reinheim 2002.

[ii] Max Oppenheimer: Die Tätigkeiten und Aufgaben der VVN, in: Präsidium des VVN (Hg.): Bericht über den Bundeskongreß 1961 der Vereinigungen der Verfolgten des Naziregimes (VVN), 7.-9. April 1961 in Stuttgart, Frankfurt 1961, S. 58-74, hier: S. 64.

[iii] Alfred Hausser. Begrüßung, in: Bericht über den Bundeskongreß 1961, S. 6f.

[iv] Josef Roissant: Widerstandskämpfer, das demokratische Gewissen unseres Volkes, in: Bericht über den Bundeskongreß 1961, S. 36-57, hier: S. 52.

[v] Vgl. Arbeitsentschließungen über die nächsten Aufgaben der VVN, in: Bericht über den Bundeskongreß 1961, S. 114-117, hier. S. 115.

[vi] Vgl. zur Causa Körner unter anderem o.A.: Der Fall Körner und die VVN, in: Die Lagerstrasse Jan. 1961, H. 1, S. 3f.; o.A.: Amtsgeheimnis. Verrat zum Dank, in: SPIEGEL, 1961, H. 4, S. 31 f.

[vii] Oppenheimer, Tätigkeiten, in: Bericht über den Bundeskongreß, S. 58.

[viii] Roissant: Widerstandskämpfer, in: Bericht über den Bundeskongreß, S. 42.

17:01 20.04.2015
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