Herr Lehmann als Schriftsteller: Frank Witzels eigene „Literaturgeschichte“

Fundgrube Frank Witzel gräbt nach den Vergessenen der Literatur – und liefert dabei auch ein Generationenporträt. Was dem Buch freilich abgeht, ist eine These – und das ist eine seiner Stärken
Ausgabe 20/2024
Herr Lehmann als Schriftsteller: Frank Witzels eigene „Literaturgeschichte“

Foto: Evelyn Freja/Connected Archives

Findet Frank Witzel ein Buch, dessen Titel ihn inspiriert, vermeidet er es, dasselbe richtig zu lesen: auf dass es die spontanen Assoziationen nicht enttäusche. Das schreibt er selbst, gleich zu Anfang seiner Neuerscheinung Meine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und es empfiehlt sich, mit diesem Buch in einer entfernt ähnlichen Weise zu verfahren. Trotz seiner Sachbuch-Anmutung entzieht es sich nämlich der linearen Lektüre.

Denn Witzels Sammlung von Notizen über sowie Fragmenten von Vergessenen und Verschollenen aus der jüngeren Geschichte des – überwiegend – deutschsprachigen Schreibens stellt zwar verschiedenste Typen vor, bleibt dabei aber stets unsystematisch. Da gibt es etwa die Selbstblockierten wie den 1958 in Woltersdorf geborenen Dieter Schulze, von dessen Talent Größen wie Christa Wolf, Volker Braun, Heiner Müller und Franz Fühmann so überzeugt waren, dass sie ihn umfassend protegierten.

Schulze aber brachte weder im Osten noch – nach seiner Ausweisung 1983 – im Westen je mehr zustande als ein paar verstreute Gedichte. Es treten Figuren wie Gustav Maria Krebs auf, der es nicht in die Wikipedia geschafft hat, obwohl sein dritter Roman Seelenfrieden (1958) – so Witzel – einen literaturgeschichtlichen Bruch mit der Gruppe 47 markiere. Ein Versuch mit der Wahrheit (1961), den offenbar düsteren Beziehungsroman der 1934 geborenen Ingrid Dittmar, möchte man nach den drei im Band dokumenierten Seiten dringend weiterlesen, gerade weil man sonst nichts über sie erfährt.

Die verschämten Nebenher-Schreibenden, die Nerds

Da sind ferner die verschämten Nebenher-Schreibenden, die Selbstmörder und Leute, die man heute Nerds nennen würde: etwa ein Gerrit van Reuningen, den man in Anführungszeichen schreiben müsste, weil Witzel diesen niederländischen Architektur-Theorie-Essayisten in den 1990ern erfunden hat. Die Basis war ein Nachlass, den ihm ein Zufallsbekannter überlassen hatte – der aber auch nach diesem Make-over keinen Verlag interessierte.

Was dem Buch freilich abgeht, ist eine These – und das ist eine seiner Stärken. Witzel folgt weder einem chronologischen noch einem typisierenden, thematischen oder anderweitig erkennbaren Ordnungsprinzip. Das Buch ist, obwohl das Wort im Klappentext steht, weder ein Kanon noch ein Gegenkanon: Witzel behauptet nicht, dass seine Vergessenen für die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts in Wahrheit viel wichtiger gewesen seien, als es ihr Nachwelt-Status vermuten lasse. Er will nicht darauf hinaus, dass die deutsche Literatur heute anders oder besser wäre, wenn sie diese Verschollenen nicht verloren hätte – und präsentiert auch keine persönliche Ahnengalerie, die nachvollziehen ließe, wodurch sein eigenes Schreiben geprägt worden ist.

Schon eher funktioniert es andersherum: Weil er in 50 Jahren Schreibpraxis zu dem Frank Witzel wurde, der er heute ist, interessieren ihn diese Leute und ihre teils obskuren Nachlässe. Meine Literaturgeschichte ist eine Art Vorarbeit für eine Anthologie im Nachhinein, die wohl ein Regalbrett füllen würde, wenn sie jemand zusammenstellte. Die, die drin vorkommen, kannte auch Witzel zuvor nur zum Teil. Sie stehen im Buch, weil sie da waren und er sie auf seinen Tauchgängen gefunden hat, teils durchaus zufällig. Aber ist das nicht Grund genug?

Deshalb empfiehlt sich eine episodische Lektüre dieses Kompendiums. Öffnet man es an Zufallsstellen, blättert dann jeweils ein paar Seiten vor- und rückwärts, lässt es sich trefflich an die Decke schauen und den Impressionen oder Inspirationen nachhängen, die sich da jeweils ergeben. Was das für ein Mensch war, der diese Zeilen verfasst hat, wie es gewesen wäre, denjenigen oder diejenige zu „entdecken“, wie es weitergehen könnte im Leben wie im Text.

Und vermutlich würde Witzel eine solche Handhabung seines Buches gutheißen, das auf einem Essay in der Literaturzeitschrift Schreibheft basiert. Denn sosehr diese Sammlung sein Interesse an der Literatur als einem System von Querverweisen zeigt, ist das stringente, lineare Schreiben, ist also der Bereich, in dem sich das Erzählen dem Argumentieren nähert, ganz und gar nicht die Sache dieses Autors, der von der Lyrik kommt. Doch obwohl Witzel seine Vergessenen und Verschollenen nicht als Genealogie der eigenen Künstler-Persona vorzeigt, lässt sich das Buch auch als porträtierender Text lesen.

Dass sich der Autor – Jahrgang 1955, aktiv seit 1975 – so sehr für die Sackgassen und toten Winkel des literarischen Feldes interessiert, mag einerseits individualbiografische Ursachen haben: Bis zu seinem späten Erfolg anno 2015, als sein Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 (Matthes & Seitz) mit dem Deutschen Buchpreis geadelt wurde und man ihm hernach unter anderem die Tübinger Poetik-Dozentur antrug, standen Witzels Chancen wohl nicht schlecht, selbst einmal zu den Vergessenen gezählt zu werden. Andererseits steht diese Neugier auf das Vergrabene, Unfertige und Obskure aber auch für etwas Kollektivbiografisches. Es verweist auf die 1970er und 1980er Jahre, als die Welt noch so genormt war, dass Individualität und Originalität etwas Wildes, Antisystemisches, Lebensprägendes an sich hatten, statt wie heute eine Pflichtübung in Sachen Selbstbranding zu sein.

Je länger man sich mit Witzels Literaturgeschichte befasst, desto deutlicher werden jedenfalls die Konturen einer literarischen Figur, in der man den Autor ein wenig erkennt und mit der er auch noch den Vornamen teilt: Herr Lehmann. Wobei fraglich ist, wie gut Witzel sich mit dessen Urheber verstünde, dem früheren Indiepop-Star mit der Band Element of Crime und späteren „Erfolgsautor“ Sven Regener, dessen Storytelling man ganz im Gegensatz zu Witzels stets schon den Gedanken an spätere Verfilmungen anzumerken meint.

Jener ikonische Herr-Lehmann-Dialog zum Begriff des Lebensinhalts

Auch wenn der so antriebslos wie brennend durch die Westberliner 1980er bohemisierende Barkeeper Frank Lehmann nicht als sonderlich kulturaffin beschrieben wird, kann man sich ihn fast bildlich im Intensivgespräch mit jenem Gerrit van Reunigen vorstellen, den Witzel aus dem erwähnten niederländischen Nachlass zusammenredigiert hat. Stark erinnern etwa dessen Ausführungen zu der Frage „Warum Kinder im Kreis laufen“ an jenen ikonischen Lehmann-Dialog zum Begriff des „Lebensinhalts“, der in seiner „philosophischen“ Kleinteiligkeit und unbedingten Entschiedenheit beim schelmischen Reden über nichts das Lebensgefühl der allmählich kippenden Post-68-Gegenkultur dieser Jahre so großartig trifft: Klar sei, so Reuningen/Witzel, dass „der menschliche Bewegungsdrang im Kreislaufen seinen adäquaten Ausdruck findet, da es sich dabei nicht um das Zurücklegen einer endlichen Strecke handelt, sondern um das endlose Kreisen um einen vermeintlichen Mittelpunkt, der durch die beständige Wiederholung aus den Augen verloren wird“, was dann auf Reuningens „Trabantentheorie“ verweise, derzufolge der Trabant „seinen Mittelpunkt von dem, was er umkreist, in sich hinein“ verlagert, sodass „die Bahn, auf welcher er läuft, nicht nur sich selbst in der Bewegung schafft, sondern auch das Umkreiste, das im Anhalten der Bewegung zu verschwinden scheint“.

Mehr Lehmann geht kaum. Und in Regeners Geschichte wie in Witzels Sammlung ist der Weg von dieser noch heiteren zu einer bitteren, verbohrten und wahnhaften Spitzfindigkeit nicht weit. Zu der Zeit, in der der fiktive Herr Lehmann seinen Künstlerfreund Karl in die Psychiatrie einliefern muss, dreht in Westberlin auch der reale Dieter Schulze weiter durch, von dem anfangs schon die Rede war. Am Ende wütet er öffentlich gegen seine prominenten Förderer auf der anderen Mauerseite, als seien die an seinem Zustand schuld.

Was schließlich, ganz im Sinne dieser Literaturgeschichte des Abwegigen fast frei assoziierend, in leicht widersprüchlicher Weise zu einem Satz führt, von dem Witzel annimmt, dass er eine Fälschung aus dem 20. Jahrhundert sei, die man dem um 1900 aktiven Jacques Dussier untergeschoben habe – der aber ob seiner zeit- und feldübergreifenden Schönheit merkwürdig ist: „Es ist nicht leicht, Demütige von Gedemütigten zu unterscheiden.“

Meine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts Frank Witzel Matthes & Seitz 2024, 229 S., 24 €

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Geschrieben von

Velten Schäfer

Redakteur „Debatte“

Velten Schäfer studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Afrikanistik in Berlin und promovierte in Oldenburg mit einer sportsoziologischen Arbeit. Nach einem Volontariat bei der Tageszeitung neues deutschland arbeitete er zunächst als freier Journalist. 2014 wurde er erst innenpolitischer und dann Wissenschaftsredakteur beim neuen deutschland. Anfang 2021 kam er zum Freitag, wo er sich seither im Debattenteil als Autor und Redakteur mit Fragen von Zeitgeist und Zeitgeschehen befasst.

Velten Schäfer

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