Blumenwiese mit Falltür

Kritik: Dorky Park Fortsetzung von „The Past“ (Constanza Macras in Hellerau) Man braucht eine Weile, bis man da ist.
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http://www.dorkypark.org/site/

Dresden, das waren früher die Heiden, die Liutizen, die mit den Tempeln für die Menschenopfer. Der Weg nach Hellerau führt durch den Wald, die Straßenbahn ächzt in den Kurven. Wer zu früh kommt, hat ein Problem: Rechts stehn Bäume, links stehn Bäume. In der Mitte Spießers Lebenstraum und Gartenzäune. Man kann ein paar Nudeln essen, sonst nichts. Ein ganz erstaunlicher Ort für experimentelles, zeitgenössisches Theater.

http://www.hellerau.org/

Irgendwann fing es an und es war nicht besonders langweilig. Goldpapier an der Wand, Geborgenheit in einer Gruppe. Sehr schnell vergaß ich, dass es auf endlose fünf Stunden ausgelegt war, was mir normalerweise das Gefühl beschert, dass man mich im Theater einsperrt. Aber nein, die Türen gingen auf und zu. Erst etwas unwillig herumlatschend, aber nach und nach immer routinierter wanderte der Zug der Zuschauer Gruppe für Gruppe aus einer Lokalität in die nächste. Die Darsteller blieben drin und machten erneut ihr Ding. Wieder und wieder, wie sie das ausgehalten haben, kann ich eigentlich nicht verstehen.

Im Rückblick war das folgerichtig. Der Erinnerungsraum ist kein von uns selbst tapeziertes Zimmer, das wir ausleuchten, wie es gerade passt. Der Erinnerungsraum ist ein Labyrinth aus idiotisch angeordneten Gängen. Man kann sich wirklich freuen, wenn man am Ende an der Straßenbahnhaltestelle ankommt und nicht irgendwo im Keller oder in der Kanalisation, abgestürzt durch eine verborgene Tür unter der Blumenwiese.

Blumenwiese: Das war der Augenblick, als es bei mir umschlug. Vorher war ich wohlwollend unbeteiligt, interessiert, befallen von einer leichten Peinlichkeit, fast wie fremdschämen. Da kommt ihr hochprofessionellen Darsteller einer der interessantesten Companies dieses Landes daher und hebt das Hemd und zieht die Hose runter und lasst uns daran riechen, wie sich euer echtes Leben angefühlt hat, als gerade nichts im Lot war. Und das sollen wir euch glauben? Oder doch nicht glauben? Und worum geht es eigentlich – darum, aus welchen Katastrophen das innere Reservoir besteht, aus dem dieses Theater herausfließt, das dann noch tagelang durch den eigenen Gefühls- und Wahrnehmungshaushalt spukt?

Blumenwiese, das war kein Garten, das war ein Friedhof. Tiere, die ich noch nie gesehen habe, graben sich in den Boden ein, bis sie die Hochsicherheitszonen der Erinnerung erreichen. Echte Erde fliegt herum, brauner Pelz wird schmutzig. Die Blumen wanken ein bisschen, aber sie leuchten unbeirrt. Unverfälscht wie die Fotos, die es zu sehen gibt. Ganz nette und gar nicht nette und alle sind eingebettet in Geschichten, die niemand öffentlich preisgibt, es sei denn, er will sich selbst verletzen: Wie die Familie über den Tänzer lacht, der den Tanz studiert und dabei den Kontakt zu dem Straßenkörper einbüßt, der ihn überhaupt erst zum Tanz gebracht hat. Das realistisch sinnlose Gerede, das sich um Entenlächeln und Selfies dreht und plötzlich in einem Solo explodiert. Das ist dieselbe Person in einem anderen Universum. Die Albträume der anderen in meinem Kopf. Die Reise mit der Mutter, ein endloser Streit am Meer. Der Lampenschirm, der sich wie eine Garrotte um den Hals legt. Der todkranke Vater, dem man als letzte Liebeshandlung verspricht, sich gemeinsam zu besaufen.

Manche halten sich zurück. Manche überdehnen jede Grenze. Im Augenblick geht es fast überall im Theater um Politik, und wenn man Grenze sagt, dann meint man die Grenzverhaue dort im Süden, wo der Wahnsinn herrscht, den wir Gott sei Dank nur von Fotos kennen. „Album“ lebt ebenfalls von Fotos, von Fotos, die unsichtbare Grenzen gleichzeitig markieren und verbergen. Da, auf dem Bild, das Baby: Das war der Moment, als mein Vater davor zurückwich, dass ich sein Sohn bin. Da auf dem Foto, diese riesige Familie: Das ist mein Vater in ihren Armen und das bin ich. Ich war dort nur ein einziges Mal in meinem Leben. Und wie gefalle ich euch auf diesem Foto? Mit diesem Gesicht bekommt man Komplimente für einen Film, in dem man niemals gespielt hat.

Warum machen sie das? Warum machen sie kein politisches Theater wie alle anderen? In Moskau gibt es ein Stück, das ähnlich vorgeht. Die Frage ist, wie die Schauspieler aus ihrem Leben in dieses Theater kamen, das sich unbelehrbar gegen den Wind der patriotischen Erneuerung in Russland stellt. Ich würde es gern sehen und ich werde demnächst zwei Stücke an diesem Haus sehen und hier davon berichten. Dort in Moskau ist privates, auf der Zivilgesellschaft beharrendes Theater auf paradoxe Weise selbst politisch. Und hier? Ist es hier auch schon so weit gekommen?

http://www.teatrdoc.ru/

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10416&catid=126&Itemid=100089

Im übrigen hatte ich vorher ein wenig Panik: Dresden, Fakefrauenkirche, starker August, ausgebombte Innenstadt. Pegidisten. Tatsächlich war es ganz nett. Die sahen alle normal aus und waren freundlich, obwohl natürlich viele von ihnen Sächsisch reden. Sehr hilfsbereit. Keine Pegidisten, die waren gerade irgendwo anders unterwegs. Sehr viel Polizei, aber nicht meinetwegen und nicht wegen des Theaters und auch nicht wegen der Pegidisten, sondern wegen der Fußballkriege, die diese Stadt erschüttern. So ein Glück!

16:35 26.03.2016
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