Die Zwangshandlung überwinden

Alle auf einem Brett Kritik zu „Minor Planets“ von Vlatka Horvat am Berliner HAU
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Vlatka Horvat bewegt sich im Zwischenraum zwischen Installation und Performance. Ihre Arbeit am HAU wird im Rahmen des Festivals „Utopische Realitäten“ präsentiert.

http://www.tagesspiegel.de/kultur/festival-utopische-realitaeten-im-hau-weg-mit-den-ketten/19251330.html

Horvat bezieht sich auf das Überleben des Einzelnen unter den Bedingungen von Zerfall und Verlust der Ressourcen. Die Kriegserfahrung in Jugoslawien erzeugt ein dumpfes Rauschen im Hintergrund, nicht mehr deutbar, aber ebenso wenig abzuschalten. Ich habe mich eher vor der Gegenwart gefürchtet, aber zwischendurch hatte ich Spaß. Das, was wir täglich tun, ist tatsächlich lächerlich.

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/kuenstler/h/vlatka-horvat/

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/spielplan/vlatka-horvat-minor-planets/

Müll am Rand, Überreste einer Zivilisation, sehr ordentlich sortiert in zwei Galerien auf der Seite. Sonst ist die Bühne leer. Der Zuschauerraum ist nicht leer, aber voll ist er auch nicht. Einige Personen wirken ähnlich wie die Gegenstände vorn auf der Bühne. Wer benutzt heute noch einen Eimer aus Blech? Wer benutzt einen hölzernen Zollstock?

Stichwort Zwang: Was eigentlich tun wir, wenn wir alle das Gleiche machen und doch darauf beharren, dass die Individualität unser Kapital ist? Wir tragen bunte Schuhe. Das habe ich im HAU und in der Schaubühne schon einige Male bei Interviews beobachtet, aber die wirklich coolen Leute (Milo Rau, Falk Richter) tragen natürlich lieber schwarzes Leder. Die Performer tragen bunt. Ich lasse den Blick unter den Stühlen schweifen: Scheußliche Kälte draußen, viele bunte Sportschuhe im Saal. Das passt gar nicht zum Wetter. Neben mir sitzt eine Frau der Generation Blecheimer. Es riecht ein wenig nach Urin. Sie trägt halbhohe Stiefelchen mit Fell.

Es dauert etwa eine Stunde, bis die fünf Performer (drei Männer, zwei Frauen) endlich auf dem Brett zusammenfinden, und dieser Moment der Ruhe hält vielleicht drei Minuten. Dann geht es wieder los, das Rollen, Hüpfen, Schieben durch ein Leben, das völlig kontaktfrei vor sich hin kriecht. Es ist die ewige Pose auf dem Laufsteg des Rattenrennes, die exhibitionistische Zurschaustellung von Attitüde und Verrenkung, ohne Grenzwert und nur sehr selten von den konkurrierenden Mitläufern mit einem Seitenblick bedacht.

Fünf Menschen legen den Weg aus der Hinterbühne bis an die Bühnenrampe ungezählte Male zurück, sie baden im Schweiß, es sind wahrscheinlich viele, viele Kilometer. Sie wählen Objekte aus der Kollektion am Rand und kämpfen mit den Zwängen, die so ein Ding ausüben kann: Wie erreiche ich mein Ziel, wenn ich mein Bein in immer gleichem Rhythmus in den Eimer tauchen muss? Wie kann ein kaputter Stuhl ein Ballett an Sprüngen und Verbiegung auslösen, wie werde ich damit besser fertig als mein benachbarter Konkurrent, den ich nur aus dem Augenwinkel heraus zur Kenntnis nehme?

Es gibt Leistungen von echter Bravour: Das eigene Gesicht hinter einem Seil verstecken oder wie eine alte Kunststofffahne zu Boden gehen. Manches misslingt. Niemand schafft es, auf einem zerknautschen Plastikbecher die Balance zu finden. Und dann kommt dieser Moment der Gemeinschaft. Es dauert ziemlich lange, bis sie alle ihre Position auf dem Brett ausgehandelt haben und sich so etwas wie eine flüchtige Stabilität einstellt.

Danach folgt der unerbittliche Absturz. Die letzten Themen des Abends sind der Fall (wie die Dinge, die Bewegung der Dinge imitierend) und das vergebliche Festhalten an einem Arm voller Ramsch. Der Ramsch fällt erbarmungslos auseinander und der Abgang erfolgt mit bloßen Händen. Im Unterhemd mit leeren Hosentaschen. Die furchtbar wichtigen Projekte verflüchtigen sich wie Zigarettenqualm.

Das Publikum reagierte sehr verhalten. Es dauerte ewig, bis die Komik irgendwann angenommen wurde und hier und da ein verhaltenes Lachen aufkam. Ich hätte mehr Applaus erwartet. Mir hat es gut gefallen. Es war manchmal etwas lang, aber das ist genau der Punkt. Es geht auch dann noch weiter, wenn es nervt und überflüssig ist und nur noch vorbei sein sollte. Vlatka Horvat hat ein sehr gutes Gefühl für die Zeit als Materie einer Performance. Und sie hat beeindruckende Ideen, wenn es um die Spannung von organisierter und unorganisierter Präsenz geht. Das kann man im Netz an anderen Arbeiten kennenlernen und bewundern.

http://www.mudam.lu/de/le-musee/la-collection/details/artist/vlatka-horvat

http://www.vlatkahorvat.com/

12:36 21.01.2017
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