Judith von Hebbel an der Berliner Volksbühne

Filmaufnahmen im Müllzelt Es war wie Katie Mitchell, nur besser. Eigentlich war es wie Kino mit gelegentlich herumstaksenden Lego-Kriegsfiguren. Mit einem lebendigen Kamel.
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Jeder berichtet über dieses Kamel. Ich beginne mit dem Text. Es ist ein unglaublich guter Text. Der junge Hebbel hat sich die Seele aus dem Leib geschrieben. Ich habe nie richtig verstanden, worüber, aber es hält mich immer noch gepackt. Na ja, so etwas wie eine Idee gab es schon: Da war der Zwiespalt zwischen der abstrakt vor sich hergetragenen Moral und dem echten Leben in der eingemauerten Spießerwelt. Der uneheliche Sohn von Hebbel musste ewig warten, bis er in der weltoffenen Stadt Hamburg den Namen des Vaters tragen durfte. Das Vaterland als Institution der Nötigung, für die eigene Herkunft einzustehen. Das, was mit Heimat bezeichnet wird, gut zu finden, obwohl es kaum etwas Gutes gibt, woran man mit Freude denkt. Es bewegt sich nicht, es beharrt mit provinziellem Starrsinn auf der alten Anordnung der alten, platt getretenen Trampelpfade. Ein gutes Stück für die im Untergrund herumdiskutierenden Staatsschädlinge in der alten, in der Geschichtsvergessenheit abgekippten DDR.

Und wenn das heute wäre? Was könnte dann diese Friedhofsanordnung sein, gegen die so ein junger, rebellischer Hebbel anschreibt? Und welche Art von Wut repräsentiert Holofernes, wenn er die bekannte Welt mit Krieg überzieht und ihre großen Städte in Asche legt?

Als ich erfahren habe, dass Castorf die Judith macht, bin ich zusammengezuckt und hätte gern einen Schnaps getrunken. Ich war wirklich lange nicht mehr dort, in diesem Theater am Luxemburgplatz. Aber warum eigentlich nicht hingehen? Der Regisseur ist inzwischen so etwas wie sein eigenes Denkmal. Die Stadt Berlin wird ihn bald nicht mehr als ihren Einwohner ansehen können. Die Karte war billig. Das sind gute Gründe. Auch wenn die Gefahr besteht, dass man vor Abscheu in die Ecke kotzt, wenn Castorf die geliebte heilige Kuh fünf Stunden lang öffentlich schächtet.

Ich hatte mir vorgenommen, zwei Stunden durchzuhalten. Dann wollte ich spazieren gehen und wiederkommen, wenn das Kamel auftritt. Wie gesagt, das Kamel kommt in jeder Kritik vor. Aber es hat mich bereits in der ersten Halbzeit erbarmungslos erwischt. Ich war wie auf einem Trip. Immer wieder habe ich gedacht: Was für ein unfassbar guter Text. Ohne irgendwelche Reflexion habe ich Birgit Minichmayr (Judith) und Jasna Fritzi Bauer (Mirza) zugehört, habe mich wie in einem überdimensionierten Kino gefühlt, in dem der Raum durch seine schiere Höhe und Finsternis mitspielt, ausgeleuchtet durch echte Feuer, reflektiert von den müllorange (gefängnisfarbenen) Plastikzelten. Dass die dann zwischendurch auch noch über Berge grauer Säcke klettern und irgendwelche Leitern rauf und runtersteigen, als wären sie solche Internetcrawler von Google, hat weder gestört, noch wie sonst so oft nach hochgradig ambitio­niertem Quatsch gerochen. In der Pause dann ein rascher Blick in mein Handy: Wie liest sich der Hebbel denn nun wirklich im Jahr 2016?

Er liest sich gut, aber bei Weitem nicht so gut, dass er mit der Textfassung von Castorf mithalten könnte. Ich bin eine ungeduldige Person, wenn man mir poststrukturalistische Theorie in den Teig einknetet. Ich habe das gern in einem Extraglas mit verschraubbarem Deckel. Es war jedoch OK. Es war natürlich zu viel, aber wer kann schon ununterbrochen anhören, was in einer Stadt passiert, vor deren Mauern das Heer der unbekannten Barbaren lagert. Da tut es gut, mit den Augen die steilen Wände des Bühnenraumes abzuwandern und darüber nachzusinnen, was sich dort in Phönizien (Syrien) und Karthago (Nordafrika) in diesen Augenblicken tut, und wer die Waffen geliefert hat, mit denen dort die verfeindeten Mächte Durst, Hunger und Tod unter den Bewohnern austeilen. Gerade, wenn man abdreht und der eigenen Angst in die Augen schaut, holt die Auf­führung ihre Zuschauer wieder zurück. Und dann kommt tatsächlich das Kamel. Es war ziemlich klein. Es hat mir leid getan. Was macht ein Kamel in Berlin und noch dazu im Theater? Ich bin ziemlich kritisch. Ich hätte ein elektrisches Riesenkamel von Lego mit Sicherheit bevorzugt.

http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/judith/

Kritikenrundschau auf nachtkritik.de:

http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=12037:judith-an-der-berliner-volksbuehne-baut-frank-castorf-mit-prominenter-unterstuetzung-aus-friedrich-hebbels-drama-und-viel-fremdgeraune-einen-fuenfstuender&catid=38:die-nachtkritik-k&Itemid=40

12:11 03.03.2016
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