Marta Górnicka: Hymne an die Liebe - Kritik

Chor der Inklusion Zusammenstehen gegen unsichtbare Gegner
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https://www.youtube.com/watch?v=RxhSdRQPCyY

http://www.berliner-herbstsalon.de/dritter-berliner-herbstsalon/kuenstlerinnen/marta-gornicka

Warum sprechen Menschen im Chor? Meine Verunsicherung ist maßlos.Warum sprechen viele Menschen die gleichen Worte in der gleichen Situation? Gibt es überhaupt eine gleiche Situation für mehrere Personen, die gleichzeitig anwesend sind und äußerlich das Gleiche tun? Ist der elfjährige Junge tatsächlich durch den Chor mit der Frau verbunden, die seine Großmutter sein könnte oder möglicherweise sogar ist?

Ich denke an die Kirche. Jeder betet für sich, aber alle gemeinsam. Ich denke an die Aufmärsche meiner Kindheit. Aber das war kein Sprechen, das war Geschrei. Ich erinnere mich an das Gefühl: Ich schreie mit aller Kraft, aber niemand hört mich. Meine Stimme ist irgendwo in der Tiefe des allgemeinen Brummens und schon damals suchte mich die fatale Idee heim, dass ein Massenaufmarsch mit Geschrei Einfluss auf das Wetter haben könnte und den Insekten das Fliegen schwer macht. Immerhin geht es um Wellen und Interferenz.

Marta Górnicka versammelt in ihren Projekten sehr unterschiedliche Menschen und inszeniert mit diesen von Diversität geprägten Gruppen ein Format, das vielleicht mit Sprechkonzert am besten beschrieben ist. Handlung fehlt, es gibt jedoch zunehmende und abflachende Kurven im Energiefluss der Performance und hin und wieder einen Moment der Individualität, der Augenblick der Abweichung, an den man sich später erinnert. Marta Górnicka arbeitet mit den Elementen von Rhythmus und Musik. Sie verfügt über eine exzellente Ausbildung, weiß sicher sehr genau, was sie tut. In ihrer künstlerischen Biografie ist Robert Wilson erwähnt, das macht manches besser verständlich. Es gibt so etwas wie eine Choreografie, aber das ist eher rudimentär, man könnte es auch als Hin- und Herschieben von Geräuscherzeugern bezeichnen.

http://www.gorki.de/de/ensemble/marta-gornicka

http://www.martagornicka.com/Gornicka/HOME.html

Wenn man liest, was sie macht, ist das Konzept von beeindruckender Klarheit. Sie inszeniert den Chor der Frauen. Sie inszeniert mit Frauen aus Israel und aus Palästina. Sie versammelt Bürger ihres Landes, unabhängig von deren gesellschaftlichem Hintergrund. Professionelle Darsteller arbeiten mit Laien auf Augenhöhe. Gelebte Inklusion: Behinderung hindert nicht mehr an der gleichberechtigten Präsenz auf der Bühne. Das Material entstammt dem Alltag der Akteure und spiegelt ihre jeweilige Verortung in dieser Welt, in der wir wohnen.

http://www.kulturtransfer.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=143:marta-gornicka-ein-gespraech&catid=3:theater&Itemid=4

Ich bin ausschließlich auf positive Reaktionen gestoßen, auf überschwängliches Lob. Überall: von der Kulturseite des polnischen Außenministeriums (unter dem Motto „Faithful to my Homeland, the Republic of Poland“) bis hin zu Theaterkritik und linker Presse.

http://www.msz.gov.pl/en/foreign_policy/public_diplomacy/news_hpage/the_year_of_the_polish_theatre_launches_in_israel?channel=www

http://www.theaterderzeit.de/2017/03/34822/

https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=11544:m-other-courage&catid=228:staatstheater-braunschweig

Und doch fühle ich mich selbst wie die Tapete in diesem Saal: Alle sprechen, aber ich kann nicht und will nicht, weil es nicht meine Natur ist. Ich empfinde das Sprechen im Chor als gewalttätige Aktion. Als Auslöschung von Differenz, als Verdichtung von Zigarettenkippen und Gebüsch zu einer festen grauen Masse, gut geeignet, um Schienen darauf festzuschrauben. Wenn das auf der Straße passieren würde, während die Leute vorübergehen oder vielleicht auf einem Bahnhof, hätte es für mich möglicherweise noch einen nachvollziehbaren Sinn. Es wäre dann der Schutz der Masse, der Mut gibt. Und dieser Mut wäre nötig, denn die Welt draußen vor der Tür enthält tatsächlich Fanatiker, Nazis, stille Nazis, besorgte Wahrer der Tradition und was weiß ich noch alles an monströser Realität. Aber so? In einem gut geheizten Theatersaal vor gut sortiertem Publikum? Das brav auf der Treppe steht, bis es endlich zum Zuhören eingelassen wird und dann ohne zu murren zuhört?

Oder habe ich es vielleicht überhaupt nicht verstanden? Waren die Leute dort vorne auf der Bühne vielleicht wirklich gemischt und zum Teil vielleicht gar nicht besonders reserviert gegenüber dem ganzen Glaubens- und Nationalmüll, den sie von sich gaben? Haben sie das vielleicht ernst gemeint mit der Rückgewinnung des Landes und dem Wunsch, den Flüchtlingen den Weg zu weisen – egal wohin, Hauptsache raus? Dann hätte ich aufstehen und meinerseits herumschreien müssen und auf der Bühne vorne für Chaos sorgen. Aber das war das Gorki. Niemand kam auf so eine abwegige Idee. Fünfzig Minuten sitzen, hören, sich der Vergewisserung vergewissern, dass die anderen einen schrecklichen Dachschaden haben und demnächst den neuen Weltenbrand anzünden werden. Und vor allem, dass sie nicht dabei sind. Sprechen im Chor über das, was nicht da ist. Was draußen herumschleicht und nicht einmal weiß, dass es mit den eigenen Worten vorgeführt wird. Mich macht das unendlich müde. Nichts bewegt sich. Es ist laut, aber es könnte auch völlig stumm sein. Ein Unterschied existiert nicht. Es ist ein wenig wie auf einer Party: Alle hören die gleiche Musik. Aber es macht nicht lustig und man wird im allerbesten Fall betrunken. Bei „Fear“ von Falk Richter war das anders. Draußen im Bundesland ist es ebenfalls anders.

http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/fear.html

20:13 14.11.2017
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