Milo Rau: Oder doch lieber Hundetheater?

Kritik: Five Easy Pieces Draußen verloren die Isländer und ich hockte in den Sophiensälen auf einer Bank und mir war zum Gruseln.
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Five Easy Pieces /Milo Rau/ IIPM/ CAMPO/ Kritik

http://www.sophiensaele.com/produktionen.php?IDstueck=1502

Ich fühlte mich ganz allein, die anderen hatten Spaß. Da habe ich an den Höllenhund gedacht, weil der über den Totenfluss schwimmt und dort vielleicht den toten Kindern das Gesicht leckt. Es war ja Kindertheater (für Erwachsene, keine Kinder im Saal, viel zu hart für Kinder). Dann habe ich mich fremdgeschämt. Wie für die Hundefreunde auf meiner Facebook-Seite, die mir sehr peinlich sind. Schließlich hat sich der feiste Mann, der vor mir saß, umgedreht und mir ins Gesicht geatmet, weil meine Wasserflasche explodiert ist. Da hatte ich den Einfall: Warum macht der Milo Rau das alles eigentlich nicht mit Hunden? Fürchtet er sich eher vor den Tierschutzverbänden als vor den Reaktionen derjenigen, die ihm diese Beteuerungen über die verantwortungsvolle psychologische Begleitung am Ende nicht richtig glauben? Ich hätte sicherlich großes Mitleid mit den Hunden. Bei dem Gedanken an die Kinder packt mich jedoch abgrundtiefes Unbehagen.

Aber das ist alles schon gesagt und darüber ist auch schon genug geschrieben worden.

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=12559:five-easy-pieces-beim-kunstenfestival-bruessel-zeigt-milo-rau-ein-stueck-ueber-kindesmisshandlung-und-den-fall-dutroux&catid=443:kunstenfestivaldesarts-bruessel&Itemid=40#rundschau

In einem Kommentar zu einem Kommentar stellt eine Leserin die Frage nach den Eltern der auf der Bühne ausgestellten Kinder. Was hat sie bewogen, der Teilnahme ihrer Tochter/ihres Sohnes an diesem Projekt zuzustimmen? Kann man das nachvollziehen? Ein Junge tanzt auf der Bühne. Er hat Balletterfahrung. In einer Aufführung des Schultheaters bekäme er Applaus. Im normalen Leben erntet er möglicherweise Hohn. In den Sophiensälen bekommt er das seltsam herablassende Gelächter der erwachsenen Zuschauer. Das wäre für mich OK, wenn ich dieses Gelächter erhalten würde. Ich hätte es verdient. Aber ein Achtjähriger, der sein Bestes gibt? Hat er schon ein Gefühl für Ironie? Kann er sich in dieser Situation mit Spaß daran selbst verspotten? (Wir erzählen den Studenten, dass der Sinn für die Ironie erst ab dem 11. Lebensjahr existiert.)

Alle haben den Inhalt nacherzählt: Eine Gruppe von Kindern im Alter zwischen acht und dreizehn Jahren entwickelt eine mehrteilige Performance vor dem Hintergrund der Verbrechen des belgischen Frauen- und Kindermörders Marc Dutroux. (Verbrecher erhalten die Ehre der Berühmtheit, die Opfer werden vergessen. Bei Wikipedia findet man lediglich den Mörder.). Es geht um äußerste Gewalt, um hoffnungslose Einsamkeit, um tiefe, unverschuldete Verzweiflung. Es geht um den Tod und um das Töten. Es geht um Machtausübung, Schweigen, Diktatur. Das Publikum sitzt und glotzt und empfindet brav wie bei Lessing Furcht und Schrecken. Der Schrecken wird mit technisch perfekter Präzision heraufbeschworen wie im Horrorfilm oder wie auf den Seiten der Boulevardpresse. Ohne echten Respekt vor den Opfern. Ohne Zusammenhänge.

Kindgemäß heißt hier herausgelöst aus dem überkomplexen Geflecht aus Versagen, Scheußlichkeit und letztlich glücklicherweise auch Widerstand: Der Weiße Marsch von Brüssel (1996) kommt nicht vor. Es gibt keine Katharsis. Das ist das Programm. Das leuchtet auch ein, wenn sich das Internationale Institut für politisches Morden mit den Ceaușescus oder mit den Moskauer Prozessen befasst. Aber wo genau ist dabei der konzeptionelle Platz der Kinder?

Ist Milo Rau ganz einfach ausgebrannt oder überwältigt vom aktuellen Ansturm der internationalen Katastrophen? In seinem Stück „Mitleid“ verwendet er das Foto der angeschwemmten Kinderleiche aus Bodrum. Wenn ich dieses Foto sehe, muss ich heulen. Das ist verlogene Sentimentalität, erkenne ich mit Selbstkritik. Im Theatertext vergleicht das weibliche, blonde Böse das Geschrei der massenweise erschossenen Kinder mit dem Lärm auf einem Schulhof. Das ist natürlich nicht als Identifikationsfolie gedacht, das ist die Kritik am Kolonialismus. („Auf einen Arzt kommen zehn Bewacher.“) Hier spricht der Zynismus der kommerziell agierenden Hilfsmafia. Aber ist das wirklich neu? Muss ein totes Kind in diesen Kontext hineingezerrt werden? Muss man darüber spekulieren, ob dessen Vater an seinem Tod die Schuld trägt, weil er sich im Westen neue Zähne kaufen wollte? Oder fällt die Entlarvung hier auf ihr Original zurück und beginnt damit zu verschmelzen? Wenn die Protagonistin in „Mitleid“ ihrer todgeweihten schwarzen Freundin ins Gesicht uriniert – ist das Aufklärung oder marktschreierische Vereinnahmung durch eine innerlich sinnlos gewordene Kunst? Ist das vielleicht auch das eigentliche Motiv für den Auftritt der Kinder in Brüssel/Berlin?

Im Pressematerial wird es ziemlich offen zugegeben. Es sollte etwas anderes passieren, als sonst in den Kinderstücken für Erwachsene. Das Referenzstück kommt von Gob Squad. In Belgien gibt es im Erwachsenentheater eine gewisse Tradition in der Arbeit mit Kindern.

http://www.campo.nu/en/artist/724/philippe-quesne

Das wollte Milo Rau so nicht machen. Das waren nicht seine Themen: Zukunftsvisionen, Athentizität, märchenhafte Poesie. Aber was dann? Die Arbeit am nationalen Mythos der Belgier? Die Kinder, die 1996 noch nicht auf der Welt waren, als verständnislose Marionetten? Gibt es deshalb die bis in den Kitsch reichenden Anspielungen auf den Marionettentext von Kleist? Der schreibt sinngemäß, dass der Schauspieler aufhört, der Wahrheit zu dienen, wenn er versteht, was er tut. Also Kinder (oder doch lieber Hunde?) als letzter Sicherheitsanker für eine in die Kommerzialisierung abgedriftete Kunst? Und was kommt als nächstes?

https://de.wikisource.org/wiki/Über_das_Marionettentheater

Man sollte sich übrigens nicht täuschen. Hundetheater gibt es bereits bei SIGNA, wenn auch nicht im harten Sinn von ungebrochener Authentizität:

http://www.wienerfestwochen.at/154/?tx_mqprogramm_pi1[eventid]=217&cHash=f940f320c7cd9bccda5bab52b1435177

19:05 04.07.2016
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