Orthodoxes Kreuz im Grasmeer der Ukraine

Theaterkritik Postfaktisches Steppentheater: GOG/MAGOG von INTERNIL am Theaterdiscounter

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http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/de/programme/doppelpass/gog-magog.html

http://internil.net/gogmagog/index-de.html

http://theaterdiscounter.de/

Genau das motiviert mich, hinzugehen und normalerweise auch dazubleiben: ein Gegenstand, der mich umtreibt, eine Verpackung mit den Signaturen geheimer Information, eine bizarre Anordnung von Absurdität und Wahrheit und selbstverständlich ein paar Brocken, die ich gern fresse, denn die machen es möglich, dass ich mich selbst als intelligent, informiert oder sogar als eingeweiht erlebe. So etwas bringt mir gute Laune.

Diesmal lief es schief. Wenn man lernt, wie ein Drehbuch aufgebaut ist, erfahren die Studenten, dass der Zuschauer/die Zuschauerin bereits nach fünf Minuten sicher weiß, ob sie den Film nun mag oder nicht. Im Theater dauert es normalerweise etwas länger, und es passiert wesentlich öfter, dass sich der Anfangseindruck als kalkuliertes Spiel mit den Erwartungen im Zuschauerraum erweist. Ich habe eine gute Stunde lang gezögert, dann ging es einfach nicht mehr weiter. Die Langeweile saß mir gähnend auf der Schulter und plapperte redundanten Quatsch, das ewige blöde Rinnsal, dass unter meinem Fernseher hervorsickert, wenn ich ihm nicht rechtzeitig den elektrischen Strom entziehe.

Irgendwie war ich hinterher beschädigt. Das Format gefällt mir immer noch, auch wenn es in diesem Fall nicht funktioniert hat. Nach einer Kurzeinführung, in der es eigentlich nur um den Ablauf geht, wird das Publikum auf die Spielfläche eingeladen. Ein paar Kunstflammen flackern über Kunstholz, grässliches Lagerfeuerliedgut wird mit TV-Vergötterung vermischt, Pseudokriegsromantik stinkt zur Bühnendecke. Die Ausstattung (Moran Sanderovich) hat mich ehrlich beeindruckt. Eine Mischung aus Bürgerkriegsmüll und Osteuropatrash. Es gibt einen visuellen Bezug zur atomaren Sonderzone, auch wenn das sonst komplett ausgespart bleibt. Das ist schade, denn im Sog von Apokalypse und Verschwörungstheorie hätte es das Ganze wie eine Salzlösung vielleicht doch noch genießbar gemacht.

http://moran.sanderovich.com/

Die Performer verteilen sich auf unterschiedliche Stationen. Es gibt eine Karte, auf der die Völker des Nordens (eigentlich geht es um Russland und Nachbarstaaten) zu irgendwelchen Konstellationen aufbereitet sind. Es gibt eine Person, die versucht, etwas Ernst ist dieses Knäuel von Wahnsinn zu bringen. Was sie von sich gibt, ist ebenfalls verrückt. War dieser Typ ein Fake? Oder war es ein echter Nationalist aus der Ukraine? Diese Ungewissheit blieb und hat mir gefallen.

Der Rest war keineswegs so widersprüchlich und urwaldartig, wie mein eigener Kopf nach jeder Beschäftigung mit der Ukraine. Und es fehlte die Schärfe echter Widersprüche. Es passierte wieder einmal, was all unsere Gespräche gegenwärtig auszeichnet: Wir sprechen nur mit uns selbst. Die Stimme, gegen die wir eigentlich anreden wollen, schweigt hinter einer unsichtbaren Mauer. In einem Zelt wurde über die Vorgänge auf dem Majdan gesprochen. Angeblich immer wieder anders, in postfaktischer Verdrehung. Aber es fällt mir schwer, das zu glauben. Ich habe nur das erfahren, was ich schon lange wusste. Es tropfte vor sich hin. Es wurde nicht neu gemixt oder neu ausgelegt oder irgendwie doch mit Gog/Magog verwoben. Das Bild der Videoprojektion hüllt es alles ein: Das orthodoxe Kreuz ragt aufgerichtet über dem Grasmeer der skythischen Steppe in den Himmel.

Die Russen als unreine Völker des Nordens, von Alexander für immer hinter der eisernen Pforte des Kaukasus in den Norden weggesperrt. Am Ende der Zeit werden die Nordkönige aufbrechen und unsere schöne Welt überrennen. Dann sind die wirklich guten Zeiten schon ganz nah. Da scheint es eine Spielart von Hoffnung zu geben. Russen in bizarren Kontexten kann man auch anderswo bestaunen: Heidentum, schamanische Rituale, anderen Quatsch. Julian Röder ist zum Beispiel hingefahren und hat das alles fotografiert. Ich habe das auch schon gesehen, mit den eigenen Augen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die Straßenbahn in Tomsk auch bei minus 40 Grad fast ohne Störung weiterfährt.

https://www.bibelkommentare.de/index.php?page=dict&article_id=2515

http://www.julianroeder.com/

https://www.riatomsk.ru/article/20170109/tramvai-cheremoshniki-tomsk/

Ich habe an diesem Abend für meine Neugier bezahlt. Mir tut immer noch die Hand weh. Die Performerin trug eine schamanische Geistermaske mit russischem Dekor. Damit latschte sie blind durch ihr Zelt und erwischte meine Finger mit ihrem Fuß. Das ist meine Angst für die nächsten Jahre: Dass da jemand kommt und mit dem Stiefel in meinem stinknormalen Leben herumtritt. Gog oder Magog, verdammt, sie sollen in ihren heiligen Büchern stecken bleiben oder von den Schamanen sofort in Hamster oder Mäuse verwandelt werden. Den widersinnigen Quatsch werde ich weiter im Netz zusammensuchen. Vielleicht finde ich irgendwann eine Vorlesestation, die weniger redundant ist, als die von Internil.

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