Im MTZ

Kolumne Man stelle sich ein Einkaufszentrum vor in dem man keine Kleider kaufen könnte – man könnte sie sich selbst nähen. Es gäbe einen Laden in dem man zahlt fürs Nähen lernen.
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Im MTZ

Vielleicht kennen Sie das Main-Taunus-Zentrum bei Frankfurt am Main. Der Volksmund kürzt es natürlich zu MTZ. Mich hat es neulich nun auch mal dort hin verschlagen, obwohl ich in der Regel versuche Einkaufszentren zu meiden. Dieses MTZ überraschte mich jedoch ziemlich. Es war beinahe dunkel und nicht allzu kühl als ich aus einem der Gänge, welche vom Park- und Toilettenbereich in die sogenannte Einkaufspassage führen, heraus trat. Da fühlte ich mich für einen kurzen Moment von mediterranem Flair umweht. Dies lag wahrscheinlich daran, dass ich die Mall auf Höhe eines Cafés betrat wo auf den Tischen bereits orange-rote Lampen flackerten. Wer das MTZ nicht kennt, dem sei erklärt, dass scheinbar der Erweiterungsbau als Rundgang gestaltet ist, welcher zum Himmel mehr oder minder offen ist. Mit seinen Bodenplatten und der Bepflanzung bewusst als Außenbereich gestaltet.

Als ich mich schlendernd in Bewegung setzte machte sich in mir eine Art Urlaubsgefühl breit, ein wenig als spazierte ich über einen Markt oder durch den Ortskern einer südeuropäischen Kleinstadt. Warm, zufrieden, natürlich fühlte sich dieser Eindruck in etwa an.

Mein dahin Sinnieren wurde jedoch jäh unterbrochen von der kalten Erkenntnis, dass ich mich fast ausnahmslos zwischen Einkaufsgeschäften bewegte, die wieder genau dasselbe wollten wie immer und überall: Mir Zeug unterjubeln. Geschätzte 200 „Stores“ die alle Jeans, T-Shirts, Schuhe und Schmuck verkaufen und sich dabei so lächerlich ins Zeug legen, dass es mein Mitleid erregt. Die einen hängen ihre Hosen vor scheinbar alte Fliesenwände in Fleischereioptik, andere legen sie auf Holzpaletten (gut, das ist fast schon wieder bieder heutzutage), dritte verkaufen in Dunkelheit und 17jährige Gymnasiasten in Flip Flops spielen Türsteher für 40 Kilo Mädchen und Mütter zu denen mir leider gar nichts mehr einfällt. Und so weiter und so fort.

Schade, denke ich seit diesem Besuch, so ein schön gestalteter Ort, so unnütz und traurig verwendet.

Man stelle sich mal vor in diesem MTZ könnte man keine Kleider kaufen – man könnte sie sich selbst nähen. Es gäbe einen Laden in dem man zahlt fürs Nähen lernen, Material und Anleitung werden zur Verfügung gestellt. In einem anderen Laden findet ein Poetry Slam statt oder eine Lesung oder was auch immer. Eine Vorführung dauert 30 Minuten. Eintritt: 3 Euro. Dann schlendere ich weiter und kann an diesem Abend vielleicht noch etwas töpfern und mir den Eintritt für einen Jazz-Band Auftritt in deren Probe und Aufführungsraum kaufen, zu finden im einstigen Pimkie. Vielleicht zahle ich erst mal für eine kürzere Zeitspanne, bleibe ich länger, kann ich nachzahlen.

Dazu stehen mir an diesem Abend natürlich auch noch verschiedene Cafés und Restaurants zu Verfügung. Ich kann jedoch auch selber kochen, ein 15 Minuten Gericht erlernen, vielleicht kann ich in einem Café sogar meine Tasse selbst spülen und neuen Kaffee für die Nächsten aufsetzen und zahle dann nur 50 Cent.

Das MTZ ist so groß und es würden so viele Geschäfte leerstehen….unendlich viel könnte man erleben, lernen, genießen. Ich habe noch viele Ideen im Kopf. Wenn sie jemand hören und investieren möchte, nur zu.

07:36 28.08.2015
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