Nicht ohne mein Vorurteil

Wieder ist die so genannte Schleierliteratur um ein Werk ergänzt worden. Der neue Roman „Blauschmuck“ von Katharina Winkler berichtet vom ehelichen Martyrium der kurdischen Muslima Filiz.
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Als Schleierliteratur wird in der Islamwissenschaft ein Genre bezeichnet, welches die Unterdrückung der Frau im Islam zum Thema hat. Wobei die Frauen sich stets in einem muslimischen Martyrium befinden und dann durch einen radikalen Bruch oder eine geheime Flucht die Freiheit erlangen. Eines der bekanntesten Werke dürfte der 1987 erschienene Weltbestseller von Betty Mahmoody sein: „Nicht ohne meine Tochter“. Die Botschaft ist dabei immer dieselbe: Ihre Rechte können Frauen nur außerhalb des Islams erlangen.

Im Juli 1991 erschien ein Interview mit Bozorg Mahmoody, dem Ehemann Betty Mahmoodys im Spiegel (Ausgabe 30/1991). Er stellte die Geschehnisse vollkommen konträr da. Seine Frau sei nicht vor ihm und seiner Familie geflohen, sondern habe ihn verlassen und ihm seine Tochter genommen. Wer nun die Wahrheit spricht, kann und soll an dieser Stelle nicht beurteilt werden.

Nur ein Zitat Bozorg Mahmoodys aus dem Interview soll den Gegenstand dieses Artikels einleiten. An einer Stelle sagte er: „Sehen Sie, ich bin ein religiöser Mann. Der Islam schreibt mir vor, meine Frau zu ehren und zu achten. Niemals habe ich die Hand gegen sie erhoben (…)“.

Die Rezensentin in der Frankfurter Rundschau von „Blauschmuck“, Sabine Vogel, schrieb: „Ist es nicht so, dass alles, was unsere Welt gegenwärtig so furchtbar macht, von religiös fanatisierten Männerhorden ausgeht? Und ihre Religion ist der Islam. (….) Aber ist es nicht vielleicht eine Krise des Mannes überhaupt, des Prinzips Mann, das (nicht nur) in vormodernen Gesellschaften ungebrochen herrscht?“

Der Islam kennt zwei Rechtsquellen: Den Koran und die Sunna. Die Sunna umfasst alle Aussagen und Handlungen unseres Propheten Mohammed (möge Allah in segnen und ihm Frieden schenken). Sie bezeichnet das Vorbild Mohammeds in allen Lebenslagen und Allah hat im Koran an vielen Stellen befohlen die Sunna seines letzen Gesandten zu befolgen.

Mohammed lebte 25 Jahre in monogamer Ehe mit Chadidscha, seiner einstigen Chefin, einer wohlhabenden Geschäftsfrau. Sie war 15 Jahre älter als er. Nach ihrem Tod heiratete der Prophet bis zu seinem Tod 9 weitere Frauen. Die Ausbreitung des islamischen Reiches schritt voran und wie es in der Geschichte immer üblich war, dienten Eheschließungen der Sicherung des Reiches. Weiterhin war es für die Frauen und ihre Familien eine große Ehre als Gemahlin erwählt zu werden.

Mohammed war und ist für die Muslime der vernünftigste und liebevollste Mensch der je gelebt hat und leben wird. Bereits bevor er mit 40 Jahren von Allah zum Prophetentum berufen wurde, also bevor es den Islam gab, gaben ihm die Menschen in seiner Heimatstadt Mekka den Beinamen „Al-Amin“: der Vertrauenswürdige. Jeder der ein Gut sicher aufbewahrt haben wissen wollte, weil er auf Reisen ging oder ähnliches, brachte sein Vermögen zu Mohammed, wie in ein Schließfach oder eine Bank.

Mohammed hob in seinem Leben, ausgenommen im Krieg, gegen keinen Mann, keine Frau und kein Kind jemals die Hand. Anas war ein Diener des Propheten, er berichtete, der Prophet habe ihn nicht ein einziges Mal gefragt „warum hast du es nicht so gemacht“? Mit jeglicher Handlung und Entscheidung Anas‘ war er zufrieden. Wenn er nach Hause kam und es war nichts gekocht pflegte er auf Nachfrage einer seiner Frauen, ob er Hunger habe, zu sagen: Ich faste. Aisha wurde einmal gefragt was ihr Mann tat wenn er nach Hause kam. Sie antwortete: Er arbeitete für das Haus. Will meinen, er machte Hausarbeit. Von Aisha wurde auch berichtet, dass Mohammed sie während ihrer Periode küsste, liebkoste, sie auszog bis zum Bauchnabel.

Mit diesen wenigen Beispielen aus dem Leben des Propheten dürften einige der größten falschen Ansichten über den Islam bereits wiederlegt sein. Die Frau ist weder zur Haushaltsführung verpflichtet, noch ist sie unrein während ihrer Periode. Vielmehr gibt es bis heute eine Diskussion darüber ob Geschlechtsverkehr während der Blutung schädlich sei. Dabei befürchten viele ein Risiko für den Mann. Richtig ist jedoch: Viele Frauen sind in dieser Zeit anfälliger für Infektionen. Keime können dann besonders leicht in die Schleimhaut eindringen, u.a. weil der Muttermund etwas geöffnet ist. Diese Ansteckungsgefahr gilt auch für sexuell übertragbare Krankheiten.

Viele Verbote im Islam hören sich für Nichtmuslime aber auch (neue) Muslime erst einmal „rückständig“, „überholt“ an. Es gilt sich auf eine ehrliche Beschäftigung mit einem kontroversen Gegenstand offen einzulassen. Vor allem offen gegenüber sich selbst und nicht von einem moralischen Sockel aus. Wenn man scheinbar unumstößliches doch einmal kritisch hinterfragt gelangt man zu einer neuen Freiheit des Denkens, jenseits westlicher Dogmen.

So möglich mit der Thematik Sex vor der Ehe, genauso wie mit der Evolutionstheorie. Beide können hier nicht ausgeführt werden, zu letzterer wäre jedoch bspw. Michael Beleites Buch „Umweltresonanz“ von 2014 zu empfehlen.

Auch bei den Tätern von Köln ist nicht in erster Linie von Muslimen zu sprechen, sondern von Jugendlichen, aufgewachsen in männlich dominierten Gesellschaften, überfordert mit zu viel unbekannter Freiheit und Testosteron. Wie pointierte Jan Böhmermann die Vorkehrungen nach diesem Vorfall für Karneval treffend: Es muss wieder das Privileg des deutschen weißen Mannes werden Frauen an Karneval zu begrabschen! Aber dies nur am Rande. Der Islam, eng ausgelegt, verbietet eine Berührung nichtverwandter oder nichtverheirateter Frauen und Männer (hieraus resultiert die Debatte um den Händedruck). Entsprechend wäre nur die berühmte Armlänge Abstand islamkonform. Leider, leider, fehlte nach den Vorfällen wieder einmal der gleichgroße mediale Aufschrei von muslimischer Seite, wie sich die eigene Jugend nur so derartig daneben benehmen und versündigen konnte. Denn die Frau ist, genauso wie Bozorg Mahmoody es ausführte, zu ehren. Die unbescholtenen, reinen Frauen, also junge Frauen, erst recht. Dies steht im Koran und gilt für alle Frauen. Überall.

Patriarchale, veraltete Denkmuster wohnen in vielen Männerköpfen dieser Welt. Dabei auch sicher in sehr vielen muslimischen Männerköpfen. Der große Unterschied ist jedoch, dass sie nicht islamisch sind. Oftmals verwechseln die Männer, oder ganze Familien ihre eigene Tradition mit ihrer Religion. So sagte meine Nachbarin mir neulich zum Beispiel sie habe einen Sohn und eine Tochter und sei damit sehr zufrieden, hätte sie aber zwei Töchter bekommen, hätte sie noch ein drittes Kind bekommen in der Hoffnung auf einen Sohn. „Das sagt nicht mein Mann, das ist meine Religion“, ergänzte sie mir zur Begründung. Leider kennt sie in diesem Punkt ihre Religion sehr schlecht. Unser Prophet sagte, wer zwei rechtschaffende Töchter großzieht (also gläubig, gut erzogen, die Gemeinschaft bereichernde Individuen), der erhält einen Platz im Paradies. Gleichzeitig verbot Allah im Koran die Tötung von Mädchen. Eine Praxis die in vorislamischer Zeit weit verbreitet war. Der beste Freund Mohammeds und spätere erst Kalif, Abu Bakr, hatte seinerzeit seine Tochter in einem Brunnen ertränkt. Er war von den gesellschaftlichen Verhältnissen so umnebelt, eingenommen gewesen, dass er zu einer solch grausamen und widernatürlichen Tat fähig gewesen war. Sein Leben lang bereute er diese Tat zutiefst. Vergeben war sie ihm, denn den Islam hatte es noch nicht gegeben. Der Prophet weinte bittere Tränen als Abu Bakr ihm von seiner Tat erzählte. Überhaupt war Mohammed ein sehr emotionaler Mann, der oft und lange weinte weil ihn Ungerechtigkeit und Leid so aufwühlten und unsäglich traurig stimmten. Die Bevorzugung von Jungen ist entsprechend auch keine Eigenheit des Islam. Wir finden sie in China, in Pakistan, in Ost Afrika und an vielen weiteren Orten auf der Welt.

Endlos lang ist die Liste der Vorurteile gegenüber dieser wunderbaren, würdevollen Religion. Es gibt wohl kaum einen Gegenstand von welchem mehr Menschen sprechen, in der festen Überzeugung, seinen Inhalt und seine Grundlagen zu kennen, ohne sich ein einziges Mal aktiv und offen mit ihm beschäftigt zu haben. Das vermeintliche Wissen der meisten Nichtmuslime speist sich aus vorgefertigten Meinungen aus Fernsehen und Zeitung. Zusammengestellt von Nichtmuslimen. Das meiste Wissen vieler Muslime speist sich aus ihren Erfahrungen innerhalb ihrer Familie und ihres Umfeldes. Auch sie lesen keine Quellen, hören keine Vorträge von Gelehrten, lesen keine aktuellen Bücher. Und das obwohl der Koran das Streben nach Wissen über alles stellt. Der Islam brachte der Menschheit in seiner Blütezeit Segen und Entwicklung durch den raschen Aufschwung der Wissenschaft und Kultur. Als die Muslime aufhörten zu forschen und zu lernen ging es mit ihnen rasant bergab und den veralteten Sitten und Gebräuchen wurden Tor und Tür geöffnet. Unwissenheit und Aberglaube machten sich seit dem breit und es bedarf einer gebildeten und wissbegierigen muslimischen Jugend ihre Religion wieder vom Schmutz des „bei uns ist das so“ und „so war es schon immer“ zu befreien und wieder die Quellen des Rechts zu studieren, zu interpretieren und sie auf die Gegenwart zu beziehen. Denn auch Koran und Sunna sind Rechtsquellen ihrer Zeit und müssen auf jeden Kontext neu bezogen werden.

Die allerersten Worte Allahs, die er seinem Gesandten offenbarte, lauteten: „Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. Lies; denn dein Herr ist Allgütig, Der mit dem Schreibrohr lehrt, lehrt den Menschen, was er nicht wusste.“ (Sure 96 Vers 1-5).

15:06 09.02.2016
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