„Er muss anrufen“

Dates Wer sich an die klassischen Regeln hält, wird nicht enttäuscht, sagt Clara Ott, Autorin des Romans "Aufrüschbar"

Der Freitag: Frau Ott, Sie wollten einen „unvorhersehbaren Frauenroman“ schreiben. Was heißt denn das?

Clara Ott: Unvorhersehbar insofern, dass nicht alles auf das altbekannte Happy End hinausläuft. Mich regen diese Bücher auf, bei denen man beim Lesen des Klappentextes ahnt, wie es ausgeht. Da geht es immer um die Chaotin um die 30, die ständig auf Diät ist. Am Ende kommt sie mit dem Nachbarn zusammen. Ich wollte eine Protagonistin, die selbstständig durchs Leben geht und keinen Partner braucht, der sie vervollständigt.

Mein Eindruck ist aber, dass Ihr Buch auch ohne klassisches Happy End das Stereotyp der leicht chaotischen Frau bedient, die nach Liebe sucht und immer an die falschen Männer gerät, die nur an Sex interessiert sind.

Im Buch gibt es auch andere Männer. Die finden aber entweder am Rande statt oder werden von der Protagonistin nicht wahrgenommen. Sie weiß einfach nicht so genau, was sie will. Natürlich geht es vielen Frauen so, die sich wider besseren Wissens verlieben und emotional verwickeln lassen. Wenn er nur eine Affäre will und sie denkt: „Ach, der verliebt sich schon noch in mich.“ Tut er aber nicht.

Das ist genau das Klischee, das solche Frauenromane bedienen.

Dazu stehe ich aber. Ich habe mir die Geschichte vor vier Jahren ausgedacht. Damals war mein Blick auf vieles auch noch anders. In der Zwischenzeit habe ich viel gelernt. Was für einen Typ Mann finde ich spannend? Kann ich Sex und Liebe voneinander trennen? Diese Überlegungen finden sich auch im Buch. Eine gewisse Naivität im Text wollte ich aber bewusst bewahren. Auch, weil man eben doch nie ganz damit abschließt, das andere

Geschlecht zu verstehen.

Aber man lernt dazu?

Ich habe auf jeden Fall dazu gelernt. Klar hat man Erwartungen an Männer und an Beziehungen. Dann ist man enttäuscht, dass man sich an die Regeln hält und es doch nicht funktioniert.

Welche Regeln denn?

Diese klassischen Dating-Regeln wie: „Er muss sich melden,

nicht ich.“ Denn dann weiß ich ja, dass er mich vermisst und ich ihm nicht bloß hinterher renne.

Wer stellt solche Regeln auf?

Die gelten als Allgemeingut. Ich habe neulich diesen amerikanischen Bestseller aus den Neunzigern –

Nur blöd, wenn man sein Wochenende nicht vor Donnerstag anfängt zu planen ...

Ja, ich selber bin auch anders, aber es ist ein Leitfaden, der hilft, Gefühle zu ordnen. Die Regeln sind eine Konstante, um ein gewisses Maß an Orientierung zu haben. Meine Oma hat allerdings immer gesagt: „Wenn der Richtige vor dir steht, weißt du das.“

Da steckt aber auch der Druck dahinter, einen Partner finden zu müssen. Sie sind Single. Finden Sie, dass es für eine Frau in den Dreißigern als Problem erachtet wird, wenn sie Single ist?

Ich habe in meinem Freundeskreis natürlich Frauen, die über 30 und allein sind, und die sich Kinder wünschen. Da ist das dann ein Thema, aber ich habe dieses Gefühl noch gar nicht. Ich denke zwar schon, dass ich irgendwann mal Kinder will, aber ich weiß, dass ich spät Mutter werde. Dadurch sehe ich das sehr entspannt.

Immer?

Meistens. Was mich aber stört, ist, wenn ich jemanden kennenlerne und mich rechtfertigen muss, wieso ich seit fünf Jahren Single bin. Es wird anders kommentiert, als wenn jemand sagt, dass er seit fünf Jahren eine Beziehung hat. Es wird in Frage gestellt, dass man alleine ist. Niemand fragt ein Paar: „Na, seid ihr glücklich? Habt ihr noch Sex?“

Bekommen Sie Tipps, um der Singlefalle zu entkommen?

Schon. Aber ich bin keine Expertin. Ich flirte gerne und treffe mich oft mit mehreren Männern, weil ich mich nicht festlegen will.

In Ihrem Buch wird auch die „Theorie vom nullten Sex“ propagiert. Worum geht es da?

Man sollte manchmal lieber nur über Sex reden, als ihn zu haben. Es ist aber nur ein kleiner Teil des Buchs. Ich bin perplex, dass so viele Medien darauf anspringen.

Kein Wunder, es bestätigt das Geschlechterklischee.

Die Protagonistin schafft es ja selbst nicht, sich dran zu halten. Es ist auch keine komplett logische Theorie, aber eine super Diskussionsgrundlage. Und was lustig ist: Das ist ja nicht meine persönliche Meinung, aber Männer, die ich aktuell kennenlerne, verwechseln das. Sie googlen meinen Namen, stolpern über Artikel mit der Sextheorie und denken, es sei meine Meinung.

Haben sich Ihre Dates geändert, seitdem die Männer im Netz nachlesen, was Clara Ott vermeintlich über Sex denkt?

Ein bisschen, schon allein deshalb, weil es merkwürdig ist, wenn jemand mir erzählt, was er über mich gelesen hat. Deshalb bin ich ganz froh, dass die Theorie nicht besagt, dass man mit jedem Mann schlafen sollte, der einem über den Weg läuft. Das könnte anstrengend werden.

Sehen Männer Ihr Buch als Anleitung, wie sie mit Frauen umzugehen haben?

Es ist kein Ratgeber, aber ich habe schon von Freunden Sätze gehört wie: „Ach, jetzt verstehe ich das bei Frauen besser.“

Oh je. Wenn die jetzt alle denken, Frauen wollen lieber reden als Sex haben ...

Umgekehrt betrachtet, könnten wir Frauen da was von den Männern lernen. Ich habe in der letzten Zeit viel mit Männern über die Nullter-Sex-Theorie gesprochen, und einige sagten mir, dass sie nach einer gemeinsamen Nacht eben nicht direkt verliebt sind. Da zählt erst mal nur, ob der Sex gut war. Der Rest kommt Schritt für Schritt. Das lassen Männer viel entspannter auf sich zukommen, während Frauen diese Schritte überspringen und sich viel mehr ausmalen. Von der Gelassenheit der Männer könnte man sich als Frau schon gut etwas abschneiden.

Also: Carpe Diem?

Beziehungsweise Carpe Noctem.


Clara Ott, geboren 1980, lebt in Berlin. In dem Roman Aufrüschbar (Schwarzkopf & Schwarzkopf; 9,90 ) erzählt Ott von einer jungen Frau, die wegen ihrer Erfahrungen mit Männern die Theorie vom Nullten Sex aufstellt. Diese besagt, dass darüber zu reden oft aufregender ist, als es zu tun


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15:00 28.05.2012
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 4
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Ausgabe 42/2021

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