Alles Neue macht der März

Frauen & Musik Verena Reygers freut sich über neue Alben des Frühlings – etwa über Sharon van Ettens Musik, die so schön melancholisch ist, dass man sie allein in der Kneipe hören muss

Nach der eher müden Veröffentlichungslage neuer Alben zu Beginn des Jahres, setzt für gewöhnlich ab Mitte März die Release-Flut ein. In den nächsten Wochen und Monaten kommen jede Menge toller neuer Alben von Künstlerinnen – solo oder mit Verstärkung. Und einige Platten sind auch jetzt schon zu haben.

Zum Beispiel Sharon van Ettens drittes Album Tramp. Auf Sharon van Etten stieß ich bereits vergangenes Jahr über einen Free-Download-Track eines Musikblogs. Zeitlupenpop an der Akustikgitarre, der mit quälender Intensität kokettiert. Van Etten, dachte ich, muss man im Auge behalten. Aus denen verlor ich sie dann aber doch wieder, bis sie vor einigen Wochen in den Blogs und Foren wieder omnipräsent auftauchte. Mitte Februar ist nun Tramp, erschienen, das Zeit Online charmant mit "Antipanikattackenmusik" überschreibt. Nicht ohne Grund: Die 31-Jährige leide an einer Sozialphobie, die Musik helfe ihr, mit Situationen, in denen sie Panik übermannt, klar zu kommen.

Stimmlich erinnert die Amerikanerin immer mal wieder an Eleni Mandell, aber ohne deren ironischen Schmiss im Twang. Van Ettens Indie-Folk entbehrt jeglichem Optimismus. Zeit Online vergleicht sie deshalb auch mit Künstlerinnen wie Cat Power oder PJ Harvey, deren Songs Hommagen an die Bodenlosigkeit der Melancholie sind. Die Art von Musik, die man hört, wenn die Kneipentheke die einzige Schulter zum Anlehnen ist. Musikalische bewegt sich van Etten sonst ausschließlich in guter Gesellschaft. TV-on-the-Radio-Mitglied Kyp Malone ermutigte sie zur musikalischen Karriere und sowohl mit The Antlers als auch The National nahm sie Songs auf. Aaron Dessner von The National produzierte sogar Tramp. Der ist vermutlich auch für den teils gewittrigen Indie-Sound mit wuchtigen Drumbeats im Hintergrund verantwortlich. Van Ettens Lethargie tut das bisschen Lärm aber nur gut.

Ebenfalls schon Mitte Februar veröffentlicht haben die Ting Tings ihr neues Album Sounds from Nowheresville. Viel Notiz genommen wurde davon eher nicht. Immerhin gab es neben dem Porträt des Duos im Freitag eine Titelgeschichte im Musikexpress. Jules De Martino und Katie White berichteten den Journalisten von der schweren Geburt ihrer zweiten Platte. Monatelang hatte sie sich fürs Songwriting nach Berlin zurückgezogen, wo sie aber zu tief in einer kreativen Blockade steckten, um an das Potential ihres Hits "That’s Not My Name" anzuschließen. Da mussten dann erst alle Songs gelöscht und ganz von vorne begonnen werden, um einen Sound zu kreieren, der ihnen gefiel. Mir gefällt besonders der folgende Track über den Amy Raphael im Musikexpress schreibt, er ähnele Patti Smith’ Sprechgesang.

Und noch mehr gute Nachrichten von der Male/Female-Duo-Front gibt es. Sowohl Beach House als auch Best Coast haben neue Alben für dieses Jahr angekündigt. Um Best Coast gab es neulich Schlagzeilen, sie hätten ihrer Drummerin Ali Koehler von heute auf morgen gefeuert. Von Best-Costs Beth Consentino hieß es aber, die Band bestehe eh nur aus Bobb Bruno und ihr und Veränderungen in ihrem Live-Lineup seien völlig normal.

Victoria Legrand und Alex Scally von Beach House konzentrieren sich dagegen auf das, was man vorab von einem Albumrelease hören möchte: neues Single-Material.

Und auch Fiona Apple hat ein neues Album angekündigt. Als daraufhin die Blogs schon ihre Stoppuhren stellten, ruderte das Label noch mal zurück. Ihr viertes Album käme irgendwann in diesem Jahr, keinesfalls aber in den nächsten Wochen. Dafür purzeln nach und nach Konzerttermine der Amerikanerin herein, bisher nur für die USA, aber mal sehen, wo es die Indierock-Querulantin noch so hin verschlägt. Sicher ist jedenfalls, dass sie beim SXSW-Festival in Austin diese Woche spielt und der Albumtitel, den hat Apple auch schon verraten. 23 Worte ist er lang: The Idler Wheel is wiser than the Driver of the Screw, and Whipping Cords will serve you more than Ropes will ever do. Ein Gedicht als Albumtitel ist nichts Neues für Apple, schon ihr zweites Album, das 1999 erschien, verzichtete auf einen knackig-kurzen Titel. 90 Worte sollten es damals sein. Die Plattenfirma kürzte auf drei: When the Pawn …

Für ihr letztes Album, das 2005 erschienene Extraordinary Machine, setzte Fiona Apple den Trend zur Dichtkunst aus, konnte aber auch musikalisch nicht mehr so überzeugen wie mit den beiden Platten zuvor. Mal sehen, wie es mit dem neuen Album so laufen wird.

Zuletzt können sich noch alle Le Tigre Fans freuen. Die Band um Riot Grrrl-Ikone Kathleen Hanna und Oberlippenbart-Trägerin JD Samson veröffentlichen dieser Tage eine Live-EP mit Material ihrer letzten Tour, die 2004–2005 stattfand. Außerdem soll es von Hannas anderem Projekt Julie Ruin ebenfalls ein neues Album geben. Bereits im Dezember gab es davon eine akustische Kostprobe auf der Internetseite der Band.

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16:28 14.03.2012
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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Ausgabe 41/2021

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