Auf der Tonspur

Musik-Kolumne Kate Winslet gestand gerade, ein Problem mit dem Soundtrack von "Titanic" zu haben. Aber es gibt auch spannende Filmmusik, meint Verena Reygers. Eine akustische Filmschau

Ein übles Problem beichtete Kate Winslet kürzlich. Jedes Mal, wenn sie den Titelsong "My Heart Will Go On" von Titanic höre, überfalle sie akuter Brechreiz. Dabei bescherten Song und Film nicht nur Celine Dion eisberggroße Verkaufszahlen, auch Winslet legte damit den Grundstein für ihre Hollywoodkarriere. Zugegeben, die Engländerin hat davor schon in Filmen mitgespielt, deren Soundtrack sehr viel mehr hergab als schmalztriefende Schnulzentiraden. In meinem Plattenregal steht zum Beispiel der Soundtrack zu Heavenly Creatures, in dem Winslet die 19-Jährige Juliet Hulme spielt, die in den fünfziger Jahren zusammen mit ihrer Freundin Pauline Parker deren Mutter umbrachte.

Und auch Winslets Titanic-Partner Leonardo DiCaprio hatte zu dem Zeitpunkt schon in Filmen mitgespielt, die trotz Romantik im Drehbuch auf den typischen Lovesong-Kitsch verzichteten.


The Cardigans - Lovefoolvon universalmusicdeutschland

Nicht nur die schwedische Band The Cardigans um Sängerin Nina Persson lieferten einen Song zu Baz Luhrmanns poppiger Version von Romeo Julia, auch Stina Nordenstam, Des'ree, Garbage und Radiohead waren vertreten.

Die typischen Hollywoodromanzen mit Jennifer Aniston und Co. setzen dagegen wenig kreativ oft nur auf einen unaufregenden Mix irgendwelcher Disko- und Soulklassiker, die leicht zu haben sind. Da steppen die Weather Girls zum hundertsten Mal zu "It’s Raining Men" oder das mitgenommene Zuschauerherz kann sich zu einer beliebigen Version von "I Will Survive" aufrappeln. Im Kino geht es musikalisch eben auch nicht anders zu als auf den Tanzflächen mittelmäßiger Hochzeiten.

Gut, dass es trotzdem Ausnahmen gibt. Wie den Episodenfilm Leben und Lieben in L.A., der 1998 in hochkarätiger Besetzung in den Kinos lief. Neben Angelina Jolie und Gena Rowlands spielten auch Jon Stewart und Sean Connery mit. Auch der Soundtrack zeigte sich abwechslungsreich – mit Songs von Moby, PJ Harvey und dem für mich immer noch einer der besten Soundtrack-Songs von Bran Van 3000.

Und wo wir gerade schon von Sean Connery sprechen, was wären James-Bond-Filme ohne Martini, Moneypenny und die musikalische Begleitung. Von Shirley Bassey und Tina Turner über Sheryl Crow, Madonna und Alicia Keys (zusammen mit Jack White), die Interpretin des nächsten Bond-Songs ist immer eine Nachricht wert. Vorraussetzung dafür ist allerdings, bereits über einen großen Bekanntheitsgrad zu verfügen. Im Gegensatz dazu ist eine Interpretin wie Vonda Shepard nur durch ihr Klavierklimpern im Hintergrund der Serie Ally MacBeal bekannt geworden. Immerhin so bekannt, dass die Amerikanerin bis heute mit ihren leicht verdaulichen Popsongs die Konzertsäle füllt. Und die großartige Maria McKee sang sich zu Tage des Donners mit Tom Cruise in der Hauptrolle in die allgemeine Wahrnehmung.

Andere Musikerinnen profitieren doppelt. Nämlich dann, wenn ihr Hit längst in Vergessenheit geraten, von einem Regisseur wieder aufgegriffen wird, wie Quentin Tarantino es für seinen Kill-Bill-Soundtrack mit diesem Song getan hat.

Und manche Schauspielerinnen bringen sich weniger durch ihr Talent als Aktrice ins Gespräch als durch ein gut platziertes Ständchen. Ob Marilyn Monroe schmollmündig ein "Happy Birthday" für John F. Kennedy haucht oder Jessica Paré in ihrer Rolle der Serie Mad Men ein "Zou Zou Bisou" performt, den Medien ist das musikalisch eher bescheidene Geplänkel eine Nachricht wert und Serienfans haben einen neuen Ohrwurm.

Hier kann ich die Aufregung allerdings kaum verstehen. Nicht nur ist Parés Performance ziemlich langweilig, auch scheint der Bezug des Songs zur Serie stark inszeniert. Überhaupt, die richtige Musik für Filme, Serien und TV zu finden, das beschäftigt eigene Berufsgruppen. Besonders spannend wird das, wenn die Musik einen inhaltlichen Teil des Drehbuchs ausmacht, wie bei den typischen Biopics wie Walk The Line über Johnny Cash oder Control über Ian Curtis und Joy Division. Interessant wird es auch, wenn der Film eine fiktive Story erzählt und der Soundtrack zum Drehbuch inhaltlich mehr als bloß schmückendes Beiwerk ist. Ein gutes Beispiel ist Bandits aus dem Jahr 1997.

Die Geschichte von vier Frauen, die im Knast eine Band gründen, fliehen und schließlich ein von der Polizei umstelltes und von Fans umjubeltes Konzert auf den Dächern vor der Kölner Rheinkulisse spielen. Jasmin Tabatabai fiel den meisten erst durch Bandits als Sängerin auf, obwohl die Schauspielerin bereits vier Jahre zuvor ihre Band "Even Cowgirls Get The Blues" gegründet hatte. Bis heute hat Tabatabai zwei Soloalben veröffentlicht.

Wenn man über Filme und Musik nachdenkt, darf ein Genre natürlich nicht fehlen: der Tanzfilm. Angefangen von der frühen Leidenschaft für Dirty Dancing waren natürlich Filme wie Footloose, Flashdance oder auch Fame Garanten, auf der nächsten Party die Stehblues-Tänzer vom Parkett zu fegen. Sowohl den Titeltrack von Flashdance als auch von Fame sang Irene Cara, die in letzterem auch eine der hoffnungsfrohen Studentinnen der New Yorker Kunst-Akademie spielte, die Alan Parker in Fame in Szene setzte. Heute hört man von Cara nichts mehr, aber so erging es wohl den meisten Schauspielern von Fame und auch Jennifer Beals, die in Flashdance die Tanzwütige spielte.

Verena Reygers schreibt in ihrer Kolumne über Genderthemen in der Musikbranche. Sie kolumniert immer mittwochs im Wechsel mit Katrin Rönicke, die sich mit Gender- und Bildungsthemen befasst.


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15:00 11.04.2012
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 5
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Ausgabe 15/2021

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