Das Auge hört mit

Musikvideos Bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen kann man online die besten Musikvideos auswählen. Unsere Kolumnistin Verena Reygers stellt ihre Favoriten vor

Mit Musikvideos verhält es sich wie mit Vinylplatten, sie generieren die Frage nach ihrer Existenz: Was, die gibt es noch? Oh ja! Und manche von ihnen flimmern gar preisverdächtig über Bildschirme und Leinwände. Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen zeichnen seit 1999 die besten deutschen Musikvideos aus.

Also ungefähr seit dem Zeitpunkt, seit dem das Musikvideo an TV-Präsenz verlor und die großen Plattenfirmen nicht mehr jedem potentiellen Nachwuchsstar ein Millionenbudget für den Videoclip mit Rotationsgarantie bei MTV oder Viva zur Verfügung stellte. Das Ergebnis sind oftmals in Do-It-Yourself Manier inszenierte Spots, die liebevolle Hingabe mit künstlerischem Anspruch verbinden und sich zu einem unabhängigen Kurzfilm-Genre entwickelt haben. Ästhetik, die rockt. Oder wie es die Initiatoren des Festivals nennen, Clips, die wegen ihrer „außergewöhnlich visuellen Form“ auffallen.

2001 wurde der Award um den MuVi-Publikumspreis ergänzt, über den einen Monat lang – in diesem Jahr noch bis zum 1. Mai – abgestimmt werden kann. Man kann die nominierten Videos auf der Seite des Festivals angucken, das Internetradio bytefm hat ebenfalls alle zwölf Clips auf seiner Magazinseite eingebettet. Und so teste ich in meiner Mission als Musikjournalistin an einem lauen Frühlingsabend das Unterhaltungspotenzial eines Dutzend ambitionierter Musikvideos.

Dass Bier zu dem Vergnügen besser gepasst hätte als Wein, stelle ich sehr schnell bei „Bit by Bit“ von Comfort Fit fest. Denn in dem von den Fotografen Felix Hüffelmann und Philip Frowein realisierten Messie-Szenario verdrecken Bierflaschen neben einem Haufen anderen Mülls das einstmals unschuldige Wohnzimmer, das im Zeitraffer be- und verlebt wird.

Comfort Fit – "Bit By Bit"
von Felix Hüffelmann Philip Frowein

Schallplatten, die sich einordnen, Zimmerpflanzen, die auftauchen und absterben, ein- und ausgeschaltete Leuchten. So wie die Dinge sich im Raum und an den Wänden platzieren sind sie optimal zum rückenden Sound aufgestellt. Der anfängliche Gedanke, der Raum würde an Behaglichkeit gewinnen – eine Hoffnung an dem der Projektname "Comfort Fit" nicht ganz unschuldig ist – trügt, wie die sich abblätternden Tapeten und wachsenden Schmutzwäscheberge zeigen. Optisch und musikalisch gleichermaßen interessant wird es noch mal, wenn der subtile Funkbeat einsetzt und auch das aufgeräumte Ende freut die pingelige Leergut-Entsorgerin in mir.

Bier spielt auch eine Rolle in dem ungewöhnlichen HipHop Video Lena StörFaktors. Wobei ich schon über jede Lena begeistert bin, die nicht mit erstem Vornamen „Unsere“ und Nachnamen „für Oslo“ heißt. „Die Seitenlehner“ ist ein Clip, in dem die Augsburger Puppenkiste Bahn fährt; aber nicht gemütlich über die Insel Lummerland, sondern durch den gesellschaftlichen Alltag, in dem Jim Knopf als ahnungsloser Fahrgast den Betrunkenen beim Schaukeln durch den Wagon zuschaut. Auch die Lena-Marionette bahnt sich ihren Weg durch den Regionalexpress, in dem Müll, herrenloses Gepäck und graffiti-besprühte Klos die Reise begleiten.

Lena Stoehrfaktor – "Die Seitenlehne"
von Pappsatt

„Die Seitenlehne hindert mich daran, mich auszustrecken, ich geh nach vorne, den Großraumwagen auszuchecken. Wenn es mir zu voll ist, suche ich mir einen Einzelplatz. Ich will allein sein, aber nicht, dass ihr mich ganz alleine lasst“, singt die Berlinerin in dem trostlosen Puppenspiel ohne Niedlichkeitsfaktor, das für ihr Genre aber mutig und unkonventionell ist und ganz ohne Pimps und Hoes auskommt.

Einfallslos dagegen finde ich die Zusammenstellung von Filmszenen aus Klaus Lemkes „Liebe so schön wie Liebe“ mit einem schmierig gegeltem Rolf Zacher vorm Sonnenuntergang und einer verträumt drein blickenden Sylvie Winter.

Malakoff Kowalski – "Andere Leute"
von Klaus Lemke

Möglich, dass da auch anderer 70er Jahre Schinken des Regisseurs eine Rolle spielen, aber wenn schon zusammengeschnippeltes Zeug, dann bitte mit etwas mehr Aussage. Das haben Massive Attack mit ihrem Video „Paradise Circus“ mit Ausschnitten des Pornoklassikers The Devil in Miss Jones besser hinbekommen. Schon allein weil sich die Filmszenen mit einem aktuellen Interview der Originaldarstellerin Georgina Spelvin abwechseln, die von ihren Erfahrungen beim Pornodreh erzählt. Immerhin ist der Song von Malakoff Kowalski gut. Aber stellt sich da nicht auch die Frage, wie sehr das Video von der Musik ablenken darf? Sollen die Bilder nicht den dezenten Hintergrund bilden, oder höchstens als Symbiose mit der Musik aufflackern?

Wenn ja, dann haben das Von Spar mit "HyBolt" oder Die Goldenen Zitronen mit "Positionen" besser hinbekommen. Auch Flying Lotus’ "Camel" zeigt als vom Nacktscanner inspirierter Negativ-Film Mulitcolor-Schwüle rhythmisch abgestimmt. Auch wenn ich nichts von nackten Brüsten halte, wenn ich zum Ausgleich keine männlichen Genitalien präsentiert bekomme. (Wegen nackter Frauen gibt es das Video auch nicht bei Youtube, sondern nur auf der MuVi-Webseite.)

Origineller sind da die Pappkameraden mit ihrem Musikvideo zu "Lifeguide", in dem vielleicht Madonna und ihre Aerobic-Ästhetik, vielleicht aber auch Dieter Bohlen und Castingshow-Konsorten lächerlich gemacht werden. Wie überhaupt der ganzen konsumorientierten Pay-TV Gesellschaft hier eine weitere Rolle zugedacht ist.

Ein bisschen erinnert der Pappmaché-Verkaufssender an den Comicstrip-Clip "Guten Tag (Die Reklamation)" von Wir sind Helden.

Pappkameraden – "Lifeguide"
von Gitti Kitti

Obwohl die tänzerischen Einlagen ja durchaus gelungen sind, kann die Jury mit ihren überdimensionalen Grinsegesichtern nicht über gewisse Peinlichkeiten hinweg täuschen. Allein die unglaublich hässlichen Leggins sind einen Preis wert!

Optisch anspruchsvoller als wild gemixte Leggins sind die von Pfadpfinderei in Szene gesetzten Bettlaken: Entweder außer Rand und Band oder von menschlichen Körpern durchdrungen – es geht eben auch ohne Brüste.

Moderat – "Rusty Nails"
von Pfadfinderei

"Rusty Nails", ein sehr klarer, glatter und guter Clip, in dem die Darstellung durch die zu Kuttenträger mutierenden Stoffe sowie die lichten Farbwechsel zwischen weiß, schwarz und rot für unaufdringliche Dynamik sorgen.

Tatsächlich ein Kurzfilm-Juwel hat der Gründer des "Syndikats für Gegenlärm" Felix Kubin von Sönke Held drehen lassen. Gleichzeitig bedrückend wie bedrohlich verwandeln sich Lichtschalter und Stuhllehnen zu Körperteilen. Weil Kubin ein ausgeprägtes Faible für Splatter und abgetrennte Körperteile hat, können wir uns glücklich schätzen, dass in diesem Video bloß ein aufs Kleid gesticktes Herz blutrot leuchtet. Wenn die Festivalmacher von künstlerisch wertvollen Arbeiten sprechen, dann gehört Kubins Stummfilmhorror-Adaption in Farbe und mit Herzschlag zweifelsohne dazu.

Weil ich aber keine Kurzfilmexpertin sondern eine durstige Musikjournalistin am Samstagabend bin, nenne ich den von Carsten Nicolai und Simon Mayer umgesetzten Clip zu Alva Noto meinen Favoriten.

Alva Noto Feat. Anne-James Chaton – “u_08-1 (future past perfekt pt.3)”
von Carsten Nicolai/Simon Mayer

Ein Video mit verständlichem Einstieg, einer Story, Witz und auf die Musik abgestimmte Bilder. Wie sich die japanischen Getränkeautomaten in französische Ziffern runterleiernde Jukeboxen verwandeln, sorgt beim durstigen Konsumenten für Verwirrung und beim Zuschauer für Unterhaltung. Ob dieses Video deshalb den MuVi-Publikumspreis verdient hat? Das will nicht ich entscheiden, aber bis zum 1. Mai kann noch abgestimmt werden.

Verena Reygers, Jg. 1976, bloggt auf und schreibt als freie Journalistin über Bands, Konzerte und neue Platten. Sie findet, Mädchen sollten wild und gefährlich leben, solange sie stets ein buntes Pflaster in der Tasche haben. Auf freitag.de schreibt sie in einer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik, und manchmal wie beim MuVi-Preis auch außer der Reihe. Zuletzt von ihr erschienen: Hauptsache, es flasht.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:30 26.04.2010
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 6
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Ausgabe 38/2020

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