Einer zum Reden

Porträt Casper gilt im HipHop-Kosmos als braver Rapper. Deswegen wollen Frauen nach den Konzerten auch nur eins: ihm ihre Lebensgeschichte erzählen

Ein Hinterhofbüro in Berlin-Kreuzberg, in dem das Management von Casper residiert. Casper, alias Benjamin Griffey, taucht hier in Jeans und Sweater auf, den Jutebeutel lässig über der Schulter baumelnd. Schnell noch den Bürohund tätscheln und über den Hof in die Küche gehen. Dort bietet er höflich einen Energy-Drink an.

Der Freitag: Casper, im HipHop wird so oft mit Sex geprotzt und behauptet, dass die Frauen Schlange stünden, um mit Rappern zu schlafen ...

Casper:

Das verstehe ich gar nicht.

Was? Warum Frauen Sex mit Rappern haben wollen?

Ja, ich verstehe Groupietum nicht. Diesen Rock’n’Roll-Mythos, den es in Amerika gibt, wo wunderschöne Frauen mit Hot Pants und Band-T-Shirt backstage warten. Das ist doch total absurd. Ich bin gegen Groupietum. Ich finde Sex schon sehr, sehr gut. Aber erstens bin ich vergeben und zweitens glaube ich, dass diese Mädels, die viel Sex mit Rappern haben und da vielleicht auch „ruppiger“ behandelt werden, sich später mit Mitte Zwanzig fragen, was das eigentlich sollte. Und davon will ich kein Teil sein.

Kein Teil dieser Vergangenheit?

Ich möchte kein Teil sein von: "Oh mein Gott, warum habe ich dauernd mit Rappern gefickt?" Dieser Backstage-Mythos ist ohnehin krass. Wir haben bei jedem Konzert Leute, die unbedingt backstage wollen. Und die sind dann total enttäuscht, wenn sie sehen, wie wir da alle in einem Raum sitzen, der kaum größer als diese Küche hier ist, und jeder vor seinem Laptop hockt. Die denken, dass da der Champagner fließt und wir alle halbnackt rumrennen. Dabei wollen wir nach der Show meistens nur noch ins Bett. Denn am nächsten Tag musst du wieder acht, neun Stunden zum nächsten Konzert fahren, hast Soundcheck, stehst auf der Bühne. Da gehst du lieber früh schlafen.

Das ist jetzt aber ein arg harmloses Bild vom HipHop-Kosmos.

Naja, ich bin auch mit sogenannten Gangster-Rappern auf Tour gewesen und da ist es schon richtig krass. Da stehen die Mädels in der ersten Reihe, kommen nach dem Konzert zum Merchandising-Stand und sagen: „Ich will mit dir ficken.“ Bei Gangster-Rappern kommen eher wenige Frauen auf die Konzerte, aber die sind richtig bumswillig. Bei mir sind auf den Konzerten zwar mehr Frauen als Männer, aber die wollen mir dann ihre Lebensgeschichte erzählen.

Die wollen nicht ficken?

Doch klar, das passiert auch. Aber es passiert nicht ganz so auf die dumme direkte Art. Die wollen schon ein bisschen kennengelernt und bezirzt werden.

Die schätzen Casper sexuell wahrscheinlich als den eher emotionalen Typen ein.

Dabei bin ich ein Tier! Aber tatsächlich geht da bei jeder Rap-Gruppe, mit der ich gut befreundet bin, gar nicht so viel.

Dabei zieht der raketenhafte Erfolg sicherlich viele neue Fans an.

Bei mir ist das so, dass die Leute entweder mit fanatischer Liebe oder fanatischem Hass reagieren. So eine Haltung wie ‚Ja, wenn es läuft, dann stört es nicht beim Bügeln‘ gibt es bei meiner Musik so gut wie nicht. Ich habe wirklich Fans, die meine Kleidung nach­kaufen und mich so richtig idealisieren. Stalking inklusive.

Das heißt?

Die wissen Details aus meinem Privatleben, von denen ich denke: Woher wissen die das denn? Es gab tatsächlich schon Leute, die anhand von Interviews, in denen ich völlig beiläufig irgendwelche Informationen preisgebe wie ‚bei mir ist ein Park in Fußnähe oder dieses oder jenes Restaurant‘, sich zusammen gereimt haben, wo ich wohne, und dann vor der Tür warten, bis ich rauskomme.

Und wie reagiert Casper?

Dann sage ich: 'Ist cool' und gebe auch gerne ein Autogramm, möchte dann aber auch bitte wieder in Ruhe gelassen werden. Das klappt meistens auch. Unangenehm ist wirklich nur, wenn ich an der S-Bahn stehe und sich jemand neben mich stellt, um mit mir ein Gespräch anzufangen.

Werden Sie häufig erkannt?

Ja, das Problem ist, dass das Casper-Ding sehr viel schneller hochgeschossen ist, als die Person Benjamin dahinter hergekommen ist. Früher, wenn ich in Berlin – wo ja auch jeder mehr mit sich beschäftigt ist – angeguckt wurde, dachte ich: Ok, ich hab’ Scheiße im Gesicht oder ich bin dämlich angezogen. Als HipHop-Szenegröße bin ich auch mal angesprochen worden, aber vielleicht zwei, dreimal alle paar Wochen. Jetzt passiert das fünf-, sechsmal am Tag,

Gibt es Vermeidungsstrategien?

Ich ziehe es vor, nicht mehr so viel rauszugehen. Nicht aus Arroganz oder Angst, sondern aus kompletter Unsicherheit heraus. Weil es ganz oft Situationen gibt, mit denen ich nichts anfangen kann und nicht weiß, wie ich reagieren soll. Du gehst zum Beispiel in einen DVD-Laden und der Typ hinter der Theke sagt: ‚Wow, ich hab schon gehört, dass du hier immer herkommst, ich wollte nur sagen: super Album.‘ Und dann gibt es diesen Moment, wenn alle, die gerade durch die Regale wühlen, schlagartig den Kopf zu dir drehen. Das überfordert mich, auch, weil ich natürlich trotzdem nett sein will.

Macht einen das nicht auch stolz?

Doch, wahnsinnig! Ich finde es krass und ich habe auch keine Angst vor Fannähe. Ich laufe auch ganz normal durch meine Gegend. Ich glaube, dass Belagertwerden nur dadurch kommt, dass man sich zur belagernswerten Figur macht. Wenn du zweimal am Tag den gleichen Weg läufst, dann reagieren die Leute irgendwann entspannt nach dem Motto: ‚Ah, der läuft hier immer lang.‘ Dann wird man viel weniger gestört, als wenn man meint, nicht mehr mit der Bahn fahren zu können, weil man überall erkannt würde.

Wenn die Musik eines Menschen einen oft begleitet, will man zu dem Musiker halt auch Nähe aufbauen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.

Ich glaube, ich komme noch aus einer Zeit der distanzierteren Musik-Industrie. Ich bin ein großer Drake-Fan und weiß über Twitter grundsätzlich, wo der sich gerade befindet oder was er gerade macht. Als ich mit 16 großer Jay-Z-Fan war, da wusste ich nicht, was der jeden Moment machte oder dachte.

Aber wenn Sie Jay-Z oder Drake auf der Straße treffen würden ...

... würde ich auch nicht hingehen. Jay-Z habe ich mal auf einer Show in Köln getroffen. Da stand er ein paar Meter neben mir, aber ich bin nicht hingegangen. Selbst wenn ich aus der Haustür gehen würde und da säße Kanye West gegenüber in einem Café – und das ist nicht völlig unrealistisch, wenn man wie ich in einem sogenannten Berliner Szenebezirk lebt –, würde ich nie zu ihm gehen und ihn nerven. Aber natürlich würde ich meinen Freunden ganz schnell eine Sms schreiben: "Ey, Kanye West sitzt vor meiner Haustür."

Also Sie wären schon aufgeregt?

Ja, aber ich bin mehr der Auf-Distanz-Ausrastende.

Wenn der Erfolg für den Künstler Casper so schnell kam, dass die Person Benjamin Griffey gar nicht hinterher kommen konnte, wie geht dieser Benjamin dann mit dem Erfolg um?

Es gibt so eine Außenwahrnehmung von Casper, die Benjamin nicht erfüllen kann. Ich glaube, ich bin sehr langweilig und normal. Die Außenwahrnehmung aber ist, dass ich eine relativ glamouröse, selbstsichere, den Erfolg auskostende Person bin. Auch, dass ich finanziell jetzt ausgesorgt hätte. Ich habe ein Konto, auf dem das alles aufläuft. Davon zahle ich mir selbst jetzt auch nicht mehr aus als vorher. Ich wohne noch immer in meiner WG, bin noch mit meiner Freundin zusammen. Ich brauche weniger als 1.000 Euro im Monat.

Wofür geben Sie Geld aus?

Für fast nichts. Ich zahle meine Miete, Handyrechnung und dann Essen, DVDs, so was halt.

Wenn ich mir die aktuelle Casper-Platte anhöre, die gar nicht nach Großstadt klingt – und Benjamin Griffey aber schon ein Jahr in Berlin lebt, frage ich mich, wie kommt er hier so zurecht.

Stimmt, die Platte hat gar nichts mit Berlin zu tun. Ich bin auch kein guter Berliner. Mir geht der ganze Hype auf die Nerven, dass die meisten Leute hierhinziehen, um das Abenteuer für sich aus dem Weg zu räumen

Abenteuer aus dem Weg räumen?

So nach dem Motto: "

Abi fertig, komm, wir gehen nach Berlin und sind drei, vier Jahre komplett auf Drogen, feiern jede Party, die da geht." Und dann heißt es: wieder zurück ins normale Leben. Bei mir war es umgekehrt. Ich war eigentlich in Bielefeld total wild und partygeil. Berlin definiert jeder als Party-Hauptstadt, aber ich finde die Partys hier scheiße. Ich hasse diese Minimal-Musik, was schon mal 80 Prozent aller Partys ausschließt. Dann nehme ich keine Drogen, was hier aber alle tun. Tja, und so bin ich echt ruhig geworden. Viel zuhause bin ich sowieso nicht, da ist zuhause sein auch richtig geil.

Sind Sie gerne auf Tour?

Das Gute ist, dass ich mit meinen besten Freunden auf Tour bin. Meine Live-Band sind meine besten Kumpel; wenn nicht sogar die einzigen. Ich habe aber auch direkt nach dem Album gesagt, dass mein Kreis jetzt zu ist. Dass ich keine neuen Leute mehr kennenlernen will, weil ich dieses Schulterklopfen und Ja-Sagertum hasse. Ich will das nicht.

Das passiert aber jetzt dauernd.

Klang jetzt vielleicht ein bisschen hart, ich bin ja auch kein Arschloch, aber ich habe echt nur vier Kontakte bei Skype und in meinem Handy 25. Das ist alles, was ich will und brauche. Klar, ist es auch wichtig, Kontakte zu knüpfen. Aber Leute, deren Meinung mir wichtig ist, würde ich keine neuen an mich ranlassen.

Ist das Selbstschutz? Weil mit dem Erfolg Bestätigung kommt, die oft nur oberflächlich ist?

Das Traurige ist, wenn alles um dich herum größer wird, als du dich selber fühlst. Wenn zum Beispiel dieselben Leute, mit denen ich immer im Park gesessen habe, jetzt so tun, als hätte ich mich verändert. Früher wäre ich auf einer Party vielleicht ohne Geschenk aufgetaucht, weil ich das Geld nicht gehabt hätte. Jetzt bringt man halt was mit und dann heißt es ‚whouwhou’ und es wird als Darstellung des Status verstanden.

Gibt es Freunde, die mit dem Erfolg Probleme haben?

Die Bandjungs nicht, weil die ja mitgewachsen sind und während des Albums auch viel abgefangen haben. Ich habe zwei Freundeskreise: Einmal die Band und dann habe ich noch meine 'richtigen' Jungs, meine Bösingfelder. Wenn ich meine Mutter besuche und die Jungs anrufe, heißt es: "Du brauchst hier nicht als Casper aufzutauchen, für uns bist du immer noch Benjamin." Das ist für die ein größeres Thema als für mich.

Wie definieren Sie Erfolg?

Natürlich ist es ein Riesenerfolg, wenn dein Album von 0 auf 1 in die Charts schießt und sich über Wochen in den Top 30 hält. Mit diesen Verkäufen hat niemand ­gerechnet. Wir haben ein halbes Jahr im Studio gesessen und eine Platte gemacht, von der wir gedacht haben, sie sei kein massentaugliches Produkt, was ich auch immer noch so sehe. Und natürlich ist es toll, aber für mich ist Erfolg, wenn zum Beispiel ein Künstler, den man selber seit Jahren bewundert, auf dich zukommt und fragt, ob er für deine Tour Support spielen kann.

Gehen Sie selbst lieber auf kleine Konzerte?

Ich gehe vor allem gerne auf Konzerte, wo ich sicher bin, dass die Dichte der Leute, die mich erkennen könnten, sehr gering ist. Momentan bewege ich mich ziemlich viel im Black-Metal-Bereich.

Ist das ein Ausweichen?

Nein, das ist schon auch meine Musik. Das klingt so, als würde ich jammern, aber so meine ich das gar nicht. Ich meide ja auch Industrie-Partys. Wenn mein bester Freund aus Köln mich besucht und ich wäre am selben Abend auf einer Promi-Gala eingeladen, würde ich immer den ruhigen Kneipenabend vorziehen. Ich fühle mich in Promi-Nähe sehr klein, unwichtig und unangenehm. Ich mag die Welt nicht. Ich war letztes Jahr bei einer sehr großen Verleihung auf der Aftershow-Party und habe mich wahnsinnig unwohl gefühlt. Aber ohne so ein posenhaftes, ausgestelltes Indie-Antitum, sondern einfach so: ‚Ich will nicht Teil dieser Welt sein.‘

Dabei wäre es jetzt so einfach.

Ja, genau. Als B-Promi-Rapper könnte ich mir jetzt eine B-Promi-Freundin suchen und ein B-PromiLeben führen. Das könnte ich, das wäre kein Problem. Aber ich will das nicht. So etwas finde ich nur schlimm.

Das Gespräch führte

Benjamin Griffey alias Casper wird 1982 als Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners in Bösingfeld, 50 Kilometer östlich von Bielefeld, geboren. Er wächst die ersten Jahre in den USA auf, kehrt aber mit seiner Mutter Anfang der Neunziger zurück nach Deutschland. Nach dem Abitur studiert er in Bielefeld Pädagogik und Psychologie. Nach ersten Versuchen im Rap konzentriert sich Griffey zunächst auf Metal- und Hardcore. Dann kehrt er zum Rap zurück. 2006 veröffentlicht er als Casper sein erstes HipHop-Mixtape. 2008 erscheint sein Plattendebüt Hin zur Sonne, das in der deutschen Rap-Szene ein großer Erfolg wird.

2010 zieht Griffey nach Berlin, um sein zweites Album nach mehren gescheiterten Anläufen und einigen kreativen Krisen fertig zu stellen. Über XOXO heißt es schon Wochen vor der Veröffentlichung im Juli, es revolutioniere den deutschen HipHop. Casper ist seitdem nicht nur in den Szene-Medien und im Charts-Mainstream präsent, auch das Feuilleton liebt ihn. Die Süddeutsche Zeitung nennt den 29-Jährigen etwa den "neuen Prinz des HipHop". Casper ist zurzeit auf Tour. Die genauen Daten gibt es unter: casperxo.com vr

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Ihre Freitag-Redaktion

16:00 28.10.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 5
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