Früh übt sich

Frauen & Musik Wieso sollen nur dreizehnjährige Jungs sich auf Bühnen austoben dürfen? Mädchen können das genauso gut: Girlgroups wie Those Dancing Days machen's erfolgreich vor

Man kennt es von Schulfesten und Bandwettbewerben: Verpickelte Jünglinge dreschen auf ihre Instrumente ein, spielen mehr schräg als gerade und singen in Stimmbruchlage eigene Songversionen. Willkommen bei der Schülerband! Aber bitte kein Hohn, denn jeder fängt mal klein an, und nicht nur die Beatles oder Rolling Stones liefen einander im Teenageralter zu. Auch Deutschlands zurzeit erfolgreichste Jungspundband Tokio Hotel sind im Grunde gymnasiale Oberstufe. Und die Mädels? Ab und zu sieht man eine von ihnen als Sängerin am Mikro. Reine Frauenbands mit minderjährigen Mitgliedern, die auch über den Schulhof hinaus bekannt werden, scheinen eine beständige Ausnahme zu sein.

Um so besser, dass im vergangenen Jahr die Schwedinnen von Those Dancing Days europaweit für Furore sorgten. Noch bevor die Bullerbü-Girlgroup überhaupt eine Platte draußen, geschweige denn die Schule beendet hatte, gab es eine Nominierung bei den European Music Awards. Ihre Musik erschöpft sich keineswegs in „zuckrigen Popmelodien“ (laut.de). Vielmehr flitzen Those Dancing Days von einer Ecke zur anderen, angetrieben von einer durchdrehenden Hammond-Orgel und ihrer schier unerschöpflichen Spielfreude.

Wer da über 25 ist und auch mal Luft holen will, ist bei dem Geschwisterpaar Klara und Johanna Söderberg gut aufgehoben. Als First Aid Kit begeisterten die Schwestern beim diesjährigen Euorsonic Festival in Groningen. Dabei ist ihr ruhiger, zurückhaltender Harmoniefolk so gar nicht für Überschlagsalti geeignet. Trotzdem, auch diese beiden Schwedinnen im schulpflichtigen Alter wissen, dass ihre Musik für mehr als die Aula taugt. Ende November sind First Aid Kit übrigens mit Port O’Brien für einige Gigs in Deutschland unterwegs.

Mal nicht aus Schweden, sondern aus Berlin kommen Totally Stressed. Das Sextett besteht bereits seit 2001 und hat ihren Art Rock über die Zeit nach dem Schulabschluss hinweg gerettet. Mit einer Geigerin in der Band spielen die Frauen einen experimentellen Sound zwischen Folk und Rock, unterstützt von klassischen Elementen. Dass die Auslandsaufenthalte diverser Mitglieder immer mal wieder für zeitweilige Umbesetzungen sorgten, empfindet Sängern Magda Albrecht durchaus als Vorteil. „Als ich ins Ausland ging, profitierte die Band von der Instrumentenvielfalt: So entstanden instrumentale Songs, die experimenteller und progressiver sind“, erzählt sie über die Veränderungen im Bandgefüge.

Den Verdacht, Frauen machen nur so lange Musik, bis ihnen Freund und Beziehung wichtiger werden, bestätigt Albrecht nicht: „Momentan steht noch keine von uns vor dem Dilemma ‚Mutter oder Hobby’, aber rein hypothetisch betrachtet würde ich sagen, dass für die meisten Bandmitglieder Musik nicht nur ein vorübergehendes Hobby ist, welches automatisch zu Gunsten von Beziehungen oder einer eventuellen Familienplanung zurücktritt.“

Das müssen sich auch The Donnas gesagt haben. Nachdem die vier Musikerinnen in diesem Jahr allesamt dreißig geworden ist, haben sie sich nicht darauf verlegt, dem Ticken ihrer biologischen Uhr nachzulauschen, sondern stattdessen einfach ein „Bestof“-Album rausgebracht. Als waschechte Schulband haben sich die Kalifornierinnen nämlich 1993 an ihrer Highschool gegründet und sind bei Schülerwettbewerben aufgetreten. Acht Alben haben the Donnas seitdem veröffentlicht, sind mit Green Day und Jimmy Eat World getourt und in diesem Jahr sogar mit Rock’n Roll Veteraninnen wie Pat Benatar und Blondie unterwegs gewesen. Ihren frühen an den Ramones-angelehnten Punkstil hat das Quartett zugunsten des Glamrocks von ACDC oder Guns N’ Roses verändert. Eine sehr gitarrenverliebte Girlgroup, diese Donnas. Rockklischees würden dabei „ironisch adaptiert“, schreibt Wikipedia und spielten „augenzwinkernd mit einen umgedrehten Sexismus: Männer werden als Freude bringende Spielzeuge gezeigt.“

Tja, auch rockende Schulmädchen wollen nur spielen.

Verena Reygers, Jg. 1976, bloggt auf und schreibt als freie Journalistin über Bands, Konzerte und neue Platten. Sie findet, Mädchen sollten wild und gefährlich leben, solange sie stets ein buntes Pflaster in der Tasche haben. Ihre Frauen-&-Musik-Kolumne erscheint jeden zweiten Montag auf freitag.de. Zuletzt:

15:00 16.11.2009
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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