Herbst-klar

Neue Musik Der Sommer, der eigentlich keiner war, geht zu Ende. Zeit für unsere Kolumnistin, einen Ausblick auf die Musik des Herbsts zu wagen. Und da gibt es einiges zu entdecken

Ich kann die Sonnenstrahlen dieses Sommers an einer Hand abzählen. Ja, ich weiß, jetzt sagen die nervigen Optimisten, der Herbst, der würde golden. Ich glaub' nicht dran und decke mich lieber mit Musik für einen heißen Herbst ein. Denn im September erscheinen jede Menge neuer Alben toller Musikerinnen, mal sommerlich mit kurzen Shorts, mal herbstlich im folkigen Laub wühlend.

Aufmerksamen Kolumnenlesern sind sie schon aufgefallen: Boy. Das Duo trat im vergangenen Jahr beim Hamburger Reeperbahnfestival auf. Damals fand man noch so gut wie gar nichts im Netz über sie. Kein Wunder bei dem Bandnamen. Nun haben sie einen Plattenvertrag bei Grönland Records, dem Label von Herbert Grönemeyer, unterschrieben und sind im Netz sehr viel präsenter. Von den zehn Songs, die auf ihrem Debüt Mutual Friends erscheinen, entstand dieser hier als Letztes:

Als "Charmeoffensive" bezeichnet das Schweizer Musikblog 78s die Single "Little Numbers" und sie haben Recht. Der Einfach-mal-gute-Laune-haben-Song ist eine fröhlich hüpfende Abwechslung zu den sonst durchaus ruhigeren Nummern der Platte. Angefangen haben Boy quasi als "Fernbeziehung", nachdem die Schweizerin Valeska Steiner und das Nordlicht Sonia Glass sich beim Popkurs in Hamburg kennengelernt hatten. Kurzerhand zog Steiner in die Hansestadt und dann konnte es losgehen mit der Musik. Ein Interview mit den beiden hat auch schon jetzt.de gemacht; leider nicht, ohne auf das Klischee "niedliche Mädchen machen Musik" zu verzichten.

Der falsche Eindruck ist etwas, womit sich auch St. Vincent rumärgern muss. Nicht nur denken Journalisten, die Textzeile "I’ve had good times with some bad guys" weise auf einen Gang-Bang hin, nein, auch die Idee, den entsprechenden Song "dirt-eater", zu nennen, stieß beim Produzenten auf Widerspruch: Das klänge nach irgendeinem Fetisch. Na, ich weiß nicht; aber Anne Clark, wie St. Vincent tatsächlich heißt, und ich mussten beim Interview das Kopfschütteln doch mit einem Grinsen verbinden. Ebenfalls humorvoll ist das Video, das die Amerikanerin zu ihrer Single "Laughing with a mouth full of blood" veröffentlichte; mit Sleater-Kinney-Mitglied Carrie Brownstein in der Komikerinnen-Rolle.

Ich hätte hier wirklich gern schon neues Material von St. Vincent verlinkt, aber das Video zu "Strange Mercy" ist in Deutschland leider nicht freigeben. Ähnlich schwer fassbar sind die Schnipsel, die Feist angesichts ihrer Albumveröffentlichung am 23. September um sich wirft. Bislang gibt es nur einen kryptischen Trailer und Tickets für ein Konzert in Berlin am 22. Oktober.

Halt nein, eine erste Single ist auch schon draußen: "How Come You Never Go There" heißt sie und wurde online bereits von the needle drop selbstbeweihräucherungsmäßig besprochen.

Warten wir halt noch ein bisschen und ganz hängen gelassen hat uns die Kanadierin seit ihrem Album The Reminder vor vier Jahren auch nicht. Zwischendurch veröffentlichte sie die sehenswerte DVD Look What The Light Did Know, die den Entstehungsprozess von Album und Tour dokumentiert. Der Titel der DVD ist ein Song von Kyle Field, der als "Little Wings" musiziert und sich mit Feist in eine kuschelige Erd-Kuhle im Wald gelegt hat, um "Look What The Light Did Know" als Akustik-Set zu spielen. Wunderschön!

Länger als bei Feist, nämlich fast zehn Jahre hat es gedauert, bis Drugstore mal wieder ein Album veröffentlichen. Trotzdem ist der Wirbel und die Band aus London mit der Brasilianerin Isabel Monteiro am Mikro eher verhalten. Dabei gibt es durchaus eine dramatische Vorgeschichte zu dieser Platte, die Platten vor Gericht zusammen gefasst hat. Drugstore spielen Alternative Country, der auch mal Abstand wahrt zu den gängigen Klischees des Genres. So wälzen sich ihre Songs nicht ausnahmslos im Staub und erlauben auch mal eine Portion Indie und Pop. Wobei zugegeben, Monteiros Stimme durchaus das schmachtende Twang-Timbre hat. Für "Anatomy" hat Monteiro das komplette Band-Setup ausgewechselt und auch den Rock etwas beiseite gestellt. So richtig überzeugt hat mich das nicht. Macht aber nichts, denn Trost bietet immer noch dieser wundervolle Track, der Opener ihres 2001 erschienen Albums Songs for the Jet-Set.

Eine Pionierin der britischen Neo-Folkszene ist Laura Marling. Die 21-Jährige war schon Support für Musiker wie Jamie T oder Adam Green, hing aber in erster Linie mit den Jungs von Noah and the Whale ab, die diesen Sommer auf fast jeder Festivalbühne zu sehen waren. Marling stieg bei der Band aber schon 2008 aus und veröffentlicht nun bereits ihr drittes Album in vier Jahren. Im Gegensatz zu den mittlerweile stärker dem Pop zusprechenden Noah and the Whale hat sich die Musikerin ein paar Ecken und Kanten bewahrt. A Creature I Don’t Know hat nur wenige rein zärtliche Momente und Laura Marling ist eher trotzig zurückhaltend als schüchtern. Die Titel-Single erinnert mich ein bisschen an Leonard Cohen, erdig und doch leichtfüßig.

Und wer noch nicht genug hat, der kann sich im September außerdem noch mit den Neuveröffentlichungen von Zola Jesus, Dear Reader oder Julia Marcell beschäftigen. Der nahende Herbst mit seinen kurzen Tagen und seiner Ich-bleibe-zuhause-Sehnsucht erleichtert das Stöbern ...

Verena Reygers schreibt in ihrer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Diese erscheint immer montags im Wechsel mit der Gender- und Bildungskolumne von Kathrin Rönicke.

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13:45 29.08.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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Ausgabe 24/2021

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