"Im Notfall wird eben besetzt"

Porträt Paul Pötsch schreibt mit seiner Band Trümmer Songs wie "Straßen voller Schmutz" und "Revolte". Jetzt gehört er selbst dazu
Verena Reygers | Ausgabe 28/2014

Der Weg zu Paul Pötsch führt über die Hamburger Reeperbahn. Vorbei an Baggern und Gruben, an Bauzäunen und mit großflächigen Werbetafeln versehenen Gerüsten, hinter denen neue Gebäude entstehen oder alte saniert werden. Vorbei am Spielbudenplatz, der mit bunten Liegestühlen und schlechter Popmusik auf Touristen wartet. Trotz des sich aus der Ferne nähernden Sirenengeheuls eines Einsatzwagens – es ist ein dösiger Nachmittag auf St. Pauli. Oberflächlich betrachtet. Denn hinter den Konsumangeboten und der flachen Partyanimation brodelt es. Seit Jahren verändert der Stadtteil in stadtbaupolitischem Eifer sein Gesicht. Aus alt mach neu, aus dreckig rein; aus Amüsement wird Entertainment, und aus Anwohnern werden Vertriebene.

Zu denen droht auch Pötsch zu gehören. Der Musiker, Schauspieler und Sänger der jungen Band Trümmer sitzt zusammen mit seinen Musikerkollegen Maximilian Fenski und Tammo Kasper im Wohnzimmer seiner Wohnung, die in einer Parallelstraße zur Reeperbahn liegt. Noch. Denn Pötsch soll ausziehen. In fünf Tagen. „Das mache ich aber nicht“, sagt er und zieht an einer selbstgedrehten Zigarette. Die Wohnung sieht so aus, wie es die Stadt Hamburg für St. Pauli nicht länger vorsieht. Abgerissene Tapeten im Wohnzimmer, zwei Songzeilen als Graffiti an die Wand gesprüht. In einem Regal in der Ecke und einem Vitrinenschrank stapeln sich Bücher, Platten und popkultureller Krimskrams. In der Küche steht die Dusche. Daneben stapelt sich benutztes Geschirr in der Spüle. Rauchschwaden durchziehen die Wohnung. Ein Fenster wird nur ab und zu geöffnet.

Pötsch, ein schmächtiger Rothaariger, wohnt seit fünf Jahren hier. Seine Wohnung ist nicht nur zum Schlafen, Essen und Duschen da, sie dient der Band auch als Stützpunkt. Mehr noch, auch ihr Management und das dazugehörige Label nutzen die Wohnung als Büro. „Es gibt eben kein Atelier, das man mal schnell für 100 Euro im Monat anmieten könnte“, erklärt Pötsch die Umstände. „Als ich hier eingezogen bin, habe ich scherzhaft gesagt, das wird die Factory, in Anlehnung an Andy Warhol.“ Der Mittzwanziger erinnert sich grinsend und ergänzt: „So ist es aber wirklich. Ein Scherz, der sich verselbstständigt hat.“

Ein Scherz, der auf ein grundlegendes Problem Hamburgs und St. Paulis hinweist. Es fehlt an Orten, an Räumen – nicht nur zum Wohnen und Leben, sondern auch, um kreativ zu sein, Kunst zu machen, eben: unter die Oberfläche zu tauchen. Unablässig entsteht Neues „auf“ St. Pauli, wie man in Hamburg sagt. Aber der Stadtteil bietet keinen Platz mehr für diejenigen, die sich ihm aus anderen Gründen als einer schick sanierten Wohnung im sogenannten Szenebezirk verbunden fühlen.

Dass Pötsch so einfach gekündigt werden kann, hängt mit seinem Mietvertrag zusammen. „Viele Vermieter schließen Gewerbeverträge ab, die sie leicht kündigen können, selbst wenn sie wissen, dass du in den Räumen kein Gewerbe betreiben, sondern wohnen willst“, erklärt er. „Die spielen mit der Abhängigkeit der Leute. Du willst die Wohnung haben, also unterschreibst du.“ Pötsch sagt, die Kündigung sei etwas, das den Leuten im Stadtteil dauernd passiere. „Irgendwann ist man halt selber mal an der Reihe.“

Der derzeit schlagzeilenträchtigste Fall von Räumung betrifft die ehemaligen Mieter der Essohäuser, zweier achtgeschossiger Plattenbauten aus den 60er Jahren, die nur einen Steinwurf von Pötschs Wohnung entfernt stehen – beziehungsweise standen. Die Häuser, die nach der Esso-Tankstelle auf demselben Grundstück benannt sind, wurden 2009, schon stark baufällig, an eine Münchner Immobiliengruppe verkauft. Statt die notwendige Sanierung durchzuführen, ließ der neue Eigentümer die Gebäude weiter verfallen, bis zur akuten Einsturzgefahr. Im Dezember 2013 riefen zwei Mieter die Polizei, nachdem sie ein Wackeln der Wände bemerkt hatten. Noch in derselben Nacht wurden die Häuser geräumt; evakuiert, wie es im offiziellen Behördenjargon heißt. Als im späten Juni die Band Trümmer Interviews zu ihrem anstehenden Debütalbum gibt, liegen die Essohäuser längst in Schutt und Asche.

Spätestens mit der Räumung und dem Abriss der Essohäuser hat sich das Murren im Stadtteil in lauten Protest gegen die Gentrifizierungsbestrebungen der Stadt verwandelt. St. Paulianer und andere Hamburger machen mobil, auf Stadtteilversammlungen, Demonstrationen und anderen Kundgebungen. Den Widerstand der Anwohner begleiten Hamburger Künstler und Musiker, die um ihr Biotop fürchten; der Song Der Investor von den Goldenen Zitronen, veröffentlicht im Herbst 2013, wird dabei zur Hymne. Bei den Protesten geht es um weit mehr als um individuelle Streitfälle. Es geht um bezahlbaren Wohnraum für alle, außerdem um ein Bleiberecht für afrikanische Flüchtlinge und um den Fortbestand subkultureller Rückzugsräume. Die St. Paulianer pochen auf das Recht auf Mitbestimmung bei der Gestaltung ihres Stadtteils. Sie wehren sich gegen die Pläne des Hamburger Senats, die Reeperbahn in einen „Business Improvement District“ umzuwandeln, einen Bezirk, der von der sauber polierten Oberfläche inszenierter Event- und Konsumkultur lebt statt von echten Menschen.

Weltoffen war früher

Jahrzehntelang war St. Pauli ein Stadtteil der sozial Benachteiligten, der Migranten und gesellschaftlicher Randfiguren, das Revier der Unangepassten und des kreativen Prekariats. Wo sollen die hin, wenn bisherige Mietverträge gekündigt werden und Wohnraum nur noch für finanziell Bessergestellte erschwinglich ist? Pötschs Bandkollege, der Trümmer-Schlagzeuger Maximilian Fenski glaubt, dass das romantische Bild Hamburgs als weltoffene Hafenstadt – ein Image, das auch vom alten St.-Pauli-Bild geprägt war – längst nicht mehr gilt. „Wo sieht man denn noch Hafenarbeiter auf der Straße? Das verschwindet immer mehr. Stattdessen hast du ein Hochhaus-Prestigeobjekt wie die sogenannten Tanzenden Türme oder ein Tui-Operettenhaus. Das ist nicht mehr Gegenkultur“, sagt Fenski.

Die Gegenkultur, das waren auch Clubs wie das Molotow, in dem so ziemlich jede internationale Indieband einmal aufgetreten ist, Jahre bevor dann der große Durchbruch kam. Auch Trümmer spielten hier ihr allererstes Konzert, zwei Jahre bevor nun, im August, ihr Debütalbum erscheint, das genauso heißt wie die Band – und wie das, was von dem alten, originalen St. Pauli noch übrig geblieben ist: Trümmer. Weil der Club Molotow zum Gebäudekomplex der Essohäuser gehörte, ist er nun also auch weg. „Es ist alles scheiße, wenn man es ehrlich sagt“, meint Pötsch. „Hamburg ist wahnsinnig künstlerunfreundlich. Die Clubs machen zu, und über Proberäume muss man gar nicht reden. Da muss man sonst wohin fahren.“ Trümmer proben in einem ehemaligen Bunker in Hammerbrook, einem Stadtteil weit im Süden des Hamburger Zentrums.

Der Kampf um den Stadtteil liegt wie ein Grundrauschen unter der Musik von Trümmer. Die Band spielt deutschsprachigen Rock ’n’ Roll, der sich dem Punk, aber auch den Texten Rio Reisers und Hildegard Knefs verpflichtet sieht. Sie sind gespickt mit Aufrufen, sich mit den Zuständen nicht abzufinden. Die drei jungen Männer singen etwa über die Revolte oder Straßen voller Schmutz – über Ausbrüche aus einem System der Konformität, das nur Platz für Karrieristen vorsieht. „Wir wollen das alles so ausdrücken und verständlich machen, dass es auch über die Grenzen Hamburgs hinaus gültig und wahrnehmbar ist“, sagt Pötsch. „Was hier gerade passiert, betrifft auch viele andere Städte.“ Klar, das Dagegensein ist nicht neu, schon gar nicht in Hamburg, das in den 80er Jahren mit den Protesten um die besetzten Häuser in der Hafenstraße und zuletzt, im Winter, als sogenanntes Gefahrengebiet auch überregional Schlagzeilen machte.

Do-it-yourself-Politik

Mittlerweile haben die beklemmenden Gefühle, der Eindruck, schlichtweg umzingelt zu sein, nicht nur bei Besetzern, sondern auch bei vielen ganz normalen Anwohnern, ordentlichen Mieterinnen und Mietern, zugenommen. Wie es sich anfühlt, sich nur noch eingeschränkt in seinem Viertel bewegen zu können, haben die Musiker mehrfach am eigenen Leib erfahren. „Ich erinnere mich daran, wie wir abends spazieren gegangen sind und Max auf einmal von 100 Polizisten eingekesselt wurde“, erzählt Trümmer-Bassist Kasper. Schlagzeuger Fenski nickt. „Auch wenn man sich nicht aktiv in dem Moment dazu entschließt, auf die Straße zu gehen, im Sinne eines Protests, ist man ja auf der Straße. Man lebt hier eben, will einkaufen gehen – und wird schon dabei behindert.“

Als er sich mit Pötsch nach der Räumung der Essohäuser das Gelände anschauen wollte, trafen die beiden auf eine „Wand aus Polizisten“. Fenski sagt: „Wir haben um Durchlass gebeten, weil Paul dort in der Ecke wohnt.“ Ein „Verpisst euch!“ sei die Reaktion darauf gewesen. Die beiden jungen Männer erklärten erneut, warum sie durchwollten. Darauf habe der Beamte mit „Noch ein Wort, und es passiert was!“ reagiert. „Das geht doch nicht“, sagt Fenski. Anscheinend geht es doch.

Und auch wenn Pötsch sagt, dass sie in den vergangenen Monaten auf jeden Fall ausgiebig von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch gemacht hätten, sind es vor allem die Stadtteilversammlungen, die die jungen Männer offensichtlich politisiert haben. Sie glauben daran, dass jene basispolitischen Zusammenkünfte mithelfen können, St. Pauli letztlich doch im Sinne seiner Bewohner zu gestalten. Die Stadtteilversammlungen seien „auf jeden Fall etwas, das mich persönlich sehr interessiert“, sagt Pötsch. „Das hat auch etwas mit emanzipativem Denken zu tun.“ In Zukunft will er sich dort noch mehr einbringen. Tatsächlich kommt der politische Protest auf St. Pauli nicht ohne die Ideen aus, die viele seiner Bewohner beisteuern. Kunst ist hier – im ganz praktischen Sinn – politisch, etwa wenn Bauzäune verziert und für Botschaften genutzt oder Kundgebungen mit Musik und Performances begleitet werden. Schon berühmt ist ein Chor aus Megafonen, der die Aussagen ehemaliger Mieter der Essohäuser zu einem Song gewandelt hat.

Auch wenn Pötsch kein gebürtiger Hamburger ist – er wuchs in der ost- und süddeutschen Provinz auf und kam über den Umweg München in den Norden –, spricht er längst wie ein angestammter St. Paulianer. „Ich glaube einfach, dass dieses Viertel schon mehrfach in der Geschichte bewiesen hat, dass Dinge möglich sind. Dass es hier die Energien gibt, sich zu versammeln, sich auszutauschen, etwas zu realisieren.“ Und er ergänzt: „Das sind eben nicht nur Leute aus der Vergangenheit, da kommen immer noch welche nach. Und das ist für mich immer noch St. Pauli.“

Nicht alle Veränderungen, die den Stadtteil betreffen, sind schlecht. Pötsch will auch die Chancen sehen, die sich aus der angespannten Lage ergeben können. Und diese Chancen haben mit einer wieder deutlich politisierten Variante des Do-it-yourself-Prinzips zu tun. So verteilt die Stadtteilversammlung, die sich den Namen „St. Pauli selber machen“ gegeben hat, derzeit rund 20.000 Fragebögen an Privathaushalte und an Passanten, in denen die Menschen Vorschläge für die Gestaltung ihres Viertels mitteilen können.

Wie es mit seinen persönlichen vier Wänden weitergehen soll, weiß Pötsch indes noch nicht. Einige Tage nach dem Interview ist die Auszugsfrist abgelaufen. Pötsch ist geblieben. Er warte jetzt auf die nächsten Schritte seines Vermieters, sagt er. „Ich werde hier drinbleiben. Ich habe Lust, ein Exempel zu statuieren. Notfalls besetzen wir.“

rummel und widerstand: der mythos st. pauli

Der Hamburger Stadtteil St. Pauli verdankt seinen Namen einem Kloster aus dem 13. Jahrhundert. Schon seit dem 17. Jahrhundert gilt die Gegend als Vergnügungsviertel. Aus dieser Zeit stammt der Name „Spielbudenplatz“: So heißt bis heute die zentrale Freifläche im Stadtteil. Einst waren dort Jahrmärkte aufgebaut, heute sind es Cocktailbars im billigen Strandbudenlook. Unmittelbar an den Spielbudenplatz grenzen mittlerweile ein Musicaltheater und zwei Hochhäuser mit Spiegelglasoptik, auch „Tanzende Türme“genannt. Der frühere Esso-Komplex aus Wohnungen, Clubs, Geschäften und einer Tankstelle wird derzeit abgeräumt.

Generell hat die Gentrifizierung seit den 2000er Jahren an Fahrt aufgenommen im Viertel. Ganze Häuserzüge mussten schon weichen, zugunsten neu hochgezogener Hotel- und Appartmentblöcke, deren Mieten für die früheren Anwohner nicht mehr zu bezahlen sind. Die saftigsten St.-Pauli-Legenden ranken sich um die Rotlichtmeile Reeperbahn – und um den Widerstandsgeist der St. Paulianer. Bis heute befinden sich die in den 80ern beset ten Hafenstraßenhäuser in Selbstverwaltung. Auch der Musikclub Golden Pudel Club trotzt der Kommerzialisierung. Und die St.-Pauli-Kirche bot Hunderten Lampedusa- Flüchtlingen in Hamburg ohne zu zögern Asyl.

Das Album Trümmer der Band Trümmer erscheint am 22. August bei Pias.KK

06:00 23.07.2014
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 3
Avatar

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare