Immer am Rand des Umsturzes

Interview Die Künstlerin Shirin Neshat ist eine von vielen Frauen, die sich nicht länger mit der Lage ihres Heimatlandes Iran abfinden wollen. Lohnt es sich mit Bildern zu kämpfen?

Shirin Neshat gähnt verhalten, entschuldigt sich aber sofort. Sie sei keineswegs gelangweilt, versichert sie vor unserem Gespräch in ihrem Hamburger Hotelzimmer, nur ein bisschen müde von der gestrigen Premiere ihres neuen Films in London. Verziehen – denn der kleine Gähner steht genauso im Widerspruch zu Neshats aufmerksamer Freundlichkeit wie ihre leise Stimme zu den entschlossen blickenden, dick mit Kajal verzierten Augen.

Der Freitag: Frau Neshat, Ihr Film heißt

Shirin Neshat

: Doch durchaus, das ist gerade der wichtige Aspekt, denn dieser Film ist kein großes feministisches Statement, in dem es um „Frauen gegen Männer“ geht, sondern darum, wie sich Männer und Frauen begegnen – positiv wie negativ. Der Gärtner, zu dem die Frauen fliehen, ist gleichzeitig Wächter des Gartens, also ein positives Beispiel. Er lebt nicht nur dort mit den Frauen, sondern ist auch derjenige, der zuvor die Prostituierte Zarin bewegt, aus dem Bordell zu fliehen. Er erweckt sie geradezu.

In

Unser Alltag ist einfach sehr von politischen Dingen beeinflusst. Als ich eben mit meinem Mann telefonierte, erzählte er mir, dass er heute in den Hungerstreik getreten ist. Er habe den Brief einer Mutter gelesen, deren Sohn im Gefängnis im Hungerstreik sei; einem trockenen Hungerstreik, das heißt, er trinkt auch nicht, weshalb er innerhalb weniger Tage sterben kann. Von dem Brief dieser Frau war mein Mann zu Tränen gerührt, und auch ich war durch seine Erzählung so mitgenommen, dass ich sagte ‚schick mir den Brief, ich will ihn unbedingt lesen’.

Das klingt alles sehr emotional.

Es herrscht so viel Not, da sind diese Emotionen wichtig. Denn auch wenn es schwierig ist für ein Land wie den Iran, in dem so viele Menschen leiden, gleichzeitig eint uns das und macht uns stark. Und dabei geht es nicht um mich oder meine Karriere, es geht um etwas viel Grundsätzlicheres, etwas Gemeinschaftliches. Ich bin zwar nicht politisch im Sinne einer Mission als Politiker oder Diplomat, aber ich kann durch meine Arbeit den jungen Menschen die Art von Unterstützung geben, die sie brauchen. Das ist alles, was ich tue.

Der Ausbruch der vier Frauen ohne ihre Männer aus ihrem Alltag gelingt auch deshalb, weil sie sich gegenseitig unterstützen. Zeigen die Gemeinschaft im Exil-Garten und der Kampf der Demonstranten auf der Straße für ein gemeinsames Ziel, wie wichtig Solidarität in einer Bewegung ist?

Ja, und genau dort versucht der Film diese Parallelen zwischen den Frauen als Gemeinschaft und iranischem Volk, in seinem Kampf gegen die Diktatur und für die Freiheit zusammen zu bringen. Für mich ist das die Poesie des Films, diese Parallele zu zeigen, und die Menschen daran zu erinnern. Es ist sonderbar, aber die persönliche Krise der Frauen und ihr Streben nach Freiheit, ähneln der Situation der iranischen Bevölkerung. Als Women Without Men im vergangenen Jahr auf den Filmfestspielen in Venedig gezeigt wurde, erhob sich in Teheran die Grüne Bewegung und interessanterweise war die Präsenz der Frauen dort genauso beeindruckend wie die Furchtlosigkeit der Menschen, der gesamten Nation. Die Frauen und die Nation, sie haben viel gemeinsam – und beide stehen unter Druck.

Sie haben bereits vor zehn Jahren mit Videoinstallationen begonnen, zu denen auch Episoden aus dem jetzigen Spielfilm gehören. Waren diese Kurzfilme die Grundlage für Women Without Men?

Oh nein, wir wollten von Anfang an diesen Film machen. Dass Arbeiten wie Mahdokht oder Zarin zuerst entstanden seien und erst danach die Idee, aus den Episoden einen Film zu machen, ist ein Missverständnis. Ich habe Mahdokht 2003 als eine Art Übung gedreht. Danach machten wir Zarin, hatten aber nicht mehr Geld, um weiter zu machen. Die Geschichte von Zarin änderte sich später mehrfach, es wurden neue Aufnahmen gemacht, alte verworfen.

Ein langer Prozess ...

Ja, aber ich habe die Videos nie als voneinander unabhängige Installationen gedreht, um sie dann ­später einfach miteinander zu verbinden. Es ging immer um den Film, aber mit der Herangehensweise, einen Schritt nach dem ­anderen zu machen. Wir wollten einen Film, der der Frage nachgeht, was passiert, wenn die Erzählung auf jeden einzelnen Charakter runter gebrochen wird. Wenn der Fokus fünfmal wechselt und den Zuschauer jeweils in einen neuen Raum führt, wo er eine der Frauen besucht, um dann selbstständig die Geschichte zum ­Gesamtbild zusammen zu fügen, dann können wir Kino mehr wie in einem Museum als in einem Theater erfassen.

Nicht nur die Geschichten der Frauen sind wie Räume, auch der poetische Garten als Exil und die aufbrausende Stadt als Krisenherd bilden eine räumliche Distanz.

Wir haben versucht, den Obstgarten heiter und gelassen, aber auch großzügig darzustellen, während die Szenen auf der Straße pulsierende Aktivität ausstrahlen. Der Garten ist ein völlig anderes Universum, wo Politik und Historie keine Rolle spielen. Wir haben diese beiden Räume explizit voneinander getrennt – nur dieser kleine Weg, den die Frauen entlang gehen, verbindet sie. Aber dann, zum Ende des Films, wenn die Geschichte im Garten dem Höhepunkt entgegen strebt und das Tor kurz davor ist, sich den äußeren Ereignissen zu öffnen, zu dem Zeitpunkt, als das Land vom Shah verraten und der Obstgarten geöffnet wurde, verschmelzen die beiden Orte. An diesem Punkt bringen wir die Gewalt der Stadt dazu, den Obstgarten beinahe zu vergewaltigen. Was wir vorher getrennt konstruiert haben, kommt am Ende zusammen und verschmilzt ineinander.

Aber dadurch verlieren auch die Frauen ihren Kampf.

Viele sagen, dieses fatalistische Ende mache

Gilt das auch für Sie?

Ja, ich bin zwar mit mir im Reinen und eine starke Person, aber auf der anderen Seite auch zerbrechlich genug, um am Boden zerstört sein zu können. Das ist Teil meiner Menschlichkeit, aber ich weiß auch, dass ich, wenn es drauf ankommt, den Mut habe, mich aus jeder noch so schweren Krise zu befreien. Und das kennzeichnet auch diese Frauen und die Menschen im Iran. Dass sie nicht bereit sind, in der Stagnation zu verharren, sondern den Mut besitzen, sich aufzulehnen, selbst wenn sie nicht wissen, wohin das am Ende führen wird. Sie haben Mut zum Risiko und die Bereitschaft, zu kämpfen. Viele Menschen sind zu bequem, um für das zu kämpfen, woran sie glauben. Meine Entscheidung, diesen Film zu drehen, den Weg weg von der Kunst hin zum Kino zu wagen, hieß, das Risiko einzugehen, zu scheitern, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Aber es gibt im Leben nur die eine Möglichkeit, nach vorne und weiter zu gehen. So wie die iranischen Frauen nicht stehen bleiben, sondern ständig in Bewegung sind. Sie tun etwas und das ist bemerkenswert angesichts ihrer Situation.

Aber das betrifft doch auch Frauen in anderen Teilen der Welt – unabhängig von der politischen und gesellschaftlichen Situation des Landes.

Aber der Iran könnte eine Inspiration für andere sein. Ich finde, im Westen haben wir nicht dieses Bedürfnis nach Entwicklung und Aktivismus, und ich meine nicht politischen Aktivismus. Hier gibt es meiner Meinung nach oft nur dann das Bedürfnis, sich zu bewegen, wenn man mit dem Rücken an der Wand steht. Nur wenn der Druck unerträglich wird, sind wir bereit zu handeln. Wenn man mir damit drohen würde, mein Kind zu vergewaltigen, während ich im Gefängnis festgehalten werde, würde ich in den Hungerstreik treten. Ich würde sagen: Ich bekämpfe dich, indem ich in diesem Gefängnis sterbe und dann musst du sehen, wie du damit umgehst!

Wobei das psychologische, gegen sich selbst gerichtete Gewalt ist. Würden Sie sich auf die Straße stellen und mit Steinen werfen?

Nun ja –

Sie zögern mit einer Antwort?

Das ist wiederum eine Frage der Gewalt, die aufkommt, wenn es um Politik und Aktivismus geht. Ich glaube, die Frauen halten die Steine zwar in den Händen, aber ob sie auch immer damit werfen? Frauen haben meiner Meinung nach, eine emotionalere Beziehung zu Politik. Wenn junge Männer in den Kämpfen zu Schaden kommen, eilen die Frauen zur Hilfe und versuchen, sie zu beschützen. Meine Theorie ist, Frauen im Iran können es nicht ertragen, einen jungen Soldaten sterben zu sehen. Egal, auf wessen Seite er steht.

Gleichzeitig zeigen die Bilder in den Nachrichten sowie Ihre Arbeiten, dass unter dem Schleier der islamischen Frau eine Kämpferin steckt.

Genau das macht meine Arbeit aus, und genau das versuche ich mit meinen Werken zu zeigen. Es gibt Unterdrückung, aber es gibt auch Widerstand. Die Frauen ­haben Stärke und geben ihrer Wut eine Stimme, ganz anders als das Bild, das man im Westen von ­ihnen hat.

Betrachten sie es deshalb als Ihre Aufgabe als Künstlerin, dieses Bild zu verändern?

Ich erfahre immer wieder aufs Neue, wie sich mithilfe der Kunst die Ansichten der Menschen positiv verändern lassen. Oft werde ich mit den unglaublichsten Klischees konfrontiert, aber meine Standardantwort darauf ist, dass es zu unserer Arbeit gehört, diesen Dialog zu ermöglichen. Denjenigen zu sagen, das sie falsch liegen, dass ihre Vorurteile nicht stimmen. Und statt arrogant abzuwinken, ‚ach nein, nicht schon wieder’, musst du es denjenigen so erklären, dass sie vielleicht nie wieder so denken. Es ist fast eine erzieherische Aufgabe, diesen Dialog anzustoßen.

Dann ist Ihre Kunst nicht in erster Linie ein Statement?

Kunst bedeutet keine Predigt. Sie ist nichts, was sich nur im Kopf erfahren lässt. Kunst ist da, um dich zu berühren, zu bewegen. Und natürlich lassen sich diese emotionalen Diskussionen nicht vermeiden, genausowenig wie ich es mit meiner Arbeit offensichtlich nicht verhindern kann, gesellschaftlichen Realitäten nahe zu kommen. Und deshalb muss ich vorbereitet sein, nicht nur die künstlerischen Fragen zu beantworten sondern eben auch die sozialpolitischen. Ich kann schlecht sagen, ‚nein, ich beantworte nur Teilaspekte’. Ich muss Verantwortung übernehmen für den Weg, den meine Bilder einschlagen.

Und wie beantworten sie die Frage nach der politischen Zukunft des Iran?

Das derzeitige Regime wird sich kaum so schnell ändern und schon gar nicht so leicht rückgängig gemacht werden können. Aber diese ungelöste Lebenssituation gehört zu unserer Nation. Wir sind immer am Rand eines neuen Umsturzes.


Shirin Neshat wurde 1957 als Tochter westlich orientierter Eltern in Iran geboren und studierte später in den USA Kunst. Sie lebt und arbeitet in New York.

Infolge der Iranischen Revolution und der Herrschaft Ayatollah Khomeinis konnte sie erst in den neunziger Jahren wieder in den Iran einreisen und war erschüttert von der Situation des Landes sowie der Lage iranischer Frauen. Zurück in den USA konzipierte Neshat daraufhin ihre Fotoserie Women of Allah. Die Bilder verschleierter Frauen, mit Gewehren und Kaligraphie geschmückt, machten Neshat zu einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen.

Nach diversen Videoinstallationen und Kurzfilmarbeiten begann Neshat 2003 mit ihrer Arbeit an Women Without Men. Der Film (Start 1. Juli) basiert auf dem Roman der iranischen Schriftstellerin Shahrnush Parsipur und erzählt die Geschichte vier iranischer Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, die im Sommer 1953 aus ihrem jeweiligen Umfeld fliehen und Zuflucht in einem geheimnisvollen Garten vor den Toren Teherans finden, während in der iranischen Hauptstadt revolutionäres Chaos die Straßen beherrscht. Für ihr Kinodebüt wurde Shirin Neshat beim Internationalen Filmfestival von Venedig 2009 mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet zu einem Zeitpunkt, an dem sich das iranische Volk in der Grünen Bewegung gegen Präsident Mahmud Ahmadinedschad und sein Regime erhob. Angesichts dieser Parallelen zwischen Film und Wirklichkeit erklärte Neshat, sie hoffe, ihr Film könne einen Beitrag
zu Irans gegenwärtiger Geschichtsschreibung leisten, indem er an die Stimme einer Nation erinnere, die 1953 von inneren wie internationalen Mächten zum Schweigen gebracht wurde und sich nun wieder Gehör verschafft. VR

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Ihre Freitag-Redaktion

14:54 24.06.2010
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 5
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Ausgabe 15/2021

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hibou | Community
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