Verena Reygers
Ausgabe 4214 | 29.10.2014 | 06:00 3

In den Hamburger Gängen

Häuserkampf III Der Protest gegen den Verkauf des Gängeviertels hat gezeigt, dass Widerstand sich lohnt. Droht nun aber doch das Aus?

Die Besetzung des Gängeviertels im August 2009 war keine Nacht- und Nebelaktion. Mit Luftballons, Kaffee und Kuchen feierten 200 Künstler ihren Einzug in das verlassene Arbeiterquartier als Hoffest. „Wir wollten von Anfang an Öffentlichkeit schaffen und die Leute einladen“, sagt Christine Ebeling von der Initiative Gängeviertel. „Zu einer Besetzung einzuladen wäre schwierig gewesen, die Polizei wäre auch direkt gekommen.“

Die verwinkelten Gassen und engen Fachwerkhäuser mitten in der Hamburger Innenstadt boten bis ins 19. Jahrhundert vor allem mittellosen Gesellschaftsschichten Obdach. Nach und nach aber mussten die Gebäude im 20. Jahrhundert den Veränderungen in der Innenstadt weichen, bis zuletzt nur noch zwölf der ursprünglichen Häuser standen – vom Abriss bedroht. Dann wollte die Stadt den Komplex an einen niederländischen Investor verkaufen.

Ein Möglichkeitsraum

Hier griff die Initiative „Komm in die Gänge“ ein. Ihre Forderung war der Rückkauf der Gebäude, ihre denkmalgerechte Sanierung und Bewahrung als selbstverwalteter Ort mit kultureller und sozialer Nutzung ohne wirtschaftliche Bedingungen. Dass die Stadt diesen Forderungen nachkommen würde, damit rechnete im August 2009 kaum jemand. Kein Grund, nicht trotzdem Druck zu machen. Durch die Unterstützung zahlreicher Bürger und dank eines Planungskonzepts gelang der Initiative ein bundesweites Medienecho. Die Stadt reagierte. Im Dezember 2009 kaufte sie die Gebäude zurück und signalisierte einen mit der Initiative einvernehmlich abzuwickelnden Prozess. Im September 2011 unterschrieben beide Seiten nach langen Verhandlungen einen Kooperationsvertrag.

Seitdem hat die Initiative Gängeviertel einiges dafür getan, ihre Vision zu realisieren. Es gibt Tanzabende für Rentner, einen Jugendkongress, Flohmärkte, Kinoabende und Yogakurse sowie ein reges Kultur- und Partykonzept. Einen „Möglichkeitsraum“ nennen die Macher diesen Ort. Bundesweit gilt der Häuserkampf um das Gängeviertel deshalb als Erfolg. Nun aber beginnt genau der bedrohlich zu wackeln.

Zwar finden mittlerweile die ersten Instandsetzungen der Gebäude statt, die Initiative sieht ihre Verhandlungen mit der Stadt aber vom Scheitern bedroht. „Nach wie vor haben wir keine Sicherheit, wie der Verein und die Genossenschaft das Viertel in Zukunft weiterbetreiben können“, sagt Ebeling. Davon aber hängt das Gelingen der Initiative ab. Nur wenn es neben dem geplanten Wohn- und Gewerberaum diesen freien „Möglichkeitsraum“ gibt, ist ihr Ziel erreicht. „Die Prämisse der gegenwärtigen Regierung ist der Wohnungsbau, aber so wichtig das ist, man darf die anderen Aspekte der Stadtentwicklung nicht außer Acht lassen“, sagt Ebeling. Die mangelnde Bereitschaft für Zugeständnisse in Fragen des Gängeviertels zeigt das Desinteresse der Stadt an dem Engagement ihrer Bürger jenseits von Privatisierung und Kommerz. Mehr noch, es beweist ein Unverständnis gegenüber der Notwendigkeit von öffentlich gestaltbarem Raum.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 42/14.

Kommentare (3)

Papenkamp 29.10.2014 | 16:48

Im Gängeviertel läuft nicht alles so, wie es nach außen hin scheint.

öffentlich gestaltbarem Raum ???

ist man kein Frend von einem Freund, kann man noch so ein guter Künstler sein, man bleibt also draußen.

jenseits von Privatisierung und Kommerz???

mit Veranstaltungen wird dort steuerfrei einiges an Geld eingenommen, welches dann noch zu großen Teilen veruntreut wird. Um Räume wird dort mit den fiesesten Methoden gekämpft. Mobbing ist an der Tagesordnung, Rassismus kein Tabu und übermäßiger Drogenkonsum gehört zum Alltag.

Ein Regelung seitens der Stadt wäre hier sinnvoll, um diesem Treiben ein Ende zu bereiten.

Lothar Mattejat 31.10.2014 | 05:10

Es wäre schade, wenn das Konzept, zum scheitern verurteilt wird. Sei es vom Senat oder den Initiatoren selbst. Natürlich sind solche Räume auf "mitmach und einbring" angelegt. Da für sind der artige Projekte einfach zu umfangreich und selbstverwaltet, um mal hinzugehen und es zu nutzen um hinterher wieder zu verschwinden. Oft wird vergessen, das es zu Anfang eines solchen Vorhabens, ein jeder Nagel, Farbe, Lampe oder Kabel von den Gründern selbst, auf eigene Kosten, beigesteuert wird. In der ersten Phase, die durchaus 1-2 Jahre dauert, ist Selbstausbeutung der Standard. Veranstaltungen bringen zwar Geld ein, was aber regelrecht verdampft in Anbetracht der Komplexität der Bauvorhaben und Instandhaltungen der Gebäude.
Kultur in dieser Form ist eine Notwendigkeit, egal welcher Qualität, es geht um die Freiräume und die Möglichkeit Mensch zu bleiben innerhalb der Norm - wo wären wir ohne Kreativität. Natürlich werden auch die äusseren Randgruppen motiviert da von zu profitieren, sei es der Obdachlose, der seine Pappe in einem Unterstand geschützt ausrollt oder der Fixer, der sich auf dem Klo einen Druck setzt. Auch das ist Gesellschaft. Die Stadt sind wir und gehört allen. Mein Respekt geht an alle Mitwirkenden die das Gänge4tel am leben erhalten und voran treiben. Für Freiheit gibt es keine App.
Die Gefahr solcher erkämpften Freiräume liegt aber auch auf der Hand - Investoren und korrumpierbarkeit, als auch der Druck einer Wirtschaftlichkeit. Am Ende der Begeisterung steht der erhalt und die Expansion, die von der Führungsebene umgesetzt wird. Es ist nur ein kleiner Teil der ersten Generation " Kulturbesetzer " im Gäng4tel, die übrig bleiben - die wenigen Künstler ziehen weiter und lassen sich für die nächste große Idee instrumentalisieren- der lauf der Dinge.

• Es ist ein großer Fehler zu denken, dass ein Mensch immer gleich ist. Ein Mensch ist nie lange derselbe. Er verändert sich ständig. Nicht einmal für eine halbe Stunde bleibt er derselbe.
G. I. Gurdjieff


Jau Willemsen 31.10.2014 | 16:33

Ich hab mal im Sommer einen längeren Blick in das Gängeviertel geworfen. Hab mich da tatsächlich einfach mal rumgetrieben. Was mir bewusst wurde ist, dass diese Leute da 24/7 in dem Projekt drin sind. Egal ob beim Biertrinken, in der Volksküche oder an der Tischtennisplatte wird über Arbeitsgruppen, Plenen und Vorhaben diskutiert. Von aussen scheint die ganze Nummer viel entspannter, als sie im inneren ist. Es gibt ständig was zutun. Gespräche werden ständig durch: „kannst du mal helfen“ unterbrochen. Ganz selbstverständlich wird geholfen. Und das wunderbare an dem Viertel, das übrigens nicht nur Künstler sondern andere wie z.B. Stadtplaner dazugehören, ist die Heterogenität. Um einen Punkt noch aufzugreifen: Es ist nicht einfach „anzukommen“ bei den ehemaligen Besetzern, aber ich habe mindestens zwei mal miterlebt, wie Leute mit Erwartungshaltungen ankommen, sich einbringen wollen aber sich nie wieder sich blicken lassen. Das das ständig so ist habe ich mir von einigen dort bestätigen lassen. Es ist halt Arbeit, unbezahlte Arbeit, die ganze Zeit. Klar muss dann auch mal gefeiert werden. @Papenkamp Da gibt es ganz andere Dinge denen wir unsere Abneigung wenden sollten. Wer im Netz mal nach alten Fotos des zubarrikadierten Gängeviertels sucht, wer ältere Herrschaften (Das Wort würde von manchen GVlern sicher gleich berichtigt werden;) beim fröhlichen Tanz erlebt, wer im Sommer Tischtennis spielt, sich was aus dem Umsonstladen nimmt, einen leckeren Tee in der Teebutze trinkt oder einfach mal da durchläuft kann nicht gegen eine Nutzung dieser Flächen sein. Das Gängeviertel mag nicht unseren Standards entsprechen aber es lebt und das ist gut so.