Irgendwie schon mal gehört

Frauen & Musik Das neue It-Girl Ke$ha hat Lady Gaga von der Spitze der Charts verdrängt. Aber hat Ke$ha mehr zu bieten als ein Dollarzeichen im Namen und Zwei-Silben-Songtitel?

Schlägt es nach Gaga jetzt TiK ToK?

Da wird Lady Gaga wohl eines ihrer Hut-Unikate hochgegangen sein. Kaum hatte sie mit „Bad Romance“ den Rekord des in einer Woche meist gespielten Songs aufgestellt, schubst sie die kleine Göre Ke$ha mit ihrem Bubblegum Dance-Pop von der Spitze.

Aber wer ist diese Ke$ha eigentlich, die Teeniezeitschriften und Hipster-Blogs zum neuen It-Girl ausrufen, bloß weil es die 22-Jährige versteht, lasziv in die Kamera zu blicken? Der Guardian spricht von der "verwahrlosten Hannah Montana", also dem Böse-Mädchen-Gegenentwurf zum jugendfreien Disney-Abziehbild.

Denn im Grunde bietet Ke$ha auch nichts anderes als den stereotypen Entwurf des wilden Partygirls, das in ihrem Video die biedere Elterngeneration schockt und sich zwischen Alkoholrausch und Cabriofahren inszeniert. Dazu die üblichen Bestandteile eines Mainstream-Popsternchens: Blondes Haar, explizite Lyrics in den Songs, ein paar Aufreger in der Biographie und das Statement, sich als absolut unabhängige Künstlerin zu verstehen. Neuerdings hilft auch ein eigenwilliges Fashion-Statement: Bei Ke$ha auf jüngeren Bildern ein Augen-Makeup, das mehr nach Taubenschiss als der Kunstfertigkeit eines Visagisten aussieht.

Und dann gibt es frühe Promobilder, die Ke$ha dreist glotzend mit Stinkefinger zeigen, wenn sie sich nicht gerade in Badeschaum oder der amerikanischen Flagge wälzt – wahnsinnig originell. Dass Ke$ha bereits im Background von Paris Hilton trällerte, an Songs für Miley Cyrus mitschrieb oder von Girl-Pop-Macher Max Martin, der schon Britney Spears erste Erfolge verantwortete, produziert wird, verstärken das Vorurteil der Anspruchslosigkeit um so mehr.

Aber egal ob Lady Gaga, Britney Spears oder gar Madonna – zu Beginn deren Karrieren wurde auch immer die Nase gerümpft. Erst beständiger Erfolg und eine zunehmend unabhängige Haltung gegenüber den Medien übertönt die Kritiker, die eine junge Künstlerin nur zu gerne als billigen Abklatsch dieses oder jenen Pop-Chicks sehen. Im Falle Ke$has beinahe noch als Anerkennung zu verstehen, wenn sie mit Uffie oder Princess Superstar verglichen wird.

Und unbestritten, ihre Single TiK ToK – zugegeben, extrem tanztauglicher Elektro HipHop - hat es unter anderem in den USA, Großbritannien und auch Deutschland auf Platz eins der Charts geschafft. Offensichtlich motiviert von einer Art gemeinschaftlicher, masochistischer Willenskraft, wie Rachael Maddux im Paste Magazine vermutet, denn diese Frau, mit dem plakativen Dollarzeichen im Namen und Songtiteln, die es nicht über zwei Silben hinaus schaffen, das tut Maddux einfach nur weh.

Klar wir leben im Twitter-Zeitalter, aber Redundanz sollte keinesfalls ein Rückfall in Babysprache bedeuten: Ke$has zweite Single heißt „Blah Blah Blah“. Und doch gibt es wohl auch Tiefsinnigeres auf dem Debütalbum Animal, das vergangene Woche in Deutschland erschienen ist. In „Boots and Boys“ singt Ke$ha über das anderer Geschlecht, wie es sonst Männer zu gerne über Frauen täten, bemerkt Elisabeth Day, die Ke$ha vor einigen Wochen für den Guardian interviewte.

Bei Bands wie Van Halen, Guns N’ Roses oder all den misogyn auftretenden Rappern sei das eine Selbstverständlichkeit, bei jungen Musikerinnen dagegen nicht, meint Ke$ha – naja, Mädchen, dann wirf mal einen Blick auf die Riot Grrrls oder einen Haufen anderer Künstlerinnen, deren Songs es an explizit sexuellen Ansagen nicht mangelt.

Aber nun ja, vielleicht streift das Produkt Ke$ha ihre Kommerzhülle doch noch ab, um Absurdität in Anspruch zu verwandeln. Denn wer hätte vergangenes Jahr gedacht, dass das Leben mit „Gaga“ in der Welt wunderbar sein könnte. So zumindest adelte Elton John Lady Gaga bei der Grammy Verleihung vergangene Woche. Mit überdimensionaler Glitzerbrille und Atommodell am Ohr saß der Sir des Pop am Flügel - ihm gegenüber: the Lady herself. How wonderful life is with Gaga in the world...

Verena Reygers, Jg. 1976, bloggt auf und schreibt als freie Journalistin über Bands, Konzerte und neue Platten. Sie findet, Mädchen sollten wild und gefährlich leben, solange sie stets ein buntes Pflaster in der Tasche haben. Auf freitag.de schreibt sie in einer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Zuletzt: Die Schwelle zwischen den Welten.

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13:00 08.02.2010
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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Ausgabe 43/2021

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