Verena Reygers
12.09.2011 | 12:50 1

Krrrawall-Mädchen

Riot-Grrls Sie schrien ihre Wut auf die Gesellschaft von der Bühne: Vor zwanzig Jahren mischten die Riot-Grrrls die Musikszene auf. Unsere Autorin ist erst jetzt eine von ihnen

Ich war nie ein Riot Grrrl. Leider!

Als das Riot Grrrl Movement Anfang der 90er aus dem Underground an die medientaugliche Öffentlichkeit gespült wurde, war ich ein backfischiger Teenager, dessen Herz für Michael Jackson schlug. Mehr als ein „I’m Bad“ war da an Wutgeheul nicht drin. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass der Riot bei uns nur als Girlie-Version ankam, da reichten dann schon ein paar süße Haarspangen und ein kindlich-rotziger Blick, um dem Trend zu genügen.

Warum das so war und wie es überhaupt los ging mit dem Riot Grrrl Movement, davon erzählen Katja Peglow und andere AutorInnen in dem Buch „Riot Grrrl Revisited“. In der „Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung“ werden die Anfänge in Olympia und Washington genauso beleuchtet wie die Wirkung über die musikalische Szene hinaus. Die Riot Grrrls verbanden Feminismus und Popkultur, boxten dem männlich dominierten Punk mit Frauenthemen wie Selbstermächtigung und Körperpolitik in die Rippen und zeigten jungen Mädchen, dass sie all das tun können worauf sie Lust haben und sich ihren Fingernageldreck darum scheren sollten, was man deshalb von ihnen dachte. „Weil wir wütend sind auf eine Gesellschaft, die uns sagt, mädchen = blöd, mädchen = böse, mädchen = schwach“, so stand es im Riots Grrrl-Manifest geschrieben, das Bikini Kill 1991 in der zweiten Ausgabe ihres Fanzines veröffentlichten.

Stimmte die zweite Frauenbewegung noch zu Helen Reddys „I Am Woman“ an,

tobte nun das „Rebel Girl“.

Bikini Kill lieferte die Hymne, über die Jonas Engelmann schreibt: „Dieses ‚neue Gesicht’ ist das ‚Rebel Girl’, das ganz selbstverständlich die vorher den Männern vorbehaltene Rolle einnimmt: ‚When she walks, the revolution’s coming / In her kiss I taste the revolution“. Und Marisa Meltzer ergänzt in einem anderen Beitrag: „Endlich ging es einmal nicht darum, die Aufmerksamkeit des Jungen zu gewinnen. Das Objekt der Begierde ist nämlich ein cooles anderes Mädchen. Die Lyrics –‚Rebel girl / You’re the queen of my world / I think I want to take you home / I want to try on your clothes’ – beschwören die Faszination von Mädchenfreundschaften. […] Und der Gedanke von weiblicher Solidarität verstärkt sich in Songs wie ‚Rebel Girls’ noch, denn Riot Grrrls wussten, dass der Song ihnen aus zahlreichen Kehlen auf Konzerten wieder entgegen schallen würde.“

Bikini Kill zündelten auch sonst fleißig am Entstehungsprozess mit. Von Olympia aus, der Hauptstadt des US-Staates Washington, initiierten sie zusammen mit anderen Bands die ersten Konzerte, anfangs noch unter dem Schlachtruf „Revolution Girl Style Now“. Den Begriff „Riot“ brachte eine andere Band ins Spiel.

Molly Neuman und Allison Wolfe hatten sich aus ihren spontanen A-Capella-Party-Auftritten bereits als Duo „Bratmobile“ zusammen getan, als sie im Sommer 1991 über einen griffigen Namen für eine neues Fanzine nachdachten. Begriffe wie „Girl Riot“ und „Grrrl“ kursierten zu der Zeit bereits, so dass es bis zum „Riot Grrrl“ nicht weit war. Die drei prägnanten „r“s kamen von Tobi Vail, der Schlagzeugerin von Bikini Kill, die ihr Fanzine „Jigsaw“ kurz zuvor als „angry grrrl zine“ bezeichnet hatte. Bratmobile lösten sich erstmals 1994 auf und waren dann noch mal von 1999 bis 2003 aktiv. Molly Neuman arbeitete später unter anderem als Managerin von The Donnas, eine der langlebigsten weiblichen Rockbands jüngerer Zeit. Ein großer Fan von Bratmobile ist übrigens auch Kate Nash, die als legitimes Neuzeit-Riot-Grrrl gelten darf.

In England schwappte die Krawallmädchen-Welle mit Band mit Huggy Bear über, die auch beim Bikini Kill Label „Kill Rockstars“ unter Vertrag waren.

Auch Huggy Bear bedienten sich der Selbstermächtigungsoffensive, wenn sie in „Her Jazz“ sangen „This is happening without your permission / The arrival of a new renegade“. Für ihre UK- Tour mit Bikini Kill entwarf die Band, die sich konsequent Interviews verweigerte, ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Totally Girl Powered“. Wie viel toller sind solche Sprüche aber auch Prostest-Slogans wie „Keep your fist outta my cunt“ im Gegensatz zu lächerlichen T-Shirt-Aufdrucken wie „Zicke“ oder Diva?! Was das britische Movement betrifft, ist es eigentlich ganz interessant, dass Großbritannien, die den Punk doch zu gerne als britische Erfindung gelten lassen wollten, hier so offensichtliche Nachzügler waren. Und schlimmer noch, mit den Spice Girls gar mitverantwortlich daran sind, dass der weiblichen Riot Power der wütende Wind aus den Segeln genommen wurde.

Der politisch-feministische-Aktivismus verkam zum „netten anzusehenden, aber harmlosen Girlielook“. Besonders beliebt war der in Deutschland mit Lucilectric


und Heike Makatsch, die den Girlie-Look fernsehtauglich via Viva verbreitete. Courtney Love hatte die Sache bereits früh auf den Punkt gebracht: „Aus Riot Grrrls hat die Presse ganz schnell Girlies gemacht, also eine widerliche Koseform, die alle Inhalte unter den Tisch kehrte.“

Aber es gab auch Hoffnung. Mit Bands wie „Die Braut haut ins Auge“, „Parole Trixie“ oder den Lassie Singers. Bands, aus denen bis heute erfolgreiche und unabhängige Musikerinnen hervorgegangen sind: Bernadette La Hengst, Christiane Rösinger und die Grether Schwestern, die sich nicht nur als popfeministische AutorInnnen für die Spex und eigene Bücher einen Namen machten sondern auch bei den jüngsten Slutwalks mit ihrem aktuellen Bandprojekt Doctorella ihren Beitrag leisteten.

Ähnlich wie bei der Mainstream-Debatte um die „Riot Grrrls“, sind auch die Slut Walks in den Medien entweder voyeuristisch oder verharmlosend behandelt worden, ohne einen Blick hinter Plakate und Motive zu werfen.

Auch deshalb sind die Riot Grrrls heute noch genauso wichtig wie vor 20 Jahren. Egal, in welchem Alter wir sind. Denn heute, da bin ich mehr Riot Grrrl than ever.

Verena Reygers schreibt in ihrer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Diese erscheint immer montags im Wechsel mit der Gender- und Bildungskolumne von Kathrin Rönicke.

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