Nicht ohne meine Gummistiefel

Dockville Beim Dockville-Festival in Hamburg stand eine klassische Festival-Disziplin auf dem Plan: Schlammwaten. Unsere Musikkolumnistin Verena Reygers ist drei Tage mitgewatet

Mitleid flutet meine Gedanken, als ich am Freitagmorgen dicke Tropfen ans Fenster prasseln höre. Es regnet seit gefühlten 24 Stunden. Die Dockville-Besucher, die schon am Donnerstag fürs Festival angereist sind, werden keine schöne Nacht in ihren durchweichten Zelten verbracht haben, denke ich. Und Wolkenbruch-Entwarnung scheint nicht in Sicht. Munter regnet es weiter. In Netz kursieren die ersten Fotos der heißesten Accessoires fürs Wochenende.

Mittags hört der Regen endlich auf. Ich schnappe mir meine Melt!-erprobten Gummistiefel und wage den Ritt auf meinem Fahrrad ins 45 Minuten entfernte Wilhelmsburg. Die Stadt Hamburg mag sich ja noch so bemühen, dem Vorort zentralen Charme zu geben, sauweit weg ist es trotzdem.

Die Organisation ist so lala. Endlos lange Schlangen an der Kasse, um die Tickets gegen das 3-Tage-Bändchen zu tauschen. Auch Tagesbesucher müssen sich dort anstellen. Dann führt der Weg durch Matsch so tief wie frisch gepflügte Ackerfurchen. Das halten nur noch Overknee-Gummistiefel aus.

Aber ich bin absolut rechtzeitig. Vom Grossshot, der Hauptbühne, erklingen Those Dancing Days. Schnell hin dort. Ist aber bloß der Soundcheck. Kurz darauf verschwinden die Girls, um zwei Minuten später wieder aufzutauchen. Hallo! Ich mag die herbe Stimme von Sängerin Linnea Jönsson und auch Keyboarderin Lisa geht mächtig ab, wedelt mit den Armen oder headbangt über ihren Tasten. Und zwischendurch bricht sogar die Sonne durch. Ein super Auftakt meines ersten Dockville-Tages.

Ich sehe mich ein bisschen um und erkenne das Gelände kaum wieder. Alles wirkt kleiner als noch im letzten Jahr. Die Veränderungen sind auch der immer stärker um sich greifenden Industrie, die sich die letzten grünen Wiesen der Elbinsel erobert, geschuldet. Die leeren Hallen, in denen letztes Jahr noch Bühnen wie Butterland und Maschinenraum waren, gibt es nicht mehr. Stattdessen ein Zelt als Ersatz. Das aber bleibt an diesem Freitag aus Sicherheitsgründen geschlossen: Zu matschig dort drin.

Bands wie Isbells und Hundreds müssen umziehen. Überhaupt, durch den Dauerregen ist der gesamte Zeitplan umgeworfen. Zwar gibt es irgendwann eine Durchsage, aber wer hört die schon? Unterwegs fragen sich Besucher gegenseitig, wo jetzt was spielt. Warum das Dockville-Festival nicht wenigstens seinen Twitter-Account mit entsprechenden News füttert, bleibt ein Rätsel.

Später ist auf der Webseite zu lesen, dass einige Bands und DJ-Sets ausfallen, andere um Uhrzeit und Ort verlegt werden. Gerne hätte ich noch bei Hedda vorbeigeschaut, kann die entsprechende Bühne aber nicht finden. Und der Auftritt von Hundreds, den ich wirklich gerne gesehen hätte, ist auf 2 Uhr nachts verlegt. Ich mach ’ne Biege. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag und die Matschwiesen unter den Füßen machen, wenn überhaupt nur im Hellen Spaß. (Hier noch ein Hundreds-Auftritt in Stuttgart.)

Samstagmorgen: Ratet mal. Es regnet wieder. Gestern noch habe ich mir sagen lassen, dass die Gummistiefel in Hauptbahnhofnähe ausverkauft seien. Einige abgerissene Indie-Kids tragen blitzneue an den Füßen. Städter erkennt man an der verhältnismäßig sauberen Kleidung gegenüber den Campern. Es ist der große Vorteil dieses Festivals, dass es in Stadtnähe ist und selbst auf den letzten Drücker noch Hotelzimmer organisiert werden könnten.

Aber wir haben Glück. Die Sonne kommt und sie bleibt – den ganzen Tag! Auch können nun alle Bühnen bespielt werden. Eine Herausforderung bleibt das Dockville in diesem Jahr trotzdem. Zu schlammig sind die Wege, als dass man mal schnell von einer Bühne zur anderen huschen könnte. Nach wie vor erscheint mir das Gelände unübersichtlich. Und einer meiner Favourite-Acts, nämlich Glasser, musste ihren Slot kurzfristig wegen Krankheit absagen. Den übernehmen – welch Glück! – nun Peggy Sue, die wiederum ihren eigenen Gig am Nachmittag verpasst hatten. Sehr schön! Peggy Sue sind übrigens auch eine der Lieblingsbands von Kate Nash.

Ansonsten vernachlässige ich meinen Musik-Fanatismus und statt von Set zu Set zu jagen, um möglichst viel mitzukriegen, hänge ich mit Freunden rum. Ist ja auch der Sinn von Festivals: fern der Zivilisation den Tag zu beobachten. Das Schöne am Dockville ist, man trifft einfach immer jemanden, den man kennt. So sitze ich erst eine Weile am "Horn" rum und lausche den DJ-Sets, später gibt es noch mehr Auflegen+Tanzen am "Butterland", wo SDFKT, auflegt, der sonst die Sonntagabende im Hamburger Pudel bestreitet. Wer keine Bands on Stage sehen mag, kann sich das ganze Dockville hindurch von DJs beschallen lassen, die immerhin bis zu vier Plätze bespielen. Ich bin dann aber eigentlich doch hier, um Bands zu sehen. Auf der Mainstage wird es später noch heiß. Nach Casper spielen erst die Crystal Castles, dann Santigold.

Bei den ersten Songs von Crystal Castles blitzt das Schwarzlicht so stark, dass man Sängerin Alice Glass nur erahnen kann. Neben ihr schraubt Ethan Kath an den Reglern. Ein Schlagzeug taucht schemenhaft aus dem Nebelmaschinendunst auf. Die ersten Songs geht das alles aber völlig unter. Ich kann überhaupt nichts erkennen. Schade, wo Glass doch als international anerkannte Rampensau gilt.

Trotzdem, Crystal Castles schaffen es, ihren Elektro-Radau in melodiöse Angelegenheiten zu verwandeln und dürften auch diejenigen begeistert haben, die von so einem künstlich erzeugten Gewittersturm sonst nicht so viel halten.

Am nächsten Morgen ist – natürlich – wieder grauer Himmel angesagt. Der Regen beginnt um 12 Uhr und hört bis auf eine Verschnaufpause am Nachmittag nicht mehr auf. Jetzt helfen nicht mal mehr Gummistiefel.

Der Blick auf den Spielplan überzeugt mich auch nicht. The Pains Of Being Pure At Heart sieht man sicherlich noch mal zu einer anderen Gelegenheit, ein paar der unbekannteren Bands wie A Forest oder May 68 hätte ich gern gesehen. Und natürlich Zola Jesus, deren neues Album Ende September erscheint. Ich gebe mir noch zwei Stunden, in denen ich den Regen drinnen durchs Fenster beobachte und entscheide dann. Derweil stöbere ich noch ein bisschen durch die diesjährigen Festival-Acts und bleibe an den Dänen von Vinnie Who hängen. In ihrer Heimat schon Chart-Stars besingen sie ihren Pop ein bisschen weird, ein bisschen melancholisch. Und das Eichhörnchen ist auch immer mit dabei.

Trotz zeitweiliger Regenpause, verzichte ich auf den dritten Schlammkampf dieses Wochenendes. Via Twitter bleibe ich noch ein bisschen dran, lese die Eindrücke der Lübecker Kollegin und erfahre, dass sich der Nachmittag wegen Bands wie Timber Timbre und Edward Sharpe The Magnetic Zeros doch gelohnt hat. Aber bei Dauerregen macht kein Festival Spaß. Egal, ob man schlammiger Camper ist, oder durchnässt den Weg nach Hause findet. Schadeschadeschade. Nächstes Jahr wird es dann vielleicht auch mal wieder richtig Sommer und die Gummistiefel haben Pause.

Verena Reygers schreibt in ihrer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Diese erscheint immer montags im Wechsel mit der Gender- und Bildungskolumne von Kathrin Rönicke.

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12:00 15.08.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 4
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Ausgabe 41/2021

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