Pop und Porno

Musik-Kolumne Soundtrack zum Sex: Die Songs werden immer besser in den Filmen und Bands wie Massive Attack lassen im Video Pornodarstellerinnen vom Geschäft erzählen

In dieser Woche wird vor allem ein Geräusch unablässig in meine Ohren dringen: Stöhnen. Ich bin am Set der neuesten Pornoproduktion von Erika Lust, einer schwedischen Regisseurin mit Wohnsitz in Barcelona, die ausschließlich das feministische heartcore-Segment bedient.

Während also draußen die Leute unter der spanischen Frühsommersonne ächzen, rinnt drinnen der Schweiß zu gut ausgeleuchteter Penetration und Stöhnakkorden. Trotz dieser obligatorischen Geräuschkulisse kommt kaum ein Porno ohne Musik aus. Manche überblenden die Sex-Szenen einfallslos mit Geigen oder Synthieklängen, andere engagieren für ihren Soundtrack bekannte MusikerInnen oder deren Songs.

Die Kombination Musik und Porno funktioniert nicht erst, seitdem in HipHop Videos unerträglich Tits geschwungen werden oder Rapper wie Snoop Dog eigene Pornoimperien aufbauen. Oder wussten Sie dass, die Anfangssequenz von „Deep Throat“ einen Teil von Beethovens 9. Sinfonie auf der Hammondorgel interpretiert – genauer gesagt die „Ode an die Freude“?

Andere Pornofilme wählen ihre Titel nach berühmten Songs aus.

Nein, nicht „Schüttel mir die Palme” oder „Euterei auf der Bounty“. Aber „Behind The Green Door“, zusammen mit „Deep Throat“ einer der Kultpornos der 70er Jahre, bezieht seinen Titel auf einen süßlichen Schlager aus den 50ern, in dem Jim Lowe über die ‚grüne Tür’ singt, hinter der so viel gelacht würde. Im Porno wird dann aus „Lachen“ eben „Vögeln“.
Auch Shine Louise Houston, die eine eigene Pornoproduktionsfirma hat und außerdem einen Doktor in Filmkunst, lieh den Titel ihres 2006 entstandenen „Superfreak“ von einem musikalischen Superstar:

Die Protagonistin des Films ist von Rick James nahezu besessen, und Regisseurin Houston lässt den Funk- und Soulmusiker sogar in einem von ihr dargestellten Cameo-Auftritt lebendig werden. Barbara Schulz besprach „Superfreak“ für die Zeitschrift Hugs and Kisses und lobte die realistisch wirkenden Darstellerinnen und die entspannten Kameraeinstellungen, sowie Houstons Sinn für Humor: „Und komisch ist das Ganze auch noch. Und zwar, weil über allem der Geist von Funk Hipster Rick James schwebt […] Er flüstert den Partygästen für uns leider unverständliche Dinge ins Ohr und dann geht’s ab wie Schmidts Katze."

Auf eine erfundene Band griff in den 60ern ein anderer Pornoregisseur zurück. Im Zeichen des Beat spielten „The Bostweeds“ den Titelsong für Russ Meyers Sexploitation-Meilenstein „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“. Für die imaginären „Bostweeds“ stand Rick Jarrard als Sänger am Mikro, der später unter anderem Jefferson Airplane produzierte.

Auch wenn der Porn-Chic einen großen Teil unserer aktuellen Popkultur prägt, viele Musiker – jenseits des HipHop-Segments – würden vermutlich nicht im Sexfilm mitspielen wollen, selbst dann nicht, wenn sie angezogen bleiben dürften.

Nicht so Scott Matthew. Der australische Singer/Songwriter lieferte nicht nur einen Großteil des Soundtracks für den Film Shortbus, auch stand er für die finale Szene mit vor der Kamera. Shortbus ist, ähnlich wie Michael Winterbottoms 9 Songs kein klassischer Hardcore-Porno, den man vor zwanzig Jahren noch unter der Ladentheke gehandelt hätte. Shortbus spielt eher in der Liga wie Intimacy, der, wenn auch skandalumwittert, ganz normal im Kino und später auch im Fernsehen lief. Sexfilme, in denen Nacktheit und Sex einen wichtigen Aspekt des Drehbuchs liefern, es aber auch um die Geschichten der Menschen hinter den Genitalien geht. In Shortbus sind das zum Beispiel eine Sexualtherapeutin, die noch nie einen Orgasmus hatte oder ein schwules Pärchen in einer schweren Beziehungskrise. Gemeinsamer Treffpunkt ist ein queer-freundlicher Sexclub in New York, in dem nicht nur wundervolle Szenen während des Films spielen, sondern auch diese letzte, in der nun Scott Matthew mit auf der Bildfläche erscheint.

„In the End“ ist ein fast ungewöhnlicher Song für einen Porno, weil er so warmherzig und sentimental klingt.

Ähnlich wie „Lover’s Spit“ von Broken Social Scene, der auf dem Soundtrack von „Lie With Me“ zu sehen ist, einer kanadischen Independent-Produktion von 2005, in der ein Paar zwischen exzessiver Anziehung und Beziehungsstress mit ihrem Sexleben jonglieren. Der Film bekam nicht sonderlich gute Kritiken, aber er hat seine berechtigten Szenen, und Schauspieler Eric „Lechz!“-Balfour zeigt vollen Körpereinsatz, der selbst in Sexfilmen oft noch den Frauen vorbehalten ist. Im Soundtrack zu „Lie With Me“ sind diverse Namen vertreten, von denen ich noch nie gehört habe. Tinkertoy, Pong Console oder The Compact Sound System. Letztere geben mit „Thro Yer Legzzup" zumindest schon mal einen Anreiz zur Horizontalen.

Den Stellungswechsel vollzogen haben schließlich Massive Attack mit ihrem Video zu „Paradise Circus“. Statt mit Musik Pornos zu bespielen, haben die britischen TripHop-Pioniere Filmsequenzen aus The Devil In Miss Jones für ihren Videoclip verwendet. Aufgepeppt mit aktuellen Live-Zitaten der Darstellerin Georgina Spelvin, die zu dem Zeitpunkt schon 73 Jahre alt ist, aber sehr spannende Einsichten in ihre damalige Rolle gibt.



14:20 30.05.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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