Queen of Schrott

Frauen & Musik Unsere Kolumnistin hat ernsthafte Anstrengungen unternommen, sich in das neue Madonna-Album zu verlieben. Vergeblich. Schluss machen will sie mit Madonna trotzdem nicht

Zugegeben, unsere Beziehung war etwas eingeschlafen in den vergangenen Jahren. Madonnas musikalische Lebenszeichen bekam ich nur noch am Rande mit, und mehr als für ihre Confessions on the Dancefloor interessierte ich mich für die scharfe Lederjacke, die sie im Video von "Hung Up" trug. Hard Candy, ihr letztes Album, habe ich mir schließlich nicht mal mehr als Nascherei für schlechte Zeiten besorgt.

Einen neuen Frühling erlebten wir dann im Februar, als Madonna beim Superbowl einen derart gigantisch-triumphalen Auftritt hinlegte, dass ich glatt versucht war, drei Ave Marias zu beten. Dass die Welt sich im Anschluss mehr von M.I.A.s Fuck-You-Finger angesprochen fühlte, war mir egal, ich war back into the groove.

Meine erste Madonna-CD kaufte ich mit 13 zusammen mit meiner Oma, die mich in dem Jahr auch ins Kino in Dirty Dancing schleppte. Meine Oma war damals definitiv mehr Pop als ich. Für Madonnas Like A Prayer entschied ich mich wohl auch eher, weil mir der Gürtelschmuck gefiel, den sie auf der Rückseite des Covers trug. Von "Express Yourself" und der Message für alle Frauen da draußen, sich nie mit dem Zweitbesten zufrieden zu geben, war ich nicht so infiziert wie von Madonnas Jesus-Verführungsaktion im Video zu "Like a Prayer". Ich hatte es damals wahrscheinlich schon mehr mit der Erotik als mit der Karriere.

Vordergründig mag es in "Express Yourself" darum gehen, in Liebesbeziehungen zu kommunizieren, was man will und wie man es will, statt Kompromisse einzugehen, aus Angst den anderen zu verlieren. Aber wie in vielen von Madonnas Songs, steckt auch immer eine gesellschaftliche Botschaft für die Girls dahinter: Erkämpft euch den Respekt, den ihr verdient, denn irgendwo lauert immer jemand darauf, euch an die Kette zu legen. Jedes Mal, wenn mir das Leben vorgaukeln wollte, ich solle zufrieden sein mit dem was ich habe und bloß nicht lautstark nach mehr verlangen, um meine Umwelt nicht zu irritieren, kam Madonna und griff sich herzhaft in den östrogengesteuerten Schritt: Don’t go for second best, baby!


Madonna - Express Yourselfvon Madonna-Official

Und jetzt biegt meine Heldin mit MDNA um die Ecke, einer Platte, die ich nur mit halbem Ohr ertragen kann. Weil sie Produzenten wie Martin Solveig und Benny Benassi verpflicht hat, die mit dem Prollhouse-Sound von DJs wie David Guetta und Bob Sinclair ihre Muskeln spielen lassen. Touri-Dissen von Ballermann bis Ibiza lassen grüßen. "Ramsch frei", möchte ich lautstark rufen und mich bei manchen Songs auf dieser Platte hinter der nächsten Discount-Diskokugel erbrechen. Mit Menschen, die das "'ne geile Partymucke" nennen, würde ich nicht mal in der versoffensten Tanznacht einen Wodka-Shot lang Freundschaft schließen. Die umgekehrt wahrscheinlich auch nicht mit mir.

Ich bin natürlich nicht allein mit meinem überheblichen Kritikerinnentadel. Die Feuilletons durchweg hagelte es miese Statements zu MDNA. "Tanzbare Clubtunes im Deppentechnoformat" schrieb Jenni Zylka auf Spiegel Onlineund dass Madonna sich schon seit Jahren nichts mehr traue – aus Angst, lasse sie die Poledance-Stange erst mal los, lasse sie keiner mehr ran.

"Oft uninspiriert und viele Sounds klingen abgedroschen" hieß es bei NZZ Online, und in der taz fand Eva Behrendt die Platte "angestrengt, die musikalischen Verspieltheiten angeschraubt, die Provokationen abgedroschen".

Nur Moritz von Uslar zeigte sich in der Zeit gnädig und gab der Platte beim ersten Hördurchgang mit jedem nervtötenden Beat per Minute noch eine Chance.

Außerdem spielte er immer wieder auf den Madonna-Frevel an, einfach nicht altern zu können. Herrgott, 53 ist die Frau. Kann sie nicht mal in Würde (!) altern, Falten zeigen, Speckrollen zulegen und die Finger von der Fotoretusche lassen? Ich verstehe das Problem, halte die Reaktion aber für übertrieben. Wenn Knitterfresse Mick Jagger im Seniorenalter über die Bühne hechelt, sich mit grünem Tee und Jogging fit hält und die lieben Bandkollegen zu ihren jugendlichen Freundinnen beglückwünscht, ist er ein Mann im besten Alter, der was für seine Fitness tut. Madonna dagegen ist der kranke Anti-Aging-Junkie. Hallo? Ist schon mal jemandem hier aufgefallen, dass Madonna noch nie die Erwartungen zu erfüllen gedachte, die die Gesellschaft an Frauen stellt?

Als Madonna 50 wurde, gaben die Journalistinnen Kerstin und Sandra Grether einen Sammelband mit Bekenntnissen von AutorInnen wie Katja Peglow, Dietmar Dath oder Jens Friebe heraus: Madonna und Wir. Darin schreibt Sarah Khan, dass Madonna unsere Liebe nicht verdiene, weil sie sich dem Verfall verweigere, der uns menschlich mache und Legenden wie Elvis in ihrem finalen Scheitern aus Suff und Aufgedunsenheit doch erst unsterblich wurden. Ich finde, sie hat Recht, aber ist dieser Perfektions- und Kontrollzwang Madonnas nicht auch eine Schwäche, die wir in unserer Fan-Star-Beziehung akzeptieren sollten wie nicht zugeschraubte Zahnpastatuben?

Ich werde mit Frau Ciccone trotz Botox und Beat-Schrott nicht Schluss machen. Ein Freund von mir war mal auf einer Musikindustrieparty, auf der auch Madonna auftauchte. "Und", fragte ich ihn, "wie war sie so?". Er antwortete mit einer Geste der Hand, die ihm bis zur Brust und mir bis zum Haaransatz ging. Auch wenn wir beim Geschmack derzeit unterschiedliche Wege gehen, eines haben Madonna und ich doch immer noch gemeinsam: die Körpergröße.

Verena Reygers schreibt in dieser Kolumne über Genderthemen in der Musikbranche. Sie kolumniert immer mittwochs im Wechsel mit Katrin Rönicke, die sich mit Gender- und Bildungsthemen befasst.

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14:40 28.03.2012
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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