Singing Penis

Musik-Kolumne Vor den Frühlingsgefühlen beschäftigt sich unsere Kolumnistin mit Geschlechtsteilen in Popsongs. Und will mit einem Klischee aufräumen: Frauen ist "er" nie zu klein

Hurra! Sie sind nicht mehr fern die warmen Tage. Bald bleiben die Winterjacken zuhause und unsere Bekleidung gibt den Blick frei auf Geschlechtliches. Was uns Normalos in aller Öffentlichkeit fast nur im Sommer offeriert wird, ist im Popsong ganzjahresfähig. Da werden Brüste und Vulven, Penisse und Ärsche lyrisch entkleidet und bei Bedarf shaky in Szene gesetzt.

Die beiden Künstler Fernanda Viégas und Martin Wattenberg haben vor einigen Jahren das Projekt „Fleshmap“ gestartet, in dem sie Songs auf die Nennung von Körperteilen hin untersuchen. Am meisten werden die Augen besungen, da tun sich Elektro und Country, Metal und R nicht viel. Dass im Gospel dagegen mehr die Hände eine Rolle spielen und im HipHop der Arsch ganz vorne liegt, verwundert ebenso wenig. Im HipHop wird überhaupt gerne unter der Gürtellinie gebounct. Allerdings mehr mit dick, cock, nuts und balls als mit pussy und vagina. Die Klitoris hat sogar nur in 0,18 Prozent der untersuchten Songs ihren Spaß. Wer bei fleshmap sein eigenes Rebus starten möchte, nur zu. Songs von Peaches, Liz Phair oder auch Missy Elliott eignen sich ganz hervorragend, um ein buntes Genital-Mosaik zu entwerfen.


Der Penis im Pop, das Thema ist natürlich nicht neu. Schon im Jahresrückblick 2009 sprach die Spex von der Penisoffensive im Pop und wartete mir so gelungenen Beispielen wie den Flaming Lips und Ja Panik! auf. Bei aller Phalluszentriertheit dort gänzlich auf Musikerinnen – von Lady Gagas vermeintlichem Hermaphroditismus mal abgesehen – zu verzichten ist natürlich ein Versäumnis, dass wir hier dringend aufzuholen haben. Zum Beispiel mit Zorro Zensur, die an dieser Stelle bereits den ungehemmten Blick auf nackte Männer forderte. Leider hat sie ihr Youtube-Video mittlerweile entfernt, aber bei Songtiteln wie „Männerporno“ oder „Dünne Nackte Männer!“ wird das Kopfkino ausreichend angekurbelt. Die Berlinerin geht offensiv gegen die allgemeine Penis-Zensur an und will gleichzeitig dafür sorgen, dass das Bild des Mannes in Werbung und Medien nicht auf das des harten, arroganten Mackers beschränkt bleibt sondern auch dem lächelnden Softie ohne Muskeln und markante Gesichtszüge einen Platz bietet.

Der Softie im Popsong mit Glied hat dagegen schlechte Karten. Nicht nur sang Lilly Allen in „Not Big“ ein paar Worte zu dem Thema, auch nervte 20 Fingers Mitte der 90er Jahre die Radiostationen rauf und runter.

In „Short Dick Man“ (in der zensierten Version „Short Short Man“) besingt Gillette die Nachteile eines körperlich zu kurz gekommenen Mannes. Mit Lupe und Peitsche ausgestattet werden all diejenigen gnadenlos aussortiert, die unter die Kategorie „Short Dick“ fallen. Ein Albtraum für die Hälfte der Menschheit. Ein grottiger Song, nur übertroffen von der Einfallslosigkeit im Text:„Eeny weenie teeny weenie shrivelled little short short man“. Bitte, welcher Mann, egal, wie gut ausgestattet will seinen Penis denn mit einer Frau teilen, deren Eloquenz im Nullbereich holpert? Die Songschreiber Charlie Babie and Manfred Mohr versuchten es ein Jahr später noch mit einem weiteren Song. „Lick It“ war nicht ganz so erfolgreich wie der Vorgänger und geriet dann ebenso schnell in die verdiente Vergessenheit wie das ganze Eurotrash-Gedöns.

Während dieses musikalische Genre erschlaffte, hat der deutsche Schlager nichts von seinem Reiz für manche Zielgruppen verloren. Man glaubt ja gerne, dass im Musikantenstadl das Heu so romantisch knistert. Was dort an platten Wortspielen missbraucht wird, lässt jedem Rotlichtviertel den Strom abdrehen. Noch schlimmer, die Ballermannfraktion. Dort kann wenigstens Humor Abhilfe leisten:


Hinter Möhre steckt übrigens die Komikerin Mirja Boes, die Songs wie diese hoffentlich damals schon als Satire betrieb. Dass Frauen sich über unzureichende Penisgrößen monieren ist ein Klischee, das frau längst nicht mehr bedienen sollte. Egal ob mit Hoho oder als gezielte Provokation wie Lady Bitch Ray es gerne tut. In ihrem Song „Deutsche Schwänze“ macht sie vom DJ bis zum Manager, vom HipHopper bis zum Polizisten all die Typen fertig, deren Männlichkeitsprahlereien zum Job gehört. Deutsche DJ’S – hässliche Versager / Bändchen am Händchen und VIP-Gelaber. Ihr kommt doch schon wenn ihr nur ne Nackte seht /deshalb schmiert ihr euch Koks aufs Gerät! Deutsche Manager sind keine Hengste / ich dachte auch sie ficken geil, aber denkste… Ihr hängt am Handy und am Organizer / doch im Bett kriegt ihr nix gemanaget – Hosenscheißer!

Es geht aber auch raffinierter. Man muss nur PJ Harvey ans Mikro lassen.

Dort kracht es ordentlich, aber die Texte behalten sich Interpretationsmöglichkeiten vor. Ist „snake“ ein Penis oder eine Zunge, die PJ Harvey zwischen ihre Beine gleiten lässt? Wer weiter hinhört, erkennt am Ende der Strophe den Satz „Just take that fruit, put it inside“. Hm, wohl doch ein Penis auf dem Weg zur Befruchtung.

Und als die Stimmung kippt, der Liebhaber sich als dreckiger Lügner entpuppt, singt Harvey über die faule Frucht in ihrem Inneren. Der Penis im Pop, nicht immer ist er so ein glitzerndes Vergnügen wie bei Lady Gagas Ritt auf dem „Discostick“.


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12:40 29.02.2012
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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Ausgabe 41/2021

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