Sorry?

Musik-Kolumne Flunkernde Rockstars, die falsche Frage, fiesester Slang: Eine Musikjournalistin kann so einiges zu Fall bringen. Manchmal auch einfach ihre eigenen weichen Knie

Weil sich die Fragen in Interviews oft so verdammt ähneln, denken sich manche Musiker aus gelangweilter Laune heraus gerne einige Fehlinformationen hinsichtlich ihres Werdegangs, ihrer Namensfindung oder abstruser Tourerlebnisse aus. Ist ja auch ganz lustig, wenn sich dadurch die Interviews etwas auflockern lassen. (Was? Du wurdest tatsächlich von Aliens entführt?) Das Internet-Zeitalter erschwert es zusätzlich, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Denn im Internet schreibt jeder von jedem ab. (Nein, es folgt kein zu-Guttenberg-Witz).

Vergangene Woche telefonierte ich mit Laura Lloyd, einer Hälfte des kanadischen Shoegaze-Duos No Joy. Aber nein, das ist gar kein Duo, wie in einigen Blogs zu lesen war. Da machen auch noch ein Drummer und in wechselnder Besetzung ein Bassist mit. Aber das kann ja mal passieren, dass man die Besetzungslisten der jüngsten Newcomer-Acts bisweilen etwas unterbesetzt.

Keine Antwort ist sicher

Ein Argument zur Verteidigung des Journalisten sind die Sprachbarrieren: Auf der einen Seite die im breitesten Slang nuschelnden Musiker, auf der anderen Seite ein wenig ausgeschlafener und gerade mal des Schulenglisch fähiger Journalist. Besonders gefürchtet in dem Zusammenhang sind schottische Bands. Ich erinnere mich an ein Interview mit Sharleen Spiteri, der Sängerin von Texas, die aus Glasgow kommt und aus Wörtern wie „Band“ oder „fuck“ interessante Klangkompositionen macht. Im Gespräch lief es noch einigermaßen glatt zwischen uns. Mit höchster Konzentration gelang es mir, unserer Unterhaltung zu folgen und die richtigen Fragen auf vorhergehende Antworten zu stellen. Als ich später mein Interviewband abhörte, hätte ich für keinen von Spiteris Sätzen die Hand ins Feuer gelegt.

Mit anderen Schotten, Biffy Clyro, lief es besser. Vielleicht lag es aber auch daran, dass wir eine Story über ihre Oberkörper-Tattoos machten und sie mir ohne Hemd gegenüber saßen.

Nicht so glatt dagegen lief es mit Alison Mosshart, die aktuell mit Kollege Jamie Hince für The Kills in den Startlöchern ihres zweiten Albumreleases steckt. Neben The Kills ist Mosshart aber auch bei dem Supergroup-Projekt The Dead Weather von Jack White aktiv. In dieser Funktion interviewte ich sie vor einiger Zeit telefonisch, begleitet von einem verhängnisvollen Handicap: Die amerikanische Plattenfirma hatte es versäumt, mir das Album zu schicken, was ja heute auch nicht mehr als ein digitaler Stream per Mail ist. Ich erwähnte das der Künstlerin gegenüber und stellte dann meine Fragen zu anderen Themen ihres musikalischen Lebens. Nach unserem Gespräch gab es Ärger. Das lag zum einen an meinen Fragen, die Mosshart in den falschen Hals bekommen haben muss, zum anderen an der nicht an mich bemusterten Platte.

Probleme mit Englisch

Kurzum: Die Musikerin sagte alle anderen Interviews für den Tag ab. Den schwarzen Peter schob man mir zu. Ich hätte der Promoterin, die uns am Telefon verbunden hatte erzählt, ich hätte die Platte gehört. Unsinn! Das darauf folgende Hin und Her spare ich mir für eine andere Kolumne auf, aber ein Argument unserer unerfreulichen Missverständnisse war, ich hätte womöglich Probleme mit dem Englisch gehabt und mich entsprechend falsch ausgedrückt.

Falsch ausgedrückt hat sich vor einigen Jahren auch ein Journalist bei einer Pressekonferenz von Depeche Mode. Zitternd saß ich im Publikum, weil ich zwar gerne eine Frage stellen wollte, aber vor hundert Menschen und Dave Gahan aufzustehen, um dann eine – sicherlich doofe – Frage auf Englisch durch den Saal zu rufen, nee, dann lieber den Mund halt und unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschen. Ein Kollege in der ersten Reihe rettete mein Selbstbewusstsein. Abgehalftert und mit Woodstock-Aroma in den langen Rockerhaaren stellte er sich breitbeinig vor der Band auf und schrie ein „Hau du yu wrrrreit yur zongs?“. Sollte wohl heißen: „How do you write your songs“ und ich will mich auch weder boshaft über den Kollegen und sein Englisch mit deutschem Untertitel lustig machen, noch über die Frage, die auf jeder musikjournalistischen Frageliste verboten gehört, aber ich fand es doch sehr befreiend, dass jemand so gar keinen Wert auf sprachliche Gepflogenheiten legt.

Und außerdem hat der gute Mann nicht gelogen. Anders als gewisse Journalisten, deren Arbeitseinstellung per se der Wahrheit zuwider läuft. Tom Kummer hat jahrelang Interviews mit Topstars an die Medien verkauft. Interviews, die er sich ausgedacht hat. Ganze Redaktionen fragten sich, Mensch, wie kommt der Mann an all die Stars. Ganz einfach, er traf sie in seiner Phantasie. Neulich erst musste ein NEON-Autor seinen Platz räumen. Auch er hatte sich ein Star-Interview einfallen lassen.

Verena Reygers, Jg. 1976, bloggt auf und schreibt als freie Journalistin über Bands, Konzerte und neue Platten. Sie findet, Mädchen sollten wild und gefährlich leben, solange sie stets ein buntes Pflaster in der Tasche haben. Auf freitag.de schreibt sie in einer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Zuletzt: "Vor dem Act"

15:00 04.04.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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