Trennungskummer, Phase 1 bis 5

Musik-Kolumne Der Frühling ist vorbei und mit ihm die nach ihm benannten Gefühle. Natürlich muss der Soundtrack zur Trennung her – unsere Kolumnistin hat ihn, von Kelis bis Björk

Frühlingsgefühle? Na, ich weiß nicht. Nicht nur, dass in meinem Bekanntenkreis das Liebeskarussell so seine Wendungen nimmt, auch auf dem Musikjahrmarkt spielten Trennungen aktuell eine Rolle. Zum Beispiel vergangene Woche beim Konzert von Wye Oak:

Das aktuelle Album Civilian ist so stark von Jenn Wasners Trennungskrise beeinflusst, dass sie auch beim Konzert im Hamburger Molotow den Titeltrack „Civilian“ einem gewissen Herrn widmete, dessen Bedeutung sie zwar nicht näher erläuterte, aber die konnte sich eh jeder denken.

Als Support hatten Wye Oak die Band Waters engagiert, deren Sänger Van Pierszalowski zuvor ebenfalls Teil eines Mann-Frau-Duos war: Port O’Brien. Von Partnerin – privat wie musikalisch – Cambria Goodwin hat sich der Amerikaner erst jüngst getrennt und startet nun neu und solo durch.

Mit Waters scheint Van Pierszalowski also schon das Schlimmste an Herzschmerz überstanden zu haben. Laut der gängigen Trennungs-Psychologie unterteilt sich Liebeskummer nämlich in fünf Phasen. Vom Schock und Lähmung über Kampf bis hin zu Einsicht und Loslassen.

Also statt dem gebrochenen Herzen ein lapidares „Die Zeit heilt alle Wunden“ zuzurufen und zu einem Eisbecher einzuladen, lieber den individuellen Heilungsprozess berücksichtigen. Immerhin kann es helfen, wenn man dem Patienten einen musikalischen Erste-Hilfe-Koffer zur Seite stellt – inklusive ein paar Song-Give-Aways für generelle Love-Issues. Wirkt garantiert.

In Liebeskummer-Phase 1 reagieren Schock und Protest: Huch, gestern waren wir noch füreinander bestimmt und heute kaufe ich im Supermarkt von allem nur noch eine Portion oder stehe ich in einer halbleeren Wohnung. „Das kann doch nicht sein, das wir schon wieder, das renkt sich alles wieder ein“. Wenn es das nicht tut, kann sich der Protest anders gestalten: Man flippt aus:


Kelis - Caught Out Therevon ineptique

Und wenn dann alles kaputt geschlagen ist, folgt Phase 2, die Lähmung. Irgendwie kriegt man nichts mehr hin, hängt wie ein nasser Sack rum und nervt die Freunde mit glorifizierten Erinnerungen. Es war doch alles so toll und im Grunde sind wir füreinander bestimmt. Die amerikanische Folk-Sängerin Jewel ist mit so einem Lied einst berühmt geworden. In „You were meant for me“ organisiert sie ihren Alltag wie in Trance, allein dadurch am Leben erhalten, weil sie glaubt: "Dreams last so long even after you're gone I know you love me. And soon you will see, you were meant for me."

Aber sind wir doch mal ehrlich. Plötzlich allein zu sein, bedeutet für die meisten Menschen ein klaffendes Loch in der Organisation des Alltags. Völlig uns selbst überlassen, wissen wir eben nichts mit uns anzufangen:

Das US-amerikanische Bitch-Magazine hat vor einiger Zeit auch einen Soundtrack für gebrochene Herzen zusammengestellt. Neben so Schmalzgaranten wie Phil Collins und Mariah Carey ist aber auch dieser Song aus dem dem White-Stripes-Archiv vertreten. Beim Bitch-Magazine heißt es dazu: „This song perfectly captures the desperation you feel when you suddenly find yourself alone after a relationship—even going to a movie is now an exercise in excruciating loneliness.“

Und kaum einer könne so verzweifelt wirken wie Jack White, heißt es außerdem. Im Video räkelt sich übrigens Supermodel Kate Moss. Deren ein oder anderer Liebeskummer dürfte die Boulevardpresse auch schon beschäftigt haben. Gab es da nicht sogar mal eine Beziehung mit Johnny Depp?

Manches trauriges Beziehungsende könne sich ganz vermeiden lassen, würde man auf Leona Naess hören. In ihrem Song „Charm Attack“ besingt sie die charmanten jungen Männer, die einen um den Finger wickeln und ihre Anbetungsversicherungen nicht ernst meinen. Ein harmloser Flirt, der für jede offensichtlich ist – bloß nicht für das liebesblinde „Opfer“.

(siehe Leona Naess: "Charm Attack")

Also lieber vorsichtig sein mit dem Menschen, den man sich ausguckt. Manchmal ist es aber auch schon zu spät. Dann sitzt man drin in der Falle, so wie man anschließend im Liebeskummer-Loch sitzt. Martha Wainwright hat 2008 ein großartiges Album mit dem Titel I know you are married, but I’ve got feelings too herausgebracht.

So ist es richtig, auch noch in der Ausweglosigkeit das Stop-Schild in die Höhe halten. Oder man macht weiter und hofft und hofft und hofft und ist am Ende doch bloß „back to black“. Wer selber die Nase voll hat und den Schlussstrich ziehen will, der macht es wie Shelby Lynne.

Huch, jetzt haben wir in unserem kleinen Exkurs Liebeskummer-Phase 3 übersprungen: Der Kampf. Hier wird noch mal alles unternommen, um den Ex zurück zu kriegen. Man will sich ändern, die Beziehung von Grund auf renovieren, alles anders machen undsoweiter, so lange der/die andere bloß zu einem zurück kommt. Vorbei ist aber nun mal vorbei und deshalb sollte man schleunigst sehen, dass man es zu Phase 4 schafft. Dort wartet die Einsicht, it’s over: Und das ist hart. Denn 15 Tage und sieben Stunden später geht es einem noch keinen Atemzug besser. Fuck! Vorhänge zu, Kerzen an und mit Sinead O’Connor um die Wette flennen.

Puh, bei dem Song sind selbst fröhliche Herzen gerädert. Prince schrieb den bereits 1985 veröffentlichten Track. Aber erst durch die Interpretation von Sinéad O’Connor wurde er ein Hit. Und zwar einer, der auch zwanzig Jahre später noch das Herzblut in den Ohren rauschen lässt. O’Connor wurde neben ihrer musikalischen Karriere auch für ihre unbeugsamen Auftritte bekannt: 1991 lehnt sie vier gewonnene Grammy-Awards ab, das Jahr drauf zerreißt sie im US-TV ein Bild von Papst Johannes Paul II.

Das ist übrigens auch eine gute Strategie, um den Ex-Partner wirkungsvoll zu verbannen. Fällt dann wieder ein bisschen unter den Protest der Phase 1. Oder man begibt sich in Abwarte-Haltung. Man macht ein paar Atemübungen, lauscht Christiane Rösinger, die auf ihrem aktuellen Album nicht nur ein „Kleines Lied zum Abschied“ hat sondern auch das grandiose „Mein zukünftiger Ex-Freund“ singt, das vorsichtshalber den Blick vor einer Beziehung schon mal auf ihr Ende lenkt. Ein bisschen fatalistisch, aber so lieben wir Rösinger ja, und vielleicht lenkt so ein bitterer Humor auch endlich vom eigenen Leid ab. Dann sind es nur noch Tippelschrittchen zu Phase 5, dem Loslassen.

Yeah! Denn was ein gebrochenes Herz wirklich heilt ist neben Zeit und Musik, sich die Ruhe zu nehmen, irgendwann einmal neues Herzklopfen zu haben. So läuft es nun mal mit dem Auf und Ab in der Liebe – das weiß auch Björk.


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10:40 13.06.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 4
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Ausgabe 41/2021

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