Unabhängigkeit ist keine Frage der Lautstärke

Frauen & Musik Wieso auf schmerbäuchige Manager warten, wenn frau auch selber ein Label aufmachen kann? Ani DiFranco hat es vorgemacht, nun trauen sich auch andere an die Eigenvermarktung

Immer stärker entwerfen und entwickeln Musikerinnen ihre Karrieren selbst. Auch Frauen der leisen Töne, wie Singer/Songwriterinnen oder Folkmusikerinnen zupfen oft nicht mehr nur an ihren Instrumenten, sondern auch an den Fäden im Hintergrund. Ob es ums Management und Marketing geht oder darum die eigene Tour zu organisieren, vielleicht sogar ein eigenes Label zu gründen, immer öfter verhilft Do-it-yourself auch Musikerinnen zu kleinen oder größeren Erfolgen.

So wie bei der Österreicherin Clara Luzia. Die Musikerin mit dem Bubikopf steht für melancholische Songs, die mit Gitarre, Cello und Waschbrett dem Trübsinn Tempo machen. Gerade hat sie ihr drittes Album „The Ground Below“ veröffentlicht.



Clara Luzia ist Allround-Autodidaktin. Sie hat sich das Gitarrespielen selbst beigebracht und fing schon früh an, Songs zu schreiben und ein MusikerInnen-Netzwerk um sich zu scharen. Ihr Erfolg ist kein Raketenstart, mehr ein gleichmäßig aufsteigender Heißluftballon.

Die Eigenregie macht sich auch die Kleingeldprinzessin zunutze. Mittlerweile als Dota und die Stadtpiraten unterwegs, hat die ehemalige Straßenmusikerin und Weltreisende alle ihre Platten beim eigenen Label veröffentlicht.

Denn warum auf den schmerbäuchigen Musikmanager warten, der einer noch den Rock kürzen und das Dekolletee aufpolstern lässt, bevor er sie auf den Ruhm-for-a-Day-Laufsteg schickt. Lieber die Dinge selber in die Hand nehmen und wissen, woher, wofür und wohin.

Im Interview mit dem Musikexpress erklärte Metric-Frontfrau Emily Haines dieses Jahr, wie entscheidend es auch für eine Musikerin ist, sich für die geschäftlichen Dinge zu interessieren. Haines, die auch als Solosängerin erfolgreich ist, hat zusammen mit ihrer Band ein eigenes Label gegründet und sieht auch bei KollegInnen den Trend zu stärkerer Eigenbeteiligung. Denn, wie sie ganz richtig sagt, ist es nicht als Erfolg zu werten, „nicht zu wissen, was läuft und den Leuten aus dem Business ausgeliefert zu sein.“
Ein Prinzip, das Ani Di Franco schon Mitte der neunziger Jahre umsetzte, indem sie als eine der ersten Musikerinnen ihr eigenes Label gründete. Auf Righteousbabe Records veröffentlichte die Amerikanerin ihre Alben im selbstbestimmten Turnus. Während die großen Plattenfirmen ihren Künstlern alle zwei bis drei Jahre eine Veröffentlichung zugestehen, erschienen DiFrancos Alben nun auch schon mal innerhalb weniger Monate.

Auch Haruko verzichtet auf einen Manager. Weil die Musikerin aus Niedersachsen erst seit 2008 regelmäßig unter diesem Namen auftritt, schafft sie das Organisatorische ganz gut allein. Außerdem sagt sie, fände sie es gut, „ alles Schritt für Schritt zu machen und selber planen zu können.“ Haruko spielt den zarten Akustik-Folk mit Zauberstaub-Patina, wie ihn Alela Diane oder Joanna Newsom populär gemacht haben.

Dass Haruko ihre Zerbrechlichkeit hinter der Bühne nicht einfach gegen eine Lara-Croft-Identität eintauscht, erschwert vielleicht ihre Verhandlungen: „Ich vertraue oft darauf, dass die Leute, mit denen ich verhandeln muss, ehrlich sind und dass die Bezahlung stimmt,“ gibt sie zu. Aber immerhin, Haruko treibt ihre musikalische Karriere Schritt für Schritt mit den eigenen Mitteln und Fähigkeiten voran – so wie viele andere Musikerinnen auch, deren Musik eher leise und unaufdringlich ist. Unabhängigkeit ist eben keine Frage der Lautstärke.

Verena Reygers, Jg. 1976, bloggt auf und schreibt als freie Journalistin über Bands, Konzerte und neue Platten. Sie findet, Mädchen sollten wild und gefährlich leben, solange sie stets ein buntes Pflaster in der Tasche haben

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Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie

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