Und Gott sprach, seid fruchtbar

Biologie Seit Jahren schon klärt Isabella Rossellini mit Filmen über Sex im Tierreich auf. Jetzt bringt sie ihren „Green Porno“ auf die Bühne

Direkt geht’s zur Sache. Nach einem Begrüßungsapplaus nimmt Isabella Rossellini zwei Sträuße zur Hand. Der eine: leuchtend bunte Sommerblumen, der andere: blasse Gräser und Sträucher. Den einen bestäuben die Bienen, den anderen der Wind, erklärt Rossellini. Der Wind müsse nicht verführt werden, die Bienen aber sehr wohl. Deshalb hätten die Blumen Sex-Appeal, seien auffällig und duftend – die Sophia Loren der Pflanzen, nennt Rossellini das. Das Publikum lacht, applaudiert und freut sich über den Vergleich mit der menschlichen Spezies, in der die Weibchen hübsch und sexy sein müssen, um die Aufmerksamkeit der Männchen zu erregen.

Seit 2008 ist Rossellini als Green Porno-Aktivistin unterwegs. Bekannt geworden ist sie aber als Model, Schauspielerin und Tochter berühmter Eltern – der Schauspielerin Ingrid Bergman und des Regisseurs Roberto Rossellini. Schon als Kind liest sie Konrad Lorenz, den Mitbegründer der Verhaltensforschung. Aktuell studiert die 62-Jährige Verhaltensbiologie am Hunter College in New York.

40 Kurzfilme sind in den vergangenen sechs Jahren unter dem Titel Green Porno entstanden. In ihnen demonstriert Rossellini in zwei, drei Minuten Fakten aus dem Lebens- und Reproduktionsalltag von Insekten und Vögeln, Meeres- und Säugetieren. Dazu zwängt sich die Schauspielerin in allerlei abenteuerliche Tierkostüme, die ausschließlich im Dienst der Wissenschaft, keinesfalls im Dienst der Schönheit stehen. Als Schnecke kackt sie sich auf den Kopf, als Spinne kleben ihr acht Augen im Gesicht, und aus ihrem Kostüm als Blauwal reckt sich ein meterlanger Penis hervor – der längste Penis der Welt, wie das Publikum auf Kampnagel erfährt.

Green Porno auf der Bühne ist kein Theaterstück, sondern eine Wissenschaftsshow. Die Zuschauer erfahren, dass im Tierreich alles möglich ist: Regenwürmer sind Hermaphroditen, Schnecken stehen auf Sadomasochismus, und Delfine sind für alles zu haben. Das Publikum in Hamburg findet das gut. Anderthalb Stunden lang erläutert Isabella Rossellini die sexuelle Diversität im Tierreich. Sie doziert an einem schwarzen Stehpult, aus dem sie nach und nach die wunderlichsten Requisiten zaubert. Sie stopft sich Kirschtomaten in den Mund und besprüht sich mit Schlagsahne, baut das Modell eines Robbenharems auf und schlüpft in den Kunstpelz eines Hamsterkostüms.

Tintenfischquickies

Wer sich bei diesem Live-Event mehr Kostümwechsel erhofft hat, wird aber enttäuscht. Das übernehmen überwiegend die Einspieler der bereits bekannten Green Porno-Kurzfilme. Trotzdem wird man gut unterhalten. Weil Rossellini gute Überleitungen schafft, ihre Monologe voller Wissen und Witz sind. Weil sie sich zwischendurch dann auch mal einen Gummihandschuh mit Plastikflügeln zur Darstellung einer Libelle überstreift. Und natürlich auch, weil sie halt Isabella Rossellini ist.

Ihretwegen kommen die Leute zu einer Show, die Sex auf der unverfänglichen Ebene der Tierwelt zeigt. Das ist lustig, gar nicht pornografisch, und auch Alice Schwarzer dürfte das trotz ihres Anti-Porno-Kampfs gutheißen. Green Porno ist – weil es so niedrigschwellig daherkommt – ideal für ein Publikum, das selten bis nie über den Tellerrand der Heteronormativität geschaut hat. Das, unbefleckt von jahrelangen Genderdiskursen, sich nicht daran stört, dass hier der männliche Fisch durch einen Schnurrbart gekennzeichnet wird. Und das nicht hinterfragt, dass Rossellini trotz aller Absicht, Unterschiede zu zeigen, auch klassische Stereotypen bedient: Die männliche Fliege, die in öder Rein-Raus-Bewegung penetriert, oder die Tintenfischjünglinge, die sich für einen Quickie unter einen Schwarm bereits vergebener Weibchen mischen. Stattdessen wird gelacht, wenn die Schauspielerin einen Seestern imitiert, dessen abgetrennte Glieder zu neuen Seesternen wachsen. Das sei doch ein prima Vorbild für berufstätige Mütter, die versuchen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Berufstätige Väter erwähnt sie nicht.

Green Porno bemüht die Natur als Vorbild für eine aufgeklärte menschliche Gesellschaft. Wenn die Natur es Tieren ermögliche, uneingeschränkt jede Art von Sexualität zu praktizieren, warum tue sich der Mensch dann zum Beispiel mit Homosexualität schwer. „Warum bekämpfen wir die Natur?“, fragt Rossellini und wirft einen nachdenklichen Blick ins Publikum. Diese Losung mag für Homo- und Bisexualität gelten, genauso wie für Inter- und Transsexualität. Aber was ist dann mit Vergewaltigungen, deren ständiges Opfer zum Beispiel die Ente ist? Schlimmer noch, das tunnelartige Vaginalsystem der Ente ermöglicht es ihr, das Sperma nur eines Erpels, das des Wunschkandidaten, zur Befruchtung weiterzuleiten. Im dazugehörigen Einspielfilm seufzt Entendame Isabella dem Papiererpel ein „Du sollst mein Ehemann sein“ entgegen. Diese Szene unterstützt nicht nur die Vorstellung einer in romantische Liebe eingebetteten Sexualität, sie deckt sich auch erschreckend mit der aufsehenerregenden Aussage des US-Republikaners Todd Akin. Der behauptete im Wahlkampf vor zwei Jahren, eine Schwangerschaft nach Vergewaltigung sei eher selten, weil der weibliche Körper Möglichkeiten habe, diese zu verhindern.

Gegen den Regenwurm

Rossellini dagegen konzentriert sich auf die Pro-Argumente – und auf die Bibel. Ein letzter Einspieler zeigt den Einzug der Tiere in die Arche Noah. Aus einer Pappmachéwolke stößt Rossellini als Gottes Arm samt drohendem Zeigefinger hervor. Jedes Tier wird auf sein Geschlecht untersucht. Die Regenwürmer will Gott aufhalten, ebenso die Schnecken und einen Haufen anderer Tiere, die vom vermeintlich notwendigen Zweigeschlechtermodell abweichen.

Trotz einiger Widersprüche, Green Porno als Bühnenstück funktioniert. Auch wenn die Idee nicht neu, die Umsetzung nicht überraschend ist. Dafür zeigt Rossellini, dass sie von mehr als dem Mut zu unvorteilhaften Tierkostümen und unterhaltsamen Tiersexanekdoten motiviert ist. Vielleicht ist die Vielfalt an Geschlechts- und Sexualitätsformen etwas, das auch ihr erst im Lauf der Jahre klar geworden ist. Und das ein Publikum nun in dieser Form und live viel besser erreichen kann als in den zwei, drei Minuten eines Kurzfilms.

06:00 27.06.2014
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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