Viva la VJane

Musik-Kolumne Gute Videoclips auf MTV sterben aus, so wie die coolen inspirierenden Moderatorinnen, die sie präsentieren. Eine Hommage auf Kristiane Backer, Charlotte Roche und Co

Es war schön mir dir, doch du musstest gehen. So wehmütig verabschiedet man verflossene Geliebte, vielleicht noch das letzte Jahr, ganz sicher aber nicht das Musikfernsehen, das einst mit MTV begann, mit Viva grell-bunt wurde und seit Anfang des Jahres nur noch gegen Bezahlung zu haben ist. Seit dem 1. Januar ist MTV in Deutschland nur noch als Pay-TV zu empfangen. Die Trauer hält sich deshalb in Grenzen, weil Videoclips dort schon lange keine Rolle mehr spielten. Übrigens, fast jeder weiß, dass der erste Clip, mit dem MTV auf Sendung ging, „Video Killed The Radio Star“ von den Buggles war. Aber wer weiß schon, dass Pat Benatar mit „You Better Run“ im Anschluss folgte?

Ob Benatar damals schon ahnte, welche traurige Entwicklung das Musikfernsehen nehmen würde? Wie schrieb die taz ganz richtig: „Viele Ältere werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass es einmal eine Kunstform namens "Videoclip" gab.“ Heute beziehen Interessierte die Kunstform „Videoclip“ via Internet oder auf ausgesuchten Festivals, wie beim MuVi-Preis der Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen, während MTV Klingeltöne und peinliche Shows pries.


Aber wie in jeder beendeten Beziehung, erinnern wir uns doch an die schönen Momente, als VJanes cool waren und nicht bloß mädchenhaften Charme versprühten, wie eine Fernsehredaktion über die MTV-Moderatorin Mirjam Weichselbaum schrieb. Und wer braucht den sexiest Ösi-Akzent der Welt, wenn es um Musik geht. Da lob ich mir doch die steif moderierende Kristiane Backer, die als erste deutsche MTV-Moderatorin in London vor der Kamera stehen durfte.

Besser gefiel mir ohnehin Pip Dann, die mit Steve Blame und Lisa L’Anson die MTV News im Wechsel moderierte. Auch wenn Matthias Mertens in seiner „Was macht eigentlich...“-Hommage, sie bloß als „ok“ bezeichnet , weil „das Girliehafte ihres Auftretens etwas mit ihrer Reife kollidierte.“ Tja, entweder oder. Positiver bezüglich vermeintlicher VJane-Qualitäten äußert sich Mertens in seinem Online-Blog dagegen über die Holländerin Marianna van der Vlugt. Trotz der von ihm beschworenen Pin-Up-Qualitäten, van der Vlugt war flippig, aber cool. Neben ihrem Job als VJane sang sie bei der Band Salad.

An inspirierenden Frauen im Musikfernsehen kam dann lange Zeit nichts Neues. 1993 nahm Viva seinen Sendebetrieb in Konkurrenz zuMTV auf. Als VJane verpflichtete man Heike Makatsch, der Legende nach direkt aus ihrem Job als Schuhverkäuferin. Sehr viel interessanter wurde es später mit dem Schwesternsender Viva 2, der sich anschickte, ein Zielpublikum über 30 anzusprechen. Das Programm eignete sich aber auch hervorragend für Twenty-Somethings, nicht zuletzt wegen Charlotte Roche, die das Format mit ihrer Moderation entscheidend prägte, lange, bevor sie sich erfolgreich den Feuchtgebieten zuwand. Nicht zu vergessen, ihre Freischnäuzigkeit, Robbie Williams zu fragen, ob er sein eigenes Sperma trinke, ohne das groupiehafte Angebot zu machen, diesen Job für ihn zu übernehmen. Charlotte Roche und Robbie Williams, die verstanden sich, auch wenn es um Damenbart oder Still-Brüste ging:

Produziert wurde Fast Forward übrigens vom dem Musikjournalist Eric Pfeil, der später auch die Sarah Kuttner Show entwickelte. Sarah Kuttner, yeah! Bevor die VJane mit dem losen Mundwerk hier ihre berühmten Abschiedsworte hinterlässt noch ein Hinweis auf das dreiminuten-Blog, in dem treffend zusammen gefasst wird, welche Chancen das Musikfernsehen hat, wenn für seine Inhalte die Nutzer zahlen. Nicht allzu trübe Aussichten, solange das Anmoderieren nicht inhaltsleeres Geschnatter bleibt, sondern ebenso für Überraschungen sorgt wie die Ästhetik der Clips.

Verena Reygers, Jg. 1976, bloggt auf und schreibt als freie Journalistin über Bands, Konzerte und neue Platten. Sie findet, Mädchen sollten wild und gefährlich leben, solange sie stets ein buntes Pflaster in der Tasche haben. Auf freitag.de schreibt sie in einer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Zuletzt: Best of Bitch

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

14:00 10.01.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
Schreiber 0 Leser 4
Avatar

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2