Von der Rolle

Prostitution Wer sein Geld als Sexarbeiterin verdient, wird ausgegrenzt. Kann ein Kunstevent daran etwas ändern? Ein Selbstversuch

Die Musik läuft erst ein paar Sekunden, als die Person rechts von mir beginnt, sich aus ihrem glitzernden Bodysuit zu schälen. Auch links von mir wird sich eifrig jeglicher Kleidung entledigt. Schnell sind fast alle um mich herum nackt. Mit Öl, Blut oder Joghurt beschmiert, wälzen sie sich auf dem Boden. Ihr Stöhnen und Ächzen vibriert durch den Raum. Ich bin verblüfft, mit so viel Körperlichkeit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin Teil eines sogenannten Hurenrituals der US-amerikanischen Performancekünstlerin und Sexaktivistin Annie Sprinkle. Ich knie auf dem Boden der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel und bekritzle Karteikarten – in meiner Rolle als Hure.

Eine Woche bevor SPD und Union ihre Verhandlungen zur Regulierung des Prostitutionsgesetzes fortsetzen wollen, hat die Kulturfabrik im Rahmen ihres Sommerfestivals zur dreitägigen Konferenz Fantasies That Matter. Images Of Sexwork In Media And Art geladen. Die Veranstaltung ist vom feministischen Missy Magazine mitkuratiert, und sie ist als künstlerisch-politische Intervention in der Debatte gedacht. Zuletzt war die Debatte pro und contra Sexarbeit im vergangenen Herbst wieder lebendiger geworden, nachdem Alice Schwarzer mit Emma eine Kampagne zum Verbot der Prostitution gestartet hatte. In Performances, Vorträgen und Diskussionen sollen jetzt in Hamburg die gesellschaftlichen Vorstellungen und Mythen von Sexarbeit noch einmal näher ausgeleuchtet werden.

Jemand, der seit mehr als 30 Jahren Helligkeit ins Rotlicht bringt, ist Annie Sprinkle. Die 60-Jährige ist als ehemalige Prostituierte und Pornodarstellerin eine der Pionierinnen einer Bewegung, die sich sexpositiver Aktivismus nennt. Berühmt sind Sprinkles Auftritte, bei denen sie dem Publikum mithilfe eines Spekulums ihre Gebärmutter zeigte oder „magische“ Masturbationsrituale abhielt. Seit 2007 ist sie mit der Kunstprofessorin Beth Stephens verheiratet. Auf Kampnagel will sie ihre Performance Ritual For The Whores, „Ritual für die Huren“, reinstallieren.

„Ich habe seit 22 Jahren keinen Blowjob mehr gemacht, trotzdem bin ich noch immer eine Hure“, sagt Sprinkle, als wir vor der Konferenz in einem der Probebühnenräume zusammentreffen. „Wir“, das sind diverse echte Sexarbeiterinnen, einige Künstlerinnen, die Kuratorin Margarita Tsomou und ich. Eigentlich bin ich nur gekommen, um die Proben zu beobachten und eventuell über das Event zu schreiben, aber Sprinkle fragt mich unvermittelt, ob ich nicht auch mitmachen wolle. Die Künstlerin Linda Montano sagte mal über Sprinkle, ihre Begabung sei die Zusammenarbeit: „Sie ist jemand, der Gemeinschaft herstellt und Tabus bricht.“

Ich zögere. Ich bewundere Sprinkles Fähigkeit, Kunst und Aktivismus zu verbinden, ohne Anschuldigungen und Bitterkeit, aber mit Humor und Ironie. Aber ich zögere, weil ich es als anmaßend empfinde, mich als Hure darzustellen, ohne selbst als Sexarbeiterin mein Geld zu verdienen.

Mein Dilemma, intellektuell und emotional: Ich bin Feministin und unbedingte Befürworterin von Sexarbeit. Ich glaube nicht, dass es entwürdigend ist, seinen Körper für sexuelle Handlungen im Tausch gegen Geld anzubieten. Vielmehr ist die Reaktion der Gesellschaft auf sexuelle Dienstleistungen entwürdigend, für Sexarbeiterinnen wie für deren Kunden. So wie Debatten über Prostitution geführt werden, zeigen sie nur eins: das ernüchternde Bild einer Gesellschaft, die Sexualität, vor allem weibliche Sexualität, moralisiert.

Dennoch: Sexarbeit ist für mich ein theoretischer Begriff. Einer, der mich als Historikerin, Journalistin und feministische Aktivistin beschäftigt. Aber keiner, mit dem ich praktische Erfahrung habe. Darf ich mich auf eine Bühne stellen und in einer Performance so tun, als ob? Darf ich mir, akademisch korrekt ausgedrückt, für ein kleines Experiment eine Praxis aneignen, die nicht meine ist?

Der soziale Tod

Annie Sprinkles Definition einer Hure zerstreut meine Bedenken. Sie nennt alle Frauen, die nicht jungfräulich in die Ehe gehen oder in ihrem Leben mehr als einen Liebhaber hatten, eine Hure. Nach ihrem Verständnis sind Sexarbeiterinnen auch diejenigen, die „energetisch“ arbeiten, etwa eine Yogalehrerin oder eine Fitnesstrainerin. Wer sich als Wissenschaftlerin oder auch als Mitarbeiterin in einem Sexshop für einen positiveren Zugang zur Sexualität einsetzt, dürfe sich ebenfalls guten Gewissens eine Sexarbeiterin nennen.

Mit diesen Definitionen will Sprinkle die diskriminierte Minderheit der Sexarbeiterinnen ergänzen, ja, sie will eine Mehrheit aus ihnen machen. Und eine solche Mehrheit wäre dringend nötig. Denn wenn die politischen und gesellschaftlichen Zeichen dieser Tage auf eine Rekriminalisierung der Sexarbeit hinweisen, sind breitere Bündnisse wichtig. Die Wissenschaftlerin Laura María Agustín spricht in Hamburg in ihrem Vortrag mit dem Titel Disqualifiziert: Warum Sexarbeiterinnen einen sozialen Tod sterben von einer „Rettungsindustrie“ – und meint damit diejenigen, die meinen, sie müssten Sexarbeiterinnen von ihrem angeblich unfreiwilligen Dasein befreien. Agustín widerspricht also gezielt den Argumenten der Prostitutionsgegner, die allzu gern von Menschenhandel und Zwangsprostitution reden.

Auch Undine de Rivière, Mitinitiatorin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. (BesD) hat in ihren 20 Jahren Basisarbeit kein einziges Opfer von Menschenhandel getroffen, wie sie selbst sagt. „Das Letzte, was wir brauchen, ist mehr Polizei, mehr Kontrollen und mehr Restriktionen. Wir brauchen weniger Stigmatisierung, weniger gesellschaftliche Ächtung.“

Wenn ich mich an diesem Samstagabend als Hure auf die Bühne stelle, dann weil ich genau diese Grenzen zu überwinden versuche. Ich entscheide mich für ein Outfit, das mir persönlich fremd ist: hauteng, zwar blickdicht, aber mit schwarzer Spitze durchsetzt und mit einem gefährlich hochrutschenden Rock. Damit schaffe ich auch eine Distanz zu der Figur, die ich darstellen soll.

Mein Kopf schwirrt unterdessen vor widersprüchlichen Gedanken: Einerseits ist mir klar, dass ich für das Publikum als Prostituierte durchgehen werde. Warum auch nicht? Sollen die Leute doch denken, ich hätte Sex gegen Geld. Ich will den Vorurteilen doch entgegentreten. Andererseits erkläre ich jedem, der nicht Teil der Aufführung ist, ich sei Journalistin. Damit entziehe ich mich gleich wieder der Stigmatisierung, die ich eigentlich bekämpfen will. Alles nicht so einfach.

Auf der Bühne folgen alle den mehr oder weniger überlegten Inszenierungen. Sadie Lune und ihr Transgenderpartner Kay Garnellen lassen einzelne Zuschauer via Spekulum und Taschenlampe ihre Gebärmütter betrachten, Sprinkle wälzt sich in Blumenerde und masturbiert mit einem Vibrator, eine andere Darstellerin wiegt sanft eine weinende Zuschauerin an ihrer nackten Brust. Die Grenzen zwischen Bühne und Publikum verschmelzen.

Falsche Adresse

Danach stehen wir hinter der Bühne noch minutenlang im Kreis und halten uns an den Händen. Die anderen erscheinen euphorisch. Ich bin verunsichert. Ich mag eine Hure sein, in Sprinkles Definition, aber ich bin keine Performerin. Meine Verunsicherung sagt mir: Wenn wir eine sexpositive Gesellschaft schaffen wollen, müssen wir Gefühle wie Überforderung, Scham und Verunsicherung anerkennen, um sie eines Tages überwinden zu können.

Gegen Ende der drei Tage übernehmen dann tatsächliche Sexarbeiterinnen die Bühne. Und sie kritisieren genau das, was mich selbst die ganze Zeit beschäftigt hat: Nicht nur, dass die Veranstaltung auf Englisch gelaufen sei, was viele mangels Sprachkenntnis ausgeschlossen habe – sondern eben auch, dass Theoretikerinnen sich angemaßt hätten, andere Frauen in Form eines Kunstakts zu repräsentieren, statt die Praktikerinnen selbst zu Wort kommen zu lassen. Annie Sprinkle reagiert bestürzt auf die Kritik. Auch ihre weitgefasste Definition von Sexarbeit unterstützen die Prostituierten nicht. Wir, die nur ein kurzes Bühnenexperiment ausprobiert hätten, müssten nun mal nicht mit der Ausgrenzung leben, die sie alltäglich erführen. Und ich verstehe nun besser denn je, was sie damit meinen.

Die Kritik der Prostituierten ist teilweise berechtigt, aber falsch adressiert. Ein Projekt wie Fantasies That Matter findet ganz bewusst in einem Kunstrahmen statt, und Kunst ist ein probates Mittel, Inhalte und Kritik auch einem Publikum zu vermitteln, das außerhalb der jeweiligen politischen Diskussion steht. Im Idealfall kann damit mehr Durchschlagskraft entstehen für die Ziele derjenigen, um die es geht. Oder, wie Annie Sprinkle sagt: „Sexarbeit betrifft keine kleine Gruppe von Ausübenden, es betrifft uns alle.“

Verena Reygers arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie schreibt regelmäßig für das Missy Magazine, das die Konferenz Fantasies That Matter mitausgerichtet hat. Seit dem Jahr 2011 hilft sie auch in einem Sexshop für Frauen aus

06:00 22.08.2014
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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