Wenn das Blut spritzt

Brutale Bilder Ein Kind wird erschossen, ein Körper zerfetzt. Mit einem extrem brutalen Video sorgt die Musikerin M.I.A. für Aufsehen. Kalkulierter Skandal oder künstlerisches Anliegen?

Gerade erst schockierte Erykah Badu in ihrem Musikvideo die politisch korrekte Öffentlichkeit mit Straßenstrip und vermeintlicher John-F-Kennedy-Blasphemie, da legt die nächste Künstlerin eine optische Tretmine in einem Musikvideo. Die tamilisch-britische Musikerin M.I.A. inszeniert in ihrem Clip zu "Born Free" ein paramilitärisches Gewaltszenario, in dem eine schwer bewaffnete Einheit die Einwohner eines Wohnblocks in Angst und Schrecken versetzt.

Ziel der Razzia ist ein jugendlicher Bewohner mit roten Haaren, der verhaftet und zusammen mit anderen rothaarigen Jungen und Männern in ein Lager gebracht wird, wo einer von ihnen vor den Augen der anderen erschossen, und der Rest anschließend durch ein Minenfeld getrieben wird. Blutiges Finale des Clips ist eine explodierende Mine, die einen der Gehetzten sichtbar in Stücke reißt.

Achtung, dieses Video enthält explizite Gewaltdarstellungen

M.I.A, Born Free from ROMAIN-GAVRAS on Vimeo.

Die Empörung brauste rasch auf: Innerhalb eines Tages sperrte Youtube den Clip und heizte nicht zuletzt dadurch die Online-Diskussion an. Während jetzt.de die Auswahl der rothaarigen Opfer als M.I.A.’s Intention interpretiert, auf die Diskriminierung der HaarfarbenträgerInnen aufmerksam zu machen, kommentiert Kollege Andrian Kreye auf süddeutsche.de die Youtube-Zensur als Angriff auf die Freiheit im Netz. Dem wiederum widerspricht die taz, das Video sei bloß mit der üblichen Alterssperre bei Youtube belegt und wozu überhaupt die ganze Aufregung, schließlich sei die „Message des Videos engagiert und mutig“, weil es Gewalt denunziere und die US-Militärpolitik kritisiere.

In der Tat, der Clip ist extrem abstoßend und nichts, was man sich ein zweites und drittes Mal ansehen möchte. Und meiner Meinung nach kalkuliert M.I.A. den Schockeffekt etwas zu weit abseits der Grenzen des Akzeptierten ein. Auch Guardian-Autorin Anna Pickard überlegt, ob die Künstlerin es dieses Mal nicht zu weit getrieben habe. Nur die Musikjournalistin Jessica Hopper fragt via Twitter, warum jeder annehme, der Inhalt des Videos sei eine Botschaft der Künstlerin und nicht des Regisseurs, wie bitchmagazine berichtet. Der Regisseur Romain Gavras zeigte sein Händchen für destruktive Szenen nämlich schon in dem Clip „Stress“ des französischen Dance-Rock-Duos Justice, das ähnlichen Wirbel auslöste wie aktuell „Born Free“, bei dem aber niemand die Musiker der Verantwortung für die optische Umsetzung bezichtigte.

Achtung, dieses Video enthält explizite Gewaltdarstellungen

Jus†ice, Stress from ROMAIN-GAVRAS on Vimeo.

Nun, die künstlerische Historie M.I.A.s spricht sehr wohl dafür, dass sie mehr als ein gestalterisches Wörtchen mitzureden hatte. Denn die 32-Jährige nutzt nicht zum ersten Mal einen gewalt- und militärkonnotierten Kontext in ihrer Arbeit. Die in Sri Lanka aufgewachsene Engländerin kokettiert seit ihrem Debüt „Arular“ 2005 mit dem Image der politischen Guerilla-Rebellin. Das beinhaltet auch die medienwirksame Verbindung ihres Vaters zu den paramilitärischen Tamil Tigers auf Sri Lanka. Ferner handelte sich die Musikerin mit PLO-freundlichen Textzeilen oder Revolverschüssen als Soundsample mehrfach Ärger mit MTV ein. Sowohl auf ihrer eigenen Webseite als auch ihrer Myspace-Seite featured die Künstlerin ihr Video an äußerst prominenter Stelle – auf letzterer sogar mit dicken Blutklecksen auf dem Profil.

Ob Musikjournalistin Jessica Hopper mit ihrem Twitter-Eintrag meint, Frauen sei dieses Maß an Gewalt nicht zuzutrauen?! Ein Irrtum, wie auch Alison Mossharts Schießfreude im The Dead Weather-Video "Treat me like your mother" zeigt.

Mit „And they say, romance is dead“ wurde der Clip angetrailert. Weniger romantisch, auch wenn die Spex das seinerzeit anders sah, ist das Video zu Bob Dylans Song "Beyond here lies nothing".

Der Unterschied zwischen den Clips: Den von The Dead Weather finde ich großartig, den von Dylan grässlich – unabhängig von der Musik. Den ersten Clip kann ich mir zehn Mal hintereinander ansehen, beim zweiten war es mit dem ersten Durchlauf getan. Und so ist es auch mit M.I.A.s „Born Free“. Ein weiteres Mal in ganzer Länge kann ich mir das Video nicht ansehen. Nicht wegen der physischen Gewalttätigkeit oder den umherfliegenden Gliedmaßen. Mich verstört die realistische Darstellung der Angst und Ohnmacht der Opfer genauso wie die offensichtliche Lust der Täter an der schonungslosen Ausübung von Macht und Gewalt. Falls M.I.A. uns dahingehend verstören wollte, es ist ihr gelungen, daneben getreten ist sie trotzdem.

Verena Reygers, Jg. 1976, bloggt auf und schreibt als freie Journalistin über Bands, Konzerte und neue Platten. Sie findet, Mädchen sollten wild und gefährlich leben, solange sie stets ein buntes Pflaster in der Tasche haben. Auf freitag.de schreibt sie in einer zweiwöchentlichen Kolumne über Frauen und Musik. Zuletzt: Hauptsache, es flasht.

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15:00 03.05.2010
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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Ausgabe 39/2020

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