Zwischen den Welten

Porträt Nneka ist in Nigeria aufgewachsen und ging mit 19 nach Deutschland. Dort entdeckte sie die Musik. Heute ist sie eine der wichtigsten afrikanischen Musikerinnen

Nnekas Fahrrad ist pink. Ein Kinderrad, dessen Lenker und Sattel sie möglichst weit nach oben gestellt hat. Sie ist nur 1,60 Meter groß. Aber trotz ihrer schmalen, fast kindlichen Gestalt ist man erst mal irritiert, wenn sie mit diesem Rad ankommt. Zu politisch, zu ernsthaft und mit den Fäusten drohend sind die Songs der 30-Jährigen, als dass man sie sich auf einem pinken Kinderrad vorgestellt hätte.

Und dann habe es auch noch schwache Reifen, so dass sie wie eine Oma fahre, witzelt Nneka. Sie will an diesem Herbsttag ihr Hamburg zeigen, die Stadt, in der sie fast zehn Jahre gelebt hat. Die Stadt, in der aus einer schüchternen Nigerianerin eine der international erfolgreichsten afrikanischen Musikerinnen wurde. Gerade hat sie ihr drittes Album Soul is heavy veröffentlicht. Ihre Single "Heartbeat" vom Vorgängeralbum No longer at ease kletterte in den britischen Charts in die Top 20. Sogar in David Lettermans Late Show trat sie damit auf.

Im Büro ihrer Managerin im Hamburger Schanzenviertel ist Nneka beim ersten Aufeinandertreffen zunächst aber einfach nur schüchtern – und abweisend. Sie sitzt vor ihrem Laptop. Ein kurzer Händedruck, ein verhaltenes Hallo und schon starrt sie wieder auf den Bildschirm, scheint hineinkriechen zu wollen. Immer mit der Ruhe, rät ihre Managerin, die Nneka noch mal die Kapuze ihres Hoodies zurechtzupft und ihr ermunternd auf den Rücken klopft. Wie eine Trainerin bei ihrem Schützling, bevor dieser das Spielfeld betritt. Nneka muss sich warmlaufen, genau wie ihre Songs, die erst mal grollen und toben, bis sie auch eine sanfte, einladende Seite zeigen.

Geboren wurde Nneka 1980 in Warri im Nigerdelta. Eine Region, der die Ölindustrie enorme ökologische und ökonomische Probleme bereitet. Bei dem Wort "Probleme" würde Nneka wohl nur verächtlich auflachen. Zu klein, zu verharmlosend. In ihren Songs singt sie davon, wie Ölkonzerne den Lebensraum von Mensch und Tier zerstören. Sie erzählt, wie die internationalen Firmen Gewinne machen, ohne die Bevölkerung zu beteiligen. Wie das Öl Beziehungen und die Gesellschaft zerstört. Musikalisch mischt sie dabei Reggae, HipHop, Soul und Afrobeat.

Nneka ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. 1999 verlässt sie Nigeria und kommt nach Hamburg. "Um zu studieren", liest man oft. Aber Nneka musste aus anderen Gründen gehen, deutet sie an. "Ich bin noch immer nicht in der Lage, meine wahre Geschichte zu erzählen", sagt sie. Was meint sie damit? Sie zögert und ergänzt dann nur: "Es waren sehr ungewöhnliche Umstände."

Ohne Gepäck kommt die damals 19-Jährige nach Deutschland, sie trägt nur ihre Schuluniform. Sie findet zuerst in einem Asylbewerberheim Unterschlupf, später in einer Jugendwohnung in Hamburg-Altona. In dem Viertel wohnt sie heute noch, wenn sie alle paar Monate in Deutschland zu Besuch ist. Von Hamburg aus kann sie die internationalen Promo-Termine für das neue Album besser wahrnehmen. Sie hat hier eine Wohnung, die sie untervermietet, wenn sie in Lagos ist.

Bevor sie sich auf das pinke Kinderrad setzt, warnt sie noch, sie sei nicht besonders flink unterwegs. Dann tritt sie in die Pedale und ist eine aberwitzige Fahrerin, die zwischen den Fußgängern hindurchsaust, sich aber immer brav entschuldigt, wenn sie doch mal einem zu nahe kommt. Im Vergleich zu ihrer Heimatstadt Lagos ist der Verkehr in Hamburg mühelos. In Lagos brauche sie für zwei Kilometer eine Stunde, erzählt sie. „Dann könnte ich ausflippen.“

Sie radelt durch die Straße, in der sie jahrelang gewohnt hat. "Wow! Das dort ist neu", ruft sie über die Schulter. Nein, die Häuser sind bloß gestrichen und haben neue Fenster bekommen. Die Seite Altonas, die an St. Pauli und nicht an die noblen Elbvororte grenzt, blieb von den Stadtplanern jahrelang unbeachtet. Die Mieten waren niedrig, der Ausländeranteil hoch. Als Nneka hier lebte, gab es kaum Deutsche, erzählt sie. Auch heute sind es vor allem türkische Gemüsehändler, Handyshops und billige Textilgeschäfte, die hier die Straßen säumen.

Und es gibt ein riesiges Baustellenloch, wo bis vor Kurzem ein ehemaliges Karstadt-Kaufhaus einem Künstlerverein Unterschlupf bot. Dort setzt die Stadt nun ihre Ikea-Baupläne durch, nach langjährig erbittert geführtem Widerstand der Altonaer Bürger. Auch Nneka weiß sofort Bescheid. "Ach, Ikea", sagt sie, hat aber nur einen kurzen Blick für die Bagger. Ihre Schüchternheit macht langsam Platz für die Nneka, die auch mal lächeln und albern sein kann.

Als ersten Halt ihrer Stadt-Tour schlägt sie einen Afro-Shop vor. Der Shop gehört einer Frau aus Ghana, die Nneka als "Sister" begrüßt. Durch Zufall hat Nneka den Laden entdeckt. In dem Haus, in dem sie damals wohnte, gab es viele ausländische Jugendliche, aber sie war die Einzige, die aus Afrika kam. "In der Jugendwohnung fanden sie mich merkwürdig. Ich war das seltsame afrikanische Mädchen, das vielleicht mit Voodoo hantierte." Ihre Ankunft in Deutschland war für sie ein harter Schnitt: "Ich fing bei Null an. Es war wie gerade aus dem Mutterleib gekrochen zu sein. Ich habe mich davor nicht mal selbst gekannt."

Stille ist nicht vorgesehen

Sehr schüchtern sei sie damals gewesen, fügt sie hinzu. Wer mehr als fünf Minuten mit ihr verbringt, merkt schnell, dass sie diese Eigenschaft auch heute noch nicht so leicht ablegt. Dabei kann ihre Zurückhaltung selbst auch einschüchtern. Wenn sie Zustimmung signalisieren will, nickt Nneka heftig. Sie ist aber auch sehr gut darin, gar nicht zu reagieren und mit einer Drastik zu schweigen, die ihr Gegenüber völlig verunsichern kann. Im Pop-Geschäft, in dem es nicht gerade an Selbstdarstellern mangelt, fällt sie mit der Zurückhaltung und ihrem Schweigen auf. Wer sich ein paar Interviews von ihr auf Youtube ansieht, kann sehen, wie sich die Fragesteller winden, um über die Momente des Schweigens hinwegzukommen. Stille ist in der Medienmaschine nun mal nicht vorgesehen.

An diesem Nachmittag in Hamburg spricht Nneka zunächst die ganze Zeit Englisch, obwohl ihr Deutsch tadellos ist. "Ich musste Deutsch lernen, um mich zurechtfinden zu können, nicht nur sozial, sondern auch einfach, damit mich keiner übers Ohr haut", sagt sie. Heute hat sie davor keine Angst mehr, aber in der englischen Sprache fühlt sie sich nach wie vor sicherer. Sie werde im Englischen nicht so leicht missverstanden. Das ist wichtig für sie, vor allem wenn sie von den politischen und gesellschaftlichen Zuständen in Nigeria erzählt.

Dass Nneka im Afro-Shop unvermittelt ins Deutsche wechselt, ist auch ein Zeichen, dass sie beginnt, sich in der Begleitung von Journalistin und Fotograf wohlzufühlen. "Hier, riech mal", sagt sie und hält etwas hoch, das wie ein in Pergamentpapier gewickelter Holzklotz aussieht. "Das ist schwarze Seife, völlig unbehandelt und super gegen Pickel." Sie streift weiter durch die Regale, auf der Suche nach einer bestimmten Körpermilch. Warum sie ihre Kosmetik hier kauft und nicht in Lagos? Sie zuckt mit den Schultern. "Hier ist die Auswahl größer. In den Läden in Lagos bekommst du die meisten dieser Produkte gar nicht“, erklärt sie. „Das sind Importe aus Frankreich und den USA, die gar nicht für den afrikanischen Markt gedacht sind."

Und dann zeigt sie auf ein Regal mit Produkten, die sehr wohl für den afrikanischen Markt gedacht sind: Bleichcremes. Die machen die Haut zwar heller, zerstören die Pigmentierung aber so stark, dass man sie nicht mehr direkten Sonnenstrahlen aussetzen kann. "Die Leute gehen dann nicht ohne Sonnenschutz aus dem Haus", sagt Nneka und schüttelt den Kopf. "Wir bleichen unsere Haut, um so zu werden wie ihr." Als sie damals nach Europa kam, habe sie weiße Haut auch bewundert, erzählt sie. Wegen ihrer deutschen Mutter ist ihre Haut allerdings relativ hell. In Nigeria fällt sie damit auf. "Die Leute erkennen mich auf der Straße auch, weil meine Hautfarbe ungewöhnlich ist."

Weiter geht es jetzt, raus aus dem Afro-Shop. Schon an der nächsten Ampel trifft Nneka einen guten Freund, den Drummer ihrer Band. Garry Sullivan, der sich als G-Man vorstellt, er kommt aus New York. "Right from the Bronx", betont er seine Street Credibility. Sullivan hat lange Rastazöpfe, ein sportliches Fahrrad und fragt, ob er sich anschließen darf. Klar darf er.

Kaffeepause. In der Fußgängerzone schieben sich Menschen mit Einkaufstüten, Kinderwagen und Fahrrädern durch den sonnigen Tag. Auch Nneka genießt die Sonne. Sie bestellt Karottenkuchen, aus dem sie winzige Stückchen puhlt. Ihre Turnschuhe hat sie ausgezogen und die ringelbestrumpften Füße auf einen Stuhl gelegt.

Ganz entspannt plaudert sie nun über den Alltag in Lagos. Darüber, wie die dauernden Stromausfälle den Alltag und ihr Songschreiben erschwert haben. "Wenn du dann nicht zu Hause oder bei der Arbeit, also in Sicherheit bist, hast du Probleme. Wir haben einen Generator, der übernimmt, aber es ist trotzdem störend, auch wenn ich mich dran gewöhnt habe." Problematisch wird es an Sonntagen. "Weil die Leute, die für den Generator zuständig sind, den ganzen Tag in der Kirche sind."

Trotz der Schwierigkeiten ist sie vor vier Jahren zurück nach Nigeria gezogen. War es die Sehnsucht nach der Heimat? "Nein", sagt sie und lacht. "Es war eher das Geld." Sie war ohnehin ständig in Nigeria unterwegs, die Flüge und Hotelkosten, um von Hamburg dorthin zu pendeln, wurden ihr einfach zu teuer. Sie mietete sich in Lagos ein Apartment. Länger als ein halbes Jahr ist sie aber selten weg aus Deutschland.

Ob ihr was aufgefallen ist, seitdem sie das letzte Mal in Hamburg war? "Spar heißt jetzt Edeka", antwortet sie sofort. Und dass sie mehr gemischtfarbige Paare sehe als früher. Das gefällt ihr. "Es zeigt, dass die Leute offener werden." Welche Veränderungen beobachtet sie umgekehrt in Lagos? "Dass jeder ständig auf seinem Blackberry herumtippt", sagt sie und verdreht die Augen. "Wirklich jeder hat eins und statt miteinander zu reden, wenn die Leute beisammen stehen, hantiert jeder mit diesem Teil rum. Ganze Unterhaltungen finden so statt." Sie finde das gruselig, sagt Nneka.

"The place to be"

Ein anderer Grund – und wohl der gewichtigere –, wieder in Nigeria zu leben, ist für sie die Botschaft ihrer Musik. "In meinen Songs spielt Nigeria eine so große Rolle. Ich singe über all die Korruption und die anderen Sachen, die dort an der Tagesordnung sind. Du musst Teil dessen sein, worüber du singt. In Deutschland bin ich das nicht länger gewesen."

Letztlich spielen beide Orte eine große Rolle für Nneka. Einen Tag vor dem Interview bekam sie die Nachricht, sie sei für den Nigerianischen Entertainment Award NEA nominiert. Die Verleihung sollte am nächsten Tag stattfinden. In New York. Warum ausgerechnet dort? "New York ist the place to be", sagt sie mit sarkastischem Unterton. Aber es tut ihr auch leid, die Einladung so kurzfristig nicht annehmen zu können. Gerade erst hat sie das Video für die neue Single abgedreht, die nächsten Tage muss sie Interviewtermine wahrnehmen. Keine Zeit für einen New-York-Trip.

Einen Moment lang kriegt Nneka wieder diesen trotzigen Zug um den Mund. Dann überlegt sie, dass sie eine Videobotschaft für die Verleihung aufnehmen könnte. Ihre Züge entspannen sich. Und dann kommen wieder die Grübchen zurück, die sich in ihre Wangen bohren, wenn sie lacht.

Verena Reygers arbeitet als Musikjournalistin in Hamburg. Auf freitag.de erscheint alle zwei Wochen immer montags ihre Kolumne über Frauen und Musik.

Nneka kommt 1999 als 19-Jährige aus Nigeria nach Deutschland. Erst dort entdeckt sie die Musik für sich und hat ihre ersten Auftritte auf Schulfeiern. Dann trifft sie den Hamburger Produzenten DJ Farhot. 2005 erscheint ihre erste EP The Uncomfortable Truth, im selben Jahr das Debütalbum Victim of Truth. Richtig bekannt wird Nneka drei Jahre später mit dem Album No Longer At Ease. Die Single "Heartbeat" wird ein internationaler Erfolg. Das Album wird auch in den USA veröffentlicht, und Nneka tourt mit großem Erfolg durch Städte wie San Francisco, Philadelphia und New York.

Ihren musikalischen Stil mischt Nneka aus Reggae, HipHop, Soul und Afrobeat. In ihren Texten klagt sie vor allem die politischen und sozialen Missstände in Nigeria an, singt aber auch über die eigene Zerrissenheit als Deutsch-Afrikanerin und die Gegensätze zwischen europäischem und afrikanischem Alltag.

Ihr Ende September erschienenes Album Soul is Heavy hat sie fast vollständig in Lagos geschrieben. Im Gegensatz zu der letzten Platte ist Nnekas Sound ausgeglichener, aber nicht weniger kraftvoll. Mit Unterstützung von Musikern wie Ms. Dynamite und Black Thought von The Roots schafft sie viel Raum für Soul und zurückgelehnten Reggae. Die erste Single, die so heißt wie das Album, widmet sich der rücksichtslosen Ölförderung internationaler Großkonzerne. Nneka beschwört in dem Song auch das Erbe nigerianischer Widerstandskämpfer wie Ken Saro-Wiwa, Isaac Boro und Jaja of Opobo. vr

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13:15 07.10.2011
Geschrieben von

Verena Reygers

Musikfetischistin, Feministin, Blames it on the Boogie
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