„Arzneien sollen helfen“

Im Gespräch Gesundheitsminister Daniel Bahr über die ­Freiheit der Ärzte und das Preisdiktat der Pharmaindustrie
Unser täglich Brot
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Der Freitag: In Deutschland werden immer mehr Pillen verordnet – mit tödlichen Risiken. Bis zu 25.000 Menschen pro Jahr sterben an gefährlichen Arzneimittel-Nebenwirkungen. Warum gibt es noch nicht einmal eine verlässliche Statistik für diese Todesfälle?

Arzneimittel sollen Menschen gesund machen und ihre Beschwerden lindern – und das tun sie ja auch. Viele Menschen könnten ohne Arzneien gar nicht leben. Aber leider haben Arzneimittel auch unerwünschte Wirkungen und führen manchmal sogar zum Tod. Jeder Tote ist einer zu viel. Es gibt eine Meldepflicht für schwerwiegende Arzneimittelnebenwirkungen, sogar schon für Verdachtsfälle. Aber selbst Experten haben es oft schwer, bei einem Todesfall oder einem gesundheitlichen Problem einen direkten Zusammenhang mit eingenommenen Arzneimitteln herzu­stellen. Aussagen über die Anzahl von arzneimittelbedingten Zwischenfällen sind deshalb unsicher und bleiben Schätzungen.

Ein Problem der Pillenvielfalt im Alter ist, dass viele verschriebene Arzneien gar nicht genommen werden. Was wollen Sie tun?

Das Problem besteht tatsächlich, und Apotheker und Ärzte müssen dies­bezüglich sensibilisiert werden. Zusammen mit ihnen arbeiten wir in einem Aktionsplan an der Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit. Für Patienten gibt es ein Merkblatt in Apotheken und Arztpraxen. Außerdem versuchen wir zu erforschen, wie man Patienten bewegt, notwendige Tabletten auch zu nehmen. Für die, die sehr viele Tabletten brauchen, arbeiten wir an einem Medikationsplan. Besonders wichtig ist mir ein Forschungsprojekt, mit dem wir mehr über die Polypharmazie und die Sicherheit der Arzneimittelanwendung in Alten- und Pflegeheimen erfahren wollen.

Der Verdacht liegt nahe, dass trotz aller Sparge­setze zu viel verschrieben wird. Wie wollen Sie auf Ärzte einwirken, um die Pillenlawine zu begrenzen?

Über die Verschreibung von Arzneimitteln entscheiden allein die Ärzte. Sie legen fest, welche Arzneimittel Patienten brauchen. Diese ärztliche Therapiefreiheit dient auch dem Patientenschutz, und die ist ein hohes Gut. Mit dieser Freiheit ist natürlich auch eine hohe Verantwortung verbunden. Es ist Aufgabe der medizinischen Fachkreise selbst, Hinweise und Leitlinien zu erarbeiten. In der gesetzlichen Krankenversicherung erstellt der Gemeinsame Bundesausschuss Richtlinien.

Apotheker kritisieren, die Rabattverträge trügen dazu bei, dass Patienten ihre Pillen nicht nehmen – weil sie Verwirrung stiften. Planen Sie Änderungen?

Rabattverträge gibt es schon seit mehreren Jahren, und die Apotheken haben die Patienten inzwischen aufgeklärt, dass es hier um identische Wirkstoffe geht. Durch Rabattverträge sparen die Beitragszahler pro Jahr nach Kassenangaben immerhin mehr als eine Milliarde Euro. Es werden allerdings aus der Praxis Probleme gemeldet. Der Präparateaustausch sollte in problematischen Fällen unterbleiben. Hier braucht es eine vernünftige Regelung.

In einer älter werdenden Gesellschaft müssen künftig Millionen Menschen auf Dauer eine Vielfalt an Wirkstoffen einnehmen. Ist das überhaupt bezahlbar?

Auch ein steigender Arzneimittelbedarf ist finanzierbar. Wir haben einen guten Mix an Maßnahmen, um Kosten zu begrenzen – Rabattverträge, Festbeträge und die Zuzahlungsbefreiung für besonders preiswerte Festbetragsarzneimittel. Und mit dem AMNOG haben wir endlich auch das Preisdiktat der Pharma- industrie für teure neue Arzneien gebrochen. Heute werden die Preise verhandelt. Die Sparbemühungen der letzten Jahre hatten Erfolg.

Daniel Bahr, 35, ist seit Mai 2011 Bundesgesundheitsminister. Zuvor war er bereits Parlamentarischer Staatssekretär im Gesundheitsministerium und gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag Die Fragen stellte Verena Schmitt-Roschmann

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Geschrieben von

Verena Schmitt-Roschmann

Verena Schmitt-Roschmann ist Ressortleiterin Politik des Freitag.
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Verena Schmitt-Roschmann

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