Verena Schmitt-Roschmann
14.06.2012 | 07:00 19

Arme Schlucker

Arzneimittel Gegen Bluthochdruck, Diabetes und andere Volkskrankheiten schlucken wir immer mehr Pillen. 25.000 sterben jährlich an Nebenwirkungen

Arme Schlucker

Illustration: Apfel Zet für der Freitag

Morgens sind es sechs, sagt Karl Schneider*. Fünf Milligramm Ramipril, 10 Milligramm Carmen, 20 Milligramm Torasemid, dann ASS100 und Antistax für die Venen. Das wären fünf. Der 73-Jährige überlegt einen Moment: Vitamin E schluckt er morgens auch noch. Dann sind da noch drei mal täglich die Carbamazepin-Tabletten für seine Trigeminusnerv-Entzündung. Und natürlich das Insulin. Fünf mal am Tag, zwei verschiedene Sorten. Selbst nachts um vier Uhr muss er sich spritzen, um den Blutzucker unter Kontrolle zu halten. Und abends dann Simvahexal als Cholesterinsenker.

Sein Drogenumschlagplatz ist die Schublade der Anrichte seiner Zwei-Zimmer-Wohnung. Dort verwahrt er seine Vorräte, sortiert seine Pillen und Beipackzettel. 40 Jahre lang war er Gärtner. Nun ist er Gesundheitsexperte – ein effizienter Manager der eigenen Pharmaverwaltung. „Der Junge kriegt nichts mehr zu essen, der frisst nur noch Tabletten“, flachst sein Lebenspartner Hans. Er meint es witzig, aber Karl kann darüber nicht lachen. „Ich weiß, dass ich das nehmen muss“, sagt er über seinen Medikamentencocktail. „Natürlich ist das auch immer Gift für den Körper. Aber ich denke mir, was soll’s, stirbt man halt irgendwann mal ein halbes Jahr früher.“

Aber ist das wirklich die Idee? War nicht das Ziel der Pharmazie, das Leben zu verlängern und Patienten gesünder zu machen? Kann das gut gehen, in das hoch komplizierte System Mensch sechs, acht, zehn verschiedene Medikamente hineinzukippen und auf Besserung zu hoffen? Immer mehr, immer vielfältiger, immer wirkmächtiger: 35 Milliarden Tagesdosen Medikamente wurden 2010 in Deutschland allein für die 70 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet. Seit Jahren tobt die Debatte um ausufernde Arzneimittelkosten, um Sparauflagen, Preissenkungen und Rabatte. Doch die zentrale Frage verschwindet dahinter: Macht das ganze Zeug uns arme Schlucker eigentlich gesund?

300.000 Risikofälle

Es sind vor allem ältere Menschen, die von dieser anschwellenden Pillenlawine überrollt werden. Die sogenannte Polypharmazie – das Einnehmen mehrerer Mittel nebeneinander – betrifft in erster Linie sie. Mehr als die Hälfte des Arzneimittelumsatzes in der gesetzlichen Krankenversicherung entfällt auf Patienten jenseits der 60, obwohl sie nur gut ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Cholesterinsenker und Blutdruckpillen, Blutverdünner und Schmerzmittel sind das Standardprogramm. Ein Drittel der Patienten über 65 Jahre nimmt dauerhaft vier Wirkstoffe oder mehr. Bei den über 70-Jährigen sind es nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bereits im Durchschnitt sechs Arzneimittel. Und dabei scheint keiner den Überblick zu behalten: Nach einer Studie des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin wissen Hausärzte bei 94 Prozent ihrer Patienten nicht genau, was sie alles für Medikamente nehmen.

Dabei sind die Gesundheitsgefahren eklatant. Schüchtert der Beipackzettel eines einzigen Schmerzmittels mit seinen Warnhinweisen schon einigermaßen ein, so steigt das Risiko von Neben- und Wechselwirkungen mit jedem zusätzlichen Wirkstoff steil. Bei drei Medikamenten sind es drei potenzielle Interaktionen, bei sechs bereits 15. Von denen, die sechs oder mehr Tabletten schlucken, leidet jeder Vierte nicht nur unter seinen Krankheiten, sondern auch unter unerwünschten Nebenwirkungen seines Pillencocktails, wie die KBV schreibt.

Auch Karl Schneider kennt das zur Genüge. Nach seiner Bypass-Operation vor fünf Jahren hätten ihn die Ärzte „vollgestopft mit Tabletten“, sagt der rundliche Mann mit den zurückgekämmten Haaren und dem Siegelring am kleinen Finger. 30 Medikamente am Tag oder mehr, bis Darmflora und Magen ruiniert waren. „Was ich alles gekriegt habe, kann ich Ihnen gar nicht sagen“, sinniert Schneider. Seit seinem 21. Lebensjahr leidet er unter Bluthochdruck, seit 17 Jahren unter Diabetes. Zu seinen Herzproblemen und den offenen Beinen kam zuletzt eine Entzündung des Trigeminusnervs, die keiner recht erklären kann und die ihm unerträgliche Kopfschmerzen bereitet. Die Ärzte wissen sich nicht anders zu helfen als mit dem Epilepsiemittel Carbamazepin, das einen ruhigstellt. „Diese Pillen sind schrecklich“, sagt Karl. „Da kannst du fünf Stunden auf dem Sofa sitzen und Löcher in die Wand schauen.“

Das vermeintlich kleinere Übel

Er kann sich vielleicht damit trösten, dass die Apathie im Vergleich zu dem stechenden Schmerz das kleinere Übel ist. Doch viele Patienten leiden durch falsche Arzneimittel tatsächlich weit mehr als vorher. So berichtete die Pharmazeutische Zeitung von einer 86-Jährigen, die von einem Mittel gegen Depression Halluzinationen bekam, deshalb stürzte und sich den Oberschenkelhals brach. Von den starken Schmerzmitteln nach der Operation in Kombination mit dem Antidepressivum bekam sie unter anderem Beinödeme. Schließlich ersetzten die Ärzte die Tabletten gegen andere – und alle Symptome verschwanden.

Der Bremer Arzneimittelexperte Gerd Glaeske verweist auf Schätzungen, dass jährlich bis zu 300.000 Patienten gefährliche Neben- und Wechselwirkungen erleiden. Bis zu fünf Prozent der Einweisungen in Krankenhäuser sind nur deshalb nötig, weil falsche, zu viele, zu wenige oder unverträgliche Arzneien genommen wurden. Seriöse Hochrechnungen gehen von bis zu 25.000 Todesfällen pro Jahr aus. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr kamen 2010 knapp 3.700 Menschen ums Leben. Im Gegensatz zur Verkehrsstatistik existiert jedoch keine verlässliche Zahl, wie der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe beklagt.

Krank durch Pillen, tot durch Pillen? Warum tun wir uns das an? Was bringt uns dazu, gutgläubig und über Jahre hinweg kiloweise Medikamente zu besorgen, zu horten und zu konsumieren? Der Verdacht fällt schnell auf den allmächtigen pharmazeutisch-industriellen Komplex. Der Umsatz im deutschen Apothekenmarkt ist nach Angaben des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) von 2001 bis 2010 um 30 Prozent gewachsen, und die Industrie will auch künftig jedes Jahr drei bis vier Prozent mehr umsetzen. Allein in der gesetzlichen Krankenversicherung wuchsen die Ausgaben von 2000 bis 2010 um rund zehn Milliarden Euro auf 32 Milliarden. Jährlich zücken Ärzte nach Daten des Arzneimittelverordnungsreports 626 Millionen Mal den Rezeptblock, und die Zahl der Arzneimittel-Tagesdosen stieg allein binnen eines Jahres um 1,2 Milliarden oder 3,5 Prozent. Vor allem die großen Volkskrankheiten treiben das Wachstum im Pharmamarkt: Unter den Top 20 der meistverordneten Medikamente sind allein vier Wirkstoffgruppen gegen Bluthochdruck. Ganz oben stehen auch Diabetespräparate, Rheumamittel und Arzneien gegen Magengeschwüre, Asthma und Psychosen.

"Der Einfluss der Pharmaindustrie ist enorm"

Pharmakritiker wie die Ärzteorganisation IPPNW beklagen seit Jahren den von Eigeninteressen gesteuerten Einfluss der Industrie: geschönte Studien, milliardenschwerer Marketingaufwand und 20.000 Pharmareferenten, die die Doktoren im Land zum Verschreiben der eigenen Pillen drängen. Entscheidend ist zudem die Festlegung medizinischer Standards. Ab welchem Wert ist Bluthochdruck behandlungsbedürftig? Welcher Cholesterinpegel gilt als gefährlich? „Der Einfluss auf die medizinischen Fachverbände und Fachzeitschriften ist enorm, und nahezu alle medizinischen ‚Experten’ stehen in irgendeiner Abhängigkeit zur Industrie, von der sie finanziell profitieren“, monierte schon vor einiger Zeit der IPPNW-Experte Dieter Lemkuhl. Auch der Deutsche Ärztetag kritisierte 2009, die Pharmaindustrie übertreibe oft positive Ergebnisse von Arzneistudien und spiele negative herunter. „Leitlinien werden von diesen veröffentlichten Studienergebnissen unkritisch tendiert verabschiedet“, heißt es in dem Beschluss. Trotzdem will Gesundheitsminister Daniel Bahr es weiter den „Fachkreisen“ selbst überlassen, sich auf Leitlinien zu einigen.

Dass die Pillenindustrie bei Behandlungsempfehlungen „Druck ausübt“, vermutet auch der Hausarzt Frank Fechteler. Er selbst sei ja kein lohnendes Ziel für Pharmareferenten, erzählt er lachend nach Dienstschluss in seiner Berliner Praxis. Für die sei viel wichtiger, „dass die Meinungsbildner überzeugt werden“, vor allem in Fachgesellschaften und Krankenhäusern. Sind medizinische Leitlinien oder Empfehlungen erst einmal formuliert, sind Ärzte wie Fechteler daran gebunden: „Ich kann mich nicht aufgrund persönlicher Erfahrung über Leitlinien hinwegsetzen.“

Die Einhaltung dieser Vorgaben treibt dann mitunter kuriose Blüten. Reiner Tippel zum Beispiel nimmt inzwischen sechs verschiedene Blutdrucksenker, um irgendwie unter die für ihn geltende Norm zu kommen. Der 58-Jährige leidet seit seiner Kindheit an Diabetes, den er mit diversen Insulinpräparaten ganz gut unter Kontrolle hat. Nur den für sein Alter und sein Krankheitsbild vorgeschriebenen Blutdruckwert von 120 zu 90 erreicht er auf Biegen und Brechen nicht. „Es gibt Tage, da ist er deutlich höher“, sagt Tippel. Ein paar mal hat er die Arzneien schon gewechselt und sogar hin und wieder den Arzt, um das Problem in den Griff zu bekommen. Nebenwirkungen wie Schwindel oder geschwollene Füße nimmt er in Kauf. Und warum das alles, für eine scheinbar willkürlich gesetzte Norm? „Ich mache das, was der Arzt mir empfiehlt“, sagt Tippel. Aber da ist noch etwas: „Es gibt einen starken Anreiz, denn ich will Herzschäden oder einen Schlaganfall vermeiden.“

Die Sehnsucht nach Heilung

Und so wirkt im deutschen Gesundheitswesen bei der ganzen Pillenschluckerei noch ein weit mächtigerer Einfluss als die Pharmaindustrie: Angst. Oder sagen wir es so: Es ist die Sehnsucht, wieder heil zu sein. Es ist die Erfahrung, dass der eigene Körper nicht mehr zuverlässig funktioniert, dass nicht alles jeden Tag immer von alleine weitergeht, dass der Tod schon einmal nahe war. Und es ist das Versprechen, dass mit ein paar Gramm gepressten weißen Pulvers alles wieder gut wird. „Auf sich selbst kann man sich nicht mehr verlassen, da wirken die Medikamente wie ein Sicherheitsnetz“, so beschreibt es Fechteler. „Da steckt wahnsinnig viel Vertrauen drin. Und das ist auch berechtigt: Es hilft ja auch.“

Noch in den siebziger Jahren galt für den Blutdruck die Regel: 100 plus das jeweilige Lebensalter. Heute käme ein 70-Jähriger mit 170 Blutdruck durch keine Kontrolle. „Man hat einfach gesehen, wenn man das so macht, dann sterben die Leute früher“, sagt Fechteler. „Ein behandelter Blutdruck schenkt zehn Jahre.“ Dass scheinbar jeder über 65 heute Blutdrucksenker, Blutverdünner und Cholesterinsenker verschrieben bekommt, liegt aus seiner Sicht nicht nur an den immer detaillierteren und immer niedrigeren Sollwerten, sondern auch an der feineren Diagnostik: Ständig wird gemessen, überhöhte Werte werden entdeckt und sofort behandelt, vorsorglich, auch ohne Beschwerden. Es ist – neben einem großartigen Geschäft für die Pharmaindustrie – eben auch die Umsetzung eines Ideals moderner präventiver Medizin.

Zum Problem wird dieses Ideal, wenn mehrere Krankheiten zusammenkommen, und so ist es eben bei vielen Älteren, wenn das Herz schwach ist und das Cholesterin hoch, die Gelenke schmerzen und die Nieren immer schlechter funktionieren. „Man will ja versuchen, das Erkrankungsbild des Patienten so gut wie möglich und nach den Regeln der Kunst zu behandeln“, gibt Fechteler zu bedenken. „Nach den Richtlinien sind verschiedene Schritte vorgegeben, die jeder für sich auch sinnvoll sind.“

Der Pillenberg ist unheimlich

In der Summe allerdings fügen sich die einzelnen Therapien bisweilen zu einem monströsen Pillenberg, der auch vielen Medizinern unheimlich ist. „Man hat das Gefühl, wenn ein Patient mit zwölf Medikamenten aus dem Krankenhaus entlassen wird, müsste man ihn sofort wieder einweisen, um die Wechselwirkungen zu kontrollieren“, sagt der Hausarzt Carl-Heinz Müller, der im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sitzt. Sein Kollege Leonhard Hansen gab schon vor Jahren die Losung aus, fünf Wirkstoffe seien genug, damit Patienten nicht krank therapiert würden. Durchgesetzt hat er sich nicht. Pharmaindustrie und Apotheker halten kräftig dagegen und finden, in Wirklichkeit werde noch viel zu wenig genommen. „Nur jeder vierte Bundesbürger mit Bluthochdruck wird dauerhaft ausreichend behandelt“, warnte Anfang Juni noch einmal die Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände.

Erst langsam nimmt die Debatte Fahrt auf, wie man damit umgeht, wenn zehn, 15 oder 20 Präparate zusammenkommen – und die unter dem Pillenberg verschütteten Kranken die weiße Fahne hissen. „Wie kommen wir gemeinsam zu einer Reduzierung der Medikamente, weil Patienten sagen: Bis hierher und nicht weiter?“, fragt die Kölner Versorgungsforscherin Ingrid Schubert, die zusammen mit Kollegen an einer Leitlinie für „Multimedikation“ arbeitet. Bisher werde in klinischen Studien die „Multimorbidität“ – die Vielzahl von Krankheiten im Alter – kaum berücksichtigt. Die Entscheidung, ob Medikamente verzichtbar sind, müsse sich nach dem Patienten richten, findet Schubert: Ein längeres Leben? Oder ein besseres? Und der Kranke dürfe nicht das Gefühl bekommen, ihm werde etwas vorenthalten.

Einfach mal eben Pillen abzusetzen, das trauen sich jedenfalls die wenigsten Ärzte – am Ende kommt der Sohn oder die Schwiegertochter und zerrt den Mediziner wegen eines Kunstfehlers vor Gericht. Dann doch lieber schlucken lassen. Hausarzt Fechteler erzählt von einem 81-Jährigen, der einen Tumor und eine Herzerkrankung und die chronische Lungenkrankheit COPD hat. Einschließlich Chemotherapie und Schmerzbehandlung kommt der Mann auf täglich zehn Tabletten. „Da können Sie auch keine von weglassen“, ist sich Fechteler sicher. Zum Glück sei der alte Mann topfit und führe genau Buch über seine Hausapotheke: „Man muss da zum eigenen Case-Manager werden.“

Treulose in der Therapie

Viele schaffen das – Menschen wie Fechtelers Patient oder Karl Schneider oder Reiner Tippel, die sich bis ins Kleinste mit ihren Leiden beschäftigen und diszipliniert und uhrwerkgleich ihren Medikamentenplan abarbeiten. Viele allerdings – auch das weiß jeder Arzt und jeder Apotheker – fügen sich eben doch nicht in das ihnen auferlegte Regime. „Compliance“ heißt das Schlüsselwort oder neuerdings „Adherence“ – das klingt nicht ganz so autoritär. Es geht jedenfalls darum, ob die Patienten sich dem Rat und den Ermahnungen ihrer Ärzte tatsächlich beugen. Fechteler verweist auf Untersuchungen, wonach schon ab drei verschiedenen Tabletten die „Therapietreue“ dramatisch abnimmt. Die KBV schätzt, dass tatsächlich die Hälfte aller verschriebenen Medikamente nicht genommen wird. Und das, so heißt es in anderen Studien, koste das Gesundheitssystem jährlich bis zu zehn Milliarden Euro.

Ein Teil ist sicher Vergesslichkeit. Viele Patienten lassen einzelne Pillen aber auch ganz bewusst weg – weil ihnen Nebenwirkungen nicht passen oder weil sie sie für unnötig halten. Klassisches Beispiel der Blutdrucksenker, der die Potenz schwächt. Oder das Ibuprofen gegen Rückenschmerzen, das brav und auf Dauer und in hoher Dosis genommen wird, während der Patient auf den dazu verschriebenen Magenschutz Omeprazol verzichtet.

Hoffnungsfroh interpretiert könnte das heißen, dass sich viele Patienten – zum Schrecken ihrer Ärzte übrigens – eben doch nicht dem Pillendiktat dunkler Mächte oder wohlwollender Autoritäten beugen, sondern nach eigenem Kopf oder Bauch entscheiden, was ihnen guttut. Einige allerdings, der Verdacht liegt nahe, verlieren im komplizierten System der Rundumversorgung wohl auch schlicht den Überblick. KBV-Vorstand Müller erzählte neulich auf einer Tagung von einer Patientin, bei der er bei einem Hausbesuch Omeprazol von sieben verschiedenen Herstellern fand. Davon waren fünf Packungen angebrochen, und die Patientin nahm dasselbe Magenmittel in unterschiedlichen Formen parallel, ohne sich darüber im Klaren zu sein.

"Es gibt großen Ärger"

Kritiker schieben das auf die umstrittenen Rabattverträge, nach denen ein Wirkstoff nur von dem für die Krankenkasse billigsten Hersteller abgegeben werden darf. Praktisch heißt das: Öfter mal was anderes. Was die Krankenversicherer als eine Errungenschaft der Kostensenkung loben, treibt Ärzte und Apotheker in den Wahnsinn, weil sie ihren Patienten immer wieder aufs Neue erklären müssen, dass die unterschiedlich aussehenden Pillen mit demselben Wirkstoff im Prinzip alle gleich sind. Einige Apotheker mutmaßen, die Rabattverträge kosteten mehr Geld als sie einsparten, weil die Austauschpräparate nicht geschluckt werden, sondern zuhause vor sich hingammeln.

In diese Richtung gehen auch die Erfahrungen von Karin Stötzner, der Berliner Patientenbeauftragten. In ihren Sprechstunden sind die Rabattverträge ständiger Anlass zur Klage. „Das gibt großen Ärger“, berichtet Stötzner. „Sie kriegen nicht mehr ihr eigenes Mittel und haben Sorge, dass sie aus Kostengründen billige Medikamente bekommen, die nicht dieselbe Wirkung haben.“ Dagegen sind Polypharmazie, Nebenwirkungen, falsche Verordnungen oder tödliche Risiken in ihrer Beratung kein Thema. Die Deutschen fürchten wohl vor allem, dass sie nicht genug bekommen oder nicht das Richtige oder irgendwelchen billigen Kram. Zu wenig für die Gesundheit, zu wenig fürs Geld. Das scheint vielen weit schlimmer als zu viel.

*Die Namen des Patienten und seines Partners sind geändert

Kommentare (19)

heidenplejer 14.06.2012 | 11:31

Danke für die gründliche Zusammenstellung, die dem Leser garnicht oft genug vor Augen geführt werden kann.

Bei der Polypragmasie braucht es leider keine Pharmakonzerne, die funktioniert auch so. In der DDR waren ältere Patienten mit Medikamentenlisten mit bis zu 12 verschiedenen Substanzen medizinischer Alltag und der Spruch schon immer und bis heute aktuell: Man muß sehr gesund sein, um das alles zu vertragen. Wer regelmäßig zu vielen Ärzten geht, bekommt auch regelmäßig etwas aufgeschrieben - ein Arzt, der nichts rezeptiert, hat die Klagen des Patienten nach landläufiger Meinung einfach nicht ernst genommen: gehn wir halt zum nächsten. Der Markt bleibt aufnahmebereit. -

Das ist alles in hohem Maße irrational. Ich hoffe sehr, dass Ihr Artikel zu einem grundlegenden Wandel führt.

chaoze 15.06.2012 | 01:31

Die Machenschaften der Pharmaindustrie und teilweise fahrlässigen Medikamentenverordnungen von Ärzten werden hier zurecht kritisiert. Leider wird sich oft zu wenig Zeit genommen, um einen Patienten richtig individuell zu behandeln... Aber wenn ein Herzkranker nicht seine Medis nimmt (wie Blutdrucksenker, Blutverdünner oder Antiarrhythmikas), geht er halt ganz schnell hops und das auch im jungen Alter! Bestimme Medis sind nunmal überlebenswichtig, ohne sie würde unser Alterdurchschnitt ganz schnell in vergangene Zeiten rutschen! Das wird in dem Artikel schön unter den Teppich gekehrt...

j.kelim 15.06.2012 | 01:40

England will Medikamente mit Mikrochips versehen

Unter dem Vorwand, Patienten an die verordnete Einnahme ihrer Medikamente erinnern zu wollen, werden in Großbritannien bis Ende 2012 Medikamente mit einem neuen Mikrochip namens Helius oder Raisin Personal Monitor ausgestattet. Der Chip wurde von der kalifornischen Firma Proteus Biomedical entwickelt… Durch die zusätzliche Helius-»Smart Pill« wird den Menschen das Recht genommen, selbst darüber zu bestimmen, auf welche Weise sie für ihre Gesundheit sorgen.
…Es heißt, der Helius-Chip werde den Menschen bei der persönlichen Gesundheitsfürsorge beistehen, indem er daran erinnere, verordnete Medikamente einzunehmen und damit Pflegekräfte und entfernt lebende Familienmitglieder entlaste, die sich vielleicht nicht täglich um ihre Angehörigen kümmern können. Werde ein Medikament, auf dem der Helius-Chip angebracht ist, geschluckt, aktiviere dieser ein Hochfrequenzsignal im Körper des Patienten, das von einem Gerät im oder am Körper erfasst werde, erklärt ein Vertreter von Proteus Biomedical. Der Betreffende trägt dann einen kleinen Monitor, ähnlich einem Heftpflaster, der das von dem Medikament ausgesendete Signal auffängt und Zeit sowie Art des Medikaments speichert.
Der Monitor – Gesundheitsbegleiter – kann auch andere wichtige vitale Signale erfassen, wie etwa Herzschlag, Atmung, Körperhaltung, Temperatur, Schlafmuster … Die Daten werden über das Handy des Patienten ins Internet hochgeladen. Patienten haben die Möglichkeit, die Daten an Familienmitglieder, Ärzte und andere weiterzuleiten.
…So könnten etwa Daten über verschiedene Krankheiten und mögliche Änderungen des Lebensstils erfasst werden… Auch der Geisteszustand ließe sich überwachen. Überlegen Sie nur, was es bedeutet, überwacht und zur regelmäßigen Einnahme Psychopharmaka veranlasst zu werden
Quelle:
igelin.blog.de/2012/02/09/england-medikamente-mikrochips-versehen-12730012/

abghoul 15.06.2012 | 01:48

Ich habe da so eine Mutation mit meinem Hirn die epileptische Anfälle verursacht. Inoperabel.
Und die Anfälle sind mit potenziellem Sachschaden inclusive.
Das brave Medikament das sie mir geben, zur Maximaldosis mittlerweile, wirkt nicht wirklich überzeugend (Ursache der Anfälle bekannt für medizinresistenz), aber sollte ich Sachschaden verursachen muss ich sofort meinen Blutspiegel nachweisen,-habe ich das Medikament nicht genommen bekomme ich rechtliche Probleme.
Lehne ich die Medikamente insgesamt ab, kann meine Freiheit durch ebendieselben Anfälle arg eingeschränkt werden.
Personen sind bisher wohl noch nicht zu schaden gekommen, ich kann mich aber sowieso nicht erinnern, ein kleiner Bonus meiner Mutation.
Also brav die Pillen essen und behaupten alles wär in Ordnung.
Sonst gibts eine neue Sorte mit neuen Nebenwirkungen.
Ausserdem kostet ein son 100er Pack 187€ und irgendwovon muss ja auch die Pharmaindustrie leben...
greetings from the pit
abghoul

Lieschen 15.06.2012 | 02:04

Frau Schmitt-Roschmann schrieb:

„'Ich mache das, was der Arzt mir empfiehlt', sagt Tippel. Aber da ist noch etwas: 'Es gibt einen starken Anreiz, denn ich will Herzschäden oder einen Schlaganfall vermeiden.'“

Na so ein Dummerchen, schluckt der doch tatsächlich die Produkte der Pillenmafia, um einen Schlaganfall zu vermeiden. Und der Arzt steckt natürlich wie immer mit der Pillenmafia unter einer Decke! Skandal!

Und nochmal Frau Schmitt-Roschmann:

"Und so wirkt im deutschen Gesundheitswesen bei der ganzen Pillenschluckerei noch ein weit mächtigerer Einfluss als die Pharmaindustrie: Angst. Oder sagen wir es so: Es ist die Sehnsucht, wieder heil zu sein... 'Auf sich selbst kann man sich nicht mehr verlassen, da wirken die Medikamente wie ein Sicherheitsnetz', so beschreibt es Fechteler. 'Da steckt wahnsinnig viel Vertrauen drin. Und das ist auch berechtigt: Es hilft ja auch.'"

Es HILFT? Medis HELFEN? Pfui Teufel, Pharmaknecht!

Frau Schmitt-Roschmann (schöner Doppelname übrigens - gezielt geheiratet?), zu Ihren Gunsten und bis zum Beweis des Gegenteils (in dubio pro dingsbums also) gehen ich davon aus, dass der Text eine Satire sein soll, eine Persiflage auf einen besonders schweren Fall von chronischem bildungsbürgerlichem Schwachsinn.

merdeister 15.06.2012 | 12:11

Guten Tag Frau Schmitt-Roschmann,

das Anliegen Ihres Artikels ist wichtig, da besteht gar kein Zweifel, allerdings versuchen Sie zu viele Probleme auf einmal anzusprechen, was den Text meiner Ansicht nach den nötigen Tiefgang fehlen lässt. Außerdem werfen Sie Dinge durcheinander, so das ein falscher Eindruck entsteht, in den Kommentaren klang das hier und da bereits an.

So führen Sie Beispiele von Patienten an, die mehr als 5 Medikamente pro Tag nehmen müssen, allerdings nicht die 15 oder 20 verschiedenen, die an anderer Stelle im Text genannt werden.

So nimmt Herr Schneider 7 Medikamente inklusive Insulin. Zwei davon kann man aus medizinischer Sicht wahrscheinlich ohne Probleme absetzen, nämlich Vitamin E und Antistax. Die Frage ist, ob das Medikamente sind, die der Patient sich wünscht, Vitamine haben noch immer einen guten Ruf und Antistax scheint ein pflanzliches Präparat zu sein. Interessant wäre die Frage gewesen, warum Herr Schneider die beiden Präparate nimmt.
Bleiben noch fünf Medikamente, von denen das Insulin lebensnotwendig ist. Hinzu kommen drei Medikamente für den Blutdruck (da wäre noch Luft nach oben) und eines um die Herz- und Schlaganfälle zu verhindern. Alle diese Medikamente haben in großen Studien gezeigt, dass sie das Leben von Menschen verlängern. Dafür muss man unter Umständen die genannten Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Wenn man das nicht möchte, muss man das Risiko in Kauf nehmen, früher zu sterben. Herr Schneider möchte das nicht, ich frage mich also, wieso er ein Beispiel dafür ist, "wie Pharmakonzerne mit uns (unlautere?) Geschäfte machen."
Die Tatsache, dass Herz-, Blutdruck- und Diabetesmedikamente so häufig verschrieben werden, liegt daran, dass es sich um häufige Erkrankungen handelt (nicht umsonst sagte man "Volkskrankheit"). Diese Erkrankungen ließen sich in vielen Fällen durch Umstellung des Lebensstils verhindern bzw. heilen, doch offenbar sind viele Menschen entweder nicht in der Lage oder nicht bereit dazu. Zeitmangel auf Seiten der Ärzte mag ein weiteres Problem darstellen.

Interessant hätte ich gefunden, wenn Sie die Praxis beleuchtet hätten, Medikamente auf den Markt zu bringen, die nur für einen kleinen Teil der Patienten mit Hochdruck einen Nutzen bringen, dafür aber wieder unter Patentschutz stehen, also mehr Gewinne bringen (die meisten von Ihnen genannten Medikamente sind ziemlich billig). Mich würde interessieren, ob die Konzerne, wenn sie die Medikamente erst einmal bei dieser kleinen Patientengruppe etabliert haben, versuchen den Gebrauch auszudehnen, auf Patientengruppen, die in den Studien nicht profitiert haben (Off-Label-Use). Mich würde interessieren, ob die Konzerne ähnliche Methoden anwenden, wie beim Krebstmittel Avastin. Dort hat man angeblich Vorträge bei Betroffenengruppen organisiert, damit die zu ihrem Arzt gehen und die Behandlung mit Avastin fordern, obwohl das Mittel bei Ihrem Krebs keinen Vorteil bringt.

Die Aussage, mehr als 5 Medikamente solle niemand nehmen, habe ich ebenfalls schon von Chefärzten gehört. Leider ist der einzelne Arzt ziemlich alleine bei der Entscheidung, welche Medikamente er denn absetzen soll. Mich hätte interessiert, ob es dazu Forschung gibt. Gibt es Wissenschaftler die sich damit beschäftigen, welche Medikamente man am ehesten Absätzen kann, eine Art "Hierarchie der Pharmakologie". Denn wenn sich Ärzte ausschließlich auf ihre Erfahrung verließen, war das Ergebnis in der Vergangenheit häufig überraschend. Vielleicht würde man bei Herrn Schneider am ehesten auf Torasemid verzichten, weil es als Einzelsubstanz in Studien den geringsten Effekt auf das Überleben hat. In Wirklichkeit müsste man aber Ramipril absetzen.

In der Form steht in dem Artikel nicht viel Neues, es wirkt ein bisschen, als hätte da jemand entschieden, es stünde dem Freitag gut zu Gesicht auch einmal etwas pharmakritisches zu schreiben. Da würde ich auch zustimmen, doch vielleicht hätte es etwas strukturierter sein können.

Lieschen 15.06.2012 | 15:24

@ merdeister
Schöne und ausführliche Analyse (und so vornehm und zurückhaltend!)

Zum Thema "Pharamkritisches": Natürlich sind Pharmaunternehmen nicht durch die Bank moralische Überflieger. Man sollte aber nicht vergessen, dass diese Firmen Produkte herstellen, die Millionen und Abermillionen Menschen das Leben retten. Gesundheit ist, abgesehen von der schieren Existenz, das höchste Gut, über das ein Mensch verfügt. Da ist es doch nur logisch, dass Firmen, die auf diesem Gebiet arbeiten, auch ordentlich verdienen. Man muss auch sehen, dass das Pharamgeschäft im Vergleich zu anderen Branchen besonders risikoreich ist, so dass die Aktionäre mit Recht auch eine überdurchschnittliche Rendite erwarten (sonst würde gar niemand erst in solche Firmen existieren und all die schönen Medis gäbe es gar nicht).

Außerdem: wenn es um Pharmaunternehmen geht, wird immer so getan, als gäbe es nur die Großkonzerne mit ihren Lobbyisten-Armeen, Tatsache ist aber, dass diese Branche in der Breite von kleinen Firmen und Mittelständlern dominiert wird, deren Besitzer oftmals hohe persönliche Risiken eingehen.

bertamberg 18.06.2012 | 21:59

Wenn man auch mit Recht darauf verweisen mag, dass Nebenwirkungen Todesfälle nach sich ziehen, weitgehend unterdrückt ist der Fakt, dass die meisten erfassten Patienten starben, obwohl die Arzneien korrekt verordnet worden waren. Insofern täuscht dier Satz

“Bis zu fünf Prozent der Einweisungen in Krankenhäuser sind nur deshalb nötig, weil falsche, zu viele, zu wenige oder unverträgliche Arzneien genommen wurden.” vor, Probleme seien die Ausnahme.

Da Grundproblem ist, dass nach Julius Hackethal infolge einer “Normomanie” seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts Symptome nicht mehr als “Heilsymptom” oder “Unheilsymptom” differenziert werden, sondern “jedes Abnormsignal [als] Feindsignal und als solches vorbehaltlos zu normalisieren” war.

Solange dies nicht reflektiert wird, befindet sich die Medizin in der Sackgasse der Antimittelgabe.

bertamberg 18.06.2012 | 22:01

Nochmals etwas augenfreundlicher:

Wenn man auch mit Recht darauf verweisen mag, dass Nebenwirkungen Todesfälle nach sich ziehen, weitgehend unterdrückt ist der Fakt, dass die meisten erfassten Patienten starben, obwohl die Arzneien korrekt verordnet worden waren. Insofern täuscht der Satz “Bis zu fünf Prozent der Einweisungen in Krankenhäuser sind nur deshalb nötig, weil falsche, zu viele, zu wenige oder unverträgliche Arzneien genommen wurden” vor, Probleme seien die Ausnahme.

Da Grundproblem ist, dass nach Julius Hackethal infolge einer “Normomanie” seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts Symptome nicht mehr als “Heilsymptom” oder “Unheilsymptom” differenziert werden, sondern “jedes Abnormsignal [als] Feindsignal und als solches vorbehaltlos zu normalisieren” war.

Solange dies nicht reflektiert wird, befindet sich die Medizin in der Sackgasse der Antimittelgabe.

bertamberg 19.06.2012 | 18:36

...kein Kommentar zu Posting möglich, Beitrag gerade abgestürzt. Und nochmal: Bei Hackethals Medizinkonzept gibt es nichts was einfach ist. Macht es einen Unterschied, ob er sich einfach geirrt hat oder mehrach oder grundsätzlich?Antimittel bedeutet: Gegen den Bluthochdruck wird ein Blutdrucksenker verordnet. Gegen das Fieber wird ein fiebersenkendes Mittel eingesetzt.Wenn jemand jahrelang kein Fieber mehr hatte und dann Krebs bekommt, warum nur schwören viele ganzheitliche Krebstherapeuten darauf, diese Menschen einer künstlichen Fiebertherapie zu unterziehen, die Sie "Hyperthermie" nennen? Ging dem vielleicht ein zuviel an Ant-Fieberbehandlung voraus?

weinsztein 21.06.2012 | 02:42

@merdeister kommentiert, stellt grundsätzliche Fragen zum Artikel, Autorin Verena Schmitt-Roschmann antwortet nicht. Das ärgert mich, weil es schade ist und die Diskussion hemmt.

"Nahrungsergänzungsmittel" wie Magnesium, Vitamin-E-Kapseln, Gingko-Pillen, Antiagingzeug usw. aus dem Supermarkt ergänzen meist den ärztlich verordneten Pillencocktail. Ist das nicht ein weiterer Gefahrenherd?

merdeister 22.06.2012 | 18:30

Ich hatte ehrlich gesagt keine Antwort erwartet^^

Aber wo wir gerade hier sind. OT: Was das Hähnchenfleisch angeht, sieht es so aus, als hättest Du Recht und ich Unrecht wenn es um die Übertragung von Resistenten Keimen beim kochen geht. Die Gefahr scheint nicht so groß zu sein. Es gab eine Studie aus England dazu, mir fehlt aber gerade die Zeit das vernünftig aufzuarbeiten. Aber das wollte ich Dir eben mitteilen.