Gemütlich dynamisch

Schwergewicht Peter Altmaier ist ein kurioser neuer Politikertyp – oder ein antiquierter. Jetzt nimmt er sich die Energiewende vor
Gemütlich dynamisch
Illustration: Jan Stoewe für der Freitag

Auf Socken und hemdsärmlig steht Peter Altmaier im Gang eines schwankenden Kleinbusses auf der A2, rechts einen Kaffeebecher in der Hand, links ein Käsebrötchen, und schon ist er mitten im Thema. Es geht um seinen neuen Job, um den Netzausbau, die Erneuerbaren und natürlich um sein Interview vergangene Woche in der Bild am Sonntag, mit dem er einige Unruhe gestiftet hat: Stellt inzwischen sogar der Bundesumweltminister die Ziele der Energiewende öffentlich infrage? Doch Altmaier gibt sich völlig entspannt. „Mein Ziel war es, mich ehrlich zu machen“, sagt der CDU-Politiker schlicht. Und das hat nicht nur mit seinem Naturell zu tun, mit seiner katholischen Erziehung oder seinem Image als großer Kommunikator, sondern vor allem mit Strategie.

Sieben Wochen nach der Amtsübernahme ist der Nachfolger des geschassten Wahlverlierers Norbert Röttgen an diesem Morgen unterwegs zum Antrittsbesuch beim sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff – als würden sich die beiden Duzfreunde nicht schon seit Jahren kennen und fabelhaft verstehen am fast ideologiefreien Rand der Christlich Demokratischen Union. Aber egal. Politik lebt von Symbolen, von Ritualen, und ja: von Öffentlichkeit. Und so hat der Saarländer einige Journalisten mit auf Tour genommen, hat sogar höchstpersönlich beim Bäcker Frühstück für alle besorgt, und erzählt nun ausgiebig und eindringlich über das, was er im Umweltministerium vorgefunden hat und wie es weitergehen soll.

Es wird hart werden in den kommenden Monaten, Altmaier braucht Verbündete. Kurzfristig will der 54-Jährige nächste Woche erst mal verkünden, was er in den paar Monaten bis zum Ende der Legislatur überhaupt noch schaffen kann. Ein Zehn-Punkte-Programm hat er in Aussicht gestellt. Die Punkte Wertstofftonne („gehen wir an“) und Kohlendioxid-Speicher („kaum realistisch“) hat er schon abgehakt. Außerdem liegt Altmaier mit SPD und Grünen in den letzten Zügen der Verhandlungen über ein Endlagersuchgesetz, das er ebenfalls für Ende Juli angekündigt hat. Wie die Sache steht, will er nicht sagen. Aber klar ist, dass ein Kompromiss in der Frage nach Jahrzehnten der Anti-Gorleben-Proteste ein Durchbruch wäre und eine mächtige Entlastung vor allem für die Union vor den Wahlen in Niedersachsen im Januar und im Bund in einem Jahr.

„Jetzt brauche ich mein Jackett“

Ist das Thema abgeräumt, bleibt für den Wahlkampf vor allem noch eine innenpolitische Gefahrenzone: der von Schwarz-Gelb erst abgewürgte und dann vor einem Jahr neu gestartete Atomausstieg. Und die Strompreise. Schon im Oktober dürfte neues Gezeter über die steigenden Kosten des Ökostrom-Booms losbrechen. Die Gegner bringen bereits die großen Geschütze in Stellung. Altmaier weiß, am Ende wird es auf ihn zurückfallen, ob die Energiewende die breite Unterstützung der Wähler verliert, ob sie im Streit untergeht oder zumindest erste Fortschritte macht.

Deshalb baut er vor und gibt schon mal zu Protokoll, dass einiges nicht im Plan liegt – zufällig vor allem Dinge, für die der Bundesumweltminister gar nicht zuständig ist: Stromsparen, Netzausbau, Elektroautos, Gebäudesanierung. Der zweite Teil seiner Strategie heißt: reden, reden, reden. Unermüdlich ist er in diesen Tagen unterwegs, um Themen und Leute kennenzulernen, um Interessen auszuloten und auszugleichen, Konflikte zu entschärfen.

Dass er damit bisher recht erfolgreich ist oder jedenfalls ganz anders als sein zuletzt völlig isolierter Vorgänger Röttgen, zeigt sich gleich bei der Ankunft in der Magdeburger Staatskanzlei. „Jetzt brauche ich mein Jackett und meine Schuhe“, meint Altmaier, kurz bevor die Türen des Busses aufgehen, und während Haseloff auf den Stufen seines fein renovierten Prachtbaus von einem Fuß auf den anderen trippelt, ruft er kurz nach draußen: „Ach, der Ministerpräsident persönlich! Moment, ich bin noch nicht vorzeigbar.“ Dann schält sich der massige Mann aus dem engen Wagen, um seinen Parteifreund zu begrüßen und sich gleich ausgiebig loben zu lassen.

Haseloff kommt vor den Fernsehkameras geradezu ins Schwärmen, als er von dem kürzlich ausgehandelten Kompromiss zur Solarförderung redet. Röttgen hatten die Ministerpräsidenten – auch die von der Union – noch im Bundesrat auflaufen lassen, weil ihnen die Einschnitte bei der Photovoltaik zu weit gingen. Altmaier schaffte es dagegen binnen weniger Tage, das Thema im Vermittlungsausschuss abzuräumen. „Das war eine Erfolgsgeschichte“, rühmt Haseloff. Altmaier sei so zugänglich, so kenntnisreich, so kompromissbereit. Kaum ernannt, habe der Minister ihn schon angesimst. Und nun komme Altmaier wie versprochen persönlich ins „Solarland Sachsen-Anhalt“, wo beim insolventen Hersteller Q-Cells Hunderte um ihre Arbeitsplätze bangen. Die deutschen Solarfirmen bräuchten ein politisches Signal, dass es weitergeht, meint der Ministerpräsident. Und Altmaier tut ihm den Gefallen. Der weltweite Solarboom stehe ja noch aus, sagt er. „Sachsen-Anhalt ist gut aufgestellt.“

Der Jurist mit Prädikatsexamen beherrscht die Kunst, jedem das zu vermitteln, was der hören möchte. Er steht für eine kuriose Mischung aus Dynamik und Gemütlichkeit. Aussichtslose Kämpfe meidet er, Pfauenrituale ebenfalls. Nachdem sich Röttgen monatelang mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler beharkt hatte, heißt es nun aus dessen Haus, der neue Minister habe ja so einen angenehm pragmatischen Ansatz. Und das Verhältnis der beiden Minister sei gut. Alles so neu und so anders. Ironischerweise klingt die Einschätzung bei Umweltverbänden ganz ähnlich. „Dass er gut kommunizieren kann, stimmt einfach“, sagt auch Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe, der mit anderen Verbandsvertretern drei Stunden lang mit Altmaier über die Energiewende reden konnte. Bei den NGOs blieb danach der Eindruck, dass der neue Minister zum Atomausstieg steht und auch den Ökostrom-Ausbau nicht infrage stellt. „Das heißt aber nicht, dass er nicht taktisch agiert“, meint Rosenkranz. „Er ist gerissen.“

Dass Altmaier zwischen den Fronten glaubwürdig scheint, liegt auch an seinem politischen Werdegang. Erst mit 36 Jahren zog der saarländische Bergmannssohn, der es zum Spitzenbeamten der EU-Kommission gebracht hatte, 1994 in den Bundestag. Dort gab er sich in den bleiernen Kohl-Jahren seiner Partei dosiert rebellisch. Unter anderem setzte er sich für ein moderneres Staatsbürgerschaftsrecht ein und kritisierte die hessische Kampagne dagegen. In der Pizza-Connection aß er mit Grünen, übrigens gemeinsam mit seinem Weggefährten Norbert Röttgen. Der war ihm dann in der politischen Karriere immer einen Schritt voraus. Als Röttgen 2009 Umweltminister wurde, übernahm Altmaier seinen Posten als Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion.

Damit hatte der Mann aus der zweiten Reihe, der in der großen Koalition Innen-Staatssekretär war, plötzlich die sehr öffentliche Rolle des Ausputzers – wenn die Koalitionsmehrheit im Bundestag wankte oder sich sonst niemand fand, den angeschlagenen Bundespräsidenten Christian Wulff im Auftrag der Kanzlerin zu verteidigen. Altmaier avancierte zu Angela Merkels Politikerklärer, anfänglich noch unsicher, ob ihm die Rolle passen würde, aber schließlich mit großer Lust, vor allem, seit er Ende 2011 mit dem Twittern anfing. Seither hat er knapp 3.800 Tweets in die Welt gesetzt und mehr als 20.000 Follower angelockt. Sein Draht zur Kanzlerin gilt als so eng, dass es im Frühjahr einigen Wirbel gab, als er sich an ihrer Statt in einem Tweet von Wulff abzusetzen schien. Altmaier gab sich zerknirscht. Doch der Präsident hielt sich sowieso nicht mehr lange.

Altmaiers politische Schlagkraft hängt aber sicher auch mit dem zusammen, was nun gerne als „barock“ an ihm beschrieben wird. „Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht gerade untergewichtig bin“, sagte er neulich der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Aber zu meiner Freude hat sich das bisher nicht als Handicap erwiesen.“ Im Gegenteil, irgendwie scheinen ihm seine monumentale Statur und sein kahler Schädel Sympathien einzubringen in einer politischen Welt durchgestylter Marathonläufer. Vor allem seit dem Absturz fernsehtauglicher Pseudohelden wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Christian Wulff scheint eine Sehnsucht aufgeflammt nach einem neuen Politikertyp oder einem antiquierten – jedenfalls nach einer Antithese.

Egal, ob der Anzug sitzt

„Jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die Menschen vor allem Authentizität wollen“, sagt Altmaier selbst. „Die Menschen wollen das Gefühl haben, dass sie das, was sie sehen, auch bekommen. Ob der Anzug sitzt oder die Haare richtig geschnitten sind, ist dabei nicht so wichtig.“ Dieser Devise folgte vor ihrer Zeit als Kanzlerin auch Merkel, und deshalb passt es, dass sie die eitlen Glamourboys Guttenberg und Röttgen schließlich mit Ministern wie Thomas de Maizière oder Peter Altmaier ersetzt hat.

Der jedenfalls geht mit seiner Körperfülle offensiv um. Als er bei seinem Besuch in Sachsen-Anhalt mit Haseloff auf einer Aussichtsplattform vor dem „weltgrößten Windrad“ der Firma Enercon für die Fotografen posieren soll, kalauert der Ministerpräsident: „Mit diesem erneuerbaren Schwergewicht werden wir auf jeden Fall die Energiewende schaffen.“ Darauf Altmaier: „Ach, jetzt warten die nur darauf, dass das Geländer durchbricht.“

Häufig redet er vom Essen und auch vom Kochen, das er im politischen Tagesgeschäft als strategische Waffe einsetzt, wie der Tagesspiegel schrieb. In seiner 280 Quadratmeter großen Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg hat er der Legende nach bereits zahlreiche politische Verbündete wie Gegner mit erlesenen Speisen und Weinen weichgekocht. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger soll sich der freundlichen Umgarnung entzogen haben aus Furcht, bei gefüllten Klößen in Sachen Vorratsdatenspeicherung über den Tisch gezogen zu werden. In der Bild am Sonntag ließ sich Altmaier mit Schürze an der Bratkartoffelpfanne ablichten und gab zum Besten, bei einem ordentlichen Essen „hat man oftmals die besten Ideen, und man gerät sich auch nicht so schnell in die Haare“.

Mehr Aufsehen erregte allerdings Altmaiers verschwurbelte Antwort auf die Frage, warum man denn im Archiv nichts von einer Partnerin finde: „Der liebe Gott hat es so gefügt, dass ich unverheiratet allein durchs Leben gehe. Deshalb kann in den Archiven auch nichts über eine Beziehung stehen.“ Die Taz empörte sich darüber, weil sie aus den Worten schloss, da traue sich einer nicht, sich zu outen, was wiederum Chefredakteurin Ines Pohl zu einer Entschuldigung bewog. Darauf brach in der Berliner Medienszene ein sommerliches Wasserglasstürmchen über den Umgang mit Politiker-Privatleben im Allgemeinen und Homosexualität im Besonderen los, unter eingehender Berücksichtigung angeblicher Verklemmtheiten der politischen Linken.

Altmaier selbst sagt dazu: nichts. Die ganzen Spekulationen und Weiterungen sind völlig irrelevant, meint sein Sprecher Dominik Geißler. „Wir machen da gar nichts.“

Lieber erzählt Altmaier auf der Rückfahrt im Kleinbus, warum er sich so für Otto von Bismarck interessiert und alles von und über den Eisernen Kanzler liest. Bewundern könne er ihn nicht, denn Bismarck sei ein Reaktionär gewesen. Doch immerhin habe der Reichskanzler als erster deutscher Politiker einen Pressesprecher beschäftigt. Da findet sich Altmaier wieder – Politik erklären, Verbündete gewinnen, die politische Maschine am Laufen halten. Ansonsten trennt ihn von Bismarck, der fast drei Jahrzehnte amtierte, unter anderem die Einsicht, dass seine Macht endlich ist. Denn der Umweltminister weiß: „Ich habe jetzt erst mal ein Jahr Zeit.“

13:24 25.07.2012
Geschrieben von

Verena Schmitt-Roschmann

Verena Schmitt-Roschmann ist Ressortleiterin Politik des Freitag.
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